Von der Wiener Bühne zur niederländischen U‑Haft
Am 26. Juli 2025 war der Niederländer Thomas D. in Wien bei der identitären Demonstration ganz vorne dabei: Er hielt eine Rede, spielte per Megafon den Einpeitscher und trug zeitweise das Frontbanner der Identitären. Wenige Wochen später, am 14. August, wurde der 24-Jährige in Badhoevedorp festgenommen – Verdacht: Vorbereitung einer terroristischen Straftat, verbotener Waffenbesitz und Herstellung von Waffen(-teilen). In einem leerstehenden Restaurant an seiner Meldeadresse in Erp stellten Ermittler Waffen und Munition sicher. Das Objekt wurde von D.s Gruppierung Geuzenbond als „Clubhaus“ genutzt. Für D. gilt die Unschuldsvermutung.
Der kleine Kreis – ein Foto als Scharnier

Bemerkenswert ist, dass angegeben wird, nach dem Meeting bei einer Aktion zum „Stolzmonat” teilgenommen zu haben. Das Foto, auf dem nur an die 10 Personen erkennbar sind, zeigt die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz — der deutsche Verfassungsschutz schreibt, die Aktion habe am 30.6.24 stattgefunden, also eine Woche, vor dem Datum, das im Tweet angegeben wird.
Recherchen von Stoppt die Rechten zeigen nun, dass D.s Kontakte (nicht nur) nach Österreich jedoch deutlich weiter zurückreichen und in einen kleinen Kreis rund um Martin Sellner führen. Ein am 11. Juli 2024 veröffentlichter Tweet des identitären X‑Accounts „Action Radar Europe“ dokumentiert ein Strategietreffen in kleiner Runde. „Last Weekend leaders and organizers from many European countries met in Germany to plan our next steps for the Reconquista.“ „Many European Countries“ sind nicht festzumachen, aber einige: Zu sehen sind neben den Österreichern Martin Sellner und Christoph Albert („Aktion 451”), die Schweizer Tobias Lingg und Manuel Corchia, die Deutschen Vincenzo Richter, David Ratajczak und vermutlich Marius Keipp sowie der Däne Sebastian Nielsen.
Das Treffen prägt die Bewertung der Wiener Juli-Demo 2025 nachträglich: D. war dort nicht bloß Besucher aus den Niederlanden, sondern ein vernetzter Multiplikator mit längerfristiger Anbindung an die Szene. Kurzum: Man kennt einander gut.

Rechts von vorne nach hinten: Manuel Corchia, Thomas D., Vincenzo Richter, Sebastian Nielsen, vmtl. Marius Keipp (Screenshot X, 11.7.24)
Schweizer Kader – die Tür zum offen neonazistischen Spektrum
Tobias Lingg und Manuel Corchia, zentrale Gesichter der Neonazi-Gruppe „Junge Tat“, stehen nach jahrelangen Ermittlungen vor einer Anklage der Zürcher Staatsanwaltschaft. Ihnen drohen hohe Strafen. Beide waren in den vergangenen Jahren an Aktionen, Kampfsport-Events und propagandistischen Formaten beteiligt, die in der Szene als „wehrhaft“ codiert sind. Ihre Präsenz in derselben Runde und mehrfach auch in Wien ist ein weiterer Hinweis auf die Durchlässigkeit zwischen identitärem Aktivismus und neonazistischen Milieus.
Deutsche Knoten – Logistik, Infrastruktur, Mobilisierung
Vincenzo Richter, ebenfalls Stammgast in Wien, gilt seit Jahren als eine feste Größe der Identitären in Ostdeutschland (Chemnitz/Sachsengarde) und als Organisator, der Infrastrukturen mit aufbaut – von Vereinen bis zu Immobilienvehikeln. Dass Richter in dem 2024er-Strategiekreis auftaucht, markiert ihn einmal mehr als Knotenpunkt, der Logistik und Szene-Know-how bündelt. Mit dem Lüneburger David Ratajczak, Leiter der IB Niedersachsen, und (vermutlich) Marius Keipp, Kader der als besonders militant geltenden in Südwestdeutschland agierenden Gruppierung „Reconquista21“, waren zwei weitere identitäre Frontfiguren anwesend.
Dänemark als Andockstelle – „Sommeruniversität“, Active-Club-Bezüge
Auf dem Foto ist auch der dänische Aktivist Sebastian Nielsen erkennbar, ein langjähriger Kader von „Generation Identitær“. Bilder belegen, dass Thomas D. Teilnehmer im August 24 einer vollmundig als „Skandinavisk Sommeruniversitet“ bezeichneten international besetzten Veranstaltung in Dänemark war – auch Vincenzo Richter nahm daran teil. Fotos, die D. zeigen, wurden nach dessen Verhaftung von der dänischen Identitären-Website gelöscht. Die „Sommeruniversitet“ bot neben Schulungseinheiten körperliches Training als „wehrhaftmachende“ Praxis.
Der dänische Watch-Blog „Redox“ hat Nielsen und die dänische Szene um „Generation Identitær“ (GI) detailliert kartiert – vom festen Treffpunkt in Kopenhagen-Østerbro und regelmäßigen Schulungsabenden bis zu einem Ableger der „Active Clubs“, also jener White-Supremacy-Netzwerke, die ideologische Schulung mit Kampfsport verbinden. Die Recherchen zeigen zahlreiche personelle Überschneidungen zwischen GI und offen neonazistischen Milieus sowie die enge Anbindung an transnationale Knoten.
Hier schließen sich auch Linien zum Fall Thomas D.: „Bellingcat“ (7.2.24) ordnet den niederländischen Geuzenbond, in dem D. als Führungsfigur fungierte, als „Active Club“-Zelle ein. D.s Teilnahme an dänischen GI-Formaten und die dichte Verzahnung zwischen dänischen „Active Club“-Strukturen und dem identitären Umfeld belegen damit nicht bloß lose Kontakte, sondern eine funktionierende Pipeline zwischen den Kadern in Dänemark und den „Active Clubs“ in den Niederlanden – mit Sellner als kommunikativem Hub.
Schweigen als Strategie
Noch sind zu D.s, dessen Untersuchungshaft Ende August verlängert wurde, angebliche Anschlagsplänen keine Details öffentlich bekannt. Bemerkenswert ist die Reaktion nach der Festnahme von D.: Sellner und andere Identitäre, die bei staatlichen Ermittlungen sonst umgehend Solidarität skandieren, äußerten sich in den Tagen und Wochen danach nicht. Keine internationalen „Free-Thomas“-Slogans, keine großen Spendenaufrufe, kein „Lawfare“-Narrativ. Dieses Schweigen deutet klar auf eine strategische Distanzierung hin: Wenn strafrechtliche Vorwürfe bis zum Verdacht, ein Attentat geplant zu haben, das Herz eines transnationalen Aktivismus tangieren, der sich nach außen als gewaltlos „metapolitisch“ drapiert, wird die Causa vertuscht.
Das identitäre Milieu pflegt seit Jahren belastbare Kontakte in gewaltbereite, neonazistische Umfelder und verschweigt diese Verbindungen, sobald die Vorwürfe den terroristischen Sektor streifen – sei es durch taktisches Stillhalten, Löschung von Bildern (wie im dänischen Fall) oder das Vermeiden der sonst üblichen Solidaritätsrituale. Die nun sichtbare Zeitleiste – von einem sommerlichen Strategietreffen bis zur Razzia mit Waffenfunden – macht diese Struktur einmal mehr greif- und sichtbarer.
Update 13.2.26: Die „Mitteldeutsche Zeitung” (13.2.26) schreibt, dass das Treffen in einer Villa in Schkopau (südlich von Halle, Sachsen-Anhalt) stattgefunden hat.
➡️ derstandard.at (20.9.25): Lautes Schweigen nach Terrorverdacht gegen Kontakt von Sellner
➡️ blick.ch (20.9.25): Junge-Tat-Chefs trafen sich mit Terrorverdächtigem
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