HGM: Neu denken, zusperren oder weiter modern lassen?

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Die Tagung „#HGM­neu­den­ken“, die von Ele­na Mess­ner und Nils Olger für den 24. Jän­ner 2020 orga­ni­siert wur­de und aus­ge­rech­net in einer ehe­ma­li­gen Offi­ziers­woh­nung im Arse­nal – gegen­über dem Hee­res­ge­schicht­li­chen Muse­um – statt­fand, war ein Erfolg: bes­tens besucht, mit span­nen­den Refe­ra­ten, Dis­kus­sio­nen und künst­le­ri­schen Bei­trä­gen. Das HGM neu könn­te eigent­lich star­ten – war­um tut es das (noch) nicht?

Das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um (HGM) im Wie­ner Arse­nal dient Mili­ta­ris­ten, Mon­ar­chis­ten und Rechts­extre­men ver­schie­de­ner Schat­tie­rung als Pro­jek­ti­ons­flä­che – das haben wir in unse­rer Serie aus­führ­lich beschrie­ben und damit etli­che Reak­tio­nen aus­ge­löst. Der dama­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Star­lin­ger setz­te Kom­mis­sio­nen ein, die sich mit dem HGM aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven beschäf­tig­ten bzw. beschäf­ti­gen sollten.

Ergeb­nis­se lie­gen noch nicht vor – jeden­falls nicht öffent­lich. Das betrifft auch einen ande­ren Bericht, der nicht von einer Kom­mis­si­on des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, son­dern vom Rech­nungs­hof erstellt wur­de. Auch auf der Tagung war am Ran­de immer wie­der vom Rech­nungs­hof­be­richt über das Hee­res­ge­schicht­li­che die Rede, der so ver­nich­tend aus­ge­fal­len sein soll wie kaum ein ande­rer zuvor. Wie immer kön­nen nach dem Roh­be­richt die betrof­fe­nen Insti­tu­tio­nen (in die­sem Fall wohl das HGM und das Minis­te­ri­um selbst) noch Stel­lung neh­men und ver­su­chen, die Kri­tik abzu­schwä­chen. Fast alle Befrag­ten gehen jeden­falls davon aus, dass es bis zur Prä­sen­ta­ti­on des Berichts nicht zu einer Neu­be­stel­lung des HGM-Direk­tors kom­men wird. Der Ver­trag des alten Direk­tors ist mit Ende Jän­ner abge­lau­fen und inte­ri­mis­tisch ver­län­gert worden.

Die Wider­stän­de gegen eine Neu- und Umge­stal­tung des HGM sind jeden­falls spür­bar und zäh. Die aktu­el­le Füh­rung des HGM ist auf Tauch­sta­ti­on. Bei der Tagung war zwar der stell­ver­tre­ten­de Direk­tor anwe­send, nahm aber nicht zu der mas­si­ven Kri­tik Stel­lung. Das unter­schied ihn deut­lich vom frü­he­ren Direk­tor des HGM, Man­fried Rau­chen­stei­ner, der sich zwar nicht zu den Ent­wick­lun­gen nach sei­ner Amts­zeit (1992–2004) äußern woll­te, aber davon sprach, dass er damals bei sei­nen Ver­su­chen, eine Neu­aus­rich­tung des HGM ein­zu­lei­ten, weder finan­zi­ell noch poli­tisch eine Unter­stüt­zung erhal­ten habe.

Der Kunst­his­to­ri­ker und Muse­ums­exper­te Gott­fried Fliedl, der sich auf dem Blog „Museo­lo­gien“ seit Jah­ren immer wie­der auch mit dem HGM beschäf­tigt und die Tagung publi­zis­tisch beglei­tet hat (etwa hier oder hier oder hier) nimmt in sein Resü­mee zur Ver­an­stal­tung bzw. zum Bericht des „Stan­dard“ dar­über die „aggres­si­ve Hal­tung“ der zahl­rei­chen Pos­tings auf, die auch für ihn den Ein­druck vom HGM als „einem Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort rech­ter Ideo­lo­gie“ bestätigt:

Die Hef­tig­keit und Mas­si­vi­tät der Reak­tio­nen ist erschre­ckend und läßt es dring­li­cher denn je erschei­nen, daß sich das Muse­um ändern muß. Dabei soll­te auch des­sen Auf­lö­sung als Mili­tär­mu­se­um kein Tabu sein. Es ist frag­lich, wozu ein neu­tra­les Land mit einem beschei­de­nen Heer, das kei­ner­lei mili­tä­ri­sche Ambi­tio­nen hegt, ein so gro­ßes ein­schlä­gi­ges Muse­um benö­tigt.“ (Das Wie­ner Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um. Eine Tagung, ein Medi­en­be­richt, ein Shit­s­torm)

Fenster in die Vergangenheit: Blick vom Veranstaltungsort auf das HGM

Fens­ter in die Ver­gan­gen­heit: Blick vom Ver­an­stal­tungs­ort auf das HGM

Das Resü­mee der bei­den Podi­ums­dis­kus­sio­nen, mit denen die Tagung abge­schlos­sen wur­de, ist sehr ähn­lich aus­ge­fal­len. Der Abend der Ver­an­stal­tung war zwei Podi­en gewid­met: Im ers­ten drück­ten der Poli­tik­wis­sen­schaf­ter Wal­ter Mano­schek und die ehe­ma­li­ge Chef­ku­ra­to­rin des Jüdi­schen Muse­ums Wien, Feli­ci­tas Heimann-Jeli­nek, ihr Ent­set­zen über den inhalt­li­chen Zustand des HGM aus. Kri­ti­siert wur­den nicht nur die kon­text­lo­se Auf­stel­lung der Objek­te, son­dern auch die Leer­stel­len. „Es sei ‚eine Par­al­lel­welt’, ‚ein Skan­dal’ – von der For­schung, die in den letz­ten 30 Jah­ren pas­siert ist, fin­de sich ‚null’. ‚In Deutsch­land wür­de so etwas nach ein paar Mona­ten zuge­sperrt’, so Mano­schek.“ (derstandard.at, 27.1.20)

Podium mit Heimann-Jelinek, Spitaler, Manoschek

Podi­um mit Heimann-Jeli­nek, Spi­ta­ler, Manoschek

Die bei­den aus dem Bun­des­heer kom­men­den Huber­tus Traut­ten­berg, Gene­ral im Ruhe­stand, und Ger­hard Vogl, ehe­ma­li­ger Berufs­of­fi­zier und ORF-Jour­na­list, äußer­ten sich nicht ganz so dras­tisch wie ihre Vor­red­ne­rIn­nen, Einig­keit gab es jedoch an der grund­sätz­li­chen Kri­tik am HGM, ins­be­son­de­re was den zeit­ge­schicht­li­chen Saal 7 betrifft. Dirk Rup­now, His­to­ri­ker und Dekan an der Uni­ver­si­tät Inns­bruck, hat in der Ver­gan­gen­heit das HGM mehr­fach mit Stu­die­ren­den besucht, um ein Bei­spiel einer völ­lig miss­lun­ge­nen Geschichts­dar­stel­lung und ‑auf­ar­bei­tung zu zei­gen. Er ver­misst im Regie­rungs­pro­gramm kon­kre­te Vor­ha­ben zum HGM.

„Ein Rech­nungs­hof­be­richt zum HGM, der wohl im Früh­jahr vor­lie­gen wird, soll dem Ver­neh­men nach auch wirt­schaft­lich ein desas­trö­ses Bild zeich­nen. Der Direk­to­ren­pos­ten, heißt es, wer­de eben­falls im Früh­jahr neu aus­ge­schrie­ben. Theo­re­tisch könn­te sich dann auch Ort­ner erneut bewer­ben. Dass aber aus­ge­rech­net ihm eine Neu­auf­stel­lung des Hau­ses gelin­gen soll­te, dar­an haben die Kri­ti­ker ihre Zwei­fel.“ (derstandard.at, 27.1.20)

Eine Über­ra­schung gab’s zum Schluss: Nach der Fra­ge durch eine Ver­an­stal­te­rin, wer denn vom HGM bei die­ser Ver­an­stal­tung anwe­send sei, mel­de­ten sich eini­ge Per­so­nen, eine gab sich auch zu erken­nen: Es war der Vize­di­rek­tor des HGM Chris­toph Hat­schek, der es aber vor­zog, sich zu den mas­si­ven Vor­wür­fen nicht zu äußern.

Wir haben auch die bei­den Orga­ni­sa­to­rIn­nen der Ver­an­stal­tung, Ele­na Mess­ner (EM)und Nils Olger, zu ihrem Resü­mee befragt und dazu von Ele­na fol­gen­de Ant­wor­ten erhal­ten, denen sich Nils aus­drück­lich anschließt:

SdR: Banal, aber uner­läss­lich die Fra­ge an die Orga­ni­sa­to­rIn­nen: Seid Ihr zufrie­den mit der Veranstaltung?

EM: Mehr als zufrieden!

SdR: Was waren für Euch die wich­tigs­ten Erkennt­nis­se bzw. Ergebnisse?

EM: Es war loh­nend, der­ma­ßen vie­le renom­mier­te Per­so­nen aus Wis­sen­schaft so prä­zi­se und ana­ly­tisch über die Pro­ble­ma­tik spre­chen zu hören. Der hohe wis­sen­schaft­li­che Anspruch, die kul­tur­po­li­tisch anspruchs­vol­len Debat­ten des enga­gier­ten Publi­kums und auch die künst­le­risch wirk­lich span­nen­den Posi­tio­nen haben das The­ma der­art mul­ti­per­spek­ti­visch beleuch­tet, dass man von einem fast his­to­ri­schen Erleb­nis spre­chen kann. Das Bedürf­nis nach ech­ter, tief­ge­hen­der Aus­ein­an­der­set­zung war spür­bar. Eine unglaub­lich kon­struk­ti­ve Ener­gie.

SdR: Wie geht‘s wei­ter von Eurer Sei­te? Es gab ja sehr vie­le, sehr span­nen­de und anre­gen­de Bei­trä­ge. Ich neh­me an, es wird eine Doku­men­ta­ti­on geben, oder?

EM: Wir sind zuver­sicht­lich, dass wir alles gut doku­men­tie­ren wer­den. Der­zeit sit­zen wir aber noch an der Nach­be­ar­bei­tung des dich­ten Programms.

SdR: Und sonst? Habt Ihr noch etwas vor in Sachen HGM?

EM: Ja.

Objekt Ausstellung #HGMneudenken

Objekt Aus­stel­lung #HGM­neu­den­ken

Objekt Ausstellung #HGMneudenken: fiktive Zeitung

Objekt Aus­stel­lung #HGM­neu­den­ken: fik­ti­ve Zeitung

Objekt Ausstellung #HGMneudenken

Objekt Aus­stel­lung #HGM­neu­den­ken

Objekt Ausstellung #HGMneudenken

Objekt Aus­stel­lung #HGM­neu­den­ken

Objekt Ausstellung #HGMneudenken

Objekt Aus­stel­lung #HGM­neu­den­ken

Objekt Ausstellung #HGMneudenken

Objekt Aus­stel­lung #HGM­neu­den­ken

Berich­te zur Tagung „#HGM­neu­den­ken“

Der Stan­dard, 27.1.2020
Skug.at , 6.2.2020 
Face­book „#HGM­neu­den­ken“

Kri­tik an SdR wegen unse­rer Berichterstattung

Feiglherbert1: „ers­ten das buch von ingo­mar pust Tra­gö­die der Tap­fer­keit bekommt man über­all sogar die erst Aus­ga­be da ist nix ver­werf­li­ches drann. zwei­tens über die Greu­el­ta­ten der Alli­ier­ten und spe­zi­ell der Rus­sen schweigt ihr. ihr ver­lo­ge­nes pack“

Gelb­wes­ten Kur­ti: „Wer über­all was „brau­nes” sieht, und sich über Modell­pan­zer (die es über­all gibt) auf­regt, lei­det schon ziem­lich an Para­noia ! Der lin­ke Kli­ma­fa­schis­mus ist aktu­ell die wirk­li­che Gefahr ! Ganz dicht seids ihr nicht !“