Graz: Unabsichtliche Schläge oder Blutrausch?

Der Prozess am Grazer Landesgericht wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung durch acht vermutliche Neonazis geht in die letzte Verhandlungswoche. Obwohl faktisch an jedem Verhandlungstag die Sprüche und Grölereien der acht Angeklagten zur Sprache gekommen sind, wird in dieser Woche das Gericht nur über die Begleitdelikte ein Urteil fällen. Der Schwurgerichtsprozess wegen NS-Wiederbetätigung mit erweiterter Angeklagten-Runde wird danach folgen.

Die Angeklagten haben sich zum Großteil darauf verlegt, am Klo, vor der Tür oder ganz woanders gewesen zu sein, als die brutale Schlägerei im Lokal Zeppelin stattfand. Auch an zwei Unbekannte, die die wirklichen Schläger gewesen sein sollen, konnte man sich dunkel erinnern. Die vielen Zeugen, die bisher einvernommen wurden, konnten sich allerdings ziemlich gut erinnern, obwohl die Angst und die Traumatisierung bei einigen noch tief sitzen. Der Richter schließt dann die Angeklagten von der Befragung aus – die Angeklagten lachen laut vor der Tür, während im Verhandlungssaal „Zeugen vom ‚Blutrausch‘ der Männer mit gewachsten Scheiteln und einheitlichen Neonazi-Leiberln erzählen“ (Der Standard, 24.3.2012).

Zuletzt wurden die Vorfälle beim Public Viewing am Karmeliterplatz im Juni 2010 verhandelt. Hans Peter A., der damals einem Begleiter von Werner Kogler (Grüne) mit dem Ellbogen das linke Jochbein zertrümmerte und mit einem Faustschlag auf das gebrochene Jochbein nachsetzte, versuchte eine andere Verteidigungsstrategie: „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn geschlagen habe… vielleicht ist es im Vorbeigehen passiert“, erklärte er dem Gericht, und dann: “Wenn ich ihn geschlagen hab, dann war das unabsichtlich!“ (Krone Stmk, 24.3.2012).

Der Staatsanwalt hat übrigens am Freitag die Anklage gegen Richard P. ausgeweitet. Er war auch bei einer Fronleichnamsprozession ausfällig geworden und hat sich deshalb einen weiteren Anklagepunkt wegen Herabwürdigung religiöser Lehren eingehandelt.

derstandard.at – Viele Zeugen und Verletzte, wenig Reue
derstandard.at – „Diese Brutalität hat mich schockiert“