Freiheitliches Wissenschaftsklima (Teil 2): Für Folter und Rasseforschung?

Der erste Teil unser­er Recherche zum „Net­zw­erk Wis­senschafts­frei­heit“ war erst wenige Stun­den online und getwit­tert, da fühlten sich schon Unbekan­nte beschw­ert und ver­langten von Twit­ter die Löschung. Offen­sichtlich gibt es sehr enge Gren­zen für die Kri­tik am Net­zw­erk und dessen Proponent*innen. Im Net­zw­erk selb­st gibt es dafür Kri­tik an dessen immer deut­lich­er wer­den­den Rechtsdrift.

Wer auch immer sich durch unseren ersten Bericht zum Net­zw­erk bzw. zu Beispiel 1, Jörg Baberows­ki, auf den Schlips getreten fühlte, hat eine Schlappe erlit­ten. Twit­ter hat unseren Tweet geprüft und keinen Ver­stoß gegen die Twit­ter-Regeln fest­stellen kön­nen. Dafür – das hören wir aus dem Net­zw­erk selb­st – sind einige Mit­glieder zuse­hends irri­tiert über den deut­lichen Recht­skurs, den so manche Proponent*innen dem Net­zw­erk durch Inter­views oder andere Aktiv­itäten ver­passen oder für den sie ein­fach stehen.

Nach wie vor gel­ten Auf­nah­meregeln, die eigentlich ver­hin­dern sollen, dass sich offene Recht­sex­treme als Mit­glieder ein­schreiben. Zwei Mit­glieder müssen für Neue bür­gen, erst dann ist man dabei. Wie jedoch zu sehen ist, stellt die Bür­gen­regel keine geeignete Schutz­maß­nahme gegen rechte Unter­wan­derung dar – ganz im Gegenteil!

Beispiel 2: David Engels

Wer für Prof. Dr. David Engels gebürgt hat, damit er Mit­glied im Net­zw­erk wer­den kann, wis­sen wir natür­lich nicht. Der Pro­fes­sor wird als Alth­is­torik­er der Uni­ver­sité Libre de Brux­elles aus­gewiesen. Das stimmt so nur bed­ingt. Seit 2018 ist Engels von seinem Brüs­sel­er Lehrstuhl freigestellt, weil er eine Forschung­spro­fes­sur am Insty­tut Zachod­ni im pol­nis­chen Posen erhal­ten hat und dort zu „abendländis­ch­er Geis­tes­geschichte, europäis­ch­er Iden­tität und pol­nisch-wes­teu­ropäis­ch­er Beziehun­gen“ forscht. Im Auf­trag der pol­nis­chen Regierung. Das „Insty­tut Zachod­ni“ ist näm­lich direkt der Kan­zlei des Min­is­ter­präsi­den­ten unter­stellt, also dem Her­rn Mateusz Moraw­iec­ki von der deut­lich recht­en PiS, die sich nicht nur ger­ade Jus­tiz und Medi­en nach ihren Bedürfnis­sen her­richtet, son­dern das schon 2017 mit dem Insty­tut Zachod­ni so gemacht hat. Was die Frage aus­fwirft: David Engels, der für den Min­is­ter­präsi­den­ten und die PiS im immer autoritär­er regierten Polen forscht, kri­tisiert die fehlende Wis­senschafts­frei­heit in Deutschland?

David Engels am YT-Account des Instytut Zachodni

David Engels am YT-Account des Insty­tut Zachodni

2017 plaud­erte der Alth­is­torik­er in einem Inter­view mit der Huff­in­g­ton Post von bürg­erkriegsähn­lichen Zustän­den in Europa 2018 unter­schrieb er dann die „Gemein­same Erk­lärung“ , in der mit vie­len anderen (auch aus dem späteren Net­zw­erk) er die „Wieder­her­stel­lung“ (!) der staatlichen Ord­nung an unseren Gren­zen ein­forderte und die Beschädi­gung Deutsch­lands durch die „ille­gale Massenein­wan­derung“ beklagte. 2019 nahm er den Brand von Notre Dame zum Anlass, um das „Ende der let­zten Illu­sion christlich­er Herrschaft über Europa“ zu bejam­mern und festzustellen: „Denn selb­stver­ständlich war es Brand­s­tiftung – wobei es let­ztlich ein­er­lei ist, ob hin­ter der Tat jen­er zunehmend weitver­bre­it­ete anti-christliche Affekt ste­ht, welch­er in Frankre­ich seit Monat­en Tag für Tag zu Anschlä­gen auf Gotteshäuser führt, oder vielmehr ’nur’ eine sträfliche Nach­läs­sigkeit.“ (Die Tage­s­post, 16.4.19)

Der Blog „Doku­men­tieren gegen Rechts“ hat jede Menge Mate­r­i­al zu den extrem recht­en Verbindun­gen von Engels, seinen Vorträ­gen und seinen Veröf­fentlichun­gen zusam­menge­tra­gen, aus dem her­vorge­ht, dass der Alth­is­torik­er mit seinen reak­tionären The­sen über den Ver­fall des „Abend­lan­des“ und den bevorste­hen­den Bürg­erkrieg nicht nur die extreme Rechte begeis­tert, son­dern auch die poli­tis­che Mitte zum Erschauern bringt.

Beispiel 3: Uwe Steinhoff

Pro­fes­sor Stein­hoff wird als Philosoph, der an der Uni­ver­sität Hongkong lehrt, aus­gewiesen. Ähn­lich wie bei Engels ließe sich da wohl fes­thal­ten, dass Hongkong in ein­er Zeit, in der die Volk­sre­pub­lik Chi­na der Son­derver­wal­tungszone ger­ade die Dau­men­schrauben anzieht, deut­lich mehr mit staatlich­er Kon­trolle über den Wis­senschafts­be­trieb und autoritär­er Diszi­plin­ierung der Uni­ver­sitäten (und der Studieren­den) zu kämpfen hat als irgen­dein Land im EU-Europa. Das gilt natür­lich nicht für Wis­senschafter wie Stein­hoff und sein Spezial­ge­bi­et, mit dem er so richtig bekan­nt wurde: Folter. In sein­er Pub­lika­tion­sliste zieht sich das The­ma über die Jahre hin­weg durch: „On the Ethics of Tor­ture“ (2013), „Legal­iz­ing Defen­sive Tor­ture“ (2012), „Tor­ture Can Be Self-Defense: A Cri­tique of Whit­ley Kaufman”(2008), „Jus­ti­fy­ing Defen­sive Tor­ture” (2009) usw.. Man ahnt es schon anhand der Titel: Stein­hoff ist kein Foltergegner!

„Can tor­ture be moral­ly jus­ti­fied? I shall crit­i­cise argu­ments that have been adduced against tor­ture and demon­strate that tor­ture can be jus­ti­fied more eas­i­ly than most philoso­phers deal­ing with the ques­tion are pre­pared to admit“ („Kann Folter moralisch gerecht­fer­tigt sein? Ich werde die Argu­mente kri­tisieren, die gegen Folter ange­führt wer­den und auch beweisen, dass Folter viel ein­fach­er gerecht­fer­tigt wer­den kann als das die meis­ten Philosophen, die sich mit diesem The­ma befassen, zugeben“).

Steinhoff: "... torture too must sometimes be justified"

Stein­hoff: „… tor­ture too must some­times be justified”

2006 hat Stein­hoff diese Zeilen in „Tor­ture – The Case for Dirty Har­ry and against Alan Der­showitz“ ein­lei­t­end geschrieben. 2013 und 2014 hat ihm die Uni­ver­sität Hongkong für seine Arbeit Preise zuge­sprochen – dort weiß man das Werk von Stein­hoff offen­sichtlich zu schätzen.

Menschenrechtserklärung zu Folter

Men­schen­recht­serk­lärung zu Folter

Beispiel 4: Hein­er Rindermann

Hein­er Rin­der­mann ist ein Psy­chologe, der an der TU Chem­nitz lehrt. Auf seine Ergeb­nisse in Sachen Intel­li­gen­z­forschung hat sich der Recht­saußen Thi­lo Sar­razin für sein Buch „Deutsch­land schafft sich ab“ eben­so berufen wie sein öster­re­ichis­ch­er Adept Thorsten Seifter in sein­er Arbeit „Die inner­artliche Vari­a­tion des men­schlichen Vokaltrak­ts und der Stimme“, die eigentlich „Rasse und Stimme“ heißen und den Rasse­be­griff wieder akademisch salon­fähig machen sollte. Seifter, der in sein­er Arbeit mehrmals pos­i­tiv auf Rin­der­manns Bezug nimmt, ist vielle­icht etwas direk­ter als der Chem­nitzer Psy­chologe, der auf die Frage, wie er zu der These komme, dass Intel­li­genz nach Eth­nien genetisch unter­schiedlich verteilt sei, herumschwurbelt:

Ob sie genetisch unter­schiedlich verteilt ist, wis­sen wir nicht so genau, also, was wir genau wis­sen, dass die Intel­li­genz sich über ver­schiedene Län­der hin­weg stark unter­schei­det in ihrem Mit­tel­w­ert, und wir wis­sen auch sehr genau, dass auf indi­vidu­eller Ebene hier­bei neben Umwelt­fak­toren auch genetis­che Fak­toren rel­e­vant sind. (Deutsch­land­funk Kul­tur, 4.12.07)

Im gle­ichen Inter­view sagt Rin­der­mann aber auch diesen klaren Satz: „Es gibt auf jeden Fall genetis­che Unter­schiede zwis­chen den Rassen, wenn man diesen Begriff wählt, also zwis­chen Weißen, zwis­chen Schwarzen und zwis­chen Asi­at­en als die drei Groß­grup­pen.

2015 nimmt Rin­der­mann in einem Beitrag mit dem beze­ich­nen­den Titel „Wir vertei­di­gen Europas Werte“ im Focus Mag­a­zin Nr. 43 (2015) zur Ein­wan­derung Stel­lung: „Der Bil­dungs­stan­dard der meis­ten Ein­wan­der­er aus Vorderasien und Afri­ka ist niedrig, ihre Fähigkeit­en sind lim­i­tiert. Die Fol­gen wer­den bit­ter sein.“ Auch der Rest des Beitrags ist pure Polemik gegen Zuwan­derung, die mit hoher Krim­i­nal­ität und gerin­ger­er Intel­li­genz ver­bun­den sei. Die Poli­tik von Angela Merkel zeuge, „wenn die Fol­gen bedacht wer­den, von wenig Ver­ant­wor­tung für die Gesellschaft“.

Dass Rin­der­mann mit Aus­sagen über den Zusam­men­hang zwis­chen Genen und wirtschaftlichem Erfolg und die Unter­schiede zwis­chen den ange­blichen Großrassen in der wis­senschaftlichen Com­mu­ni­ty auf Ablehnung stößt, schreibt er dem Umstand zu, dass für ihn 90 Prozent der Sozialwissenschafter*innen dem linken Spek­trum zuzuord­nen seien und Wis­senschaft unter „Dein­tellek­tu­al­isierung“ lei­de. Auch Rin­der­mann sieht sich, so wie David Engels, von bürg­erkriegsähn­lichen Zustän­den und von „Toten auf den Straßen, Wei­h­nachtsmärk­ten, Gleisen, Dachbö­den und in Flüssen, in Chem­nitz nur 600 Meter vom Uni­ver­sität­shaupt­ge­bäude ent­fer­nt“, umgeben wie er dem stramm­recht­en Mag­a­zin „Tichys Ein­blick“ (17.11.2019) verriet.

Nicht nur gegen solche dystopis­chen Zustände und Per­spek­tiv­en soll ihm das Net­zw­erk Wis­senschafts­frei­heit helfen, son­dern auch bei der Rasse­forschung. Die von der Deutschen Zool­o­gis­chen Gesellschaft und dem Jenaer Max-Planck-Insti­tut für Men­schheits­geschichte ver­ab­schiedete Jenaer Erk­lärung, wonach das Konzept der Rasse das Ergeb­nis von Ras­sis­mus und nicht dessen Voraus­set­zung ist, wird vom Net­zw­erk als Bedro­hung der Wis­senschafts­frei­heit gese­hen und bekämpft.

Netzwerk: Rassismus ist Wissenschaftsfreiheit

Net­zw­erk: Ras­sis­mus ist Wissenschaftsfreiheit

Was ist aus den hier besproch­enen Net­zw­erk­ern zu schließen? Ihre Frei­heit meint auch die Frei­heit, für autoritäre Sys­teme und Parteien arbeit­en und gegen Demokra­tien, für Folter und Rassekonzepte Stel­lung beziehen zu dür­fen. Es ist anzunehmen, dass diese Posi­tio­nen nicht von allen Mit­gliedern geteilt wer­den. Warum aber sind sie trotz­dem bei diesem Net­zw­erk und ver­hal­ten sich ruhig? Fast 40 Wissenschafter*innen aus öster­re­ichis­chen Uni­ver­sitäten haben eben­falls das deut­lich rechts­gestrick­te Man­i­fest des Net­zw­erks „gegen ide­ol­o­gisch motivierte Ein­schränkun­gen“ unter­schrieben. Mit ihnen wer­den wir uns dem­nächst auseinandersetzen.

➡️ Frei­heitlich­es Wis­senschaft­skli­ma? (Teil 1)