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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 7 Minuten

Bücherschau Dezember 2024 (Teil 1): Belletristik

Die Bücher, die wir Euch heu­er emp­feh­len – für eure eige­ne Lek­tü­re oder für Fami­lie, Freund*innen oder Frem­de – prä­sen­tie­ren wir in zwei Tei­len. Zunächst ist die Bel­le­tris­tik dran.

13. Dez. 2024
Bücherschau Dezember 2024 – Belletristik
Bücherschau Dezember 2024 – Belletristik

Marc-Uwe Kling: Views
Davide Coppo: Der Morgen gehört uns
Paul Lynch: Das Lied des Propheten

Percival Everett: James

 

Marc-Uwe Kling: Views

Sein Name ist mitt­ler­wei­le vie­len geläu­fig. Mit Büchern wie „Das NEIN­horn“, „Das Klug­schei­ßer­chen“ oder „Der Tag, an dem Oma das Inter­net kaputt gemacht hat“ begeis­tert er nicht nur Kin­der, son­dern auch deren Eltern, für die er schon frü­her die „Känguru“-Geschichten in meh­re­ren Fol­gen („Chro­ni­ken“, „Mani­fest“, „Offen­ba­rung“, zuletzt die Kän­gu­ru-Apo­kry­phen“) geschrie­ben hat. Jetzt wag­te sich der Viel­schrei­ber an ein neu­es Gen­re, den Kri­mi, der zunächst ein­mal sehr kon­ven­tio­nell erzählt wird.

Ein jun­ges Mäd­chen ver­schwin­det spur­los, taucht eini­ge Tage spä­ter in einem bru­ta­len Ver­ge­wal­ti­gungs­vi­deo auf, das über die „sozia­len“ Medi­en viral geht: „Der Chef von X hat sich sogar bemü­ßigt gese­hen, auf sei­ner Platt­form das Video höchst­per­sön­lich zu tei­len. #FreedomOfSpeech’ShareThe Truth“

Drin­gend tat­ver­däch­tig: vier schwar­ze Män­ner aus Mali. Das gefun­de­ne Fres­sen für die rech­te Sze­ne, allen vor­an die Grup­pie­rung „Akti­ver Hei­mat­schutz“. Mit den Ermitt­lun­gen wird eine Kom­mis­sa­rin mit liba­ne­si­schen Wur­zeln betraut. Und weil sich die Ermitt­lun­gen schwie­rig gestal­ten, wird auch sie zur Ziel­schei­be der Empö­rung, die sich in unzäh­li­gen Klicks („Views“), aber auch in Demons­tra­tio­nen und schließ­lich in mani­fes­ter und töd­li­cher Gewalt aus­drückt: „Wie konn­te alles in so kur­zer Zeit eska­lie­ren? Aber die Ant­wort ist ganz ein­fach. Es ist nicht in kur­zer Zeit eska­liert. Im Gegen­teil: Seit Jahr­zehn­ten beob­ach­ten alle, wie die Gesell­schaft immer mehr Ris­se bekommt, und kei­ner kit­tet sie. Da darf man sich nicht wun­dern, wenn sie schließ­lich zer­bricht.”

Klings Sto­ry ist top­ak­tu­ell. Das wird spä­tes­tens dann klar, als Künst­li­che Intel­li­genz ins Spiel kommt. Aber hier wird nicht gespoi­lert. Nur noch ein Zitat, das Kling einem Jour­na­lis­ten in den Mund legt: „Unter Flücht­lin­gen gibt es auch Arsch­lö­cher. Unter Nazis gibt es nur Arsch­lö­cher.“

Marc-Uwe Kling, Views. Ull­stein- Ver­lag, Ber­lin 2024

Cover Marc-Uwe Kling, Views
Cover Marc-Uwe Kling, Views

Davide Coppo: Der Morgen gehört uns

In sei­nem Erst­lings­ro­man erzählt Cop­po, der haupt­be­ruf­lich als Chef­re­dak­teur einer Sport­zei­tung arbei­tet, die Ent­wick­lung des ver­nach­läs­sig­ten und labi­len Jugend­li­chen Etto­re, den immer weni­ger mit sei­nen Eltern, aber umso mehr mit sei­ner Non­na Elsa ver­bin­det. Die Geschich­ten sei­ner Oma, die Ent­schei­dung für ein Eli­te-Gym­na­si­um, die müh­sa­men Freund­schaf­ten für ihn, den Außen­sei­ter, die ihn zu einer post­fa­schis­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on füh­ren, der Auf­tritt eines gewalt­tä­ti­gen Mit­schü­lers und Neo­na­zi, um den sich vie­le Gerüch­te ran­ken, der aber genau des­halb sei­ne Bewun­de­rung fin­det und schließ­lich sein Mes­ser­an­griff auf einen Gleich­alt­ri­gen – das sind nicht nur Sta­tio­nen sei­ner rechts­extre­men Radi­ka­li­sie­rung, son­dern auch Weg­ga­be­lun­gen, an denen Etto­re immer wie­der falsch abge­bo­gen ist.

In sei­nem mehr­mo­na­ti­gen Haus­ar­rest, den er als Stra­fe für sei­nen Mes­ser­stich aus­ge­fasst hat, beschreibt der neun­zehn­jäh­ri­ge Etto­re rück­bli­ckend und ziem­lich abge­klärt die­se Ent­wick­lung. Cop­po lie­fert kei­ne umfas­sen­de und abschlie­ßen­de Erklä­rung für den Weg in die recht­ex­tre­me Gewalt, schon gar kein Rezept für den Weg her­aus, auch wenn die distan­zier­te und reflek­tier­te Erzähl­hal­tung Läu­te­rung erah­nen lässt.

In der Dank­sa­gung am Schluss wird zart ange­deu­tet, dass alles an die­sem Buch zwar Fik­ti­on ist, aber „Schat­ten zurück auf eine rea­le Ver­gan­gen­heit“ wirft – auf die des Autors? Dann gäbe es ja Grund für Optimismus.

Davi­de Cop­po, Der Mor­gen gehört uns. Kjo­na-Ver­lag, Mün­chen, 2024

Cover Davide Coppo, Der Morgen gehört uns
Cover Davi­de Cop­po, Der Mor­gen gehört uns

Paul Lynch: Das Lied des Propheten

für die­sen Roman hat Paul Lynch, ein iri­scher Schrift­stel­ler, 2023 den bri­ti­schen Boo­ker-Pri­ze erhal­ten. Zu Recht! Der Roman beschreibt zu Beginn, wie die vier­fa­che Mut­ter Eilish Stack am Fens­ter steht, in den Gar­ten schaut, „wie das Dun­kel laut­los die Kirsch­bäu­me ein­bringt“ – eine fried­li­che, beru­hi­gen­de Sze­ne, in der sie aber das beharr­li­che Klop­fen an der Haus­tür kom­plett aus­blen­det. Ihr Sohn Bai­ley macht sie dar­auf auf­merk­sam, sie öff­net die Tür, zwei Zivil­be­am­te der „Gar­da“ ste­hen davor, wol­len ihren Mann spre­chen, der aber noch nicht zuhau­se ist. Das Gespräch bleibt freund­lich aber aus­wei­chend, was das Anlie­gen der bei­den Poli­zis­ten betrifft.

Es sind ziem­lich die letz­ten ruhi­gen Minu­ten im Leben von Eilish Stack und ihren Kin­dern. Ihr Mann Lar­ry ist Gewerk­schafts­funk­tio­när, die Regie­rung des Lan­des aber klar rechts und gewerk­schafts­feind­lich. Gegen Lar­ry liegt eine „Beschul­di­gung“ vor, in der ihm staats­ge­fähr­den­des Ver­hal­ten vor­ge­wor­fen wird. Was Lar­ry zunächst noch als bös­wil­li­ges Ärger­nis inter­pre­tiert, wird sich als fata­le Fehl­ein­schät­zung her­aus­stel­len. Lar­ry ver­schwin­det in den Gefäng­nis­sen der Regie­rung, die sich immer deut­li­cher zu einem auto­ri­tä­ren, ja faschis­ti­schen Regime ent­wi­ckelt, das das Land in einen blu­ti­gen Bür­ger­krieg treibt, in dem die Regie­rung sogar mit Bom­ben gegen ver­meint­lich auf­stän­di­sche Vier­tel vorgeht.

Lar­ry stirbt in einem Fol­ter­kel­ler des Regimes, der ältes­te Sohn Mark geht in den Unter­grund, Bai­ley lan­det im Kran­ken­haus. Eilish muss in täg­lich pre­kä­rer wer­den­den Kon­stel­la­tio­nen das Über­le­ben mit ihrer halb­wüch­si­gen Toch­ter Mol­ly und dem Baby Ben orga­ni­sie­ren, aber auch noch ihren demen­ten Vater ver­sor­gen, der allein in einem ande­ren Stadt­vier­tel wohnt. Eilish bleibt letzt­lich kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als das zu tun, was sie nie woll­te: ihr Land ver­las­sen, flüch­ten, um über­le­ben zu können.

Die „Irish Times“ schrieb über den Roman: „Erschre­ckend plausibel“

Paul Lynch, Das Lied des Pro­phe­ten. Klett-Cot­ta, Stuttgart,2024.

Cover Paul Lynch, Das Lied des Propheten
Cover Paul Lynch, Das Lied des Propheten

Percival Everett: James

Wer sich als Kind oder Jugendliche/r die Aben­teu­er des Huck­le­ber­ry Finn (und natür­lich vor­her Tom Sawy­er) rein­ge­zo­gen und groß­ar­tig gefun­den hat, darf jetzt als erwach­se­ne Per­son Ever­etts Roman „James“ lesen und eben­so gran­di­os fin­den. Da wird die Geschich­te Twa­ins aus der Per­spek­ti­ve des Skla­ven James erzählt, der Huck auf sei­ner Rei­se ent­lang des Mis­sis­sip­pi begleitet.

Die „New York Times“ hat „James“ als eines der bes­ten zehn Bücher des Jah­res 2024 aus­ge­ru­fen und das ist mit Sicher­heit noch etwas unter­trie­ben, denn Ever­ett gelingt mit sei­nem Roman nicht nur eine Beglei­ter­zäh­lung zu Twa­ins Huck­le­ber­ry Finn, son­dern eine kom­plet­te Neu­er­zäh­lung – sub­ver­siv, iro­nisch und amü­sant. Ein Alp­traum für jeden Ras­sis­ten! Wäh­rend bei Twa­in der Skla­ve Jim trotz sei­nes erwach­se­nen Alters und sei­ner Lie­bens­wür­dig­keit – dem Zeit­geist ent­spre­chend – noch als unreif und kind­lich beschrie­ben wird, schaut die Geschich­te bei Ever­ett ganz anders aus.

Der ent­flo­he­ne Skla­ve Jim, der sich erst spä­ter in James umbe­nen­nen wird, ist Haupt­per­son, Ich-Erzäh­ler und eine star­ke Per­sön­lich­keit. Huck ist jetzt der unselbst­stän­di­ge und kind­li­che Jun­ge. Die Bru­ta­li­tät der ame­ri­ka­ni­schen Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft des 19. Jahr­hun­derts wird nicht wie noch bei Twa­in kos­tü­miert, son­dern unge­schminkt erzählt. Bei einem sei­ner Pei­ni­ger hat der Skla­ve Jim aber in der Biblio­thek Bücher der Auf­klä­rer Vol­taire und Locke gefun­den, sie inten­siv auf­ge­ar­bei­tet und ihre Leer­stel­len und Wider­sprü­che bezüg­lich der Men­schen­rech­te gefunden.

Was ihm – und vie­len ande­ren Schwar­zen – in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Wei­ßen hilft, ist das Spiel mit der Spra­che. Unter­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren sie in feh­ler­frei­er Hoch­spra­che, mit den Wei­ßen wird nicht nur der Blick gesenkt und genu­schelt, son­dern auch in einem eigen­tüm­li­chen, gram­ma­ti­ka­lisch fal­schen Idi­om gespro­chen, das Unter­le­gen­heit aus­drückt. Jim: „Nuschelt irgend­et­was, das ver­schafft ihnen die Genug­tu­ung, euch sagen zu kön­nen, dass ihr nicht nuscheln sollt.”

Groß­ar­tig ist auch die Sze­ne, in der er Mit­glied einer jener Black­face Min­st­rel Shows wird, die Wei­ße ver­an­stal­tet haben, um sich – schwarz geschminkt – über Schwär­ze lus­tig zu machen. Auch Jim bzw. James muss sich mit schwar­zer Schuh­wich­se anma­len, um „echt“ als geschmink­ter Wei­ßer zu wir­ken. Wehe, das Publi­kum wäre ihm auf die Schli­che gekommen!

Als er gegen­über Huck noch den dum­men Schwar­zen spielt, sagt er ein­mal zu ihm: „Da sin die Leu­te ehm komisch. Die nehm die Lühng, die sie hahm wol­len, und schmei­ßen die Wahr­hei­ten weg, die ihn Angs mach­ng.” Das hat sich nicht verändert!

Ever­ett sagt über Mark Twa­in außer­halb sei­nes Buches: „Sein Humor und sei­ne Mensch­lich­keit haben mich beein­flusst, lan­ge bevor ich Schrift­stel­ler wur­de.”

Per­ci­val Ever­ett, James. Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2024.

Cover Percival Everett, James
Cover Per­ci­val Ever­ett, James

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