Bücherschau Dezember 2022

Wie fast immer: Wir sind spät dran mit der Büch­er­schau für die Feiertage. Noch dazu kön­nen wir dies­mal keine Rezen­sio­nen liefern, son­dern nur Buchempfehlun­gen. Das heißt nicht, dass wir die Büch­er nicht gele­sen hät­ten. Aber die Recht­sex­tremen der diversen Schat­tierun­gen, die derzeit über­all aus den Büschen sprin­gen, fordern uns in der aktuellen Berichter­stat­tung so, dass wir kaum Zeit für die inten­sive Befas­sung mit den Büch­ern haben, die wir Euch gerne empfehlen würden.

Antifa. Porträt ein­er linksradikalen Bewegung
Kurze Geschichte des ital­ienis­chen Faschismus
M. Der Mann der Vorsehung
Anatomie eines Genozids
Gefährlich­er Glaube

Antifa. Porträt ein­er linksradikalen Bewegung

2020, noch vor seinem Putschver­such, wollte Don­ald Trump in den USA „die“ Antifa als ter­ror­is­tis­che Organ­i­sa­tion ver­bi­eten und fand begeis­terte Nachah­mer in der hiesi­gen FPÖ https://www.stopptdierechten.at/2020/06/09/hoch-die-antifa/ . Im deutschen Bun­destag wollte aus­gerech­net die recht­sex­treme AfD über einen Antrag die Antifa ächt­en und bemühte dazu eine neue Spielart der bei Recht­en sehr beliebten Hufeisen­the­o­rie (Recht­sex­trem­is­mus, Link­sex­trem­is­mus und Islamis­mus). Richard Rohrmoser, His­torik­er und Protest­forsch­er, liefert mit seinem Buch einen Abriss der 100-jähri­gen Geschichte antifaschis­tis­ch­er Bewe­gung und Prax­is und stellt schon in der Ein­leitung fest, dass es „die“ eine Antifa nicht gibt, nie gegeben hat, sondern

aktuell ein (abstrak­ter) Sam­mel- und Kampf­be­griff für viele ver­schiedene linke Strö­mungen, Ini­tia­tiv­en, NGO s, Parteien, Gew­erkschaften sowie Aktion­sstruk­turen und Poli­tikan­sätze ist, die Faschis­mus – also eine auf dem Führerprinzip basierende, anti­demokratis­che, nation­al­is­tis­che, ras­sis­tis­che und recht­sex­treme Ide­olo­gie und Bewe­gung – kon­se­quent ablehnen. Insofern richtet sich die Antifa-Bewe­gung vor allem gegen autoritäre und repres­sive Herrschafts­for­men sowie gegen soziale Ausgrenzung.

Insofern ist der Unter­ti­tel des knap­pen Büch­leins „Porträt ein­er linksradikalen Bewe­gung. Von den 1920er Jahren bis heute“ etwas irreführend, weil sich Antifaschis­mus nicht nur in unter­schiedlich­sten Protest- und Aktions­for­men, Aufk­lärungs- und Bil­dungsar­beit aus­drück­en kann, son­dern auch in ein­er staatlichen Verpflich­tung – wie in Österreich.

Richard Rohrmoser, Antifa. Porträt ein­er linksradikalen Bewe­gung. Von den 1920er Jahren bis heute. Ver­lag C.H. Beck, München, 2022

Kurze Geschichte des ital­ienis­chen Faschismus

Wom­it wir schon bei der näch­sten Empfehlung wären: einem Buch, das zwar nicht neu, aber immer noch ein Stan­dard­w­erk zur Geschichte des Faschis­mus in Ital­ien ist. Es beschreibt die 23 Jahre faschis­tis­ch­er Herrschaft (vom Okto­ber 1922 bis zum April 1945) eben­so wie die ver­gle­ich­sweise kurze Peri­ode faschis­tis­ch­er Bewe­gung von 1919 (Grün­dung der „Fas­ci di com­bat­ti­men­to“) bis zum Okto­ber 1922, an dessen Ende Mus­soli­ni Regierungschef ein­er außer­par­la­men­tarisch instal­lierten Koali­tion­sregierung wurde, in der die Faschis­ten zunächst nur wenige Mit­glieder stellten.

Brunel­lo Man­tel­li, Kurze Geschichte des ital­ienis­chen Faschis­mus. Wagen­bach Ver­lag, Berlin 2008 (4. Auflage)

M. Der Mann der Vorsehung

Man­tel­lis Werk ist auch als Kom­ple­men­tär­lek­türe zum Opus Mag­num von Anto­nio Scu­rati nüt­zlich. Scu­rati ist ein Lit­er­atur­wis­senschafter, der sich vorgenom­men hat, die Ära des ital­ienis­chen Faschis­mus, die untrennbar mit Ben­i­to Mus­soli­ni ver­bun­den ist, in einem bel­letris­tis­chen Werk so aufzuar­beit­en, dass ein­er­seits his­torische Fak­ten­treue gewährleis­tet bleibt, ander­er­seits diese Geschichte aber so erzählt wird, dass sie nicht nur span­nend zu lesen ist, son­dern auch aktuelle Quer­bezüge ermöglicht. Auch im zweit­en Band bleibt Scu­rati bei sein­er Erzähltech­nik, den kurzen Szenen Orig­i­nalz­i­tate voranzustellen – ver­mut­lich, um so die Authen­tiz­ität der Erzäh­lung zu unter­stre­ichen. Der zweite Band der Trilo­gie begin­nt mit dem Jahr 1925, also dem Jahr, in dem Mus­soli­ni seine und die Herrschaft des Faschis­mus in Ital­ien fes­ti­gen kon­nte, und endet mit dem zehn­ten Jahr des Faschis­mus, 1932.

Anto­nio Scu­rati, M. Der Mann der Vorse­hung. Klett-Cot­ta, Stuttgart, 2021

Anatomie eines Genozids

Es ist ein wirk­lich beein­druck­endes Werk, das der His­torik­er Omer Bar­tov da als Studie über die Heimat­stadt sein­er Eltern, Bucza­cz, hat. Die Stadt, die heute im West­en der Ukraine liegt, hat im Ver­lauf der Jahrhun­derte unter­schiedliche Regime über sich erge­hen lassen müssen: die pol­nisch- litauis­che Unionhttps://de.wikipedia.org/wiki/Polen-Litauen , die Osma­n­en, die öster­re­ichisch-ungarische Monar­chie, die Sow­je­tu­nion, das Hitler-Regime. Den jew­eili­gen Macht­struk­turen fol­gend, wur­den die in der mehrsprachi­gen Kle­in­stadt zusam­men­leben­den Eth­nien (haupt­säch­lich Polen, Russen, Ukrain­er, Juden, Deutsche und Roma) entwed­er begün­stigt oder ver­fol­gt. Eine Gruppe war aber immer zwis­chen den Fron­ten: die Juden und Jüdin­nen. Was Bar­tov in sein­er dif­feren­zierten Studie nicht ver­schweigt: die Ermor­dung Tausender Juden und Jüdin­nen aus Bucza­cz durch die Nazis fand unter Beteili­gung ukrainis­ch­er Nation­al­is­ten statt.

Omer Bar­tov, Anatomie eines Genozids. Vom Leben und Ster­ben ein­er Stadt namens Bucza­cz. Jüdis­ch­er Ver­lag im Suhrkamp Ver­lag Berlin 2021

Gefährlich­er Glaube

Die bei­den Autorin­nen, Pia Lam­ber­ty und Katha­ri­na Nocun, haben sich schon mit ihrem Best­seller „Fake Facts – Wie Ver­schwörungs­the­o­rien unser Denken bes­tim­men“ als Exper­tin­nen für Ver­schwörungserzäh­lun­gen pro­fil­iert. Da war es schon fast nahe­liegend, dass sie sich auch eines Bere­ichs annehmen, in dem recht­sex­treme Deu­tun­gen in den let­zten Jahren einen immer größer wer­den­den Stel­len­wert bekom­men haben: der Eso­terik. Von der Wurzel­rassen­the­o­rie der Hele­na Blavatsky über die exter­mi­na­torische Rassenide­olo­gie der Nazis bis hin zur anthro­posophis­chen Rassen­lehre https://www.psiram.com/de/index.php/Anthroposophische_Rassenlehre ziehen sich Vorstel­lun­gen über Gesellschaft und Indi­viduen, die in ver­schiede­nen Bere­ichen der Eso­terik ihre prak­tis­che Anwen­dung find­en. Davon han­delt dieses Buch.

Pia Lamberty/Katharina Nocun, Gefährlich­er Glaube. Die radikale Gedanken­welt der Eso­terik. Bastei Lübbe (Quadri­ga Ver­lag). Köln 2022