Der Mann der Widersprüche: Peter Thiel
Vor kurzem erst hat Peter Thiel (58), der in Frankfurt am Main geboren wurde und US-Staatsbürger ist, seine Familie nach Argentinien umgesiedelt. Seine Familie, das sind sein Mann, den er 2017 in Wien geehelicht hat, und seine zwei Töchter, die durch Leihmutterschaft gezeugt wurden.
Schon die persönlichen Verhältnisse sind ein Indiz für die vielen Widersprüchlichkeiten rund um den vielfachen Milliardär und Epstein-Freund, der etwa „Wokeness“ als christliche Opferideologie denunziert. Eine Leihmutterschaft würden reaktionäre Christen (wie Thiel) üblicherweise mit schwerer Sünde und Verdammnis verbinden, aber für Milliardäre existieren offenbar Ausnahmen. Marktwirtschaft, bzw. Wettbewerb lehnt Thiel ebenfalls ab („competition is for losers“), Monopole sind für ihn Fortschrittsmotoren.
Nach Argentinien ist die Familie aus steuerrechtlichen Gründen übersiedelt. Ob er auch die argentinische Staatsbürgerschaft anstrebt, ist unklar. Die neuseeländische Staatsbürgerschaft hat er schon seit 2011, von Malta hat er einen Pass beantragt. Um Unabhängigkeit von Staatlichkeit und Steuern zu fördern, war er auch einer der Großinvestoren des privaten Stadtstaates Próspera in Honduras. Dennoch erklärte er am Parteitag der Republikaner 2016: „Ich bin stolz, schwul zu sein. Ich bin stolz, ein Republikaner zu sein. Vor allem bin ich stolz, Amerikaner zu sein.“ Der ultralibertäre Nationalist, der aus seinem Land flieht?
Mit Österreich verbindet ihn einiges. Da wäre zunächst die Hochzeit in Wien, dann die Freundschaft mit Sebastian Kurz, der nach seiner gescheiterten Kanzlerschaft beim Antidemokraten Thiel anheuerte. Eine indirekte Verbindung gibt es wohl auch zur FPÖ-Nationalratsabgeordneten Barbara Kolm, die bis 2018 – da wurde sie unter Türkis-Blau Vizepräsidentin der Österreichischen Nationalbank – im Quasi-Aufsichtsrat CAMP der privatisierten Zonen von Honduras saß.
„Wolfgang?“
Dann gibt es noch die Verbindung zu Wolfgang. Vielfältige Verbindungen. 2023 war Peter Thiel Vortragender auf einer Konferenz in Paris, die sich mit seinem verschwurbelten Leibthema des „Antichrist“ und des „Katechon“, also der Figur, die den „Antichrist“ aufhalten kann, beschäftigte. Die Figur des Katechon kommt in der Bibel nur völlig nebensächlich, in wenigen Sätzen in den Paulus-Briefen vor; sie fand eine autoritäre Ausführung durch Carl Schmitt, den Nazi-Juristen, und feiert ihre neuerlich reaktionäre Wiederauferstehung durch Peter Thiel, der sie seit einigen Jahren in seinen Vorträgen predigt.
Das Magazin Wired (30.9.25) berichtete in einer umfangreichen Reportage zu einem Auftritt von Thiel in Paris 2023 von diesem „ersten großen Vortrag seiner Weltuntergangs-Tournee“:
Als Thiel geendet hatte, eröffnete ein Moderator die Fragerunde mit der Feststellung, dass die Rede ziemlich ernüchternd gewesen sei. Wenn die Welt auf eine apokalyptische Krise zusteuere, fragte er, was würde der Milliardär uns wohl raten? „Den Antichristen abwehren“, lautete die Antwort. Darüber hinaus erklärte Thiel, dass er – wie Girard – nicht wirklich praktische Ratschläge geben wolle. Wenige Augenblicke später stand jemand im Publikum auf und korrigierte ihn. „Was Sie über Girard gesagt haben, stimmt nicht“, sagte eine Männerstimme. Thiel – der oft dazu neigt, seine Gesprächspartner zu übergehen oder zu überrumpeln – kniff die Augen zusammen und versuchte, den Sprecher zu identifizieren, um herauszufinden, wer ihm widersprach. Die Stimme hatte die runden Vokale und weichen Rs eines unverkennbar österreichischen Akzents und strahlte eine ruhige, vertraute Autorität aus. „Oftmals“, fuhr der Redner fort, „fragten junge Leute Girard: ‚Was sollen wir tun?‘ Und Girard riet ihnen, in die Kirche zu gehen.
Thiel schien endlich zu erkennen, wer da sprach. Er beugte sich zum Mikrofon: „Wolfgang?“ (Übersetzung mit Deepl)
Peter Thiel erkannte an der Stimme Wolfgang Palaver wieder. Also jene Person, die in der Vorstellung von Milo Rau bei den Wiener Festwochen den Konterpart und damit „die erste gefährliche Situation für Peter Thiel“ geben sollte.

Thiel sponsert COV & R und ARM
Die Konferenz in Paris, bei der Thiel seinen angeblich überraschenden Auftritt als Vortragender hatte, war eine Jahreskonferenz von COV & R. Das international agierende COV & R gibt es seit 1990. Erster Präsident war der 2004 verstorbene Innsbrucker Theologe Raymund Schwager. Einer seiner Nachfolger als Präsident und von Beginn an in Funktionen tätig war Wolfgang Palaver. Aktuell ist es wieder ein Theologe der Innsbrucker Universität, Nikolaus Wandinger, der dort das Forschungszentrum Religion- Gewalt – Kommunikation ‑Weltordnung (RGKW) leitet, das mit COV & R eng verbunden ist.
COV & R ist ein international agierender Verein, der – salopp formuliert – die Exegese der Lehren des 2015 verstorbenen Kulturanthropologen und katholischen Theologen Rene Girard (1923–2015) betreibt. Das „mimetische Begehren“ ist der Kern dieser Thesen von Girard, der zeitweise an der Stanford University lehrte, wo ihn Thiel und Palaver kennenlernten.
COV & R hatte in seinen besten Zeiten an die 300 Mitglieder, die einen Mitgliedsbeitrag von 55 USD (Studierende die Hälfte) zahlen. Zwischenzeitlich ist der Mitgliederstand nach eigenen Angaben auf 250 gesunken. Die Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen sind jedenfalls begrenzt. Deshalb sind Sponsoren sehr erwünscht.
Der größte Sponsor von COV & R ist „Imitatio“, eine 2008 gegründete Einrichtung der Thiel-Foundation, die die Förderung der Lehren von Rene Girard zum Ziel hat. „Imitatio“ fördert seit 2013 COV & R, indem es einen Hauptvortrag auf der jährlichen COV & R‑Konferenz bezahlt (Reise‑, Unterbringungs‑, Honorarkosten) und Reisekostenzuschüsse in der Höhe von jeweils 1.000 USD für Studierende und „Practitioners“ mitfinanziert (die COV & R‑Jahreskonferenzen finden bisweilen an nicht unbedingt billigen Konferenzorten statt).
Nikolaus Wandinger, der Präsident von COV & R, gibt Stoppt die Rechten auf Anfrage die Zuschüsse von „Imitatio“ für 2025 und 26 mit jeweils 10.000 Euro an. In früheren Jahren hat „Imitatio“ auch Sachkosten (Buchneuerscheinungen zu Girard) für die Mitglieder finanziert – diese Förderung wurde aber wieder eingestellt, schreibt uns Wandinger, der zu den Jahreskonferenzen noch festhält: „Die Aufstellung der Finanzierung und die Konferenzplanung obliegt dabei ganz den vor Ort Verantwortlichen, die COV&R‑Mitglieder sind und die Konferenz so planen, dass sie auch den Interessen von COV&R entgegenkommt.“ (Mail an SdR, 4.6.26).

2023 war der lokale Girardisten-Verein, die „Association Recherches Mimétiques“ (ARM) für die Jahreskonferenz zuständig. Im Bulletin von COV & R Nr. 63 hieß es über ARM: „In den letzten Jahren wurde ARM hauptsächlich von Imitatio finanziert, das Teil der Thiel Foundation ist.“
Peter Thiel war also 2023 der vielbeachtete Starredner einer Jahreskonferenz von COV & R (das von der Thiel-Foundation gesponsert wird), die von ARM ausgerichtet wurde (die hauptsächlich von der Thiel-Foundation finanziert wurde). Viel mehr Thiel in einer COV & R‑Jahreskonferenz geht gar nicht – aber niemand hat das bisher thematisiert.
Imitatio Representative Member Palaver – ein Konterpart von Thiel?
Wolfgang Palaver (67) ist ein seit 2023 emeritierter Theologe, der an der Universität Innsbruck gelehrt hat. Palaver ist engagierter Christ, Präsident der katholischen Friedensorganisation Pax Christi, seit kurzem auch Sonderbeauftragter gegen Rassismus für die OSZE – sicher kein Reaktionär wie Thiel.
Peter Thiel kennt er seit mittlerweile 30 Jahren. Die beiden haben sich seit 1996 immer wieder getroffen: in Stanford, bei Tagungen, bei der Trauerfeier für Girard, aber auch bei Abendessen im kleinen Kreis (2011, 2024 und 2025 bei Palaver zuhause).
Noch eine Verbindung gibt es. Sucht man via Google „Imitatio“ und „Wolfgang Palaver“, dann stößt man auch auf Seiten, die ihn als Mitglied des Beirats von „Imitatio“ bezeichnen. Gibt man den „Advisory Board“ als zusätzlichen Suchbegriff ein, dann taucht Wolfgang Palaver als „Imitatio Representative Member“, also als Vertreter der Imitatio-Plattform, auf. Wir haben Wolfgang Palaver dazu schriftlich befragt. Seine Antwort:
Was Sie gefunden haben, ist ein alter – inzwischen inaktiver – Link. Dieses Board hat sich 2019 das letzte Mal getroffen. Ich war ab 2008/09 Mitglied. Ich habe vor allem Tagungen zu „Mimetic Theory and World Religions“ und „Mimetic Theory and Islam“ geplant und organisiert.

Honorar oder Aufwandsentschädigung habe es nicht geben, so Palaver weiter. Noch eine Frage haben wir an Palaver gestellt: „Sie werden auch als Ehrenmitglied des französischen Girard-Verein „ARM” genannt, wobei im diesbezüglichen Bericht des Bulletins von COV & R auch zu lesen ist, dass ARM hauptsächlich von Imitatio finanziert ist bzw. war. Stimmt dieser Bericht?“
Dazu kam nur diese ausweichende Antwort: „Über die Finanzierung von ARM kann ich Ihnen nichts sagen. Das Advisory Board war rein wissenschaftlich tätig, finanzielle Dinge wurden nicht besprochen.“
Palaver & Thiel
Wolfgang Palaver ist ein profunder Kenner bzw. Interpret von Rene Girard. Er kennt auch Peter Thiel und dessen krude Interpretation von Girard sehr gut. Palaver will zwar nicht „Thielologe“ sein, ist aber durch seine Interpretation von Thiel erst richtig bekannt geworden. Nach eigenen Angaben wollte er den „theologischen Ideen“ des Peter Thiel samt Brücke zur Realpolitik auch bei den Wiener Festwochen kontern.

Peter Thiel ist ein Verächter der Demokratie, auch des Frauenwahlrechts und sieht hinter dem Antichrist Menschen wie Greta Thunberg am Werk. Den Antichrist will Thiel mit einem diktatorischen Katechon aufhalten, Palaver will gegen den Antichrist in die Kirche gehen. Dagegen hat auch Thiel keine Einwände – ganz im Gegenteil:
In einem Interview im Oktober an der Hoover Institution wiederholte Thiel diese Aussage: „Girard sagte immer, man müsse einfach in die Kirche gehen, und ich versuche, in die Kirche zu gehen.“ Im Frühjahr, als der Podcaster Jordan Peterson einmal vergeblich versuchte, ihn zu unterbrechen, unterbrach ihn Thiel: „Girards Antwort wäre immer noch ungefähr so: Man sollte einfach in die Kirche gehen.“
Es ist nicht nur diese Aussage. Obwohl Thiel Wolfgang Palaver nie öffentlich erwähnt hat, ist der Einfluss des österreichischen Theologen wohl in fast allem spürbar, was Thiel je über den Antichristen und den Katechon gesagt oder geschrieben hat. (Wired)
Was beide also auch noch gegen den „Antichrist“ eint: In die Kirche gehen.
Das ist aber mit Sicherheit nicht die Antwort auf die kruden und autoritären politischen Vorstellungen eines Menschen, der zu den wirtschaftlich Mächtigsten und aktuell politisch äußerst Einflussreichen weltweit zählt. Im „Standard“ (31.5.26) wird er so beschrieben: „Der Tech-Milliardär gilt als eine der dubiosesten und umstrittensten Erscheinungen im Gruselkabinett der globalen Machtelite.“
Über „Imitatio“ und Palaver als Interpret konnte sich Thiel theologisch interessant machen, aber seine Interessen spielen in einem anderen Bereich, seine Macht in einer anderen Liga als im Ballsaal des Hotel Intercontinental, den die „Wiener Festwochen“ für das Spektakel angemietet hätten.
P.S.: Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, weder die theologisch verbrämten politisch reaktionären Ansichten des Peter Thiel noch die Ideen von Rene Girard ausführlicher darzustellen oder zu interpretieren.
Weiterführend:
➡️ deutschlandfunk.de (2025): Die Peter-Thiel-Story (Podcast in 6 Folgen)
➡️ pro-medienmagazin (1.8.25): Der Antichrist, der amerikanische König und Peter Thiel
➡️ stephendiehl.com (1.2.23): Deconstructing the Worldview of Peter Thiel
Diehl gegen Thiel. Die wohl intensivste, nicht theologisch verbrämte Auseinandersetzung mit Peter Thiel liefert der Brite Stephen Diehl.
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