Der „Nordadler“ kreiste auch im Süden

Der deutsche Innen­min­is­ter Horst See­hofer hat vor weni­gen Tagen die Neon­azi-Grup­pierung „Nor­dadler“ ver­boten. Die bis dahin kaum bekan­nte und eher rand­ständi­ge Gruppe war spätestens seit April 2018 durch ein „Panorama“-Interview mit ihrem Grün­der Wladislav S. und durch Haus­durch­suchun­gen aufge­fall­en, aber dann bis zu ihrem Ver­bot wieder in der Versenkung ver­schwun­den. „Nor­dadler“ hat(te) auch Kon­tak­te nach Österreich.

Wann die Gruppe „Nor­dadler“ gegrün­det wurde, ist unklar. Die meis­ten Berichte geben das Jahr 2017 an, es kön­nte aber auch schon früher gewe­sen sein. Sich­er ist, dass Wladislav S. der Grün­der dieser Gruppe ist. Aus sein­er Nazi-Gesin­nung machte Wladislav S. schon 2018 in einem „Panorama“-Interview kein Geheim­nis, beze­ich­nete sich selb­st als Nation­al­sozial­ist, wies aber den Vor­wurf ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung als „lächer­lich“ zurück.

Wladislav S. im Panorama-Interview(Screenshot NDR)

Wladislav S. im Panora­ma-Inter­view (Screen­shot NDR)

Den Behör­den war allerd­ings schon bekan­nt, dass sich die Grün­dungsmit­glieder über Anschlagziele aus­ge­tauscht und auch bere­its Lis­ten mit Namen von AntifaschistIn­nen erstellt hat­ten, die nach einem Zusam­men­bruch der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land „zur Rechen­schaft“ gezo­gen wer­den soll­ten. Im Dezem­ber 2017 „war er vom Landgericht Braun­schweig als Helfer eines IS-Sym­pa­thisan­ten zu ein­er Geld­strafe und gemein­nütziger Arbeit verurteilt wor­den. Dem NDR sagte S., er habe den IS-Mann in ‚nation­al­sozial­is­tis­chen Kreisen‘ ken­nen­gel­ernt“. (zeit.de 18.4.18) Da kam wohl zusam­men, was zusam­men gehört.

"Nordadler.IG" auf vk.com

„Nordadler.IG” auf vk.com

Die Gruppe, die damals noch ziem­lich offen auf Face­book und vk.com, aber auch über eine eigene Web­site ihre braune Pro­pa­gan­da zu ver­bre­it­en ver­suchte, wollte Immo­bilien in Thürin­gen erwer­ben, um dort in ein­er NS-Sied­lungs­ge­mein­schaft nach Vor­bild der Arta­ma­nen eine „völkische Gemein­schaft“ zu simulieren und Wehrsportübun­gen und Schu­lun­gen zu absolvieren. Auf ihrer Web­site veröf­fentlicht­en „Nor­dadler“ dazu Schu­lungs­ma­te­ri­alien, die eins zu eins aus SS-Vor­la­gen abgeschrieben waren.

"Nordadler Nachrichten" mit Link auf Website "ss-hauptamt" (Screenshot vk.com)

„Nor­dadler Nachricht­en” mit Link auf Web­site „ss-haup­tamt” (Screen­shot vk.com)

Zulet­zt war „Nor­dadler“ eher in klan­des­ti­nen Foren wie „Völkische Rev­o­lu­tion“, „Völkische Jugend“, „Völkische Gemein­schaft“ und „Völkische Renais­sance“ auf Telegram, Dis­cord und Steam unter­wegs (sollte jemand davon Samm­lun­gen angelegt haben – wir wür­den uns darüber freuen). Die Redak­tion von ZDF heute hat nach eige­nen Angaben „monate­lang diverse Telegram-Grup­pen und auch die Web­seite der ‚Völkischen Renais­sance‘ beobachtet“ und die Doku­mente analysiert. Die Gruppe war dem­nach über­wiegend im Inter­net aktiv, sah sich als braune Elite mit ein­er klar anti­semi­tis­chen NS-Ideologie.

"Nordadler" ist auch "Völkische Renaissance" (Bild 2: ZDF)

„Nor­dadler” ist auch „Völkische Renais­sance” (Bild 2: ZDF)

Im Beitrag des ZDF ist aber noch etwas anderes über die Gruppe zu lesen, die vor­wiegend in eher nördlichen Bun­deslän­dern Deutsch­lands (Nieder­sach­sen, Schleswig-Hol­stein, Bre­men, Sach­sen, Bran­den­burg, NRW) zuhause war: „Auch aus Öster­re­ich und der Schweiz waren Per­so­n­en aktiv.“

Das war uns schon 2018 klar, als wir die Gruppe und ihre führen­den Mit­glieder am Radar hat­ten. Wladislav S., der 2018 frank und frei über seine NS-Ein­stel­lung gesprochen hat­te, ist auf vk.com noch immer mit einem ziem­lich leerg­eräumten Kon­to vertreten. Sieben Kon­tak­te oder Fre­und­schaften, von denen drei mit­tler­weile durch vk.com geblockt wer­den: der schwere Nazi John de Nugent, „Der Stürmer“ und ein Kon­toin­hab­er, der sich prophetisch „Delet­ed“ nan­nte, bis er wirk­lich gelöscht wurde. Unter den verbliebe­nen vier sticht ein Öster­re­ich­er her­vor: der unter dem Indus­tri­al-Band­pro­jekt „Nachtmahr“ bekan­nte Thomas Rain­er. Im Feb­ru­ar 2020 waren Fans von ihm von ein­er Antifa-Gruppe in Basel attack­iert wor­den, weil die Band recht­sex­trem sei. Thomas Rain­er demen­tierte heftig – was macht er dann auf dem vk-Kon­to von Wladislav S.?

Thomas Rainer bei Wladislav S. (Screenshot vk.com)

Thomas Rain­er bei Wladislav S. (Screen­shot vk.com)

Wir haben bei „Nachtmahr“ nachge­fragt und fol­gende Antwort erhal­ten: „Danke für den Hin­weis, aber ist denke ich nachvol­lziehbar dass nie­mand den Überblick über sämtliche Ver­rück­ten dieser Erde haben kann. Uns sind keine der bei­den Per­so­n­en bekan­nt. Wir wer­den dem auf jeden Fall nachge­hen.

So unklar in diesem Fall die Lage noch scheint, so klar ist sie bei anderen Per­so­n­en. Patrick Sch. aus dem Kreis Pin­neberg war neben Wladislav S. die wichtig­ste Per­son bei „Nor­dadler“. Seine Nazi-Ein­stel­lung legte er in ein­er FB-Gruppe mit fol­gen­dem Zitat des SS-Grup­pen­führers Rein­hard Hey­drich offen: „Die Lösung aller Prob­leme ist nur möglich, wenn man als kom­pro­mißlos­er Nation­al­sozial­ist an sie herangeht.“

Patrick Sch. war 2018 auf FB nicht nur mit einem mit­tler­weile in der Versenkung ver­schwun­de­nen ehe­ma­li­gen und aus­geschlosse­nen FPÖ-Abge­ord­neten befre­un­det, der sich gerne völ­lig dis­tan­z­los an Recht­sex­treme aller Vari­anten ran­schmeißt, son­dern auch mit Größen der Neon­azi-Szene wie John de Nugent, Meinolf Schön­born, Jens Bruch­er­seifer, Ricar­da Riefling und Jens Pühse, aber auch mit deut­lich recht­saffinen Per­so­n­en wie Mario H. aus Wien, gle­ich zwei Mar­tins aus dem Salzburg­er Pon­gau und Alexan­der B. – nicht zu vergessen Mar­ti­na H. aus Wien.

Ob bei diesen Per­so­n­en neben der Affinität zu Patrick Sch. auch eine zur Gruppe „Nor­dadler“ vorhan­den war, entzieht sich unser­er Ken­nt­nis. Bei Ste­fan S., der auf vk mit der Ken­nung „Deutsches Reich“ unter­wegs war und auch den „Nor­dadler Nachricht­en“ auf vk.com fol­gte, sind wir uns jeden­falls sich­er, einen fes­ten Nazi erwis­cht zu haben. Zu ihm fol­gt dann näch­ste Woche noch ein aus­führlich­er Bericht.