Die blaue Parteilose – Grundlegendes zu Außenministerin Karin Kneissl (Teil 2)

Dass die von der FPÖ als Parteifreie ins Außen­min­is­teri­um nominierte Karin Kneissl bestens zur blauen Ide­olo­gie passt, zeigt bere­its Teil 1 unser­er Recherche: pro Putin und ein Geschlechter­bild, das sich an The­sen und Ein­stel­lun­gen des 19. Jahrhun­derts ori­en­tiert. Eine Erk­lärung des Welt­geschehens, die auf Revierkämpfe von testos­teronges­teuerten Män­nern zusam­menges­tutzt wird und Frauen endlich wieder jene Rolle zuweist, die eine patri­achal­geprägte Welt­sicht für sie vorge­se­hen hat: Mut­ter und Ernährerin. Aber auch in anderen Punk­ten passt Kneissl for­mi­da­bel zur FPÖ, wie hier aus­ge­führt wird.

Ras­sis­mus – Biol­o­gis­mus II

Manch­mal vari­iert Karin Kneissl ihr biol­o­gis­tis­ches Haupt­mo­tiv auch ein biss­chen in Rich­tung Demogra­phie (und Ras­sis­mus); so behauptet sie etwa 2016 in den Salzburg­er Nachricht­en, der Haupt­grund für die ara­bis­chen Rev­o­lu­tio­nen sei die dor­tige „Bevölkerung­sex­plo­sion“ gewe­sen. 

Zur Biolo­gie kommt also ergänzend die Demogra­phie dazu. Damit scheint die Welt­formel gefun­den zu sein, ins­beson­dere bezüglich der „Flüchtlingswelle“. Der demographis­che Aspekt (der „Män­nerüber­schuss“ bei Flüchtlin­gen) und die biol­o­gis­tis­che Behaup­tung (Testos­teron als eigentlich­er Antrieb) machen das Furcht­bild per­fekt: Die hor­mon­ges­teuerten Män­ner­hor­den über­fluten uns. Der Ein­fach­heit hal­ber ver­schwindet alles, was bezüglich dieses The­mas tat­säch­lich zählt – z.B. gesellschaftliche Ver­hält­nisse, poli­tis­che Zusam­men­hänge, Krieg, Ter­ror, kul­turelle Prä­gun­gen und ökonomis­che Bedin­gun­gen – völ­lig aus dem Blick­feld: Es bleiben nur biol­o­gis­che Tat­sachen und demographis­che Entwick­lun­gen. Das macht die Analyse ein­fach und den Aus­blick düster. So orakelt Kneissl 2016 in der Presse: Deutsch­land ste­he auf­grund der Flüchtlingskrise „an der Kippe“ (was immer das heißen mag); „pri­vat organ­isierte Sicher­heit­strup­ps“ kön­nten wach­sen; Chi­na kön­nte „seinen Män­nerüber­schuss als Kanonen­fut­ter in einem Kriegs­gang im paz­i­fis­chen Raum wieder loswer­den“. Diese schauer­lichen Vorher­sagen (based on absolute­ly noth­ing), verdicht­en sich schließlich zur Prophezeiung des Zusam­men­bruchs: „Es ist schon eine Ironie der Geschichte, wie Deutsch­land zum drit­ten Mal bin­nen eines Jahrhun­derts Europa in den Zer­fall führt.“ Mit diesem Satz endet der Artikel in der Presse, und Kneissl lässt ihn feiger­weise von „ein­er englis­chen Bekan­nten“ sagen, wom­öglich damit ihr die infame Gle­ich­set­zung der gegen­wär­ti­gen deutschen Asylpoli­tik mit dem Nation­al­sozial­is­mus später nicht in den Mund gelegt wer­den kann. Diese Spitze der Geschmack­losigkeit unter­bi­etet das übliche FPÖ-Niveau beina­he. Niveau Marke Mölz­er, kön­nte man sagen.

Buchcover Kneissl "Wachablöse"

Buch­cov­er Kneissl „Wach­ablöse”

Auch in ihrem neuen Buch „Wach­ablöse“ (2017) – das bei dem obskuren Stronach-Ver­lag „Frank&Frei“ erschienen ist – spielt sie auf dieser Klaviatur. Dies­mal geht es um Chi­na und das Buch endet mit ein paar „Empfehlun­gen“. So plädiert sie bezüglich der Stärkung von geopoli­tis­chem Han­deln und Denken dafür, sich wieder mehr auf „Geo­gra­phie und Biolo­gie“ (S. 103) zu besin­nen, denn diese seien keine „Kon­struk­te, die es zu zer­legen gelte“ (ebd.), wie man uns seit 1968 weis machen will. Vielmehr müssten an unseren Schulen wieder „Geschichts­grund­la­gen, frei von ide­ol­o­gis­ch­er Ver­brä­mung“ (ebd.) gelehrt wer­den. Das ist ein tox­is­ch­er Mix aus Anklän­gen und laten­ten Bezug­nah­men: Ein biss­chen Geschicht­sre­vi­sion­is­mus, ein biss­chen Biol­o­gis­mus, eine Prise Ressen­ti­ment gegen das Schlag­wort 68 – alles nicht so ganz aus­for­muliert, aber die Botschaft kommt wohl trotz­dem an (siehe dazu auch bei Mosaik-Blog).    

Zion­is­mus als „Blut- und Bodenideologie“

In ihrem Buch „Mein Naher Osten“ (2014) beschreibt Kneissl den Zion­is­mus, wie ihn sich „Israels ‚Grün­dungs­vater’ David Ben-Guri­on erträumt hat­te“ (S. 48), mit fol­gen­den Worten: „Die gle­ich­sam an den deutschen Nation­al­is­mus angelehnte Blut-und-Boden-Ide­olo­gie sollte also auch hier [in Israel] einen Homo novus, einen neuen Men­schen, schaf­fen.“ (ebd.) 

In einem Inter­view mit dem ORF-Report gren­zt Kneissl sich von dem nahe­liegen­den Vor­wurf, sie ver­gle­iche den Zion­is­mus mit dem Nation­al­sozial­is­mus ab. Denn sie habe eigentlich vom „deutschen Nation­al­is­mus des 19. Jahrhun­derts“ gesprochen, nicht vom NS-Nation­al­is­mus, ihre Aus­sage werde aus dem Zusam­men­hang geris­sen. Das ist ein schales Auswe­ich­manöver und v.a. immer noch falsch, denn der deutsche Nation­al­is­mus des 19. Jahrhun­derts bildet eben die völkische und anti­semi­tis­che Voraus­set­zung für den Nation­al­sozial­is­mus. Der staats­be­grün­dende Zion­is­mus von Ben Guri­on (auf den Kneissl ihre Aus­sage ja expliz­it bezieht) war an Theodor Her­zls Vision eines bürg­er­lichen „Muster­staates“ ori­en­tiert und klar säku­lar, lib­er­al und uni­ver­sal­is­tisch aus­gerichtet (vgl. dazu aus­führlich Bren­ner 2016, 128–144) – also wed­er völkisch noch ras­sis­tisch noch „eth­nozen­trisch“ in irgen­dein­er Form (siehe etwa mena-watch.com, oder Thomas Schmidinger im Stan­dard).  

Karin Kneissl im ORF Report

Karin Kneissl im ORF Report

An die Behaup­tung, der israelis­che Zion­is­mus sei eine „Blut-und-Boden-Ide­olo­gie“ – und nicht vielmehr eine durch den NS-Ver­nich­tungswahn erzwun­gene Bewe­gung eben genau dage­gen – fügt Kneissl diesen Satz: „Was ist bloß im let­zten lan­gen bluti­gen 20. Jahrhun­dert alles in die Brüche gegan­gen? Kul­turen gin­gen auf so vielfache Weise unter.“ (ebd.) Diese Aus­sage knüpft in infamer und NS-rel­a­tivieren­der Manier an ihre falsche Behaup­tung an; nach dem Mot­to: Was ist nicht alles Schlimmes passiert? Zuerst die Shoah und dann auch noch der Zion­is­mus! Kneissls pathetis­ch­er Weltschmerz ist ein Parade­beispiel für pro­jek­tive Schuld­ab­wehr: Zuerst die deutsche Blut-und-Boden-Ide­olo­gie, dann die jüdis­che Blut-und-Boden-Ide­olo­gie; was ist nicht alles in die Brüche gegan­gen! 

Ein wohlgesonnen­er Presse-Artikel im Gefolge ihres Amt­santritts beze­ich­net Kneissl als ide­ol­o­gis­ches „Mis­chwe­sen“. Sie selb­st beze­ichne sich als „kon­ser­v­a­tiv­en Freigeist“. In die Arme der FPÖ sei sie schließlich durch einen Shit­storm getrieben wor­den – weil sie im Kon­text der Flüchtlingskrise auf den wichti­gen Aspekt des Testos­terons hingewiesen habe. 

Ein genauer­er Blick zeigt aber ganz klar, dass Kneissl auch vor dem Shit­storm schon gut zur FPÖ gepasst hätte.

zu Teil 1

Lit­er­atur:
Bren­ner, Michael (2016): Israel. Traum und Wirk­lichkeit des jüdis­chen Staates. Von Theodor Her­zl bis heute. München: C.H.Beck
Kneissl, Karin (2017): Wach­ablöse. Auf dem Weg in eine chi­ne­sis­che Wel­tord­nung. Wien: Frank&Frei
Kneissl, Karin (2014): Mein Naher Osten. Wien: Braumüller
Kneissl, Karin (2012): Testos­teron Macht Poli­tik. Wien: Braumüller