Der Streit zwischen Heinz-Christian Strache und der FPÖ-Spitze wirkt fast wie ein Nebenschauplatz. Entscheidend ist das Bild, das aus den Details entsteht: ein Apparat, der Ausgaben, Geschenke und private Lebensführung über Jahre in Parteistrukturen hineinzieht und sich nun gegenseitig die Rechnung präsentiert.
Spesen als System, abgerechnet über drei Kassen
Die Ermittler halten fest, dass Ausgaben, die offensichtlich privater Natur waren, über mehrere Organisationen abgerechnet worden seien: Bundes-FPÖ, Wiener Landes-FPÖ, Parlamentsklub. Schon diese Streuung zeigt: Wer hier von einem Einzeltäter spricht, ignoriert die dahinterliegende Struktur.
Strache reagiert darauf mit einem 81-seitigen Schriftsatz und zieht die FPÖ-Spitze in seine Verteidigung hinein, wie der „Standard“ (6.3.26) berichtet. Strache beschreibt parteiinterne Prüf- und Genehmigungsmechanismen und betont „Entlastungen“ in Gremien – als Argument, dass Verantwortung und Kontrolle bei mehreren „weisungsfreien Organwaltern“ lagen.
Kickl im Fadenkreuz von Strache: Gehalt, Feierabend, „Goodies“
Straches relevantester und emotionalster Angriff zielt wohl auf Herbert Kickl. Der Ex-FPÖ-Chef stellt sich als Obmann im Dauereinsatz dar und zeichnet Kickl als gut bezahlten Generalsekretär, dessen Arbeitstag oft zwischen 16 und 18 Uhr geendet habe – bei einem Monatssalär von „netto über 10.000 Euro plus Spesen“. Festzuhalten ist, dass dieses Salär zum auch nicht bescheidenen Gehalt eines Nationalratsabgeordneten hinzukam. Das klingt nach bewusst gesetzter Demütigung (fauler Kickl, fleißiger Strache), zugleich ein Fingerzeig: Wer so nah am Zentrum saß, soll von eingereichten Rechnungen nichts mitbekommen haben?

Partei als Reisebüro und Badehosen-Gate?
Strache, der sich auch für eine Luxus-Armbanduhr auf Parteikosten verteidigen muss, behauptet, die Parteikultur habe zu bestimmten Anlässen teure Zuwendungen an Spitzenkader gekannt: Kickl habe eine Bergausrüstung erhalten, Hilmar Kabas einen Urlaub in Nepal, Norbert Hofer einen Familienurlaub auf den Malediven, andere hätten Handtaschen und Gutscheine erhalten. Hofer dementiert gegenüber dem „Standard“: „Die Partei (habe) zwar die Buchung vorgenommen, er (habe) aber ‚jeden Cent selbst gezahlt‘.“ Die Partei also nur als Reisebüro?
Straches Verteidigungsversuch verdichtet sich in einer Causa auf ihre unfreiwillig komische Essenz: Zur „Marke HC“ hätten sogar Badehosen gehört. Vorgeworfen wird ihm, zwei dieser Stücke um satte 347 Euro auf Parteikosten erstanden zu haben. Die habe er selbst bezahlt, sagt Strache, aber es „sei festzuhalten, dass Strache ‚im Sommer vor der Nationalratswahl 2013 auch medial wirksam für die FPÖ in Badehosen aufgetreten ist‘“ (derstandard.at).
Eine Babyparty stilisiert Strache zum wichtigen medialen FPÖ-Event, auch der Nutzen einer von der Partei bezahlten Babysitterin habe unzweifelhaft bei der Partei gelegen. Hier kippt die Inszenierung endgültig in Gutsherrenlogik: Privates wird zum Parteizweck erklärt, sobald eine Kamera im Raum denkbar ist. Der politische Kern aber ist brutal schlicht: Wer sich jahrelang als Partei der „kleinen Leute“ verkauft, während im Inneren offenbar mit gesponserter Party, Babysitting und Lifestyle hantiert wird, betreibt ein Klassenprojekt von oben – finanziert über Parteistrukturen, die wiederum aus Steuergeldern alimentiert sind.

Wiener FPÖ als Schaltstelle: Nepp, Nittmann und die Aktenlücke
Die Wiener FPÖ spielt in dieser Affäre eine Schlüsselrolle. Dominik Nepp war von 2015 bis 2019 Finanzreferent der FPÖ Wien und behauptete, von Straches Spesen nichts bemerkt zu haben. Heute steht er selbst im Fokus der Ermittlungen. Eine unrühmliche Rolle spielt auch die nicht amtsführende Stadträtin Ulrike Nittmann: Als Finanzverantwortliche der Wiener FPÖ ab 2019 sagte sie den Ermittlern 2022, es seien wesentliche Teile der Buchhaltung vernichtet worden – angeblich aus Platzmangel. Steuerberater und Wirtschaftsprüfer hätten das Material als nicht mehr relevant eingestuft.
Solche Aktenlücken sind politisch toxisch: Wenn zentrale Finanzunterlagen fehlen, verengt sich Aufklärung auf Zeugenaussagen, interne Machtkämpfe und selektive Belegreste. Unbekannt bleibt dann, wer welche Ausgaben wann freigab, duldete oder intern „reparierte“.
Drei Verantwortungsebenen, ein Milieu
Straches Rundumschlag legt unfreiwillig fest, worum es tatsächlich geht: drei Verantwortungsebenen. Erstens Strache selbst und sein Umfeld als Veranlasser und Nutznießer jener Ausgaben, die die Ermittler als privat qualifizieren. Zweitens die Spitzen der Bundespartei, die Strache als eingebundene, „weisungsfreie“ Organwalter beschreibt – samt Kickl als damaligem Machtzentrum im Generalsekretariat. Drittens die Wiener FPÖ als operative Kassa- und Abrechnungsdrehscheibe mit Finanzverantwortung bei Nepp und Nittmann.
Am Ende liefert ausgerechnet die FPÖ den ehrlichsten Kommentar: In der ZiB 2 (6.3.26) sagt FPÖ-Generalsekretär Hafenecker, für Strache gälte als Beschuldigter „keine Wahrheitspflicht“, insinuiert also, sein ehemaliger Parteichef habe die Unwahrheit gesagt oder gar gelogen. Politisch ist es ein Offenbarungseid: Wenn der eigene Reflex im Skandal lautet, zuerst die Wahrheitspflicht zu relativieren, dann ist „Unser Geld für unsere Leut“ längst kein Slogan mehr, sondern kommt als interne Arbeitsweise daher – ein Befund, der sich durch den Finanzskandal der Grazer und steirischen FPÖ verstärkt.
Das war wirklich ernst gemeint.
www.derstandard.at/story/300000…
— Armin Wolf (@arminwolf.at) 6. März 2026 um 19:04
Für alle Genannnten gilt die Unschuldsvermutung!
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