Die blaue Parteilose – Grundlegendes zu Außenministerin Karin Kneissl (Teil 1)

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Karin Kneissl, die von der FPÖ ins Außen­amt gehiev­te „Exper­tin“, ist viel­leicht par­tei­los im Sin­ne der Mit­glied­schaft bei einer Par­tei, ihre davor geäu­ßer­ten Posi­tio­nen pas­sen jedoch wie die Faust aufs blaue Auge der FPÖ. Wir haben von ihr älte­re Publi­ka­tio­nen gele­sen und wis­sen nun, dass wir „Pri­ma­ten unter Pri­ma­ten“ sind, deren tes­to­ste­ron­ge­steu­er­te Hälf­te qua­si dem natür­li­chen Drang nach­ge­bend doch nur Revie­re ver­tei­digt. Ja, dar­auf fußend könn­te die Hei­rats­di­plo­ma­tie mit dem Knicks vorm rus­si­schen Auto­kra­ten doch plötz­lich wie­der Sinn machen.

FPÖ-Chef Stra­che hät­te mit Karin Kneissl ger­ne einen „weib­li­chen Krei­sky“ (der­Stan­dard) als Außen­mi­nis­te­rin instal­liert. Der Aus­druck war geschickt gesetzt und geis­tert seit ihrem Amts­an­tritt im Dezem­ber 2017 als Bon­mot zu der par­tei­lo­sen Publi­zis­tin und Nah­ost­ex­per­tin durch die Medi­en (etwa SN, Pres­se, Kurier). Und Kneissl selbst gefällt sich offen­bar auch in die­ser Rol­le (Inter­view mit Kro­ne). Die Krei­sky-Ana­lo­gie macht aus der Not eine Tugend: Auf­grund des Man­gels an kom­pe­ten­tem Per­so­nal und der Ver­le­gen­heit, dass man offen­bar (noch) kein frei­heit­li­ches Schmiss­ge­sicht an der außen­po­li­ti­schen Spit­ze plat­zie­ren kann, wird eine „par­tei­lo­se Exper­tin“ beru­fen und gleich zum „weib­li­chen Krei­sky mit kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen“ (News) geadelt. Ein sehn­süch­ti­ger Ver­such an die Ära von Öster­reichs „akti­ver Neu­tra­li­täts­po­li­tik“ anzu­knüp­fen. Kneissl soll „Brü­cken­baue­rin“ und Ver­mitt­le­rin am inter­na­tio­na­len Par­ket sein. Doch die Empi­rie straft die­sen (tat­säch­li­chen oder behaup­te­ten) Anspruch Lügen: Russ­land lässt Kneissl als Ver­mitt­le­rin in Syri­en abblit­zen (Kurier) und Isra­el beschränkt die diplo­ma­ti­sche Bezie­hung auf „beruf­li­chen Kon­takt“ (wie gegen­über allen Frei­heit­li­chen; ORF).  

Die Ver­mitt­ler­rol­le funk­tio­niert schon eher nach Innen: Kneissl ver­tritt FPÖ-Ideo­lo­gie, ohne Par­tei­mit­glied zu sein und ohne Par­tei­or­tho­do­xie aus­zu­strah­len. Sie ver­mit­telt rechts­au­ßen Posi­tio­nen gekonnt mit dem Main­stream des media­len Jar­gon (1). Denn was bei den Frei­heit­li­chen oft­mals mie­fig und abge­stan­den daher­kommt, klingt bei Kneissl pfif­fig, up to date und pro­fes­sio­nell. Reak­tio­när ist es aller­dings immer. Das liegt an Kneissls gesell­schafts­po­li­ti­schen Prä­mis­sen, die schnell ein­mal von ihrem Fak­ten­wis­sen – das sie bei abso­lut jeder Gele­gen­heit prä­sen­tiert – ver­deckt wer­den. Die­se Prä­mis­sen sind inhalt­lich voll­kom­men kom­pa­ti­bel mit ihrer Ticket-Par­tei, der rechts­extre­men FPÖ. 

Pro Putin-Russ­land 

Kneissls außen­po­li­ti­sche Posi­tio­nie­rung zu Russ­land lässt mut­ma­ßen, dass sie ganz auf Linie mit dem dubio­sen Arbeits­ver­trag zwi­schen FPÖ und Putins Par­tei „Eini­ges Russ­land“ ist. Erst die­se Woche plä­diert sie in „Die Welt“ dafür, Russ­land wie­der „als Part­ner zu begrei­fen“ (Pres­se); und begin­nen könn­te man mit die­ser part­ner­schaft­li­chen Annä­he­rung in Syri­en oder im Jemen, also dort wo Russ­land eine aggres­si­ve Kriegs­po­li­tik betreibt. Die­se Anbie­de­rung pas­siert ohne Not. Dazu plä­diert sie für weni­ger „Miss­trau­en“ gegen­über Russ­land. Das klingt ange­sichts der viel­fach nach­ge­wie­se­nen Grün­de für eben die­ses Miss­trau­en – bru­ta­ler Auto­ri­ta­ris­mus, Kriegs­trei­be­rei, geziel­te Desta­bi­li­sie­rung ande­rer Staa­ten durch Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen – nicht nur naiv, son­dern schon nah an jenen Ver­schwö­rungs­theo­rien, die Putins Troll­ar­meen in die Welt streu­en. 

Die jüngs­ten Aus­sa­gen Kneissls über­ra­schen ein­ge­denk älte­rer Wort­mel­dun­gen von ihr nicht all­zu sehr. So hat sie schon früh die rus­si­schen Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen im syri­schen Bür­ger­krieg auf­sei­ten des Mas­sen­mör­ders Assad als neue „diplo­ma­ti­sche Dyna­mik“ begrüßt (Klei­ne Zei­tung, 2015; Kurier, 2018). Außer­dem ist sie auf­fäl­lig gewor­den, als sie auf Ser­vus TV unhalt­ba­re Theo­rien zu den Gift­gas­an­schlä­gen um Damas­kus ver­brei­te­te und sich damit, einem kri­ti­schen Nah­ost-Think-Tank zufol­ge, „de fac­to in den Dienst der Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen syrisch-rus­si­scher Pro­ve­ni­enz“ gestellt hat (sie­he bei Mena-Watch). Kurz­um: Kneissl war bereits vor dem bizar­ren Ver­net­zungs­tref­fen mit Putin bei ihrer eige­nen Hoch­zeit durch­aus von der frei­heit­li­chen Russ­land­fas­zi­na­ti­on ange­steckt. 

Anti­fe­mi­nis­mus – Bio­lo­gis­mus I

Kneissls Buch „Tes­to­ste­ron Macht Poli­tik“ (2012) – ja, es heißt wirk­lich so – beginnt mit dem Satz: „Will man Poli­tik ver­ste­hen, muss man die Natur des Men­schen begrei­fen.“ (S. 9) Dies will sie offen­bar auf 130 Sei­ten leis­ten. Und das funk­tio­niert auch, denn Kneissl hat eine Zau­ber-Kate­go­rie gefun­den, mit der sich plötz­lich alles ganz ein­fach erklä­ren lässt: Testosteron.

Buchcover "Testosteron Macht Politik."

Buch­co­ver „Tes­to­ste­ron Macht Politik.”

Sie möch­te also poli­ti­sche Ver­hält­nis­se anhand des Sexu­al­hor­mons Tes­to­ste­ron ana­ly­sie­ren, selbst­re­dend ohne dabei „in einen bio­lo­gi­schen Deter­mi­nis­mus zu ver­fal­len“ (S. 12). Dass etwa Män­ner his­to­risch die „wesent­li­chen Akteu­re“ bei Revo­lu­tio­nen waren, will Kneissl auf solch „tie­fe­re bio­lo­gi­sche Grün­de“ (S. 18) zurück­füh­ren. Denn Män­ner sei­en fokus­sier­ter, spon­ta­ner und zum Opfer berei­ter, und das habe mit Erzie­hung nichts tun, son­dern mit Bio­lo­gie und Evo­lu­ti­on. Oder kon­kre­ter: Das lie­ge am „Hor­mon Tes­to­ste­ron, wel­ches das männ­li­che Lebe­we­sen zum Man­ne macht“ (S. 19). Vol­ler Pathos prä­sen­tiert Kneissl die­se unsäg­li­chen Behaup­tun­gen aus dem vor­letz­ten Jahr­hun­dert. Durch die Hor­mon­bril­le betrach­tet macht auf ein­mal alles Sinn! 

Es klingt prak­ti­scher­wei­se ein klei­nes biss­chen weni­ger reak­tio­när, wenn von tes­to­ste­ron­ge­steu­er­ten Män­nern die Rede ist, aber das rigid binä­re Ver­ständ­nis von Geschlecht zwingt zum Umkehr­schluss. Kneissl sagt also auch: Frau­en sei­en auf­grund ihrer Bio­lo­gie weni­ger fokus­siert, pas­si­ver, ängst­li­cher und nicht zur Auf­op­fe­rung für die gro­ße poli­ti­sche Sache bereit. Der männ­li­che Wett­be­werbs­geist wird fol­ge­rich­tig auch bio­lo­gisch erklärt, näm­lich als „Zusam­men­wir­ken zwi­schen Tes­to­ste­ron und Sta­tus“ (S. 20). Zuge­spitzt klingt das dann so: „Der Mann als Beschüt­zer und Ernäh­rer, die Frau als Mut­ter und zu beschüt­zen­des Wesen sind uralte, von der Evo­lu­ti­on vor­ge­ge­be­ne Rol­len­bil­der.“ (S. 20) Von die­ser anti­fe­mi­nis­ti­schen Welt­erklä­rungs­for­mel lei­tet Kneissl dann Krie­ge, Auf­be­geh­ren gegen Armut und Revo­lu­tio­nen ab. Das ver­sucht sie u.a. mit Zita­ten von Ber­told Brecht und Han­nah Are­ndt zu unter­füt­tern, nur dass die zitier­ten Stel­len rein gar nichts mit Kneissls vul­gä­rem Bio­lo­gis­mus zu tun haben (S. 20–21). 

Kneissl stellt ganz offen die Errun­gen­schaf­ten des gesam­ten Femi­nis­mus in Fra­ge (bis zurück zu Simo­ne de Beau­voir). Dies tut sie mit der hane­bü­che­nen Ver­ein­fa­chung, die „Neu­ro­lo­gie mit ver­fei­ner­ten Mess­me­tho­den“ (S. 73) habe inzwi­schen ja doch bewie­sen, dass es im Hirn mit Hor­mo­nen zugeht.   

Kneissls The­se ist eine bizar­re bio­lo­gis­ti­sche Kom­ple­xi­täts­ver­wei­ge­rung, die in einer Stamm­tisch­phra­se kul­mi­niert: „Wir sind offen­sicht­lich Pri­ma­ten unter Pri­ma­ten, die ihre Revie­re ver­tei­di­gen.“ (S. 12) Damit wären eman­zi­pa­to­ri­sche Bestre­bun­gen natur­ge­mäß eher sinn­los. Was der FPÖ gefal­len dürf­te. 

zu Teil 2

1  So gese­hen ist sie tat­säch­lich eine Brü­cken­baue­rin à la Krei­sky: Sie ver­bin­det die Bur­schen­schaf­ter-FPÖ mit Hori­zon­ten außer­halb des völ­ki­schen Dün­kels, so wie sei­ner­zeit Krei­sky die (noch sehr frisch) nach­na­zis­ti­sche FPÖ mit dem poli­ti­schen Main­stream ver­band (zur Schat­ten­sei­te Krei­skys sie­he demokratiezentrum.org).

Quel­le: Kneissl, Karin (2012): Tes­to­ste­ron Macht Poli­tik. Wien: Braumüller