WSL(II): Spaltung und faktisches Ende

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Der Welt­bund zum Schutz des Lebens ( WSL) ist in den 70er und 80er Jah­ren unter­schied­li­che Wege gegan­gen in Öster­reich und Deutsch­land. Die deut­sche WSL-Sek­ti­on wur­de 1985 aus dem inter­na­tio­na­len Dach­ver­band wegen Rechts­extre­mis­mus aus­ge­schlos­sen und drif­te­te in die Neo­na­zi- und Holo­caust-Leug­ner-Sze­ne ab, bevor sie sich auf­lös­te. Einen “Welt”bund gibt es heu­te nicht mehr.

Schwab ver­such­te in dem hef­ti­gen Streit in der deut­schen Sek­ti­on zu inter­ve­nie­ren und erklär­te, dass „allen Funk­tio­nä­ren des WSL bedin­gungs­los unter­sagt wer­den muss, in der Öffent­lich­keit münd­lich oder schrift­lich Erklä­run­gen oder Bekennt­nis­se abzu­ge­ben, die als ten­den­zi­ös, ras­sis­tisch, natio­na­lis­tisch (chau­vi­nis­tisch) oder par­tei­po­li­tisch ver­stan­den oder miss­ver­stan­den wer­den kön­nen“.

Auch die Beschwö­rung von Schwab, „dass der WSL sich ein für alle­mal von den im Namen des Natio­nal­so­zia­lis­mus began­ge­nen Unmensch­lich­kei­ten und Ver­bre­chen aus­drück­lich und nach­drück­lich distan­ziert“, konn­te die neo­na­zis­ti­sche Ent­wick­lung des deut­schen WSL nicht mehr abbrem­sen und führ­te 1985 zum Aus­schluss des deut­schen WSL aus dem inter­na­tio­na­len Dach­ver­bands wegen rechts­extre­mer Ten­den­zen. Der deut­sche WSL ver­lor in der Fol­ge die meis­ten sei­ner Mit­glie­der und den Sta­tus der Gemein­nüt­zig­keit und lös­te sich 2001 auf. Das mit dem WSL‑D über Wer­ner Georg Haver­beck (+ 1999) und des­sen Frau Ursu­la Haver­beck ver­bun­de­ne Col­le­gi­um Huma­n­um, eine neo­na­zis­ti­sche Lehr­stät­te für Holo­caust­leug­ner, wur­de 2008 nach einer Ver­bots­for­de­rung der Grü­nen, der Links­frak­ti­on und des Zen­tral­ra­tes der Juden von den deut­schen Behör­den ver­bo­ten und aufgelöst.

Der Ver­such Schwabs, über sei­ne Auto­ri­tät das brau­ne Trei­ben im WSL- Deutsch­land zu stop­pen, war geschei­tert und zwei­fel­los eine sei­ner größ­ten Nie­der­la­gen. Weder der zum Zeit­punkt des Aus­schlus­ses schon 80-jäh­ri­ge Schwab noch der WSL- Öster­reich haben die Geschich­te des WSL und sei­ner ideo­lo­gi­schen Ver­satz­stü­cke auf­ge­ar­bei­tet. Der öster­rei­chi­sche WSL beschränk­te sich in den Fol­ge­jah­ren weit­ge­hend auf die Arbeit im Anti-Atom-Bereich. Schwab stand einer glaub­haf­ten Distan­zie­rung immer wie­der selbst im Weg. Aber als er mit 90 Jah­ren das ras­sis­ti­sche Inter­view im Eck­art­bo­ten gab, war er seit 20 Jah­ren nicht mehr Prä­si­dent des WSL- Ö!. Das Schwab- Pro­jekt eines “Welt”bundes zum Schutz des Lebens ist über den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zerfallen.


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Was hat nun die Ent­wick­lung des deut­schen WSL mit dem WSL‑Ö und dem mas­si­ven Vor­wurf an Lan­des­rat Rudi Anscho­ber und den Grü­nen zu tun?

Der WSL‑Ö hat vor über 25 Jah­ren einen kla­ren Trenn­strich zum WSL‑D gezo­gen, hat es aber ver­ab­säumt, sei­ne eige­ne Geschich­te auf­zu­ar­bei­ten. Auch hat das Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv (DÖW) in sei­ner Ana­ly­se des WSL‑Ö klar in sei­ner Zusam­men­fas­sung herausgearbeitet:

„Die oben ange­führ­te Kri­tik am WSL‑Ö als eine Orga­ni­sa­ti­on, die dem Vor­feld des Rechts­extre­mis­mus zuzu­zäh­len ist, hat­te zwi­schen 1960 und 1986 (Her­vor­he­bung SDR) ihre Berech­ti­gung. Ab Mit­te der 1980er Jah­re las­sen sich kei­ne Anhalts­punk­te für eine der­ar­ti­ge Ver­or­tung mehr fin­den. Auch die Ana­ly­se des dem DÖW im Früh­jahr 2010 über­mit­tel­ten Mate­ri­als (aus dem Lan­des­ar­chiv OÖ) ergab kei­ne neu­en Anhalts­punk­te für eine Cha­rak­te­ri­sie­rung des WSL‑Ö als rechts­extrem oder als dem Vor­feld des Rechts­extre­mis­mus zuge­hö­rig. Seit den frü­hen 1990er Jah­ren hat der WSL‑Ö zudem kei­ne wahr­nehm­ba­ren Akti­vi­tä­ten (auch publi­zis­ti­scher Natur) mehr gesetzt, viel­mehr han­delt es sich nach den Wor­ten Schwabs seit damals um einen „wenig bedeu­ten­den Verein“1 . Die­se Bedeu­tungs­lo­sig­keit erschwert eine poli­ti­sche Ver­or­tung“. (DÖW, Der WSL‑Ö und sein Ver­hält­nis zum Rechtsextremismus)

Wegen der wei­ter oben ange­führ­ten Fak­ten (Aus-und Über­trit­te von deut­schen WSL-Mit­glie­dern, der Distan­zie­rungs­er­klä­rung von Schwab bzw. Aus­schluss des WSL-Deutsch­land wegen Rechts­extre­mis­mus) ist die Ver­knüp­fung, die der Ver­ein „Anti­atom-Sze­ne“ vor­nimmt, unred­lich: vom deut­schen WSL führt kei­ne direk­te Ver­bin­dung zum WSL‑Ö, schon gar nicht zu Rudi Anschober!

Die Ver­su­che, den grü­nen Lan­des­rat anzu­pat­zen, ken­nen offen­sicht­lich kei­ne Gren­zen, nicht ein­mal die des Straf­rechts. In einer Mail an die Grü­nen begrün­det die Grup­pe „Resis­tance for Peace“ die For­de­rung nach sofor­ti­gem Par­tei­aus­schluss von Anscho­ber so:

„Zum wie­der­hol­ten male wer­det ihr infor­miert, dass Rudi Anscho­ber mit Holo­caust­leug­nern dienst­lich Kon­tak­te hält und zusam­men­ar­bei­tet. Die Fak­ten betref­fend Witz­any /WSL, Atom­stopp OÖ sind klar beleg­bar und nicht schönzureden.“

Das ist in sei­ner Dreis­tig­keit kaum mehr zu unter­bie­ten! Damit wird nicht nur Rudi Anscho­ber ein „dienst­li­cher Kon­takt“ zu Holo­caust-Leug­nern unter­stellt, son­dern über die asso­zia­ti­ve Ket­te Col­le­gi­um Huma­n­um – WSL Deutsch­land – WSL Öster­reich auch des­sen Obmann Fried­rich Witz­any zum Holo­caust-Leug­ner erklärt!

Witz­any, der seit 1972/73 Mit­glied des WSL‑Ö ist, ist der­zeit Prä­si­dent des kaum öffent­li­chen Ver­eins in Öster­reich. Fried­rich Witz­any hat in den spä­ten 70er und frü­hen 80er Jah­ren tat­säch­lich Tex­te in der rechts­extre­men Zei­tung Fana­le der Zeit publi­ziert. Das DÖW stellt dazu fest, dass „zumin­dest die im DÖW auf­lie­gen­den Exem­pla­re die­ser Zeit­schrift (…) jedoch kei­ne Tex­te Witz­anys (ent­hal­ten), die als rechts­extrem zu qua­li­fi­zie­ren wären“. Einen Auf­tritt 1986 beim „Dich­ter­stein“ des 1998 wegen neo­na­zis­ti­scher Umtrie­be behörd­lich auf­ge­lös­ten Ver­eins Dich­ter­stein Offen­hau­sen bezeich­ne­te Witz­any spä­ter als Feh­ler und Dumm­heit. Witz­any trug damals das Refe­rat eines ande­ren WSL-Funk­tio­närs vor, das „kei­nen rechts­extre­men Cha­rak­ter aufwies“(DÖW). Klar geht aus der Stel­lung­nah­me des DÖW her­vor, dass sich seit Mit­te der 80iger Jah­re –also seit dem Refe­rat beim Dich­ter­stein Offen­hau­sen – kei­ne Anhalts­punk­te für eine Cha­rak­te­ri­sie­rung des WSL Öster­reich als rechts­extrem oder als dem Vor­feld des Rechts­extre­mis­mus zuge­hö­rig erge­ben haben. Seit den frü­hen 1990iger Jah­ren hat der WSL- Öster­reich zudem kei­ne wahr­nehm­ba­ren Akti­vi­tä­ten (auch publi­zis­ti­scher Art) mehr gesetzt.

Wie eini­ge ande­re auch war Witz­any poli­tisch in der Umge­bung der VGÖ (Ver­ein­te Grü­ne Öster­reichs) gelan­det. Die öster­rei­chi­sche Anti-Atom­sze­ne der 70er Jah­re war damals äußerst hete­ro­gen in ihrer poli­ti­schen Zusam­men­set­zung und umfass­te von den mao­is­ti­schen bis hin zu kon­ser­va­ti­ven und rech­ten lebens­schüt­ze­ri­schen Grup­pie­run­gen ein brei­tes Spek­trum. Nach dem Erfolg der Volks­ab­stim­mung über das AKW Zwen­ten­dorf began­nen die ers­ten Par­tei­bil­dungs­pro­zes­se, die sich aus der hete­ro­ge­nen Umwelt­schutz­sze­ne, der Frie­dens­be­we­gung und wei­te­ren alter­na­ti­ve Sze­nen speis­te. Die VGÖ war die rech­te Alter­na­ti­ve zur Alter­na­ti­ven Lis­te Öster­reichs. In eini­gen Bun­des­län­dern gab es in den Anfän­gen der Grü­nen gemein­sa­me Kan­di­da­tu­ren von ALÖ und VGÖ, die auf­grund poli­ti­scher Dif­fe­ren­zen zumeist rasch wie­der zer­fie­len. Die poli­ti­sche Grup­pie­rung VGÖ konn­te noch einen Man­da­tar auf der Natio­nal­rats­lis­te der Grü­nen im Jahr 1986 unter­brin­gen, der aber nach eini­gen Kon­flik­ten aus dem Grü­nen Klub aus­ge­schlos­sen wur­de (Josef Buch­ner war aber sicher kein Rechts­extre­mer). Das war im wesent­li­chen auch das Ende der VGÖ, die spä­ter noch als Bür­ger­li­che Grü­ne Öster­reichs (BGÖ) zu reüs­sie­ren ver­such­ten. Eini­ge Akti­vis­ten, die die VGÖ mit­ge­tra­gen haben, lan­de­ten bei den Grü­nen, so auch Witzany.

Der Vor­wurf, der ihm und dem Rest des WSL‑Ö heu­te gemacht wer­den muss, sind nicht sei­ne frü­he­ren Kon­tak­te oder ein Refe­rat vor 25 Jah­ren (an dem auch das DÖW nichts Rechts­extre­mes gefun­den hat), son­dern die feh­len­de Bereit­schaft (oder ist es Erschöp­fung?) des WSL‑Ö, sich mit sei­ner Geschich­te aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ver­mut­lich wür­de aber nicht ein­mal das an den dif­fa­mie­ren­den Vor­wür­fen gegen ihn und Rudi Anscho­ber etwas ändern.