Seit rund zehn Monaten läuft vor dem Oberlandesgericht Dresden der Prozess gegen acht mutmaßliche Mitglieder der „Sächsischen Separatisten“. Die Angeklagten sollen die Errichtung eines ethnisch gesäuberten NS-Staats vorbereitet haben. Neue Einblicke in die Ermittlungen offenbaren erschreckende Gewaltfantasien und internationale Verbindungen bis in die rechtsterroristische Szene Wiens.
Im Mittelpunkt steht Jörg S., der ältere Sohn des österreichischen Neonazis Hans Jörg Schimanek junior. Er soll Rädelsführer der mutmaßlichen Terrorgruppe gewesen sein. Die Prozessbeobachter:innen von NSU-Watch veröffentlichten kürzlich in ihrem Newsletter Inhalte aus der Befragung eines Ermittlers, der ausführlich über die Aktivitäten und Gewaltfantasien von Jörg S. berichtete.
Vernichtungsfantasien und „White Jihad“
Die Behörden ordneten Jörg S. unter anderem ein Pamphlet mit dem aufgeblasenen Titel „Der Schwur“ zu. Darin soll es um die „totale Vernichtung der Gegner des arischen Staats“ und die „Errichtung des globalen Rassestaats“ gehen. Das Dokument erweckt den Eindruck einer Art Manifest.
Fotos zeigen Jörg S. und weitere Personen, wie sie das „White Power“-Zeichen zeigen, den Hitlergruß machen oder sich mit Symbolen der neonazistischen „Siege“-Ideologie präsentieren. Zeichnungen, die das BKA Jörg S. zuordnet, zeigen etwa ein selbst gemaltes Logo mit der Aufschrift „Free Aryan Army“ oder vermummte, bewaffnete Kämpfer auf einem Pickup-Truck mit dem Titel „The Aryan State“. (nsu-watch.info, 30.10.26)
Im Buch „Siege“ des US-amerikanischen Neonazis James Mason wird terroristische Gewalt als Mittel propagiert, um den Zusammenbruch der bestehenden Gesellschaftsordnung zu beschleunigen und den Weg für eine nationalsozialistische Herrschaft zu ebnen.
Jörg S. sei, so die Ermittler, um das Jahr 2021 in Chatgruppen der „National Socialist Brotherhood“ (NSB) aktiv gewesen. Er habe sich online auch über die Gründung neuer Zellen der NSB ausgetauscht. In einer exklusiven Chatgruppe habe S. zudem über einen Heiligen Krieg für Neonazis fantasiert: Er liebe den „White Jihad“, soll er dort geschrieben haben. Dies sei überhaupt ein wiederkehrendes Motiv“bei ihm gewesen, so ein Ermittler vor Gericht in Dresden.
Der Beamte berichtete zudem von abgehörten Telefonaten, in denen es immer wieder um Waffen, Ausrüstung und Schießtrainings gegangen sein soll. Jörg S. soll kroatische und polnische Kontakte zur Waffenbeschaffung gehabt und selbst einen regen Handel mit militärischen Ausrüstungsgegenständen betrieben haben.
Die Spur zum kroatischen Neonazi Noah Licul
Einer der internationalen Kontakte von Jörg S. führt zu einem Mann, der im Jänner 2025 von den USA als „Global Terrorist“ eingestuft wurde. Eines der zehn Mitglieder des exklusiven NSB-Chats verwendete das Pseudonym „Hauptsturmführer“. Dahinter steckte wohl der damals 17-jährige kroatische Neonazi Noah Licul.
Liculs Umfeld könnte Jörg S. auch gemeint haben, als er in einer anderen Chatgruppe von Rechtsextremisten gebeten haben soll, „Kameraden in Kroatien“ mit Ausrüstung zu unterstützen.
Licul war bereits zuvor in internationalen rechtsterroristischen Netzwerken aktiv. 2020 veröffentlichte die US-amerikanische Plattform „Unicorn Riot“ ein Leak der Chats der rechtsterroristischen „Feuerkrieg Division“ (FKD). „Eugene Antifa“ wertete die Chats aus und schrieb über Licul:
Unter dem Decknamen „buntovnik“ war er in der Feuerkrieg Division aktiv und unterhält enge Verbindungen zu anderen Neonazis aus der Region, darunter Mitglieder der „European Liberation Movement“ einer Organisation, die sich damit rühmt, Mitglieder in Deutschland und Italien zu haben. Lyculs [sic!] aggressiver Tatdrang veranlasste ihn dazu, zahlreiche Hassverbrechen zu begehen, darunter körperliche Übergriffe auf Einwanderer, das Aufsprühen von Hakenkreuzen auf einem Friedhof und die Planung, eine Synagoge niederzubrennen. (eugeneantifa.noblogs.org, 24.2.20; übersetzt mit deepl)
Auch in den geleakten Chats selbst finden sich entsprechende Hinweise auf Anschlagspläne gegen jüdische Einrichtungen in Kroatien.

Von Kroatien zu einem Wiener Neonazi
Die Verbindungen des kroatischen Neonazis reichen auch nach Österreich. Aus den FKD-Chats lässt sich nachvollziehen, dass Licul mit dem Wiener Moritz D. kommunizierte, der ebenfalls Mitglied der mittlerweile zerschlagenen Feuerkrieg Division war.
D. wurde 2024 wegen NS-Wiederbetätigung, Verhetzung und weiterer Delikte zu 24 Monaten Haft verurteilt, davon zunächst fünf Monate unbedingt. Er verbreitete antisemitische und rassistische Inhalte und beteiligte sich an Diskussionen über Anschläge. Während er im Zuge seines Dienstes beim Bundesheer auch jüdische Einrichtungen in der Wiener Leopoldstadt bewachen musste, informierte er sich online über rechtsterroristische Attentäter.
Wie eng der Austausch zwischen den beiden Neonazis war, zeigt ein Eintrag vom 10. Jänner 2020. Als Licul im Gruppenchat die anderen warnte, dass die Polizei vor seiner Haustür stehe, reagierte als erster Moritz D. alias v00rm: „Damn, Sieg heil brother, stay safe”

Nach diesem Post verschwand Noah Licul aus dem FKD-Kanal. Seine Aktivitäten in der internationalen rechtsterroristischen Szene gingen offenbar weiter: Im Jänner 2025 stuften ihn US-amerikanische Behörden als einen von drei Anführern der Gruppe „Terrorgram“ als „Specially Designated Global Terrorists“ ein.
Damit wird deutlich, in welchem internationalen Umfeld sich der mutmaßliche Rädelsführer der „Sächsischen Separatisten“ bewegte. Über Licul führt eine Verbindung zu jenem rechtsterroristischen Netzwerk, in dem auch der Wiener Moritz D. aktiv war. Jörg S. selbst verschwand erst am 5. November 2024 aus einschlägigen Chats. An diesem Tag wurde er in der polnischen Grenzstadt Zgorzelec festgenommen.
Neonazi-Ausflug nach Buchenwald
Neben den internationalen Kontakten zeichneten die Ermittler vor Gericht auch ein Bild vom Auftreten der mutmaßlichen Terrorgruppe in Deutschland. Aus den analysierten Chatgruppen konnten sie einen gemeinsamen Ausflug – als „wohltätig brauner Ausflug“ tituliert – einiger der nun Angeklagten rekonstruieren, darunter auch Jörg S.
Nach einem Besuch im Neonazi-Lokal „Goldener Löwe“ im deutschen Kloster Veßra fuhr die Gruppe zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Dort kam es laut Ermittler zu einer besonders widerwärtigen Inszenierung.
Vor der Gedenkstätte seien Fotos entstanden, auf denen die Angeklagten grinsend vor dem Tor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ posierten; auf einem weiteren Foto sei P. zu sehen, wie er vor dem Tor seine Hoden entblößt. (nsu-watch.info, 30.10.26)
Mit P. ist Hans-Georg P. gemeint, der zumindest zweimal an identitären Demonstrationen in Wien teilgenommen hat. Er gehört zu jenen Angeklagten, für die der Prozess inzwischen eine überraschende Wendung genommen hat.
Vier Angeklagte wieder auf freiem Fuß
Nach knapp zwei Jahren Untersuchungshaft hat das Oberlandesgericht Dresden vier der acht wegen Rechtsterrorismus angeklagten mutmaßlichen „Sächsischen Separatisten“ entlassen.
Das Gericht hob die Haftbefehle gegen Kevin R., Norman T. und Hans-Georg P. auf. Bei zweien von ihnen sehe man den Tatverdacht „nicht mehr in vollem Umfang des Tatvorwurfs als gegeben“, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts. Beim dritten Angeklagten sei „die Haftfortdauer als unverhältnismäßig“ anzusehen.
Als Vierter wurde Kurt Hättasch, ein AfD-Stadtrat aus Grimma, gegen Hinterlegung einer Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Er dürfte damit seine Tätigkeit als Stadtrat wieder aufnehmen.
Auch Kevin R., der burschenschaftliche Kontakte nach Salzburg hatte, könnte Hättaschs Fraktion künftig verstärken: Nach dem Mandatsverzicht einer AfD-Stadträtin steht R. als nächster Nachrücker bereit. Die sächsische Stadt Grimma hätte dann, dank der AfD, gleich zwei im Verfahren gegen die mutmaßlichen „Sächsischen Separatisten“ Angeklagte im Stadtrat.
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