Am 10. März vermeldete die Landespolizeidirektion Niederösterreich in einer Presseaussendung einen tödlichen Unfall:
Ein 65-Jähriger ist am Montag bei Holzschlägerungsarbeiten in Melk getötet worden. Beim Fällen einer Esche dürfte der Stamm auf den Einheimischen gefallen sein, berichtete die Polizei am Dienstag in einer Aussendung. Als der Mann abends nicht nach Hause kam, wurde er im Wald leblos gefunden. Die Notärztin konnte nur mehr den Tod des 65-Jährigen feststellen. (noen.at, 10.3.26)
Die „Kronen Zeitung“ (10.3.26) konstruierte daraus den Unfall eines „Forstarbeiters“, der von seiner Arbeit nicht nach Hause gekommen war. Drei Wochen später, am 2. April, lief in Anzendorf (Bezirk Melk) ein größerer Einsatz an, der in ersten Meldungen als Hausdurchsuchung mit Waffen‑, Munitions- und Sprengmittelfund beschrieben wurde
„Heute“ (2.4.26) berichtete von einer Hausdurchsuchung bei einem pensionierten Polizisten, von Feuerwehr, Rotem Kreuz und augenscheinlich auch Spezialkräften vor Ort. „Dabei wurden Waffen, Sprengmittel, mehrere Gegenstände aus dem Haus sichergestellt und abtransportiert, wie Polizeisprecher Johann Baumschlager gegenüber ‚Heute‘” bestätigte.“ Auch der „Kurier“ (2.4.26) schrieb, es seien Waffen, Munition und Sprengmittel sichergestellt worden, die schließlich durch den Entschärfungsdienst abtransportiert worden seien.
Recherchen von Stoppt die Rechten zeigen, dass die Spur zu dem am 9. März von einem Baum erschlagenen Mann führt: dem Ex-Polizisten und langjährigen AUF-Funktionär R. Erklärungsbedürftig ist, weshalb ein derartiger Einsatz kurz darauf in den „Niederösterreichischen Nachrichten“ (6.4.26) kommunikativ auf das Format einer gewöhnlichen Verlassenschaftsabwicklung geschrumpft wurde:
Dabei handelte es sich aber nicht, wie ursprünglich berichtet, um eine Hausdurchsuchung, wie Bezirkspolizeikommandant Thomas Heinreichsberger klarstellt – sondern um die Abwicklung einer Verlassenschaft.
„Der Hausbesitzer ist verstorben und die Hinterbliebenen haben im Haus Gegenstände gefunden, die dem Schießwesen zuzuordnen sind“, erläutert er gegenüber der NÖN – also Material, das etwa Waffen oder Munition umfassen kann. Die verstorbene Person sei Waffenbesitzer gewesen. Wenn unter den Erbinnen und Erben niemand eine Waffenbesitzkarte oder einen Waffenpass besitzt, ist in so einem Fall die Polizei zu kontaktieren. „Die Gegenstände werden übernommen und überprüft, in der Regel fachgerecht entsorgt“, erklärt Heinreichsberger.
Wer angesichts eines solchen Aufgebots später von einer routinemäßigen Verlassenschaftsabwicklung spricht, hinterlässt den schalen Eindruck einer Beschwichtigungsformel, denn offen sind bis heute zentrale Punkte: Welche Gegenstände wurden konkret gefunden? In welchem Umfang? Befanden sich die mit einem großen Lieferwagen samt Anhänger abtransportierten Gegenstände des „Schießwesens“ in legalem oder (teilweise) illegalem Besitz? Und welches Gefährdungsbild war groß genug, um Feuerwehr, Rettung und Polizei samt Spezialkräften auf den Plan zu rufen?
Tief im freiheitlichen Milieu verankert
Der verstorbene Polizist war in der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger und Freiheitlicher (AUF), der FPÖ-nahen Personalvertretung, jahrelang eine bekannte Figur. Bereits 2006 wird er als AUF-Vertreter im „Zentralausschuss des öffentlichen Sicherheitswesens“ genannt. 2010 gratulierte Barbara Rosenkranz öffentlich zu seiner Wahl zum Landesobmann der AUF Niederösterreich, 2014 war es Walter Rosenkranz, der R. zum Ergebnis der Personalvertretungswahlen gratulierte. 2014 trat R. als AUF-Landesvorsitzender auf und agitierte gemeinsam mit dem damaligen niederösterreichischem FPÖ-Sicherheitssprecher Erich Königsberger gegen die Schließung von Polizeidienststellen. Bis 2020 wurde R. als stellvertretender AUF-Landesvorsitzender geführt. Wahlunterlagen weisen R. mehrfach als FPÖ-Kandidaten für Nationalrats- und Landtagswahlen aus.

Skandal um KZ-Zwangsarbeit
2011 sorgte R. bundesweit für Aufsehen. Damals verteidigte er eine AUF-Aussendung, die den Beitrag „Schwerstarbeit – was ist darunter zu verstehen?“ mit einer Darstellung von KZ-Häftlingen im Zwangsarbeitsdienst bebildert hatte. Gegenüber dem „Standard“ sprach R. von einer „künstlerischen Darstellung“ und mutmaßte, es handle sich um VOEST-Arbeiter. Das Mauthausen Komitee identifizierte die Illustration eindeutig als Abbildung von KZ-Arbeitern. 2012 jubelte der Freiheitliche Parlamentsklub, die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren gegen AUF-Bundesobmann Werner Herbert und R. eingestellt. Der Vorgang war damit juristisch vom Tisch, historisch und moralisch war er es nie.
Munition für den „Wilderer von Annaberg“ und Waffenlobbyist
2013 wurde R.s Name erneut in einem heiklen Zusammenhang öffentlich. „Österreich“ berichtete damals, R. habe den späteren Polizistenmörder Alois Huber mit Munition beliefert. Zitiert wurde er mit dem Satz: „Ja, ich habe Huber drei Mal Patronen überlassen.“ R. erklärte zugleich, es sei dabei um „Scheiben-Munition“ gegangen. Für die politische Einordnung reicht jedoch schon der öffentliche Befund: Ein FPÖ-Kandidat, hochrangiger AUF-Funktionär und Polizeibeamter räumte selbst ein, einen Vierfachmörder mit Munition versorgt zu haben.
Auch R.s Nähe zur Waffenlobby ist öffentlich dokumentiert. In der Zeitschrift der ultrarechten „Interessengemeinschaft Liberales Waffenrecht Österreich“ (IWÖ) zeichnete er 2014 einen eigenen Beitrag als „Polizist, Mitglied der IWÖ“. 2015 tauchte R. in einem IWÖ-Bericht von der Nürnberger Waffenmesse auf einem Gruppenfoto mit führenden Vereinsvertretern auf.
Das seltsame Schweigen der eigenen Leute
Gerade vor diesem Hintergrund sticht das Verhalten von AUF und FPÖ ins Auge. R. war über Jahre öffentlich sichtbar, er wurde von Parteigranden gelobt, als Funktionär präsentiert und politisch eingesetzt. Nach seinem Tod blieb auf den in dieser Recherche durchsuchten öffentlich zugänglichen Kanälen von AUF und FPÖ jede Kondolenz aus. Dieses Schweigen ist politisch bemerkenswert. Wer über einen derart langen Zeitraum öffentlich als Funktionär präsentiert wurde, verschwindet in Parteistrukturen gewöhnlich nicht lautlos aus dem Gedächtnis.
Es passt zu einem Fall, in dem ein Großeinsatz wegen Waffen, Munition und Sprengmitteln plötzlich in die Sprache einer harmlosen Verlassenschaft gerückt wurde. Wer hier was kleinreden oder gar verschweigen will, ist eine offene Frage. Dass es an diesem Einsatz wenig Harmloses gab, legen bereits die bekannten Fakten nahe.
Update 15.4.26: Der „Standard” (15.4.26) hat zu den Funden beim Pressesprecher der niederösterreichischen Polizei nachgefragt, der sich jedoch nicht äußern wollte und auf die Bezirkshauptmannschaft verwies. Die bestätigte unsere Vermutung, dass hier nicht nur eine „normale” Verlassenschaftsabwicklung im Gange war. Neben Sprengstoff habe R. „nach derzeitigem Kenntnisstand 26 Waffen legal besessen, weitere zehn Waffen waren nicht auf ihn registriert”.
Update 18.4.26: Der „Kurier” (18.4.26) schreibt über R.: Der Polizist wurde 2017 wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. „Der damals hochrangige Personalvertreter soll sich die Telefonnummer einer 15-Jährigen durch eine illegale Abfrage aus einem elektronischen Polizeiakt besorgt haben. Auf dem Handy des Mädchens wurden im Zuge der Erhebungen anzügliche Bemerkungen des Polizisten gefunden.” Ein Artikel aus 2017 gibt mehr Aufschluss. Demnach habe R. über eine Akteneinsicht die Telefonnummer der Tochter seiner damaligen Geliebten eruiert. Die Nachrichten auf deren Handy erklärte er mit: „Er wollte die junge Frau nur aufbauen, weil sie sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden hätte.”
Anfang August 2019 wurde der damals 58-Jährige dann in den Ruhestand versetzt, wie Stoppt die Rechten recherchieren konnte.
Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »