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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 4 Minuten

Der Exzess eines Jungblauen

Mar­kus Ripfl ist etwas ganz Schreck­li­ches auf­ge­fal­len. Der RFJ-und FPÖ-Funk­tio­när, dem der Küh­nen­gruß selbst dann noch fremd ist, wenn er ihn selbst zeigt, will einen „Alko­hol­ex­zess“ bemerkt haben. Na und, ist doch eher üblich bei Bur­schen­schaf­tern wie Ripfl, oder? Aber Ripfl will den Exzess ja nicht bei Bur­schen­schaf­tern, son­dern bei Flücht­lin­gen fest­ge­stellt haben! Und eigent­lich hat er nichts selbst fest­ge­stellt, son­dern nur etwas gehört.

15. Dez. 2015

Wann immer Rechts­extre­me und Neo­na­zis auf­mar­schier­ten, die auf­stre­ben­de blaue Nach­wuchs­kraft Mar­kus Ripfl war ger­ne dabei – zuletzt beim brau­nen Auf­marsch am Deser­teurs­denk­mal. Der Jung­blaue hat­te bei die­sen Demos reich­lich Mög­lich­kei­ten, sich über die prak­ti­sche und theo­re­ti­sche Bedeu­tung der drei gespreiz­ten Fin­ger zu infor­mie­ren. Aus ers­ter Hand sozu­sa­gen. Nicht aus ers­ter Hand, son­dern über Hören­sa­gen will Ripfl von einem „Alko­hol­ex­zess“ im Flücht­lings­heim in Deutsch-Wagram erfah­ren haben und reagier­te so, wie eben nur Frei­heit­li­che reagie­ren kön­nen: „Wer sich nicht inte­grie­ren will und sich nicht zusam­men­reißt, für den kann es nur ab nach Hau­se gehen!“

Die­ser Satz des Mar­kus Ripfl wird nur durch sei­ne vie­len Wider­sprü­che zusam­men­ge­hal­ten – und das ist durch­aus zurück­hal­tend for­mu­liert. Da for­dert aus­ge­rech­net ein Bur­schen­schaf­ter, des­sen Ver­band sich neben Rechts­extre­mis­mus nur dadurch aus­zeich­net, dass viel, sehr viel gesof­fen wird, dass sich die ande­ren, die Flücht­lin­ge zusam­men­rei­ßen sol­len. Sonst, so Ripfl, geht’s ab nach Hau­se! An die­sem Satz erstaunt nicht nur sei­ne bei­läu­fi­ge Bös­ar­tig­keit, son­dern auch die expli­zi­te Dumm­heit. Wohin will Ripfl „Inte­gra­ti­ons­un­wil­li­ge“ denn zurück­schi­cken? Nach Sau­di-Ara­bi­en? Afgha­ni­stan? Syri­en? Iran? Nach­dem sie vor Dschi­ha­dis­ten, Mul­lahs oder frömm­le­ri­schen Sala­fis­ten geflo­hen sind? Wor­in besteht die „Inte­gra­ti­ons­un­wil­lig­keit“ laut Ripfl? Dass ein Jugend­li­cher, der mög­li­cher­wei­se noch nie Alko­hol getrun­ken hat und des­halb die Wir­kun­gen nicht ein­schät­zen kann, in einem Land, das welt­weit Spit­ze beim Alko­hol­ver­brauch ist, Alko­hol trinkt?

Seit es die Ein­rich­tung für unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge in Deutsch-Wagram gibt, wird sie von den Blau­en im Bezirk ange­fein­det. Kin­der und Jugend­li­che, die vor Krieg und Ter­ror geflüch­tet sind, wer­den von den Blau­en gene­rell als poten­zi­el­le Dschi­ha­dis­ten ver­däch­tigt und von Mar­kus Ripfl zusätz­lich noch als „ach so trau­ma­ti­sier­te Asyl­wer­ber“ verspottet.


Alko­hol­ex­zess von schlecht inte­grier­ten Burschenschaftern

Der Ver­ein „Wagram hilft“, der die Jugend­li­chen in dem ehe­ma­li­gen Kin­der­gar­ten in der Fabrik­stra­ße betreut, steht vor­bild­lich hin­ter den Jugend­li­chen und hat auch eine aus­führ­li­che und aus­ge­zeich­ne­te Stel­lung­nah­me zu dem angeb­li­chen „Alko­hol­ex­zess“ abgegeben.

Uns inter­es­siert aber noch etwas: Wie kommt Ripfl zu sei­nen angeb­li­chen Infor­ma­tio­nen über den angeb­li­chen „Alko­hol­ex­zess“. Und was ist unter einem „Alko­hol­ex­zess“ zu ver­ste­hen? Unter einem Alko­hol­ex­zess wird übli­cher­wei­se eine Situa­ti­on beschrie­ben, bei der meh­re­re Men­schen sehr viel Alko­hol zu sich neh­men. Es ist, zuge­ge­ben, eine unge­naue Defi­ni­ti­on. Wür­de man eine wört­li­che Über­set­zung von Exzess („Über­schrei­tung“) ver­wen­den, so wäre ein beträcht­li­cher Teil Öster­reichs per­ma­nent im Exzess. Dem Ripfl geht es um einen ande­ren Exzess – den Wer­tungs­exzess. Nie­mand kann ihn dar­an hin­dern, Exzess zu schrei­en, auch wenn dahin­ter nur eine Alko­hol­un­ver­träg­lich­keit oder ein­fach eine Bewusst­lo­sig­keit stünde.

Fakt ist, dass am Don­ners­tag der Vor­wo­che die Ret­tung in das Heim der jun­gen Flücht­lin­ge geru­fen wur­de und dabei auch die Poli­zei anwe­send war. Der Ver­ein „Wagram hilft“ hat dafür auch eine ein­fa­che Erklärung:

Die Anwe­sen­heit der Poli­zei resul­tier­te dar­aus, dass auf­grund der Erkran­kung eines Jugend­li­chen schon mehr­mals die Ret­tung geru­fen wer­den muss­te. Die­se hat schein­bar die Poli­zei gebe­ten, sie zu beglei­ten. Das ist eine Vor­sichts­maß­nah­me, es war bis­her kei­ner­lei Ein­schrei­ten der Exe­ku­ti­ve notwendig!

Ripfl rei­chen sol­che Erklä­run­gen nicht. „Von Sei­ten des Roten Kreu­zes wur­de uns bestä­tigt, dass die Ret­tung wegen über­mä­ßi­gem Alko­hol­kon­sum aus­rü­cken muss­te“, schreibt er auf Face­book. Dar­auf­hin fra­gen ihn eini­ge, wer „uns“ ist und wie denn das „Rote Kreuz“ so etwas bestä­ti­gen kön­ne, was es gar nicht bestä­ti­gen dür­fe. Das Rote Kreuz wehrt sich gegen Ripfls Inter­pre­ta­ti­on. Die Bezirks­stel­le Gän­sern­dorf schreibt:

Das Öster­rei­chi­sche Rote Kreuz, LV NÖ, Bez.St. Gän­sern­dorf teilt hier­zu mit, dass es weder eine Anfra­ge von Herrn Ripfl gege­ben hat noch eine offi­zi­el­le Bestä­ti­gung des o.g. Sach­ver­halts. Aus die­sem Grund distan­zie­ren wir uns von der Aus­sa­ge „Von Sei­ten des Roten Kreu­zes wur­de uns bestä­tigt, dass die Ret­tung wegen über­mä­ßi­gem Alko­hol­kon­sum aus­rü­cken musste”.

Etwas spä­ter dann gibt’s auch noch eine Stel­lung­nah­me des Lan­des­ver­ban­des, in der es heißt: „Wir konn­ten auch nach inter­ner Recher­che nicht nach­voll­zie­hen wie Sie oder der Anru­fer zu die­sen Infor­ma­tio­nen bzw. Mut­ma­ßun­gen gekom­men sind.“

Was küm­mert das einen Jung­blau­en? Der fin­det auch nichts dabei, dass er sei­ne „Infos“ über den Ret­tungs­ein­satz angeb­lich von einem Bekann­ten, den Ripfl zum Anruf ani­miert haben will, erhal­ten hat. Der „Bekann­te“ darf natür­lich anonym blei­ben , wäh­rend die jugend­li­chen Flücht­lin­ge an den Pran­ger gestellt wer­den. Unter­stüt­zung fin­det Ripfl bei „heu­te“, wo als „Beweis“ für den „Alko­hol­ex­zess“ der Screen­shot einer SMS „Bewusst­los Flücht­lings­heim“ her­hal­ten muss.

Die pas­sen­de Ant­wort an Ripfl und Co. gibt der Pos­ter Rai­ner H.: „ Als hät­ten wir nicht genug Pro­ble­me, ver­suchts ihr Brän­de mit Ben­zin zu löschen, die ihr vor­her selbst gelegt habt.“

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