ÖPR (I): Die schlagenden Mittelschüler und ihre anachronistischen Praktiken

Die Schlacht bei Noreia ist der Bezugspunkt für ihre Zeitrechnung. Die Linzer Paukordnung (LPO), die die Regeln für alle „Ehrenangelegenheiten“ und Mensurbestimmungen von oberösterreichischen Mittelschulverbindungen enthält, ist datiert mit dem Jahr 2071. Das ist aber nicht die einzige Merkwürdigkeit dieser Paukordnung, die für etliche Mitgliedsverbände des Österreichischen Pennälerrings (ÖPR) noch immer gilt.

Im Jahr 113 vor Christus fand bei Noreia eine Schlacht zwischen Kimbern, Teutonen und Dambronen auf der einen und den römischen Truppen auf der anderen Seite statt, bei der die Römer vernichtend geschlagen wurden.

Was sind das für Menschen, die diese Schlacht als Beginn ihrer Zeitrechnung nehmen? Es handelt sich um die Delegierten der pennalen und fachstudentischen Korporationen Oberösterreichs, die im Jahr 2071 (-113 = 1958) in Linz zusammenkamen, um dort eine neue Paukordnung zu beschließen.

Jetzt ist es schon seltsam genug, dass sich Menschen bzw. Vereine aus Österreich auf eine Zeitrechnung beziehen, die die erste urkundliche Erwähnung germanischer Stämme in einer Schlacht zum Ausgangspunkt nimmt.

Noch seltsamer ist allerdings, worauf sich die Delegierten der „waffenstudentischen“ pennalen Verbindungen da im Jahr 1958 geeinigt haben. Auf Regeln, „nach denen alle Ehrenangelegenheiten, Reinigungs-, Freundschafts- und Bestimmungspartien unter Mittelschülern in Oberösterreich ausgetragen werden“.

Im 1. Hauptstück heißt es auch gleich:

„Die Waffenehre, d.h. das Recht, Genugtuung zu fordern und zu geben, besitzen alle Mittelschüler, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, sowie alle Personen, welchen der „Allgemeine Ehrenkodex“ die Waffenehre zuspricht“.

Nach dieser Regelung dürfen sich also auch 15-jährige Menschen, die einer dieser Verbindungen angehören, mit stumpfen bzw. halbstumpfen Säbeln prügeln, wenn sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlen.

Bevor wir uns in weiteren sicherlich spannenden Details wie etwa der Frage von Bestimmungs- und Reinigungsmensur verlieren, stellen wir die Frage: was kratzt uns eine skurrile vorgestrige Paukordnung heute im Jahr 2013, pardon: 2126?


Paukordnung der Gothia Wels

Man sollte meinen, die Paukordnung von 1958 hätte sich schon längst erledigt. Aber nach wie vor bekennen sich etliche Mitgliedsverbände des Österreichischen Pennälerrings (ÖPR) zu dieser merkwürdigen Regelung.

Auch der Parteichef der FPÖ, der ein Mitglied der Wiener pennalen Burschenschaft Vandalia ist, hat vor knapp 10 Jahren eine derartige Mensur, in diesem Fall Contrahage genannt, ausgefochten. Ein Foto mit nacktem Oberkörper, den Strache sonst gerne vorzeigt, gibt es leider nicht von dieser Säbelpartie. Das „Salzburger Fenster“ berichtete damals aus Burschenschafterkreisen, dass Strache „ordentlich einen aufgelegt bekommen“ habe.


Nicht der Strache: Mittelschüler nach dem Verprügeln mit stumpfen bzw. halbstumpfen Säbeln.

Nun könnte man einwenden, dass Strache zum Zeitpunkt seines „Ehrenhandels“ als erwachsener Mensch gegolten hat und es ihm und seinem Gegner freisteht, welche Art von Freizeitbetätigung sie gemeinsam pflegen. Ziemlich bedenklich ist hingegen das offensichtlich ernstgemeinte Argument des freiheitlichen Abgeordneten und pennalen Burschenschafters Elmar Podgorschek, wonach das Fechten zwar anachronistisch sein könnte, aber in der katholischen Kirche ja auch noch Selbstgeißelungen praktiziert würden.

Im Unterschied zu den Selbstgeißlern von Opus Dei sind die pennalen Verbindungen über ihren Dachverband ÖPR nämlich eine von der Bundesregierung anerkannte Jugendorganisation, die für ihre merkwürdigen anachronistischen Praktiken auch noch mit staatlichen Subventionen in nicht geringer Höhe belohnt werden.

Teil II: Stattliche staatliche Kohle

derstandard.at – 400.000 Euro Jugendförderung für Burschenschaften