Dieter Egger (FPÖ) & Co: Blaue Hetze aus der Mottenkiste

Der Vorarl­berg­er FPÖ-Chef Dieter Egger veröf­fentlicht auf seinem per­sön­lichen Face­book-Kon­to einen Leser­brief aus der Kro­nen­zeitung. Unter dem Titel „Liebe Türken“ het­zt da ein Friedrich Leiss­er gegen alle Türken. Das kommt gut an bei den blauen FB-Fre­un­den von Egger. Nicht zum ersten Mal, denn der Leser­brief ist alt, sehr alt, die Het­ze funk­tion­iert aber wie neu.

„Gedanken eines Bürg­ers. Wie wahr!“ kom­men­tiert Egger knapp den fak­sim­i­lierten Leser­brief aus der „Kro­ne“. Ein Datum fehlt – aus gutem Grund. Der Inhalt des Leser­briefs kon­trastiert völ­lig mit dem Titel bzw. der Anrede „Liebe Türken!“. Wer da noch meint, der Schreiber des Leser­briefs wolle einen Dia­log, ein Gespräch mit den‘ lieben Türken‘, der liegt kom­plett falsch. Der Inhalt, teil­weise in Fra­gen gek­lei­det, ist voll von pauschal­isieren­den Unter­stel­lun­gen. Das begin­nt schon mit der ein­lei­t­en­den Frage: „Was ist es, das Euch unser schönes Land so ver­acht­en lässt?“ — Alle Türken ver­acht­en Öster­re­ich, das ist die total­isierende Unter­stel­lung, die in den fol­gen­den Sätzen fort­ge­set­zt und aus­ge­malt wird:

„Für die land­schaftliche Schön­heit habt Ihr kein Auge, für unsere Kul­tur habt Ihr keinen Sinn, für unsere Men­schen weigert Ihr Euch, Ver­ständ­nis aufzubrin­gen, unsere Män­ner sind Ungläu­bige, unsere Töchter sind leichte Mäd­chen. Wie mir einige von Euch auf den Kopf zusagten, kommt Ihr wegen unser­er Sozialleis­tun­gen und der Ver­di­en­st­möglichkeit­en“.

Die Öster­re­ich­er („unsere Men­schen“) wer­den in den fol­gen­den Sätzen in den wärm­sten Tönen geschildert. Wer sich in frei­heitlichen Foren umsieht oder FPÖ-Poli­tik beobachtet, ken­nt ein anderes Öster­re­ich als das geschilderte: “Wir ändern Verord­nun­gen, damit Ihr Eure Gewohn­heit­en auch bei uns leben kön­nt. Wir treten mancherorts für Euch zurück, um es für Euch hier bei uns lebenswert­er zu machen“ – Ach wirk­lich? Stich­wort „Daham statt Islam“ oder Bau von Moscheen!

Der Poli­tologe Rein­hold Gärt­ner von der Uni­ver­sität Inns­bruck hat den Leser­brief von Leiss­er als „ganz stark in eine ras­sis­tis­che Rich­tung“ gehend charak­ter­isiert und in einem Inter­view mit dem ORF Vorarl­berg so charak­tierisiert: „Eine eth­nisch definierte Bevölkerungs­gruppe werde mit neg­a­tiv­en Zuschrei­bun­gen charak­ter­isiert und zudem biol­o­gisiert, indem man von einem Volk spreche. Der Autor stellt in seinem Leser­brief etwa fest, dass alle Türken Öster­re­ich ver­achteten“.

Als Ras­sist will Egger dann aber doch nicht gel­ten. In ein­er weit­eren Stel­lung­nahme, die er auch auf seinem Poli­tik­er-Kon­to auf Face­book ver­bre­it­et, behauptet er, niemals davon gesprochen zu haben, dass alle Türken Öster­re­ich ablehnen wür­den. Natür­lich hat er! Wie lautete sein knap­per Kom­men­tar zu dem Het­zbrief von Leiss­er? „Wie wahr!“.

Aber warum veröf­fentlicht Egger den Leser­brief von Leiss­er, ohne das Datum der Veröf­fentlichung in der „Kro­ne“ anzugeben?

Der Leserbrief ist über 5 Jahre alt

Weil der Leser­brief aus dem Jahr 2009 stammt und in der „Kro­ne“ am 25.9. 2009 veröf­fentlicht wurde?


Kro­ne-Leser­brief, veröf­fentlicht am 25. Sep­tem­ber 2009
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Hat Dieter Egger damals vor fünf Jahren den Leser­brief aus der „Kro­ne“ aus­geschnipselt und in sein­er Brief­tasche ver­wahrt, um ihn bei der erst­besten Gele­gen­heit, die sich lei­der erst fünf Jahre später ein­stellte, noch ein­mal zu veröf­fentlichen? Weil er ihm damals so gut gefall­en hat, aber jet­zt doch nicht mehr so ganz?

Ziem­lich sich­er nicht! Denn der Leser­brief kur­siert bei den FPÖ-Spitzen wie ein Wan­der­pokal. Nach sein­er Erstveröf­fentlichung in der „Kro­ne“ tauchte er am 7. April 2013 auf dem FB-Kon­to von HC Stra­che auf — fak­sim­i­liert. Sein knap­per Kom­men­tar: “Guter Brief eines Bürg­ers!“. Fast schon über­flüs­sig zu erwäh­nen, dass auch Stra­che auf das Datum der Veröf­fentlichung in der Kro­ne „vergessen“ hat.

Die Reak­tion sein­er Fans erk­lärt alles, was danach fol­gte. Der Stra­che-Kom­men­tar mit Leser­brief wurde so oft geteilt wie kein ander­er auf Stra­ches Seite: die FB-Sta­tis­tik wies im Jän­ner 2014 mehr als 90.000 Teilun­gen aus. 182.106 Per­so­n­en gefiel das Post­ing und mehr als 62.000 gaben einen Kom­men­tar ab. Ob der Beitrag über bezahlte FB- Wer­bung gepusht wurde, wis­sen wir nicht.


Stra­che April 2013
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Was wir jeden­falls wis­sen: HC Stra­che gefiel das so sehr, dass er sich neuer­lich betätigte. Am 2. Okto­ber 2013 veröf­fentlichte er den Leser­brief zum zweit­en Mal — mit dem bedeu­tungss­chw­eren Zusatz: „Ein The­ma das sehr vie­len Men­schen zu denken gibt und in diesem Brief offen ange­sprochen wird“.


Stra­che Okto­ber 2013
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Obwohl die Kuh bere­its gemolken war, gab sie noch ein­mal kräftig Milch: mehr als 9.000 Per­so­n­en gefiel die Het­ze auch beim zweit­en Mal. 3.000 Kom­mentare und 2.000 Teilun­gen, das ist selb­st für Stra­ches FB-Kon­to über­durch­schnit­tlich – trotz­dem meilen­weit von der ersten Erre­gung entfernt.

Von der über­wälti­gen­den Erre­gung woll­ten natür­lich auch andere prof­i­tieren: noch am 7. April 2013 über­nahm die ziem­lich braune FB-Gruppe „Wir sind stolz Deutsche zu sein“ den Leser­brief samt Stra­che-Kom­men­tar. Das Resul­tat war auch auf diesem FB-Kon­to sehr ermuti­gend und weit über den üblichen Daten.

Da wollte der Stel­lvertreter Stra­ches Johann Gude­nus nicht zuwarten: am 2. Jän­ner 2014 veröf­fentlichte auch er. Wie es sich für einen treuen Jünger gehört, teilte er die Botschaft seines Vor­sitzen­den: kein eigen­er Kom­men­tar, daher auch kein Hin­weis darauf, dass der Leser­brief mit einem Alter von 5 Jahren mit­tler­weile schon fünf Jahre alt ist und bere­its zig­tausend­fach gemolken wurde. Das Post­ing ist mit­tler­weile nicht mehr aufzufind­en – es ist aber anzunehmen, dass es auch bei Gude­nus funk­tion­iert hat.


Gude­nus Jän­ner 2014
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Nach weit­eren zehn Monat­en ist jet­zt Egger dran: ein später Nachah­mer, der wie seine Vorgänger zu feig ist, darauf hinzuweisen, dass der Leser­brief schon einen lan­gen Bart hat. Der nicht erk­lären kann, warum er einen fünf Jahre alten Leser­brief aus der Mot­tenkiste holt, sich freudig zu ihm beken­nt („Wie wahr!“), um sich daraufhin halb­herzig von ihm zu distanzieren.