‚radikal feminin’ — Die ‚Identitäre Bewegung’ und der (Anti)Feminismus

Vor unge­fähr ein­er Woche wurde die rechte Blo­gosphäre um das Pro­jekt ‘radikal fem­i­nin’ bere­ichert. Der Kampf im “Infokrieg”, in dem sich vor allem die Aktivist_innen um die ‘Iden­titäre Bewe­gung’ (IB) sehen, wird nun auch zum The­ma (Anti)Feminismus an der Blogfront ausgetragen.

Anni­ka S. tritt für den Blog nach außen hin auf. Sie ist laut Eige­naus­sage seit etwa einem Jahr Mit­glied der ‘IB Schwaben’, half im deutschen Bun­destagswahlkampf bei einem AfD-Info­s­tand aus und war in der Ver­gan­gen­heit des Öfteren in Wien. Zulet­zt besuchte sie den von der ‘IB Wien’ insze­nierten Fack­el­marsch am Kahlenberg.

In einem Inter­view mit Mar­tin Sell­ner ver­sucht S. mehr schlecht als recht zu erk­lären, dass Frauen* mit Kinder­wun­sch in der heuti­gen Gesellschaft geächtet wür­den und beruft sich dabei auf per­sön­liche Erfahrun­gen. Immer wieder spricht sie von der “wichti­gen Rolle”, die Frauen* in der Gesellschaft haben, bleibt dabei aber sehr vage. Es wirkt so, als würde sie ver­suchen das in recht­sex­tremen Kreisen beliebte The­ma der Bevölkerungspoli­tik und Demogra­phie, in Kom­bi­na­tion mit ras­sis­tis­chem Ressen­ti­ment, zu ver­mei­den. Die “wichtige Rolle der Frauen” bleibt daher unbestimmt.

Anni­ka S. beim Fack­el­marsch der ‚Iden­titären’ am Kahlen­berg, 9.9.2017 (mit fre­undlich­er Genehmi­gung von Thomas Witzgall)

Das Mar­tin Sell­ner Inter­esse an S. Blog find­et, liegt nicht zulet­zt daran, dass Frauen* in mehrfach­er Hin­sicht eine wichtige Rolle in dem von den ‘Iden­titären’ propagierten ‘großen Aus­tausch’ spie­len. Sie wer­den ein­er­seits als dessen Opfer gese­hen, als wehrlose Objek­te, die von den ‘triebges­teuerten Frem­den’ bedro­ht wer­den (gle­ichzeit­ig ist diese ras­sis­tisch kon­stru­ierte Bedro­hung die Grund­lage der ‘Iden­titären’ und ander­er Recht­sex­tremer sich als Beschützer der ‘weißen Frauen’ zu insze­nieren). Frauen* tra­gen ander­er­seits aber laut ‘Iden­titären’ auch eine ein­deutige Mitschuld am apok­a­lytisch beschwore­nen Bevölkerungsaus­tausch. Als Beispiel hier­für dient Mar­tin Sell­ner in einem sein­er Vlogs, die Tat­sache, dass “Frauen linkslib­erale und ein­wan­derungs­fre­undliche Parteien wählen”. Sie wür­den damit die Grund­lage dafür schaf­fen, dass “verge­walti­gende Aus­län­der­ban­den importiert” wür­den, denen die Frauen* dann wiederum zum Opfer fall­en, so Sell­ners krude Logik.

Zudem ist sein über­en­thu­si­astis­ches Fea­ture des Blog­pro­jek­ts auch mit der aktuellen Stag­na­tion der recht­sex­tremen Gruppe zu erk­lären. Abge­se­hen vom C‑S­tar-Desaster fehlt es den “Iden­titären” ger­ade an medi­en­wirk­samen Pro­jek­ten und Dynamik. Es wird immer offen­sichtlich­er, dass im Kern nur einige wenige Kad­er aktiv hin­ter den Struk­turen ste­hen und die junge, hippe Bewe­gung bloß eine Insze­nierung ist, ein Trug­bild, das sie dur­chaus geschickt geschaf­fen haben, aber weitab der Real­ität ihrer Struk­turen liegt. Pro­jek­te wie ‘radikal fem­i­nin’ sind das Feigen­blatt, das diese Tat­sache not­dürftig ver­ber­gen soll, auch deshalb wer­den die seicht­en Pam­phlete von den Kadern zur Zeit der­art über­trieben in Szene gesetzt.

Wenn wir nun einen Blick auf den ‘radikal fem­i­nin’ Blog wer­fen, fällt auf, dass Anni­ka S. dort ein wenig expliziter wird als im Inter­view. Die Con­clu­sio des Beitrags “Der pos­i­tive Schwanger­schaft­stest und das ver­meintliche Ende deines Lebens” liest sich so:

”Kinder bekom­men ist etwas so natür­lich­es und trotz­dem haben die meis­ten Frauen Angst davor, diese Angst müssen wir ihnen nehmen, son­st wird der demographis­che Wan­del weit­er seinen Weg gehen!
Abtrei­bung sollte nicht als nor­male Lösung eines Prob­lems betra­chtet werden.
Man muss darauf vor­bere­it­et wer­den Kinder zu bekommen.
Die Ein­stel­lung zur Auswahl der Sex­u­al­part­ner sollte wieder durch andere Werte bes­timmt wer­den als nur Attrak­tiv­ität und momen­tane Gelüste.
Es muss bezahlbar sein Kinder zu bekommen!”

Hier wird sehr wohl auf den “demographis­chen Wan­del” ver­wiesen und sug­geriert, dass Frauen* im Rah­men der ihnen zugedacht­en und als “natür­lich” kon­stru­ierten Rolle als Müt­ter einen wichti­gen Beitrag zu sein­er Ver­hin­derung zu leis­ten hät­ten. Was genau mit dem “demographis­chen Wan­del” gemeint ist, bleibt uner­wäh­nt und lässt Raum für Inter­pre­ta­tio­nen. Jeden­falls liege es in der ‘Natur der Frau’ Kinder zu bekom­men. Dem Wun­sch keine Kinder bekom­men zu wollen wird hier keine Berech­ti­gung eingeräumt.

Dies wird im fol­gen­den Absatz beson­ders deutlich:

“Als meine Groß­mut­ter in meinem Alter war hat­te sie bere­its ihr erstes Kind und es war sich­er alles andere als ein Dra­ma, ganz im Gegen­teil, es war ganz nor­mal mit Anfang zwanzig Kinder zu bekom­men, man war ver­heiratet, es gab geregelte Ver­hält­nisse und Dinge wie eine Abtrei­bung standen schlicht nicht zur Debat­te. Die Entschei­dung ob man das Kind bekom­men soll, oder nicht wurde einem prak­tisch von der Gesellschaft abgenommen.”

Die Entschei­dung, die in ein­er lib­eralen Gesellschaft von jed­er Frau* selbst(bestimmt) getrof­fen wer­den sollte, wird in dieser Darstel­lung ganz prak­tisch von der ‘Volks­ge­mein­schaft’ abgenom­men. Frauen* soll­ten nicht indi­vidu­ell über­legen, welche lebensverän­dern­den Kon­se­quen­zen eine Schwanger­schaft (und die Ver­ant­wor­tung für ein Kind) mit sich bringt und sich Gedanken darüber machen ob sie bere­it sind, diese Kon­se­quen­zen zu tra­gen. Das Bild der het­ero­nor­ma­tiv­en kon­ser­v­a­tiv­en Fam­i­lie wird als Heilmit­tel gegen die kom­plexe und indi­vid­u­al­isierte mod­erne Welt beschworen. Andere Lebensen­twürfe oder Geschlech­teri­den­titäten, die vom binären Geschlechter­mod­ell abwe­ichen, find­en in Anni­ka S. Vorstel­lung keinen Platz.

Übri­gens ist die Tat­sache, dass ein Schwanger­schaftsab­bruch im Deutsch­land der 40er oder 50er nicht zur Debat­te stand, vor allem dem Umstand geschuldet, dass der Kampf um das Recht auf Abtrei­bung zu dieser Zeit noch weit davon ent­fer­nt war erste, kleine Erfolge, wie die derzeit in Deutsch­land und Öster­re­ich gel­tende Fris­ten­lö­sung, zu ver­buchen. Das heißt also, dass die rechtliche Grund­lage für einen Schwanger­schaftsab­bruch damals schlicht nicht gegeben war und erst in der Folge von Feminist_innen müh­sam erkämpft wer­den musste.

Fack­el­marsch der ‚Iden­titären’ am Kahlen­berg, 9.9.2017 (mit fre­undlich­er Genehmi­gung von Thomas Witzgall)

Gle­ichzeit­ig stil­isieren sowohl Sell­ner als auch S. das für sie zen­trale Mod­ell der het­ero­nor­ma­tiv­en Kle­in­fam­i­lie zur bedro­ht­en und geschmäht­en Min­der­heit, die von der “Gen­deride­olo­gie” und dem Fem­i­nis­mus zum Haupt­feind erk­lärt wor­den wäre. Kinder wür­den auf­grund von Ego­is­mus und der Zurich­tung zu per­fek­ten Kon­sumentin­nen* keinen Platz mehr im Leben mod­ern­er Frauen* haben – die europäis­che Bevölkerung sei daher nur eine Gen­er­a­tion vom Ausster­ben ent­fer­nt – So weit das Unter­gangsszenario der “Iden­titären”.

In ein­er monoga­men Zweier­beziehung zu leben und Kinder zu bekom­men wird fol­glich zum radikalen Akt des Wider­standes gegen die Mod­erne verk­lärt. Auch hier bedi­enen sich die bei­den eines alt­bekan­nten Musters der extremen Recht­en, sich in ein­er gefährde­ten Posi­tion im hero­is­chen, selb­st- und alter­na­tivlosen­losen Kampf gegen eine Über­ma­cht zu insze­nieren. Von ihrem Erfolg machen sie nicht weniger als den Fortbe­stand der “europäis­chen Kul­tur” abhängig, den sie durch Migra­tion und eben den Rück­gang an Geburten akut gefährdet sehen.

Im zuvor erwäh­n­ten Inter­view mit Sell­ner kommt Anni­ka S. eben­falls auf das The­ma Abtrei­bung zu sprechen. Sell­ner geht wieder auf das Wahlver­hal­ten von Frauen* ein und kon­fron­tiert S.:

“Wenn bei allen ver­gan­genen Wahlen der let­zten 20 Jahre, Frauen kein Wahlrecht gehabt hät­ten, wären über­all rechte Parteien an die Macht gekom­men, dann gäbe es keine Massenein­wan­derung, keine Islamisierung und keinen großen Aus­tausch. Was sagst du als Frau dazu?”

Über­raschen­der­weise kon­tert die Blog­gerin damit, dass es dur­chaus The­men in der Poli­tik gäbe, die nur Frauen* betr­e­f­fen wür­den und bei denen Män­ner* nichts mitzure­den hät­ten, zum Beispiel das Abtrei­bungsrecht – Da ver­schlägt es selb­st Sell­ner die Sprache und er wird kurz still. Die Ablehnung von Abtrei­bun­gen und das gle­ichzeit­ige Fordern ihrer Legal­isierung ist eine Posi­tion, die bei mod­ernisierten Aus­prä­gun­gen des Recht­sex­trem­is­mus häu­fig anzutr­e­f­fen ist. Sie verdeut­licht die Wider­sprüch­lichkeit, mit der das The­ma (Anti)Feminismus in diesen Strö­mungen ver­han­delt wird.

Zusam­men­fassend lässt sich der Blog ‘radikal fem­i­nin’ von Anni­ka S. als ein Ver­such möglichst nieder­schwelliger und ober­fläch­lich­er Kri­tik am (vor allem post­mod­er­nen) Fem­i­nis­mus beschreiben.
Sie nimmt, meist in Form per­sön­lich­er Erfahrungs­berichte, Bezug auf aktuelle fem­i­nis­tis­che Debat­ten. Dabei wird allerd­ings nicht auf das klas­sis­che Begriffs-Reper­toire der ‘Iden­titären’ oder ähn­lich­er Grup­pen zurück­ge­grif­f­en, son­dern die Inhalte eher mit S. eige­nen Worten ver­mit­telt. Das führt dazu, dass die recht­sex­treme Ide­olo­gie der Autorin aus den Beiträ­gen nicht immer ein­deutig her­vorge­ht, wobei ihre Mit­glied­schaft bei den ‘Iden­titären’ wohl keinen Zweifel daran lässt. Die Gruppe wird jedoch am Blog oder der dazuge­höri­gen Face­book-Seite an kein­er Stelle dezi­diert erwäh­nt, so kann unbe­darften LeserIn­nen der ein­schlägige Hin­ter­grund des Pro­jek­tes leicht ver­bor­gen bleiben. Wie S. im Inter­view offen zugibt, soll der Blog außer­dem poli­tis­che Geg­ner­In­nen provozieren, das Pro­jekt und seine Posi­tio­nen ins Gespräch brin­gen. Einige Inhalte dienen laut ihrer eige­nen Aus­sage bloß diesem einen Zweck. Ins­beson­dere für Berichter­stat­tung darüber ist dieser Aspekt zu berücksichtigen.