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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 5 Minuten

Früher, näher, enger: Terrorverdächtiger im identitären Führungszirkel – ein Foto als Scharnier zum Gewaltmilieu

Juli 2024: ein kleines Strategietreffen mit Sellner und dem Terrorverdächtigen Thomas D.. Juli 2025: D. als Frontmann der Identitären in Wien. August 25: Festnahme in NL. Die Chronologie zeigt, wie eng das Identitären-Netz an gewaltbereite Neonazis andockt – und danach schweigt.

20. Sep. 2025
Strategietreffen mit Terrorverdaechtigem (KI-bearbeitet)
Strategietreffen mit Terrorverdaechtigem (KI-bearbeitet)

Von der Wiener Bühne zur niederländischen U-Haft

Am 26. Juli 2025 war der Niederländer Thomas D. in Wien bei der identitären Demonstration ganz vorne dabei: Er hielt eine Rede, spielte per Megafon den Einpeitscher und trug zeitweise das Frontbanner der Identitären. Wenige Wochen später, am 14. August, wurde der 24-Jährige in Badhoevedorp festgenommen – Verdacht: Vorbereitung einer terroristischen Straftat, verbotener Waffenbesitz und Herstellung von Waffen(-teilen). In einem leerstehenden Restaurant an seiner Meldeadresse in Erp stellten Ermittler Waffen und Munition sicher. Das Objekt wurde von D.s Gruppierung Geuzenbond als „Clubhaus“ genutzt. Für D. gilt die Unschuldsvermutung.

Der kleine Kreis – ein Foto als Scharnier

Screenshot Tweet Action Radar Europe 11.7.24: Identitäre Runde mit dem Terrorverdächtigen Thomas D.: "European Meeting in Germany The "Action Radar Europe" was founded one year ago after the identitarian Summer demonstration in Vienna. Last Weekend leaders and organizers from many European countries met in Germany to plan our next steps for the Reconquista. We were able to analyze the past year together and compare successes and experiences. The discussions focused on geopolitics, the movement's stance on right-wing parties and how we deal with repression. After the talk we took part in a regional action of the "Stolzmonat"- campaign, the german answer to the "Pridemonth". ** The next stop is Vienna, where many of us will reunite for the GI-Demonstration 2024 on July 20th." Bemerkenswert ist, dass angegeben wird, nach dem Meeting bei einer Aktion zum "Stolzmonat" teilgenommen zu haben. Das Foto, auf dem nur an die 10 Personen erkennbar sind, zeigt die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz - der deutsche Verfassungsschutz schreibt, die Aktion habe am 30.6.24 stattgefunden, also eine Woche, vor dem Datum, das im Tweet angegeben wird.
Screenshot Tweet Action Radar Europe 11.7.24: Identitäre Runde mit dem Terrorverdächtigen Thomas D.
Bemerkenswert ist, dass angegeben wird, nach dem Meeting bei einer Aktion zum „Stolzmonat“ teilgenommen zu haben. Das Foto, auf dem nur an die 10 Personen erkennbar sind, zeigt die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz – der deutsche Verfassungsschutz schreibt, die Aktion habe am 30.6.24 stattgefunden, also eine Woche, vor dem Datum, das im Tweet angegeben wird.

Recherchen von Stoppt die Rechten zeigen nun, dass D.s Kontakte (nicht nur) nach Österreich jedoch deutlich weiter zurückreichen und in einen kleinen Kreis rund um Martin Sellner führen. Ein am 11. Juli 2024 veröffentlichter Tweet des identitären X-Accounts „Action Radar Europe“ dokumentiert ein Strategietreffen in kleiner Runde. „Last Weekend leaders and organizers from many European countries met in Germany to plan our next steps for the Reconquista.“ „Many European Countries“ sind nicht festzumachen, aber einige: Zu sehen sind neben den Österreichern Martin Sellner und Christoph Albert (Aktion451), die Schweizer Tobias Lingg und Manuel Corchia, die Deutschen Vincenzo Richter, David Ratajczak und vermutlich Marius Keipp sowie der Däne Sebastian Nielsen.

Das Treffen prägt die Bewertung der Wiener Juli-Demo 2025 nachträglich: D. war dort nicht bloß Besucher aus den Niederlanden, sondern ein vernetzter Multiplikator mit längerfristiger Anbindung an die Szene. Kurzum: Man kennt einander gut.

Links von vorne nach hinten: Tobias Lingg, Martin Sellner, David Ratajczak, Christoph Albert Rechts von vorne nach hinten: Manuel Corchia, Thomas D., Vincenzo Richter, Sebastian Nielsen, vmtl. Marius Keipp (Screenshot X, 11.7.24)
Links von vorne nach hinten: Tobias Lingg, Martin Sellner, David Ratajczak, Christoph Albert
Rechts von vorne nach hinten: Manuel Corchia, Thomas D., Vincenzo Richter, Sebastian Nielsen, vmtl. Marius Keipp (Screenshot X, 11.7.24)

Schweizer Kader – die Tür zum offen neonazistischen Spektrum

Tobias Lingg und Manuel Corchia, zentrale Gesichter der Neonazi-Gruppe „Junge Tat“, stehen nach jahrelangen Ermittlungen vor einer Anklage der Zürcher Staatsanwaltschaft. Ihnen drohen hohe Strafen. Beide waren in den vergangenen Jahren an Aktionen, Kampfsport-Events und propagandistischen Formaten beteiligt, die in der Szene als „wehrhaft“ codiert sind. Ihre Präsenz in derselben Runde und mehrfach auch in Wien ist ein weiterer Hinweis auf die Durchlässigkeit zwischen identitärem Aktivismus und neonazistischen Milieus.

Deutsche Knoten – Logistik, Infrastruktur, Mobilisierung

Vincenzo Richter, ebenfalls Stammgast in Wien, gilt seit Jahren als eine feste Größe der Identitären in Ostdeutschland (Chemnitz/Sachsengarde) und als Organisator, der Infrastrukturen mit aufbaut – von Vereinen bis zu Immobilienvehikeln. Dass Richter in dem 2024er-Strategiekreis auftaucht, markiert ihn einmal mehr als Knotenpunkt, der Logistik und Szene-Know-how bündelt. Mit dem Lüneburger David Ratajczak, Leiter der IB Niedersachsen, und (vermutlich) Marius Keipp, Kader der als besonders militant geltenden in Südwestdeutschland agierenden Gruppierung „Reconquista21“, waren zwei weitere identitäre Frontfiguren anwesend.

Dänemark als Andockstelle – „Sommeruniversität“, Active-Club-Bezüge

Auf dem Foto ist auch der dänische Aktivist Sebastian Nielsen erkennbar, ein langjähriger Kader von „Generation Identitær“. Bilder belegen, dass Thomas D. Teilnehmer im August 24 einer vollmundig als „Skandinavisk Sommeruniversitet“ bezeichneten international besetzten Veranstaltung in Dänemark war – auch Vincenzo Richter nahm daran teil. Fotos, die D. zeigen, wurden nach dessen Verhaftung von der dänischen Identitären-Website gelöscht. Die „Sommeruniversitet“ bot neben Schulungseinheiten körperliches Training als „wehrhaftmachende“ Praxis.

Der dänische Watch-Blog „Redox“ hat Nielsen und die dänische Szene um „Generation Identitær“ (GI) detailliert kartiert – vom festen Treffpunkt in Kopenhagen-Østerbro und regelmäßigen Schulungsabenden bis zu einem Ableger der „Active Clubs“, also jener White-Supremacy-Netzwerke, die ideologische Schulung mit Kampfsport verbinden. Die Recherchen zeigen zahlreiche personelle Überschneidungen zwischen GI und offen neonazistischen Milieus sowie die enge Anbindung an transnationale Knoten.

Hier schließen sich auch Linien zum Fall Thomas D.: „Bellingcat“ (7.2.24) ordnet den niederländischen Geuzenbond, in dem D. als Führungsfigur fungierte, als „Active Club“-Zelle ein. D.s Teilnahme an dänischen GI-Formaten und die dichte Verzahnung zwischen dänischen „Active Club“-Strukturen und dem identitären Umfeld belegen damit nicht bloß lose Kontakte, sondern eine funktionierende Pipeline zwischen den Kadern in Dänemark und den „Active Clubs“ in den Niederlanden – mit Sellner als kommunikativem Hub.

Schweigen als Strategie

Noch sind zu D.s, dessen Untersuchungshaft Ende August verlängert wurde, angebliche Anschlagsplänen keine Details öffentlich bekannt. Bemerkenswert ist die Reaktion nach der Festnahme von D.: Sellner und andere Identitäre, die bei staatlichen Ermittlungen sonst umgehend Solidarität skandieren, äußerten sich in den Tagen und Wochen danach nicht. Keine internationalen „Free-Thomas“-Slogans, keine großen Spendenaufrufe, kein „Lawfare“-Narrativ. Dieses Schweigen deutet klar auf eine strategische Distanzierung hin: Wenn strafrechtliche Vorwürfe bis zum Verdacht, ein Attentat geplant zu haben, das Herz eines transnationalen Aktivismus tangieren, der sich nach außen als gewaltlos „metapolitisch“ drapiert, wird die Causa vertuscht.

Das identitäre Milieu pflegt seit Jahren belastbare Kontakte in gewaltbereite, neonazistische Umfelder und verschweigt diese Verbindungen, sobald die Vorwürfe den terroristischen Sektor streifen – sei es durch taktisches Stillhalten, Löschung von Bildern (wie im dänischen Fall) oder das Vermeiden der sonst üblichen Solidaritätsrituale. Die nun sichtbare Zeitleiste – von einem sommerlichen Strategietreffen bis zur Razzia mit Waffenfunden – macht diese Struktur einmal mehr greif- und sichtbarer.

Update 13.2.26: Die „Mitteldeutsche Zeitung“ (13.2.26) schreibt, dass das Treffen in einer Villa in Schkopau (südlich von Halle, Sachsen-Anhalt) stattgefunden hat.

➡️ derstandard.at (20.9.25): Lautes Schweigen nach Terrorverdacht gegen Kontakt von Sellner
➡️ blick.ch (20.9.25): Junge-Tat-Chefs trafen sich mit Terrorverdächtigem

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Schlagwörter: Identitäre | Rechtsterrorismus | Weite Welt | Wien

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