Unterbergers Enthemmung – vom Presse-Chefredakteur zum rechten Online-Troll (Teil 1): Völkischer Antifeminismus

Anfang des Jahres 2019 gratuliert Rainer Novak, Chefredakteur der Presse, seinem Vorgänger in einem Artikel zu dessen 70. Geburtstag. Darin bezeichnet Nowak ihn als den „publizistische[n] Bannerträger der Rechtskonservativen Österreichs“ und wünscht sich, dass Unterberger „hoffentlich noch lang nicht an die publizistische Pension“ denke. Er meint damit Unterbergers Blog „Politisches Tagebuch“. Die pathetische Würdigung verharmlost einen rechten Agitator, dessen Erzeugnisse regelmäßig fließende Übergänge zu handfestem Rechtsextremismus aufweisen.

Alle gegen die Familie – vom „Fahrradterror“ in der Stadt bis zur „Schwulenpropaganda“ an Schulen 

Ein Text mit dem Titel „Familie: Ein Erfolgsmodell überlebt feindlichen Dauerbeschuss“, den Unterberger am 26.12.19 auf seinen Blog geladen hat, führt exemplarisch vor Augen, wie Unterberger gegen die angebliche Zerstörung der Familie poltert. Es geht dabei um alles, was nicht ins rechte Weltbild passt: Unterberger polemisiert gegen die „Klimahysterie-Bewegung“, die kinderlose Partnerschaften als Vorbild hinstellen würde und gegen „die Medien“, weil „die meisten Journalisten familienfreundliche Programme“ nicht mögen würden. 

Darauf folgen autoritäre Fantasien, die im verschwörungstheoretischen Duktus daherkommen: Die „internationale Politik“ schade den Familien „neuerdings besonders raffiniert durch das Vorantreiben von ‚Kinderrechten’“. In Wahrheit sei die Politik an Kindern aber desinteressiert. Unterberger wählt als Beispiel dafür die Verkehrspolitik der Stadt Wien, wo „der Fahrradterror die Herrschaft übernommen“ habe. Ein längeres Zitat führt die Absurdität von dieser Argumentation vor Augen: 

Auf vielen Gehwegen brausen Fahrräder oder Elektroscooter wild an den Fußgängern vorbei, gefährden sie und schränken den Lebensraum der städtischen Kinder noch weiter ein. In der Wirkung ist es ganz egal, ob sie das illegal oder legal tun (infame Verkehrszeichen erlauben ja neuerdings die Doppelnutzung von Wegen für Radfahrer wie Fußgänger, was natürlich Kinder und andere Fußgänger zu hilflosen Opfern macht). Fahrradfahrer sind in einer rotgrünen Stadt die obersten Heiligen, weshalb nichts gegen sie unternommen wird. Und Opfer sind wieder einmal die Kinder, deren öffentlicher Lebensraum weiter eingeschränkt ist (die Straße haben sie ja schon lange verloren …). 

Unterberger unterstreicht seine rückwärtsgewandte Familienromantik also mit einem halluzinierten Bedrohungsszenario: Der „Fahrradterror“, die „infamen Verkehrszeichen“ und die Kinder als hilflose Opfer“. Es klingt wie Satire, ist es leider nicht. 

Weiter geht es gegen Schwule, Lesben und Transgender-Personen für die es angeblich seitens der Stadtpolitik „zehnmal mehr Engagement“ gebe als für die klassische Familie. Unterberger unterstellt der staatlichen Sexualerziehung „Schwulenpropaganda“, er spottet von „lesbischen oder schwulen Eltern-Persiflagen“ und behauptet allen Ernstes, dass die „Selbstverwirklichungs-Vorstellungen homosexueller Paare zum obersten Rechtsgut geworden“ seien. Unterberger verbirgt seinen antifeministischen und homophoben Hass kaum noch. 

Selbstverständlich gibt es auch Untergriffe gegen Linke und Liberale, Unterberger spricht z.B. von „familienfeindlichen und radikalgenderistischen Grünen“ oder von „linker Dümmlichkeit“, wenn es um eine Aussage von SPÖ-Chefin Rendi-Wagner geht. 

Kurzum, der Text verwendet das Thema „Familie“ um so ziemlich jedes Klischee anzustimmen, das gegenwärtig in der rechten Medien-Parallelwelt en vogue ist: Gegen „Klimahysterie“, gegen JournalistInnen, gegen Fahrräder, gegen Schwule/Lesben, ja sogar gegen Kinderrechte, gegen Linke, gegen Feminismus, gegen Flüchtlinge etc. Lob gibt es im Rahmen dieses Rundumschlags wenig überraschend nur für die konservative (präziser wäre wohl reaktionäre) Familienpolitik in Staaten wie Ungarn oder Polen.

Völkisches 

Unterberger geht diesmal aber noch einen ideologischen Schritt weiter nach rechts – er argumentiert völkisch. Solche Töne klingen an, wenn er behauptet „dass Europas autochthone Bevölkerung im raschen Aussterben ist“ und dann fordert, der Staat müsse „viel mehr die autochthone Familie ins Zentrum rücken, statt diesen Gedanken als völkisch zu denunzieren.“ Er verwendet „autochthon“ in rechtsextremer Manier als Kampfbegriff um an ein offensichtlich ethnisch gefasstes Wir-Gefühl zu appellieren – das ist klar als völkisch einzuschätzen. 

Letztlich zielt die völkische Argumentation auf kinderlose Frauen, denen Unterberger erklärt was sie eigentlich wollen, schließlich sage ihnen ja sonst niemand, „dass sie ein paar Jahrzehnte später draufkommen werden, die – für sich selber! – falsche Entscheidung getroffen zu haben, wenn sie dann sagen: Wieviel lieber hätte ich Kinder und Enkelkinder als die Erfahrung, volle 45 Jahre in einem Büro gesessen zu sein!’. Es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet das Thema „Familie“ und der dahinter stehende Antifeminismus zu einer solchen völkischen Regression anregen.

 Scharnierfunktion des Antifeminismus

In der kinderlosen Frau – die als Opfer dargestellt wird – kommen die Themen „Familie“ und „Bevölkerungspolitik“ zusammen. Den hinter dieser Konstellation stehenden Feindbildern Feminismus und Gender kommt eine bedeutende Scharnierfunktion zwischen unterschiedlichen Spektren rechter und konservativer Ideologie zu. Insbesondere das Motiv Bevölkerungspolitik ist für rechtsextreme Akteure wichtig, wie die Politikwissenschaftlerinnen Stefanie Mayer und Judith Goetz festhalten:

Die Verschiebung des antifeministischen Diskurses in das Feld der Bevölkerungspolitik macht den Anti-Gender-Diskurs für rechtsextreme Akteur_innen attraktiv, bietet er doch ein Narrativ, das die Re-Artikulation unverstellt völkischen Denkens in einer Form erlaubt, die weit über rechtsextreme Kreise hinaus anschlussfähig ist.“ (2019, S. 217) Unterbergers Text ist dafür ein gutes Beispiel. 

Antifeminismus ist gegenwärtig für die extreme Rechte enorm wichtig: Seine Brückenfunktion führt tief in den konservativen Mainstream hinein und erfüllt eine integrative Funktion gegenüber rechten Ideologemen. In der antifeministischen Erzählung lässt sich etwa hervorragend die autoritäre Rebellion gegen eine angeblich repressive „Political Correctness“ mit dem völkischen Wahn vom „großen Austausch“ vereinen. Nachdem offen rassistische oder antisemitische Motive gegenwärtig nicht direkt dazu in der Lage sind, Konservative in Richtung rechts zu mobilisieren, eignet sich der Antifeminismus ob seiner Popularität bestens als Türöffner für den Einstieg in die rechtsextreme Ideologie. 

Hassexplosion in der Kommentarspalte 

Noch enthemmter, aber inhaltlich folgerichtig, geht es übringens in der Kommentarspalte unterhalb von Unterbergers Artikels zur Sache. Der beliebteste Kommentar (jener mit den meisten Sternchen) erscheint direkt unter Unterbergers Text und ist wenig überraschend auch einer der heftigsten. Ein Troll, der sich „Templer“ nennt, erklärt, die Familie werde im „Abendland“ „seit Jahrzehnten strukuriert [sic!] und gezielt zerstört“. Weiter wird behauptet: „Die Frau soll sich vom hiesigen Mann lösen und nicht ‚unterdrücken‘ lassen, sie soll arbeiten gehen und ihre Kinder zur Umerziehung abgeben“; Frauenberatungsstellen seien „mittlerweile eine eigene Industrie“. Dann geht es noch gegen Muslime und um die Rolle der Frau im „Morgenland“: mit der für Rechtsextreme typischen Mischung aus rassistischem Hass und Faszination bezüglich der Unterdrückung von Frauen. 

Ärger noch ist der dritte der „beliebtesten Kommentare“, von einem Franz77:

Die Familie ist ein riesiges Erfolgsmodell das sogar gefördert wird. Das wissen sogar die muselmanischen Geistesriesen. Der haarige Oberbefehlshaber braucht seinen eingemüllten Kohlensack (meistens sind es mehrere) nur ficki ficki – und Geld kommt. Die, von denen das Geld kommt, werden verachtet. Arbeiten? Wozu. Allah ist groß.

Es passt zu der eskalierenden Hassdynamik rechter Online-Mobs, dass das Ärgste am meisten Aufmerksamkeit und Zuspruch erhält. Und es spricht Bände, dass Unterberger es einfach – ganz oben und direkt unter seinem Artikel! – stehen lässt. Weiter Auszüge aus den rund hundert Kommentaren ersparen wir unseren LeserInnen gerne.

Unterberger ist ein Paradebeispiel für einen „Brückenbauer“ von rechtskonservativ hin zu rechtsextrem, wobei der besprochene Text Letzterem zuzuschreiben ist. Seine Artikel belegen eine inhaltliche Enthemmung und eine intellektuelle Verwahrlosung sondergleichen. Unterberger avanciert damit zum Paradebeispiel eines Bannerträgers für den hasserfüllten rechten Online-Mob und jenes Typus, dem der Soziologe Wilhelm Heitmeyer das Attribut der rohen Bürgerlichkeit“ zuordnet. Kein Wunder, dass er damit auch ein beliebter Kronzeuge der FPÖ und von anderen Rechtsextremen geworden ist.

Teil 2: Unterbergers Enthemmung: Ein Wut-Blog und seine Freunde

Quelle

Andreas Unterberger (26.12.2019): „Familie: ein Erfolgsmodell überlebt feindlichen Dauerbeschuss“ (26.12.2019), online auf Andreas-Unterberger.at, zuletzt eingesehen am 08.01.2020

Literatur

Götz, Judith/Mayer, Stefanie (2019): Mit Gott und Natur gegen geschlechterpolitischen Wandel. Ideologie und Rhetoriken des rechten Antifeminismus. In: FIPU (Hg.): Rechtsextremismus. Band 3: Geschlechterreflektierte Perspektiven. Edition kritik & utopie, Wien: Mandelbaum.