Shades of Identitär – Vorstellung einer dreifachen Bemühung (II)

Vor dem Lan­des­gericht Graz wird derzeit strafrechtlich über die Iden­titären ver­han­delt. 17 Mit­glieder und Sym­pa­thisan­ten, darunter die Grün­dungs­gen­er­a­tion, müssen sich vor allem wegen der Beteili­gung an ein­er krim­inellen Vere­ini­gung ver­ant­worten. Ste­fan Juritz, die zen­trale Fig­ur eines neuen iden­titären Medi­en­pro­jek­ts, ist nicht darunter. Er zieht ger­ade drei iden­titäre Medi­en­pro­jek­te hoch. Fort­set­zung von Teil I.

Die Tagesstimme1um Nor­mal­isierung bemüht

Die Tagesstimme, ein Pro­dukt des AK-Nau­tilus, ver­ste­ht sich als Nachricht­en­por­tal für „patri­o­tis­chen Qual­ität­sjour­nal­is­mus“ (so die Selb­st­beze­ich­nung auf der Home­page). Es geht dabei, so Juritz in dem erwäh­n­ten Inter­view mit Sell­ner, nicht nur darum „patri­o­tis­che Kern­the­men“ zu bedi­enen, son­dern es soll das gesamte tage­spoli­tis­che Spek­trum abgedeckt wer­den. Bre­it­en­wirkung will man also erzie­len. Die Vorge­hensweise: Man ver­sucht sich an ein­er Nor­mal­isierung rechter The­men qua eines direk­ten Nebeneinan­ders mit anscheinend „nor­malen“ tage­spoli­tis­chen Mel­dun­gen und Kurzartikeln. Die visuelle Auf­machung der Web­site zielt darauf ab möglichst nahe am unauf­fäl­li­gen Main­stream von (qual­i­ta­tiv besseren) News-For­mat­en im Inter­net zu sein. Trotz­dem find­en sich nur The­men und Artikel, die zumin­d­est mit recht­sex­tremem Gedankengut kom­pat­i­bel sind.

Tagesstimme ist Ste­fan Juritz

Dazwis­chen tauchen dann immer wieder obskure Ein­schübe aus dem völkischen und FPÖ-nahen Milieu auf, die in Bedeu­tung und Ran­gord­nung gle­ich­berechtigt neben Mel­dun­gen ste­hen, die so ähn­lich auch in herkömm­lichen Tageszeitun­gen zu find­en wären. So gibt es etwa Artikel über die Waf­fen­ruhe in Afghanistan oder das CETA-Frei­han­delsabkom­men, die neu­tral-infor­ma­tiv gehal­ten sind. Der nicht-aggres­sive Ton ist offen­bar Pro­gramm und soll wohl für die hand­festeren Inhalte geschmei­dig machen; ein paar Beispiele: Ein Artikel (über den Schrift­steller Rudolf Bor­chart) endet mit ein­er Wer­bung für die „Bib­lio­thek des Kon­ser­vatismus“, welche der Poli­tik­wis­senschaftler Samuel Salzborn als einen „zen­tralen neurecht­en Strate­gieort“ (2017, 46) beze­ich­net; ein ander­er Text lobt den recht­sex­tremen Atterseekreis als einen Hort für Mei­n­ungs­frei­heit und Mei­n­ungsvielfalt; Patrick Lenart (Führungskad­er IBÖ) darf sich in einem aus­führlichen Inter­view zu den Ermit­tlun­gen gegen die Iden­titären positionieren.

AK Nau­tilus ist Ste­fan Juritz

An diesem „strate­gis­chen Nebeneinan­der“ ist auf­fäl­lig, dass es sich beina­he nur um aus­ge­sprochen kurze Beiträge han­delt; das mag daran liegen, dass es an redak­tioneller Arbeit­skraft man­gelt, kön­nte aber auch eine bewusste Entschei­dung sein, um eine möglichst große Anzahl von Beiträ­gen zu ermöglichen und so den Schein ein­er herkömm­lichen Online-Tageszeitung zu erzeugen.

Anbruch.Info2um Intellek­tu­al­isierung bemüht

Die deutsche Web­site anbruch.info geht seit April 2018 mit dem AK-Nau­tilus „einen gemein­samen Weg“ (wie es dort heißt). Existieren dürfte das Ding schon länger, aber schein­bar in ein­er anderen Form; jet­zt heißt es auf der Web­site ganz unten jeden­falls expliz­it: „Ein Pro­jekt des AK-Nau­tilus“. (Um der Kon­ti­nu­ität willen sei erwäh­nt: Auch hier find­et sich ein Beitrag von Patrick Lenart, dem IBÖ-Führungskad­er, der uns jet­zt schon zum drit­ten Mal begegnet.)

Anbruch.info ist eine reak­tionär-roman­tis­che Plat­tform für „Kul­tur und The­o­rie“, die einen „eigentlichen Blick auf die Welt“ entwick­eln möchte, der „organ­isch ist“. Bere­its in dieser Selb­st­beschrei­bung däm­mert es mys­tisch und pathetisch: Das Eigentliche und das Organ­is­che. Zwei vor­be­lastete und bewusst geset­zte Begriffe, die in roman­tis­ch­er Manier an das völkische Nar­ra­tiv anknüpfen. Der Grün­der, Tano Gerke, glaubt an die „Wiederverza­uberung der Welt“ (wie es auf der Web­site heißt). Um das zu ver­anstal­ten muss es an die Befreiung des „kon­ser­v­a­tiv­en Geistes“ gehen, um „ver­loren gegan­ge­nes Eigenes“ wiederzubeleben, zur „Frucht­bar­ma­chung der eige­nen Wurzeln“. So einige Schlag­worte zur Pro­jek­tbeschrei­bung aus einem Inter­view mit Gerke, das in der recht­sex­tremen Zeitschrift Sezes­sion veröf­fentlicht wurde.

Anbruch ist Ste­fan Juritz

All­ge­meines Feind­bild ist der glob­al­is­tis­che Lib­er­al­is­mus. Für diesen Kampf nimmt man auch Anlei­hen bei ganz wesens­frem­den Denkern, wie etwa Theodor W. Adorno oder Han­nah Arendt. Das strate­gis­che Ziel hin­ter solchen hanebüch­enen Aneig­nungsver­suchen dürfte so etwas wie eine begrif­fliche Land­nahme – „Diskur­spi­ra­terie“ (Metz/Seeßlen 2018, 8) – sein: Man bricht sich einzelne Stücke aus linken und kri­tis­chen The­o­rien um den üblichen kul­turpes­simistis­chen Katas­tro­phendiskurs aufzu­pep­pen. Dieser ist immer mehr als bloß eine rück­wärts­ge­wandte Wehk­lage, denn es geht (mal zwis­chen den Zeilen, mal ganz unverblümt) stets darum ein homo­genes und „natür­lich­es“ (organ­isch gewach­senes) Kollek­tiv gegen Zer­set­zung und Auflö­sung zu vertei­di­gen. Voraus­ge­set­zt und per­ma­nent apos­tro­phiert wird dementsprechend der Unter­gang des „Abend­lan­des“, der „europäis­chen Kul­tur“, des „Okzi­dents“. Diese Lust an der Apoka­lypse fungiert als Hin­ter­grund­melodie zu so ziem­lich jedem Artikel.

Das tönt noch halb­wegs vage, wenn etwa die „Durch­set­zung ein­er glob­alen Monokul­tur“ beklagt und die „Erneuerung unseres kul­turellen Bewusst­seins“ (Gerke) beschworen wird; aber es geht auch konkreter: So gefällt man sich etwa als „kon­ser­v­a­tive Fun­da­men­talop­po­si­tion“ und betont die “Notwendigkeit zur Ref­or­ma­tion kon­ser­v­a­tiv-rev­o­lu­tionär­er The­o­rien“ (der­selbe).

Der all­ge­gen­wär­tige Rück­bezug auf ein ange­blich ver­lorene gegan­ge­nes Eigenes wird als „anthro­pol­o­gis­che Kon­stante“ (Gerke) fix­iert; das Ver­lorenge­gan­gene und die Sehn­sucht danach wer­den als über­his­torisch und unverän­der­lich aufge­fasst. Jen­seits der gesellschaftlichen Ver­hält­nisse, mit ihrer His­tor­iz­ität und ihrer Beweglichkeit (ganz zu Schweigen von ihrem Plu­ral­is­mus, ihren Wider­sprüchen und Antag­o­nis­men), wird mit einem solchen Bezug eine vor­poli­tis­che Kat­e­gorie ins Zen­trum der Agi­ta­tion gerückt. Denn das anthro­pol­o­gisch Fix­ierte braucht nicht länger Gegen­stand von poli­tis­ch­er Wil­lens­bil­dung zu sein, son­dern fir­miert als Unhin­ter­frag­bares in der Sehn­suchtswelt der völkischen Mys­tik, die es wieder­herzustellen gelte. Die Fik­tion ein­er solchen wieder­her­stell­baren „eigentlichen“ Iden­tität wird gegen den Lib­er­al­is­mus in Stel­lung gebracht, denn dieser gilt als „Feind jedes schick­sal­haften In-die-Zukun­ft-Blick­ens“ (Oliv­er Niehaus, Zweit­grün­der des Anbruch).

Dass ein solch­es Denken schnell in kriegerische Vertei­di­gungs­fan­tasien umschlägt ist aus der Recht­sex­trem­is­mus­forschung hin­länglich bekan­nt und die Iden­titären bilden da keine Aus­nahme (zur iden­titären Gewalt­dis­po­si­tion siehe DÖW). Bei Anbruch.info bleibt man dies­bezüglich vor­sichtig; so vor­sichtig dann aber auch wieder nicht: Denn laut Tano Gerke offen­bart „spätestens der Ern­st­fall dann Kul­tur als ein Gesamt­sys­tem, mit der Forderung zur Kampf- und Vertei­di­gungs­bere­itschaft, das dem Einzel­nen seine Stel­lung unmit­tel­bar zuweist. Seine kollek­tive Iden­tität wird spätestens dann zum bes­tim­menden Fak­tum.“ Nur wer Kul­tur als voll­ständig homogen (vul­go völkisch) ver­ste­ht, kann behaupten, dass die Einzel­nen bei einem solchen ominösen Ern­st­fall (der natür­lich nicht näher erläutert wird) ganz „unmit­tel­bar“ ihre Stel­lung ein­nehmen würden.

Ins­ge­samt dürfte das Pro­jekt ähn­lich einzuschätzen sein, wie Samuel Salzborn (2017) schon die deutsche Online-Zeitung „Blaue Narzisse“ beschrieben hat (wo Gerke selb­st beze­ich­nen­der­weise auch Autor war bzw. ist). Es han­delt sich dem­nach um ein Medi­um, das ein junges, noch nicht in recht­en Szenen ver­ankertes Pub­likum ansprechen möchte und somit als eine Art Türöffn­er für recht­sex­treme Pro­gram­matik fungieren soll. Es geht um eine möglichst nieder­schwellige und bre­it angelegte Ver­mit­tlung von Posi­tio­nen der Neuen Recht­en; insofern han­delt es sich, wie auch bei der Blauen Narzisse, um eine „Vor­feldin­sti­tu­tion für Agi­ta­tion und Pro­pa­gan­da, die eine Ein­stiegsmöglichkeit auf niedrigem intellek­tuellen Niveau, aber mit zen­tralen The­men und Strate­gien der Neuen Recht­en ermöglicht.“ (Salzborn 2017, 49)

Faz­it

Die skizzierten Bemühun­gen – Pro­fes­sion­al­isierung, Nor­mal­isierung, Intellek­tu­al­isierung – sind nicht neu, son­dern rei­hen sich in bere­its erprobte Strate­gien der Iden­titären ein. Als grundle­gende Aus­rich­tung fungiert das Konzept der „Metapoli­tik“. Dabei han­delt es sich um einen iden­titären Begriffs­fetisch, der auf die „Soft­ware“ des Poli­tis­chen zielt: Adressiert wird der zivilge­sellschaftliche Raum außer­halb oder vor der gen­uinen (also exeku­tiv­en, leg­isla­tiv­en und judika­tiv­en) Poli­tik. Es geht um eine langfristige Ein­flussnahme auf die poli­tis­che Kul­tur, wobei ganz bewusst ein ander­er Sprachge­brauch und eine andere Ästhetik zur Anwen­dung kom­men als beim klas­sis­chen Recht­sex­trem­is­mus (vgl. dazu aus­führlich: Goetz 2017, 104–109). Die drei besproch­enen Pro­jek­te sind Parade­beispiele für diese Vorge­hensweise; ihre behauptete Unab­hängigkeit ist angesichts der per­son­ellen Ver­strick­un­gen lächerlich.

Wir har­ren der Dinge, die da noch kommen.

Lit­er­atur

Goetz, Judith (2017): „…in die medi­ale Debat­te ein­drin­gen“. In: Goetz/Sedlacek/Winkler (Hg.): Unter­gang­ster des Abend­lan­des. Ide­olo­gie und Rezep­tion der recht­sex­tremen ‚Iden­titären’. Ham­burg: Mar­ta Press, S. 91–112

1Home­page der „Tagesstimme“, zulet­zt einge­se­hen am 20.06.2018
2Home­page anbruch.info, zulet­zt einge­se­hen am 20.06.2018

hier zu Teil I