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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 4 Minuten

Der ungläubige Thomas und das Gelaber vom Sellner

Der Tho­mas war eigent­lich ein Zufalls­fund – sozu­sa­gen Kol­la­te­ral­scha­den bei den Ermitt­lun­gen gegen orga­ni­sier­te Neo­na­zis. Ver­mut­lich gegen die, die sich unsterb­lich gehal­ten haben, jeden­falls unwi­der­steh­lich. Bei so einer Ver­hand­lung wie gegen den Tho­mas erfährst Du ja nicht viel, wer die ande­ren waren. Das liegt am schnel­len Vor­trag der sonst so sou­ve­rä­nen Rich­te­rin, in ers­ter Linie aber an der grot­ten­schlech­ten Akus­tik im Gro­ßen Schwur­ge­richts­saal des Wie­ner Lan­des­ge­richts. Zum Wotan noch einmal!

22. Apr. 2022
Landesgericht Wien
Landesgericht Wien

Jeden­falls waren wir vor Ort und mach­ten die­sen Zufalls­fund. Jes­sas, die­ses Mal hat’s doch tat­säch­lich den Tho­mas erwischt! Tho­mas ist näm­lich einer, der eigent­lich ziem­lich auf­passt, dass ihm bei öffent­li­chen Kom­men­ta­ren in den Neu­en Medi­en nichts anbrennt. Das geht auch aus den im Rah­men einer Haus­durch­su­chung sicher­ge­stell­ten Unter­la­gen her­vor. Auf einem sei­ner Han­dys fand sich auch der Ein­trag, dass die von ihm via Whats­App ver­stän­dig­te Per­son auf­pas­sen sol­le. Nichts öffent­lich stel­len auf Face­book, auch wenn’s so irr­sin­nig lus­tig ist.

Was war denn für den Tho­mas so lus­tig? „Schwar­zer Humor“ sei­en die Bild­chen und Pos­tings gewe­sen, die er wei­ter­ge­schickt hat­te, ver­such­te er sich in Scha­dens­be­gren­zung. Außer­dem sei­en die „lus­ti­gen“ Hit­ler-Bild­chen oder Oster­wün­sche mit Haken­kreuz-Eiern nur an jeweils ein­zel­ne Per­so­nen wei­ter­ge­schickt wor­den. Vom wem er die vie­len brau­nen Fotos und Bild­chen mit Kom­men­ta­ren erhal­ten hat, wur­de in dem Geschwo­re­nen­pro­zess wegen NS-Wie­der­be­tä­ti­gung, der da aus­ge­rech­net am 20.4. statt­fand, nicht erörtert.

Wir haben da aber so eine star­ke Ver­mu­tung. Zwei Namen wur­den näm­lich genannt: der Andre­as, der frü­her auch als Wotan auf­ge­tre­ten ist, und der Paul. Wobei der Tho­mas vor Gericht mehr­mals ver­si­cher­te, dass er den Paul eigent­lich gar nicht nament­lich ken­nen wür­de. Trotz­dem hat sich Tho­mas vom weit­ge­hend unbe­kann­ten Paul 2015 zu Tref­fen in ein Lokal im vier­ten Bezirk ein­la­den las­sen. Worum’s denn dort gegan­gen sei, will die Rich­te­rin wis­sen. Tho­mas fängt an, von den Schnit­zeln und dem Gulasch zu erzäh­len, die dort ver­zehrt wor­den sind, bevor ihn die Rich­te­rin abbremst. „Inter­es­sant“ war’s für ihn noch beim ers­ten Tref­fen, aber schon beim drit­ten Mal nicht mehr. Zu viert sei­en sie da im Hin­ter­zim­mer geses­sen, um „Tages­po­li­tik“ sei es gegan­gen – mehr lässt sich Tho­mas jen­seits von Schnit­zel und Gulasch nicht entlocken.

Andreas "Wotan" postet Propagandafoto aus dem NS (Ballgymnastik 1933), Wolfgang L. antwortet mit Hitler-Foto. (Screenshot FB 2016)
Andre­as „Wotan” pos­tet Pro­pa­gan­da­fo­to aus dem NS (Ball­gym­nas­tik), Wolf­gang L. ant­wor­tet mit Hit­ler-Foto. (Screen­shot FB 2016)

Über­haupt: An der Ver­or­tung sei­ner poli­ti­schen Ein­stel­lung muss Tho­mas K. (48) noch arbei­ten. Das Fine­tu­ning stimmt nicht ganz: Libe­ral sei er, Mit­te, ja auch christ­lich-sozi­al, erklärt er auf die Fra­ge der Rich­te­rin treu­her­zig. In sei­nen ganz weit zurück­lie­gen­den Jah­ren, also in sei­ner Selbst­fin­dungs­pha­se in den 1990er-Jah­ren, da sei er schon mal skin­head­mä­ßig unter­wegs gewe­sen. Aber eben mäßig. Spä­ter dann nur mehr mäßig Mit­te und eben „halblus­tig“.

Das gesteht der Tho­mas denn doch: dass der brau­ne Dreck, der für ihn so lus­tig war, für ande­re viel­leicht doch nicht, ja sogar ziem­lich straf­bar sein könn­te. „Tat­sa­chen­ge­stän­dig“ heißt das. Er leug­net also nicht, dass die T‑Shirts, Auf­kle­ber, Rechts­rock-Kas­set­ten, „Kriegs­er­in­ne­run­gen“ und die brau­nen Chats, die bei ihm gefun­den wur­den, exis­tie­ren, aber den (beding­ten) Vor­satz der NS-Wie­der­be­tä­ti­gung, den bestrei­tet er entschieden.

Die Rich­te­rin fragt bei jedem ihm vor­ge­hal­te­nen Ankla­ge­vor­wurf, war­um er das gemacht, gedacht bzw. geschrie­ben habe. Da fällt dem Tho­mas nicht viel ein. Uns fällt eines auf: sein poli­ti­sches Inter­es­se für die Iden­ti­tä­ren möch­te Tho­mas ger­ne zur eige­nen Weiß­wa­schung ver­wen­den. So nach dem Mot­to: Ich Rechts­extre­mer oder gar Nazi? Ich inter­es­sie­re mich doch für die Iden­ti­tä­ren – qua­si Mitte!

Etwas schä­big gegen­über dem Mar­tin war da beson­ders die so bei­läu­fig hin­ge­schmis­se­ne Bemer­kung, dass er, wenn er am Tablet irgend­wel­che Games gespielt hat, so neben­bei „immer irgend­ein Gela­ber vom Sell­ner“ ange­hört habe. Ver­rat? Nun ja! Die Kame­ra­den von „Unwi­der­steh­lich“, in deren brau­nem Dunst­kreis sich Tho­mas auf­ge­hal­ten hat, mögen ja den Sell­ner uns sei­ne Idis offi­zi­ell auch nicht wirk­lich. Da gibt es sogar Pam­phle­te, in denen sie über die Idis und den Mar­tin her­zie­hen – aus streng natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Sicht ist das auch klar. Aber bei den Demos machen sie dann doch den Ord­ner­dienst für die Idis. Und außer­dem kennt man sich ja gut, von frü­her und so.

Beim Tho­mas sind die­se schein­bar wider­sprüch­li­chen Ver­bin­dun­gen auch gut erkenn­bar. Nicht in der Ver­hand­lung, wo er mit sei­nem brau­nen Dreck kein Wäs­ser­chen getrübt haben will, aber bei dem weni­gen, was von ihm in den neu­en Medi­en sicht­bar ist. 2016 lobt er die Idis, die gera­de am Haupt­bahn­hof Köln ein rie­si­ges Ban­ner ange­bracht haben: „Klas­se Bur­schen sind das! Respekt.“

Thomas K. kommentiert zu Identitaeren: "Klasse Burschen sind das! Respekt." (Screenshot FB 2016)
Tho­mas K. kom­men­tiert zu Iden­ti­tae­ren: „Klas­se Bur­schen sind das! Respekt.” (Screen­shot FB 2016)

Ande­rer­seits: Die Kame­ra­den, die via Likes oder in der Freund­schafts­lis­te bei ihm in den sozia­len Medi­en ihre Duft­mar­ke hin­ter­las­sen haben, stam­men über­wie­gend aus dem brau­nen Milieu: „Unwi­der­steh­lich“ und so ähn­lich. Aber die­se Wider­sprü­che muss der Tho­mas jetzt zunächst ein­mal für drei Jah­re mit sich allein aus­ma­chen. Denn das Geschwo­re­nen­ge­richt, das den Tho­mas in zwei von zehn den Geschwo­re­nen vor­ge­leg­ten Fra­gen ein­stim­mig für schul­dig befand, ver­ur­teil­te ihn zu 16 Mona­ten Haft – eben bedingt auf drei Jah­re. Tho­mas nimmt das Urteil an – somit rechts­kräf­tig! Da heißt’s auf­pas­sen, Tho­mas! Am bes­ten: Nur mehr Games spie­len und kein Gela­ber neben­bei. Weder vom Sell­ner noch von Wotan oder ande­ren brau­nen Gesellen!

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