Linz: Ein stinknormales Hetzposting

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Das Pos­ting der Frau begann mit einer War­nung und der Auf­for­de­rung, es doch zu tei­len. 347 Men­schen folg­ten der Auf­for­de­rung und ver­brei­te­ten die War­nung vor einer Frau in lan­gem, bun­tem Gewand und Kopf­tuch wei­ter. Angeb­lich woll­te die­se Frau der Pos­te­rin ihren vier Mona­te alten Sohn aus dem Kin­der­wa­gen ent­rei­ßen. Um die Glaub­wür­dig­keit der War­nung zu unter­strei­chen, ent­hielt sie den Hin­weis: Poli­zei ist ver­stän­digt. Die aber weiß nichts davon.

Es ist eine von den vie­len Mel­dun­gen, die unwi­der­spro­chen durch Face­book trans­por­tiert wer­den, weil man­che sie glau­ben möch­ten oder auch nur für mög­lich hal­ten. Dabei strotzt die Mel­dung von Vor­ur­tei­len, die nicht ein­mal ver­steckt, son­dern ganz offen prä­sen­tiert wer­den. Die denk­bar unprä­zi­se Per­so­nen­be­schrei­bung der angeb­li­chen poten­ti­el­len Kin­des­ent­füh­re­rin („lan­ges, bun­tes Gewand, Kopf­tuch. Frau etwas fes­ter“) wird prä­zi­se einer Eth­nie zuge­ord­net: „ich den­ke es war eine Zigeu­ne­rin (darf man zigeu­ner über­haupt noch sagen?)“.

Die sol­cher­ma­ßen beschrie­be­ne Täte­rin spricht zwar eigen­ar­ti­ger­wei­se Eng­lisch, aber die Pos­te­rin und mit ihr die 347 Men­schen, die das Pos­ting geteilt haben, sind über­zeugt, dass es sich um eine „Zigeu­ne­rin“ gehan­delt habe, die ihr „vor­hin“ das Kind ent­rei­ßen woll­te. Die ras­sis­ti­schen Kom­men­ta­re fol­gen auf dem Fuß: „Gschis­se­nes huan gsindl..“ und „Scheiß kra­wodn sau­na!!!!!!!“. Die könn­ten die Staats­an­walt­schaft interessieren.

An even­tu­ell Zwei­feln­de rich­tet sich die per­sön­li­che Bot­schaft der Pos­te­rin: „Lie­be Gut­men­schii­is.…. nein die frau war bestimmt nicht so nett das sie mir beim tra­gen hel­fen woll­te xD“, noch mehr aber der Hin­weis „Poli­zei ist ver­stän­digt“.

Wir haben des­halb bei der Poli­zei nach­ge­fragt und von der Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Ober­ös­ter­reich ziem­lich prompt fol­gen­de Aus­kunft erhalten:
Bei der gegen­ständ­li­chen ‚Geschich­te’ dürf­te es sich um eine Falsch­mel­dung han­deln. Weder beim Stadt­po­li­zei­kom­man­do in Linz noch bei der Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on OÖ ist ein der­ar­ti­ger Sach­ver­halt ange­zeigt wor­den“ (5.8.2016).

Was auch immer sich da „vor­hin“ am 28.7. irgend­wo in Linz abge­spielt hat, wer­den wir wohl nicht mehr erfah­ren. Eine ver­such­te Kin­des­ent­füh­rung durch eine „Zigeu­ne­rin“ war es mit Sicher­heit nicht. Der Freund der Pos­te­rin, Rapha­el W., ein dekla­rier­ter Rechts­extre­mer, pos­tet die Sto­ry zwar flei­ßig in ein­schlä­gi­ge Face­book-Grup­pen wie etwa „Club 3 Korn­blu­me“ oder „Heimat–Freiheit-Tradition“ wei­ter, wird aber selbst dort von ein­zel­nen Usern mit Fra­gen kon­fron­tiert („Poli­zei ver­stän­digt?“), die er nur aus­wei­chend beant­wor­ten kann.

2014 berich­te­te die „Stutt­gar­ter Zei­tung“ von sehr ähn­lich gestrick­ten Falsch­mel­dun­gen über Kin­des­ent­füh­rung, die sich in „Win­des­ei­le“ über die sozia­len Netz­wer­ke ver­brei­tet und dazu geführt haben, dass Eltern aus Angst („Die­se Leu­te neh­men sogar Kin­der aus Kin­der­wa­gen her­aus“) ihre Kin­der nicht mehr in den Kin­der­gar­ten schickten.