Julian Reichelt von der rechten Krawall-Plattform NIUS nennt es „die gefährlichste links-grüne Kampagne in der Geschichte der Bundesrepublik“, und die gesamte österreichische Rechte springt auf den Zug auf. Die Reaktionen der heimischen „Patrioten“ auf die mediale Diskussion über Deepfakes und Identitätsdiebstahl rund um die Vorwürfe gegen den Schauspieler Christian Ulmen sind ein Musterbeispiel für Empathielosigkeit und Frauenverachtung.
Was war passiert? Die deutsche Schauspielerin Collien Fernandes kämpft seit Jahren gegen Erniedrigung, Sexismus und Identitätsdiebstahl im Internet. Wie der „Spiegel“ (21.3.26) zuerst berichtete, hat sie in der Sache Anzeige gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erstattet. Ihr Vorwurf: „Du hast mich virtuell vergewaltigt.“
Auch aufgrund ihrer eigenen Betroffenheit engagiert sich Fernandes nun gemeinsam mit der NGO HateAid für eine Gesetzgebung gegen Online-Identitätsdiebstahl. NIUS und ihre österreichischen Pendants orten dabei eine Kampagne gegen die Meinungsfreiheit.
Digitale Gewalt versus „Zensur“-Narrativ
Die oberösterreichische Schwurbel-Plattform AUF1 wittert eine Verschwörung und verpackt die wie so oft in eine Frage: „Nutzen einflussreiche Netzwerke die Affäre um Collien Fernandes für eine weitere Zensur des Internets?“ Der Rechten passt diese Erzählung ins Bild: Sie warnt seit Monaten vor einer Online-Klarnamenpflicht.
Die AUF1-Frontfrau Elsa Mittmannsgruber konstruiert zwischen Opfer und Täter nahezu einen Schuldausgleich: „Wenn eine Beziehung toxisch wird, haben sehr oft beide dazu beigetragen. Und wenn es nur insofern ist, dass sie oder er es sich gefallen lässt.“
Auch das rechtsextreme Portal Report24, betrieben von Florian Machl, sieht, wie so oft, wenn es um Kritik an digitaler Hetze geht, „einen Angriff auf die Meinungsfreiheit“. Für Report24 ist die ganze Sache ohnehin nur ein „virtueller Skandal“, der „hochgekocht“ wurde. Doch es geht noch schlimmer.
Beim rechtsextremen Blog „Der Status“ verhöhnt ein anonymer Autor in einem vom Rechtsaußen-Portal „JouWatch“ weitgehend übernommenen Elaborat Collien Fernandes als „Maskottchen der Klarnamenpflicht“ und bezeichnet ihre medialen Auftritte als „konzertierte Aktion“ um ihre „verblassende Prominenz wieder aufzupäppeln“. Danach kommt, was in der extremen Rechten bei Diskussionen über Gewalt gegen Frauen immer folgt:
Gibt es wirklich Menschen, die nicht kapieren, dass das ganze Gefasel um ‚toxische Männlichkeit‘, Gesetze zur Bestrafung von ‚Catcalling‘ und nun dieser Fall primär dazu benutzt werden, um vom tatsächlichen Problem abzulenken?! Und dass das tatsächliche Problem mit sexueller Gewalt ganz woanders liegt und täglich größer wird?
Wer die Andeutung auf Migrant:innen nicht versteht, bekommt noch weitere Hinweise: „Die Gruppenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen durch Exponenten der Bereicherungsgesellschaft.“
Schuldumkehr und Frauenverachtung als Reflex
Eine offene Täter-Opfer-Umkehr betreibt der selbsternannte „Plagiatsjäger“ Stefan Weber in einem seiner Postings. Es handle sich um eine „riesige Racheaktion der Frauen“. Denn: Insbesondere Chefs laufen Gefahr, durch weibliche Angestellte entmachtet zu werden. „Zukünftig kann jeder Chef mit dem Verdacht auf unbefugte Bildproduktion von einer Frau abgeschossen werden: Es würde schon genügen, eine entsprechende Anzeige ins Intranet zu stellen – und weg ist er.“
Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Gerald Grosz wiederum versteigt sich in einem mehrminütigen Video-Kommentar in Beschimpfungen gegenüber Frauen, die öffentlich ihre Solidarität mit Collien Fernandes bekundet hatten. Die „virtuelle Vergewaltigung“ wiege für sie schwerer als vergleichbare Fälle der Vergangenheit, so sein Vorwurf. „Da gab es keine Krampfadern-Geschwader, die sich die letzten Gehirnzellen aus dem Körper schrien“, schimpft Grosz. „Kein Aufschrei, weil die Täter nicht ins ideologische Konzept der Linken passen, denen das Binnen‑I und das Gendern wichtiger ist als die Sicherheit und Freiheit von Frauen.“ Und weiter mit bekannten Erklärungsmustern:
Der Täter war ein Deutscher, und als Deutscher hat er am Hexenhaufen zu brennen, egal welcher Tat er für schuldig befunden wird. Er eignet sich für die politische Debatte, während Abdul, Mohammed oder Ibrahim nicht genannt werden darf – ausgerechnet von jenen, die für Frauenrechte auf die Straße gehen.
Die 250 Frauen, die sich mit einem Statement der Solidarität öffentlich hinter Fernandes stellten, sind für Gerald Grosz deshalb schlicht „250 feige Weiber“.
Collien Fernandes musste an einer Demonstration gegen sexuelle Gewalt mit Polizeischutz und schusssicherer Weste teilnehmen, weil sie mittlerweile Morddrohungen erhalte.
Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »

