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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Călin Georgescu, der russische Soldat aus Günselsdorf

Gün­sels­dorf ist eine klei­ne Gemein­de im Bezirk Baden (NÖ). Calin Geor­gescu, der ver­hin­der­te rechts­extre­me Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat in Rumä­ni­en, wohn­te dort bis 2021 mit Fami­lie. 2024 kan­di­dier­te der bis kurz vor der Wahl in Rumä­ni­en weit­ge­hend Unbe­kann­te bei der Prä­si­dent­schafts­wahl am 24. Novem­ber und erhielt die meis­ten Stim­men. Das Ver­fas­sungs­ge­richt annul­lier­te nach eini­gem Hin und Her das Wahl­er­geb­nis – wegen Tik­Tok und Russland.

24. März 2025
C?lin Georgescu auf TikTok
C?lin Georgescu auf TikTok

Călin Geor­gescu hat im ers­ten Wahl­gang im Novem­ber 2024 als Par­tei­lo­ser 22.9 % der Stim­men erhal­ten. Die Zweit­ge­reih­te, Ele­na Las­co­ni von der neo­li­be­ra­len Par­tei USR, brach­te es auf 19,2 %, wäh­rend der favo­ri­sier­te Kan­di­dat der Sozi­al­de­mo­kra­ten, Mar­cel Cio­la­cu, nur 19,1 % erhielt. Der Kan­di­dat der rechts­extre­men AUR, Geor­ge Simi­on, stieg mit 13,9 % als Vier­ter aus.

Die­ses Ergeb­nis hat­te nie­mand erwar­tet – weder die Medi­en mit ihren Polit­be­ob­ach­tern noch die Mei­nungs­for­schung. Die hat­te in der letz­ten Umfra­ge den Sozi­al­de­mo­kra­ten mit über 25 % vor­ne gese­hen, den rechts­extre­men AUR-Kan­di­da­ten Simi­on mit 14,2 % ex aequo mit Las­co­ni auf Platz 2 und Geor­gescu weit abge­schla­gen mit 7,4 %.

Wer ist Călin Georgescu?

Über das beruf­li­che Leben des Călin Geor­gescu, der am 26.März 65 Jah­re alt wird, ist erstaun­lich wenig bekannt. Von sei­ner Aus­bil­dung her ist er Pedo­lo­ge (Boden­kun­de), der im rumä­ni­schen Umwelt- und Außen­mi­nis­te­ri­um gear­bei­tet hat und dann von 2011 bis 2021 in Nie­der­ös­ter­reich, zunächst in Möd­ling, zuletzt in Gün­sels­dorf mit sei­ner Fami­lie gelebt hat.

C?lin Georgescus Ehefrau betrieb in Schönau (NÖ) eine esoterische Praxis für "Iridologie und Organetik" (Screenshot fanatik.ro, 27.11.24; Text automatisch mit Google Translate übersetzt)
Calin Geor­gescus Ehe­frau betrieb in Schön­au (NÖ) eine eso­te­ri­sche Pra­xis für „Irido­lo­gie und Orga­ne­tik” (Screen­shot fanatik.ro, 27.11.24; Text auto­ma­tisch mit Goog­le Trans­la­te übersetzt)

Was er in Öster­reich gear­bei­tet hat, womit er hier sein Geld ver­dient hat, bleibt auch nach der aus­führ­li­chen Recher­che von „pro­fil“ (29.11.24) und der rumä­ni­schen Inves­ti­ga­tiv-Platt­form „RISE“ weit­ge­hend im Dun­keln. In einem Bei­trag der „Klei­nen Zei­tung“ wird er in die Nähe der frü­he­ren Geheim­po­li­zei Secu­ri­ta­te gerückt. Auf­fäl­lig sind Geor­gescus Immo­bi­li­en­trans­ak­tio­nen, die mit hohen Geld­ein­sät­zen ver­bun­den waren.

Ein Rechtsextremer

Als er 2021 nach Buka­rest zurück­zog und dort an der Poly­tech­ni­schen Uni­ver­si­tät zu leh­ren begann, war er in der rechts­extre­men Sze­ne jeden­falls schon bekannt. Die taz (25.11.24) schreibt:

Damals wur­de er zum Ehren­vor­sit­zen­den der AUR-Par­tei ernannt und als zukünf­ti­ger Minis­ter­prä­si­dent in einer AUR-geführ­ten Regie­rung vor­ge­stellt. Doch Geor­gescu zog es vor, mit ande­ren Tei­len der zer­split­ter­ten rechts­extre­men Sze­ne in Rumä­ni­en zusam­men­zu­ar­bei­ten, etwa mit der neo­fa­schis­ti­schen Grup­pie­rung „Ver­ei­ni­gung Gogu Puiu/Heiducken der Dobrud­scha”. Die Grup­pie­rung, gelei­tet von Eugen und Ele­na Sechi­la, orga­ni­sier­te in den letz­ten Jah­ren para­mi­li­tä­ri­sche Wehr­sport­übun­gen, an denen zahl­rei­che Jugend­li­che teilnahmen.
Der mili­tan­te Coro­na­skep­ti­ker Geor­gescu kri­ti­sier­te 2020 in einem Inter­view das rumä­ni­sche Gesetz, das legio­na­ris­ti­sche und faschis­ti­sche Pro­pa­gan­da sowie die Ver­herr­li­chung von Kriegs­ver­bre­chern unter Stra­fe stellt. Er bezeich­ne­te den Faschis­ten­füh­rer Cod­re­a­nus sowie den Hit­ler­ver­bün­de­ten und frü­he­ren Staats­füh­rer Ion Anto­nes­cu als vor­bild­li­che Hel­den, die nie­mand aus der Geschich­te Rumä­ni­ens til­gen kön­ne. Anto­nes­cu war für die Ver­nich­tung von etwa 300.000 Juden ver­ant­wort­lich und wur­de 1946 als Kriegs­ver­bre­cher hingerichtet.

Das ist ein deut­li­cher Hin­weis dar­auf, dass Geor­gescu wäh­rend sei­ner zehn­jäh­ri­gen Öster­reich-Pha­se inten­si­ve Kon­tak­te zur rechts­extre­men Sze­ne Rumä­ni­ens gepflegt hat. Hat er sich hier auch radikalisiert?

„pro­fil“ schreibt dazu etwas flap­sig: „2024 sag­te er in einem Pod­cast, Covid wür­de nicht exis­tie­ren, nie­mand habe das Virus je gese­hen – und die ‚ein­zi­ge wirk­li­che Wis­sen­schaft‘ sei Jesus Chris­tus. Öster­reich war offen­bar eine gute Brut­stät­te für der­ar­ti­ge Ansich­ten.“

Die TikTok-Wahl

In den meis­ten media­len Berich­ten über Geor­gescu wird sei­ne deut­lich rechts­extre­me Gesin­nung nur dezent erwähnt. Die­ses mas­si­ve Pro­blem hat die Igno­ranz gegen­über den erstar­ken­den rechts­extre­men und natio­na­lis­ti­schen Ten­den­zen in Rumä­ni­en zum Hin­ter­grund. So hat­te „das Lan­des­in­sti­tut ‚Elie Wie­sel‘ für das Stu­di­um des Holo­causts in Rumä­ni­en (…) bereits vor drei Jah­ren Geor­gescu wegen faschis­ti­scher Pro­pa­gan­da bei der Staats­an­walt­schaft ange­zeigt. Die Anzei­ge blieb fol­gen­los.“ (taz.de, 28.2.25)

Auch das rumä­ni­sche Ver­fas­sungs­ge­richt fokus­siert in sei­ner Begrün­dung, war­um Geor­gescu bei der Wie­der­ho­lung der Prä­si­dent­schafts­wahl am 4. Mai 25 nicht antre­ten darf, auf die Vor­gän­ge auf Tik­Tok und die rus­si­sche Ein­fluss­nah­me, die der noch amtie­ren­de kon­ser­va­ti­ve Prä­si­dent Johan­nis zuvor in einem Doku­ment ver­öf­fent­licht hatte:

Dem­nach sei­en 25 000 Accounts auf Tik­tok, die sich als Unter­stüt­zer Geor­gescus im Wahl­kampf gerier­ten, „zwei Wochen vor dem Wahl­ter­min sehr aktiv“ gewor­den. 797 die­ser Accounts hät­ten bis zum 11. Novem­ber nur sehr gerin­ge Akti­vi­tät gezeigt; von dem Tag an sei das „gesam­te Netz­werk auf maxi­ma­le Akti­vi­tät hoch­ge­fah­ren” wor­den. Meh­re­re Dut­zend Tik­tok-Accounts hät­ten zudem fälsch­lich Logos staat­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen ver­wen­det. Außer­dem, so heißt es in dem Doku­ment, sei es zu mehr als 85 000 Cyber­an­grif­fen auf Web­sites der Wahl­be­hör­de und ande­rer rumä­ni­scher Insti­tu­tio­nen gekom­men. Von Hackern erbeu­te­te Zugangs­da­ten sei­en auf rus­si­schen Platt­for­men auf­ge­taucht.(sueddeutsche.de, 20.3.25)

Nicht zufäl­lig wird Geor­gescu des­halb als der „rus­si­sche Sol­dat“ bezeichnet.

Der rumä­ni­sche His­to­ri­ker Radu Joanid publi­zier­te in der „Neu­en Zür­cher Zei­tung“ (12.3.25) eine Ana­ly­se wich­ti­ger Ele­men­te von Geor­gescus Rechtsextremismus.

 

Geor­gescu über Frau­en und Femi­nis­mus: „Der Femi­nis­mus ist das abso­lu­te Elend, das der dege­ne­rier­te Wes­ten den Rumä­nen auf­er­le­gen will. Dabei ist klar, dass eine Frau unfä­hig ist, ein Land zu regieren.“

Zum rumä­ni­schen Faschis­mus: „Geor­gescu ist ein aus­drück­li­cher Ver­tei­di­ger des rumä­ni­schen Faschis­mus, der für die Ermor­dung von min­des­tens 280 000 Juden und über 10 000 Roma wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ver­ant­wort­lich ist. Zwi­schen 1938 und 1944 brach­ten meh­re­re faschis­ti­sche Dik­ta­tu­ren Krieg, Gebiets­ver­lus­te, staat­li­chen Anti­se­mi­tis­mus, Pogro­me und den Holo­caust über das Land.“

Zum Ceauces­cu-Regime und zu Putins Russ­land: „Geor­gescu ist auch ein Anhän­ger der Ideo­lo­gie des unter­ge­gan­ge­nen kom­mu­nis­ti­schen Regimes. Vie­le Ver­satz­stü­cke der natio­nal­kom­mu­nis­ti­schen Pro­pa­gan­da durch­zie­hen sei­ne Aus­sa­gen: Aut­ar­kie, Block­frei­heit, die Ableh­nung oder Rück­nah­me aus­län­di­scher Inves­ti­tio­nen. (…) Ent­spre­chend befür­wor­tet auch Geor­gescu die Abkehr von Nato und EU («ein totes Pferd») und die Annä­he­rung an die Brics-Staa­ten. Er behaup­tet, dass die Nato dem Land kei­ne Sicher­heit bie­te, son­dern die­se sogar gefähr­de: Das Bünd­nis befin­de sich auf direk­tem Weg, den drit­ten Welt­krieg aus­zu­lö­sen. Rumä­ni­en müs­se statt­des­sen neu­tral blei­ben, dür­fe aber kei­nes­wegs auf die «rus­si­sche Weis­heit» ver­zich­ten. Die Unter­stüt­zung für die Ukrai­ne sei sofort ein­zu­stel­len, denn es sei ein künst­li­cher und geschei­ter­ter Staat.“

Über Geor­gescus Anhän­ger: „Wer sind die Mit­glie­der von Geor­gescus inne­rem Zir­kel? Auf der einen Sei­te sind es eher jun­ge, offen faschis­ti­sche Anhän­ger der Eiser­nen Gar­de, die sich nicht scheu­en, die Abzei­chen die­ser Bewe­gung zu tra­gen. Hin­zu kom­men Vete­ra­nen der fran­zö­si­schen Frem­den­le­gi­on und ehe­mals in Afri­ka ver­pflich­te­te Söld­ner, die für sei­nen per­sön­li­chen Schutz ver­ant­wort­lich sind. Eine zwei­te Grup­pe besteht aus älte­ren, ehe­ma­li­gen Offi­zie­ren der Secu­ri­ta­te, der kom­mu­nis­ti­schen Geheim­po­li­zei, aber auch aus Mit­glie­dern der post­kom­mu­nis­ti­schen Geheim­diens­te. Was sie eint, ist die anti­west­li­che, ultra­na­tio­na­lis­ti­sche und chau­vi­nis­ti­sche Ideologie.“

Simion in Wien?

Nach­dem Geor­gescu die Kan­di­da­tur ver­bo­ten wur­de, spran­gen ursprüng­lich gleich zwei vom Rechts­au­ßen­la­ger in die Bre­sche: Geor­ge Simi­on (AUR) und Ana­ma­ria Gavrilă, Vor­sit­zen­de der Par­tei der Jun­gen (POT). Nach­dem Simi­on zur Wahl zuge­las­sen wur­de, zog Gavrilă ihre Kan­di­da­tur zurück.

Letz­ten Frei­tag soll der Wahl­kampf Simi­on sogar nach Wien geführt haben, berich­te­te zuerst die „Frank­fur­ter All­ge­mei­ne” (20.3.25): Der rumä­nisch-öster­rei­chi­sche Unter­neh­mens­be­ra­ter Alex Toderi­ciu, der auch als Rumä­ni­en-Erklä­rer bei „exx­press”, „Kurier” und „Pres­se” kom­men­tie­ren darf, ver­brei­te­te via einer pro­pa­gan­dis­ti­schen Pres­se­aus­sendung (19.3.25) die fro­he Kun­de, dass Simi­on gemein­sam mit Wal­ter Rosen­kranz ein Kon­zert in Wien, und zwar im Fer­di­nan­di­hof, besu­chen wür­de. Die Ein­la­dung soll von Ronald F. Schwar­zer gekom­men sein. Der Fer­di­nan­di­hof hat sich in der letz­ten Zeit unter sei­nem Besit­zer Schwar­zer zu einer der belieb­tes­ten Ver­an­stal­tungs­lo­ca­ti­ons der rechts­extre­men Sze­ne entwickelt.

Die von Toderi­ciu finan­zier­te Pres­se­aus­sendung wur­de in Rumä­ni­en jedoch als Mel­dung der APA verkauft.

Hier wird aus dem Geschäfts­mo­dell OTS also flugs ein jour­na­lis­ti­sches Pro­dukt. So soll der rumä­ni­schen Leser­schaft sug­ge­riert wer­den, Sime­on sei der­art wich­tig und aner­kannt, dass selbst ein pri­va­ter Kon­zert­be­such den öster­rei­chi­schen Medi­en eine Bericht­erstat­tung wert ist. (faz.net)

Eines jedoch ist stim­mig: Simi­on und Rosen­kranz pas­sen nicht nur zusam­men, son­dern auch zum Ver­an­stal­tungs­ort und des­sen Besitzer.

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