Treffpunkt Eisenach: Rechts sein, schweigen, abschotten
Vom 27. bis 31. Mai 2026 traf sich die „Deutsche Burschenschaft“ in Eisenach (Thüringen) zum alljährlichen Burschen- und Altherrentag. Rund 300 Burschenschafter sollen teilgenommen haben. Der Dachverband beschreibt sich selbst als Zusammenschluss von rund 4.500 Mitgliedern in 66 Burschenschaften in Deutschland und Österreich. Eisenach ist daher auch Treffpunkt des österreichischen deutschnationalen Schmiss-Milieus.
Spiegel TV versucht, Burschenschafter zu interviewen. Sobald die Fragen konkreter werden, endet die Auskunftsfreude. Das Kamerateam wird vom Gelände verwiesen, Nachfragen werden abgeblockt.
Ein Teilnehmer ordnet sich auf Nachfrage politisch „sehr rechts“ ein. Auf die Frage, ob er für die Vorstellung einer weißen Rasse stehe, antwortet ein anderer: „Immer.“ Wie bestellt, dokumentiert Spiegel TV eine White-Power-Geste am Rand des Treffens. Das „dokunetzwerk rhein main“ fotografierte einen weiteren Teilnehmer mit der White Power-Geste: Andreas Hinteregger. Identitärer, Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Teutonia Wien und parlamentarischer Mitarbeiter der FPÖ.

Neonazis & AfD
Die Erlanger Burschenschaft Frankonia führt derzeit den Vorsitz des Dachverbands „Deutsche Burschenschaft“ (DB). Der Bayerische Verfassungsschutz beobachtet die Frankonia wegen zahlreicher Verbindungen in die rechtsextreme Szene. Philipp Compte, Frankonia-Bundesbruder und Vorsitzender des DB, wird in Eisenach mit seiner Reise zum „Tag der Ehre“ in Budapest konfrontiert, wo Neonazis aus Europa Wehrmacht und Waffen-SS verherrlichen. Spiegel TV zeigt außerdem Aufnahmen aus dem Umfeld des Erlanger Verbindungshauses: Unter den Besuchern befindet sich Thorsten Kokula, Landeschef der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ in Bayern. Antworten von Compte oder der Frankonia bleiben aus.
Die AfD durchzieht die Reportage als parlamentarischer Arm dieses Milieus. Benjamin Nolte, AfD-Landtagsabgeordneter in Bayern, ist beim Burschentag anwesend, möchte dort aber als „deutscher Burschenschaftler“ angesprochen werden. Benjamin Steiner aus Rheinland-Pfalz taucht ebenfalls auf. Ebenfalls Kevin Dorow, AfD-Nachwuchspolitiker aus Schleswig-Holstein. Er gehört der Hamburger Germania an und ist Schriftleiter der „Burschenschaftlichen Blätter“, des Zentralorgans der DB.. In seiner Rede bei der Gründungsveranstaltung der neuen AfD-Parteijugend verwendete Dorow die Hitlerjugend-Parole „Jugend muss durch Jugend geführt werden“; die Staatsanwaltschaft prüft die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Die Messerattacke von Bingen
Schweigsam geben sich die Burschenschafter in Eisenach auch zum Fall Florian K. Der hatte 2023 Leon L., selbst Mitglied einer liberalen, nichtschlagenden Verbindung, in Bingen (Rheinland-Pfalz) mit einem Messer angegriffen. K. war damals Teil der Marburger Burschenschaft Rheinfranken, ebenfalls Mitglied im DB. Das Landgericht Mainz verurteilte K. drei Wochen vor dem Burschentag wegen versuchten Totschlags zu viereinhalb Jahren Haft; die Verteidigung legte Revision ein. Der Täter habe zuerst ein NS-Propaganda-Lied abgespielt und später mehrfach zugestochen – in Tötungsabsicht, wird vom Gericht festgestellt. Verteidigt wurde K. von Björn Clemens, einem Burschenschafter der Rheinfranken und in der Szene bekannten Neonazi-Anwalt. In Eisenach wird Dorow zum Fall befragt.
Spiegel TV: Wie haben Sie das denn innerhalb der Burschenschaft diskutiert?
Dorow: Warum sollten wir das innerhalb der Burschenschaft diskutieren?
Deutschlandlied im Fackelschein
Am Ende marschieren die Burschenschafter mit Fackeln zum Denkmal. Ein Ordner aus der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn behindert die Presse. Spiegel TV konfrontiert ihn mit Fotos eines White-Power-Grußes und seiner mutmaßlichen Teilnahme bei einer Sonnwendfeier der Jugendorganisation der neonazistischen Partei „Die Heimat“. „In Eisenach weicht der stramm rechte Burschenschaftler Nachfragen dazu aus.“
Beim Burschenschaftsdenkmal auf der Eisenacher Göpelskuppe erklingt die erste Strophe des Deutschlandlieds, seit 1945 ein deutschnationales Signal mit schwerer historischer Belastung. Damit und der Feststellung, „Ein verstörendes Schauspiel, genau wie der Einklang aus Burschen, AfD und Neonazis“, endet die Reportage.
Die Burschentage – Kaderschmiede der neuen Rechten (Spiegel TV 2026, 15‘)
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