Freiheitliches Wissenschaftsklima? (Teil 1)

Der Bund Frei­heit der Wis­senschaft war eine vor allem in den 1970er-Jahren mächtige Vere­ini­gung von sehr kon­ser­v­a­tiv­en bis sehr recht­en Wissenschafter*innen, die sich gegen die 68er, stu­den­tis­che Mitbes­tim­mung und kri­tis­che Wis­senschaft wandten. Muss man nicht ken­nen. Wenn sich aber im Jahr 2021 ein Net­zw­erk Wis­senschafts­frei­heit grün­det, darf man annehmen, dass es sich in dieser Tra­di­tion ver­ste­ht. Welche Frei­heit meinen die da vom Netzwerk?

Im Man­i­fest des Net­zw­erks, das im Feb­ru­ar 2021 veröf­fentlicht wurde, heißt es dazu:

Das Net­zw­erk Wis­senschafts­frei­heit ist ein Zusam­men­schluss von Wis­senschaft­lerin­nen und Wis­senschaftlern mit dem gemein­samen Anliegen, die Frei­heit von Forschung und Lehre gegen ide­ol­o­gisch motivierte Ein­schränkun­gen zu vertei­di­gen und zur Stärkung eines frei­heitlichen Wis­senschaft­skli­mas beizutragen.
Wir beobacht­en, dass die ver­fas­sungsrechtlich ver­bürgte Frei­heit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralis­chen und poli­tis­chen Vor­be­halt gestellt wer­den soll
.

Rund 70 Wissenschafter*innen aus dem deutschen Sprachraum haben dieses Man­i­fest zunächst unter­schrieben, mit­tler­weile sind es über 400 – und einige von ihnen sind auch aus Öster­re­ich. Nicht alle von ihnen sind expliz­it Rechte oder stramme Kon­ser­v­a­tive, aber ger­ade die anderen müssen sich fra­gen lassen, ob sie unter der „Stärkung eines frei­heitlichen Wis­senschaft­skli­mas“ und der „Frei­heit von Forschung und Lehre“ ohne „ide­ol­o­gisch motivierte Ein­schränkun­gen“ das Gle­iche ver­ste­hen wie die Recht­en und welche Ziele sie mit ihnen teilen. Ähn­lich wie bei den Coro­na-Protesten segeln hier unter der Duft­marke „Frei­heit“ näm­lich Rechte und Recht­sex­treme, die ganz andere Frei­heit­en meinen.

Beispiel 1: Jörg Baberowski

Baberows­ki (60) ist ein deutsch­er His­torik­er und Gewalt­forsch­er, der sich auf den Stal­in­is­mus und Osteu­ropa spezial­isiert hat. Er hat aus sein­er Forschung, die dur­chaus umstrit­ten ist, auch viel Anerken­nung bezo­gen. Seit 2014 liefert sich der Pro­fes­sor der Hum­boldt-Uni­ver­sität Berlin einen mehr als hefti­gen Stre­it mit ein­er trotzk­istis­chen Gruppe, der im Jän­ner 2020 seinen vor­läu­fi­gen Höhep­unkt darin fand, dass Baberows­ki eigen­händig Wahlplakate der Gruppe vom schwarzen Brett riss und dem Stu­den­ten, der ihn dabei filmte, andro­hte: „Soll ich Dir was in die Fresse hauen?

Jörg Baberowski beim Abreissen von Plakaten (Quelle: YouTube)

Jörg Baberows­ki beim Abreis­sen von ihm nicht gefäl­li­gen Wahlplakat­en (Quelle: YouTube)

Beim Net­zw­erk Wis­senschafts­frei­heit wird Baberows­ki so beschrieben:

Nach­dem Jörg Baberows­ki, Pro­fes­sor für Geschichte Osteu­ropas an der HU Berlin, schon seit mehreren Jahren Ver­leum­dun­gen und Störak­tio­nen durch eine trotzk­istis­che Split­ter­gruppe aus­ge­set­zt ist, entwick­elt sich nach einem kri­tis­chen Beitrag zur Migra­tionspoli­tik eine Kam­pagne gegen den His­torik­er. Er wird als Recht­sex­trem­ist, Ras­sist und Holo­caust-Leugn­er dif­famiert und im Vor­feld von Vor­tragsver­anstal­tun­gen bedro­ht. Auch die Grün­dung eines von ihm konzip­ierten inter­diszi­plinären Zen­trums für ver­gle­ichende Dik­tatur­forschung scheit­ert vor diesem Hin­ter­grund.

Da wird eine Opfer­legende gestrickt, die schon im Ansatz nicht stim­mig ist. Dem Jahr 2014 entspringt nicht nur Baberowskis Infight mit der trotzk­istis­chen Gruppe, son­dern auch ein Zitat im „Spiegel“ (9.2.14), das tat­säch­lich ein heftiger Schlag, aber sich­er kein Tre­f­fer ist: „Hitler war kein Psy­chopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Juden­ver­nich­tung gere­det wird.“ Baberows­ki hat diese Aus­sage nicht unüber­legt getrof­fen, hat sie auch später mehrfach gerecht­fer­tigt. Falsch ist sie trotz­dem und zudem unendlich zynisch, ja wider­lich gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus.

Schon Jahre zuvor und später immer wieder hat er den Revi­sion­is­ten Ernst Nolte vertei­digt, der behauptet und damit den His­torik­er­stre­it aus­gelöst hat­te, dass die NS-Ver­nich­tungspoli­tik und der Holo­caust aus Furcht vor der rus­sis­chen Okto­ber­rev­o­lu­tion ent­standen sei und damit den His­torik­er­stre­it aus­gelöst hat­te. Für den Judais­tik-Wis­senschafter Micha Brum­lik war Nolte damit der „erste deutsche, einiger­maßen renom­mierte Gelehrte, der sowohl den Anti­semitismus als auch den Holo­caust nicht nur ‚ver­ste­ht‘, son­dern offen recht­fer­tigt“ (Frank­furter Rund­schau, 7.5.94, zit.nach Wikipedia).

Baberows­ki ist nicht jedoch nur durch seine erschreck­enden Aus­sagen zum Nation­al­sozial­is­mus und seinen Stre­it mit den Trotzk­isten auf­fäl­lig gewor­den. Ab 2015 erregte er sich auch über Geflüchtete, Merkels Poli­tik und die ange­blichen Ver­suche, ihn und seines­gle­ichen nach „Dunkeldeutsch­land“ abzu­drän­gen. Nach den ersten Bran­dan­schlä­gen auf Asy­lun­terkün­fte gibt Baberows­ki in einem Inter­view mit dem Sender 3sat ein Inter­view den Gewaltver­ste­her: „Über­all da, wo viele Men­schen aus frem­den Kon­tex­ten hinkom­men und die Bevölkerung nicht einge­bun­den wird in die Regelung all dieser Prob­leme, da kommt es natür­lich zu Aggres­sion.” (zit. nach taz)

Der Satz macht die Runde, wird in einem Flug­blatt zitiert, der Pro­fes­sor klagt, erk­lärt, er sei sin­nentstel­lend zitiert wor­den. Die Flug­blattver­fass­er ließen näm­lich weg, was Baberows­ki noch gesagt hat­te: „Gott sei Dank ist in Deutsch­land noch nie­mand umgekom­men.” Die Bran­dan­schläge seien schlimm genug, aber angesichts der Prob­leme Deutsch­lands mit der Ein­wan­derung „ist es ja noch eher harm­los, was wir haben”. Die Erup­tion von Gewalt und Bran­dan­schlä­gen auf Unterkün­fte von Geflüchteten 2015 und 2016 harm­los? Die Mord­tat­en des NSU und ander­er auf Zuge­wan­derte –„nie­mand umgekom­men“? Das Gericht hält Baberows­ki zugute, dass er Gewalt abgelehnt habe, befind­et aber, dass es durch die Mei­n­ungs­frei­heit gedeckt sei, ihn recht­sradikal zu nennen.

Män­ner in Deutsch­land haben Gewalt ver­lernt. Sie rufen die Polizei, anstatt sich mit Gewalt zu wehren”, zitiert ihn die „Welt“ (23.5.2016) anlässlich sein­er „Reflex­io­nen“ über die Köl­ner Sil­vester­nacht 2015. Und weit­er: „Zivil­isatorisch sei dieses Delegieren von Gewalt an den Staat ein unbe­d­ingter Fortschritt, um den man lange gerun­gen habe. Nur in ein­er Sit­u­a­tion wie der Sil­vester­nacht mache solch­es Ver­hal­ten natür­lich sehr hil­f­los.

Was wollte uns Baberows­ki damit sagen? Dass man es so wie er bei der fra­gen­den Dro­hung („Soll ich Dir was in die Fresse hauen?“) belassen soll? Das ist gewiss etwas polemisch, ist aber nichts gegen die Polemik, der­er sich Baberows­ki bedi­ent, wenn er sich kri­tisiert sieht. Sehr detail­liert beschreibt das der His­torik­er Jan Plam­per in einem Beitrag für die Zeitschrift „Merkur“. Weil in ein­er „Spiegel“-Rezension von Plam­pers Buch „Das neue Wir: Warum Migra­tion dazuge­hört: Eine andere Geschichte der Deutschen“ auch Baberows­ki erwäh­nt wird (er wird tat­säch­lich nur erwäh­nt!), sieht er sich von der Rezensentin als Recht­sradikaler und Frem­den­feind „denun­ziert“. Ver­gle­ich­bares sei ihm auch durch Plam­per wider­fahren, weil der ihn in ein­er lesenswerten Rep­lik in der „Huff­in­g­ton Post“ als Kon­ser­v­a­tiv­en beze­ich­nete, der sich an eine verk­lärte Gegen­wart klammere.

Spiegel-Rezension über Plampers Buch "Das neue Wir": "Nur schade, dass meist gerade die lautesten Stimmen der Medienlandschaft nicht mitkommen. Dabei ist nicht nur Thilo Sarrazin - dessen Thesen Plamper elegant und nachhaltig widerlegt - gemeint, sondern Autoren wie Jörg Baberowski, Rüdiger Safranski und andere."

Spiegel-Rezen­sion über Plam­pers Buch „Das neue Wir”: „Nur schade, dass meist ger­ade die lautesten Stim­men der Medi­en­land­schaft nicht mitkom­men. Dabei ist nicht nur Thi­lo Sar­razin — dessen The­sen Plam­per ele­gant und nach­haltig wider­legt — gemeint, son­dern Autoren wie Jörg Baberows­ki, Rüdi­ger Safran­s­ki und andere.”

Diese Rep­lik von Plam­per nahm Baberows­ki nicht nur zum Anlass, um Plam­per die Zusam­me­nar­beit bei ein­er wis­senschaftlichen Buchrei­he aufzukündi­gen, son­dern auch, um ihn beim Ver­lag anzuschwärzen:  „was Baberows­ki mir und Neiman vor­warf – „Schmähung“, „hämisch“, „Denun­ziantin“ –, stimmte nicht. Wir waren – völ­lig unab­hängig voneinan­der – nicht sein­er Mei­n­ung, aber „denun­zieren“ und „mit Schmutz bew­er­fen“?“ (Merkur) Der Ver­lag, der Plam­per nach den Vor­wür­fen von Baberows­ki zunächst den Rück­tritt von sein­er Funk­tion als Mither­aus­ge­ber der Buchrei­he nahegelegt hat­te, entschuldigt sich schließlich bei Plam­per. Wer denun­zierte hier wen?

Jan Plamper im "Merkur": "Wie ich einmal gecancelt werden sollte"

Jan Plam­per im „Merkur”: „Wie ich ein­mal gecan­celt wer­den sollte”

Bleibt noch der Vor­wurf des Net­zw­erkes , dass die Grün­dung eines von Baberows­ki konzip­ierten inter­diszi­plinären Insti­tuts für ver­gle­ichende Dik­tatur­forschung „vor diesem Hin­ter­grund“ (gemeint sind die ange­blich dif­famieren­den Vor­würfe gegen ihn) gescheit­ert sei: Baberows­ki, das Opfer, wieder ein­mal? Auch das stimmt so nicht! Richtig ist, dass die stu­den­tis­chen Vertreter*innen im Akademis­chen Sen­at der Hum­boldt-Uni­ver­sität gegen dieses Insti­tut­skonzept waren. Die Rep­lik des Pro­fes­sors: Die stu­den­tis­chen VertreterIn­nen seien „link­sex­trem­istis­che Fanatik­er“ und „unfass­bar dumm“.

Richtig ist aber auch, dass von den vier wis­senschaftlichen Gutacht­en zur Konzep­tion des Insti­tuts zwei ver­nich­t­end waren und eines der zwei pos­i­tiv­en vom Mit­glied der (späteren) Steuerungs­gruppe des Net­zw­erks Wis­senschafts­frei­heit, Andreas Röd­der, stammte. (vgl. taz) Den Antrag auf die Errich­tung des Insti­tuts hat Baberows­ki anscheinend selb­st zurück­ge­zo­gen, polemisierte dann aber auch gegen die Uni­ver­sität, die unter dem Druck der Studieren­den eingeknickt sei. Die Uni­ver­sität, so Baberows­ki, müsse ein Ort des „wilden und unge­bun­de­nen, unbeschränk­ten Denkens“ sein.

Jet­zt wis­sen wir zwar einiger­maßen, was sich Baberows­ki unter wil­dem Denken vorstellt, aber war’s das schon? Baberows­ki ist zwar für das Net­zw­erk Wis­senschafts­frei­heit ein „role mod­el“, aber da gibt es noch wesentlich extremere Beispiele, die sich den­noch als Opfer sehen. Darf das „wilde, unge­bun­dene Denken“ im frei­heitlichen Wis­senschaft­skli­ma an den Uni­ver­sitäten nicht nur revi­sion­is­tisch, son­dern auch ras­sis­tisch oder sex­is­tisch sein?

➡️ Frei­heitlich­es Wis­senschaft­skli­ma (Teil 2): Für Folter und Rasseforschung?