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Lesezeit: 7 Minuten

Österreichische Söldner in der Ukraine

Der Tod eines öster­rei­chi­schen Söld­ners und Bur­schen­schaf­ters in der Ukrai­ne hat Bruch­li­ni­en und Ver­wer­fun­gen inner­halb der Rechts­extre­men offen­ge­legt. Von Lebens­bund und lebens­lan­ger Kame­rad­schaft ist nichts mehr bemerk­bar bei den Abschieds­wor­ten, die ihm von sei­nen frü­he­ren Bur­schi-Freun­den nach­ge­wor­fen wur­den. Aber war Richard S. über­haupt noch ein Rechts­extre­mer, als er in die Ukrai­ne zog? Und: Kämp­fen wei­te­re rechts­extre­me Söld­ner aus Öster­reich in der Ukraine?

28. Jan. 2025
Söldner in der Ukraine
Söldner in der Ukraine

Burschenschafter ohne Lebensbund

Bis 2015 war die klei­ne rechts­extre­me Welt in Öster­reich noch weit­ge­hend heil. Jeden­falls bei der rechts­extre­men Bur­schen­schaft Olym­pia. Mar­tin Sell­ner, Alex­an­der Mar­ko­vics und Richard S., der nun im Jän­ner in der Ukrai­ne gefal­len ist, waren noch gemein­sam rechts­extre­me Olym­pen. Sell­ner und Mar­ko­vics waren auch die lea­ding figu­res der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung Öster­reichs (IBÖ). 2015 wur­de Mar­ko­vics bei der IBÖ degra­diert und zum Lei­ter einer Theo­rie-Arbeits­grup­pe her­ab­ge­stuft. Sell­ner und Richard S. ver­lie­ßen die Olym­pia und tra­ten bei der (eben­falls deutsch­na­tio­na­len) Sän­ger­schaft Bar­den Wien ein, Mar­ko­vics blieb Olym­pe, ver­ließ die Iden­ti­tä­ren und ver­ding­te sich spä­ter dann als Sekre­tär des pro­rus­si­schen Suwo­row-Insti­tuts und als Dugin-Interpret.

Martin Sellner, rechts daneben Richard S. bei der Sängerschaft Barden Wien 2016 (Screenshot X 26.6.16)
Mar­tin Sell­ner, rechts dane­ben Richard S. bei der Sän­ger­schaft Bar­den, Wien 2016 (Screen­shot X 26.6.16)

Jetzt, nach dem Tod sei­nes frü­he­ren Bun­des­bru­ders Richard, ver­öf­fent­lich­te Mar­ko­vics ein Foto S. mit dem Kom­men­tar: „Wohin CIA-Natio­na­lis­mus, eine insta­bi­le Per­sön­lich­keit und Hass auf Russ­land füh­ren“ Dazu erhielt er unter ande­rem fol­gen­de Antworten:

„Er hat mehr geleis­tet als du in meh­re­ren Leben leis­ten könn­test“
„Wider­wär­ti­ger Kom­men­tar“
„anstand ist ein rares gut die­ser tage“

Mar­ko­vics trat sei­nem toten Kame­ra­den aus ver­gan­ge­nen Tagen noch ein­mal nach: „Der Typ war psy­chisch labil und hat sich von sei­nen Faschis­ten­freun­den zum Kano­nen­fut­ter von Black­rock, Sor­os und Zel­en­sky machen las­sen. Des is ka Leis­tung, auch wenns tra­gisch ist.“

Alexander Markovics zum Tod von Schermann und Kommentare (Screenshot X 23.1.25)
Alex­an­der Mar­ko­vics zum Tod von Richard S. und Kom­men­ta­re (Screen­shot X 23.1.25)

Mar­tin Sell­ner nahm etwas vor­neh­mer, den­noch distan­ziert von sei­nem lang­jäh­ri­gen Kame­ra­den Abschied:

Vor eini­gen Tagen ist einer mei­ner ältes­ten Freun­de und Mit­strei­ter viel zu früh, mit 30 Jah­ren, von uns gegan­gen. Er hat sei­ne eige­nen Ent­schlüs­se gefasst, einen ande­ren Pfad gewählt, wodurch sich unse­re Wege trenn­ten. Die­sen Ent­schlüs­sen ist er bis in den Tod treu geblie­ben und davor habe ich tie­fen Respekt.

Was Sell­ner nicht dazu­sagt: Der „ande­re Pfad“, den Richard S. gewählt hat, führ­te ihn nicht nur in die Ukrai­ne, son­dern in die neo­na­zis­ti­sche Rich­tung. Wäh­rend näm­lich die Iden­ti­tä­ren so wie ihre Ver­bün­de­ten AfD und FPÖ mehr oder min­der deut­lich Putins Erobe­rungs­krieg unter­stüt­zen bzw. recht­fer­ti­gen, haben sich die Neo­na­zis auf die Sei­te der Ukrai­ne geschla­gen – und das nicht erst seit dem Über­fall 2022.

Schon zuvor hat­te vor allem die deut­sche Neo­na­zi-Kleinst­par­tei „Der III. Weg“ enge Ver­bin­dun­gen zu ukrai­ni­schen Rechts­extre­men und Neo­na­zis, vor allem zum Asow-Regi­ment und des­sen poli­ti­schen Arm, der Par­tei „Natio­na­les Korps“, gepflegt.

Söldner „Ben Laden“ aus dem Klein-Walsertal

Der ers­te Öster­rei­cher, der bereits 2014 in die Ukrai­ne gezo­gen war, um dort als Frei­wil­li­ger bei einer Miliz des „Rech­ten Sek­tor“ anzu­heu­ern, war der damals 22-jäh­ri­gen Ben­ja­min F. aus dem Klein-Wal­ser­tal in Vor­arl­berg. Nach vier Jah­ren beim Jäger­ba­tail­lon 18 ver­such­te er es zunächst bei der fran­zö­si­schen Frem­den­le­gi­on, wur­de dort abge­wie­sen und wech­sel­te dann in die Ukrai­ne. Wie ver­fes­tigt damals sei­ne rech­te Gesin­nung war, geht auch aus den spä­te­ren Medi­en­be­rich­ten nicht her­vor. Sein ers­ter Ein­satz an der Front ver­lief für ihn offen­sicht­lich ent­täu­schend, F. zog wei­ter in den Irak und nach Syri­en, um auf der kur­di­schen Sei­te gegen den Isla­mi­schen Staat zu kämpfen.

Auch dort hielt es ihn nicht lan­ge. Nach sei­ner Rück­kehr nach Euro­pa über­re­de­ten ihn angeb­lich zwei frü­he­re Kame­ra­den aus dem Jäger­ba­tail­lon zu einem wei­te­ren Ein­satz in der Ukrai­ne – wie­der bei einer Ein­heit des „Rech­ten Sek­tor“. Dort hat Ben­ja­min F. von sei­nen Kame­ra­den den Spitz­na­men „Ben Laden“ erhal­ten. 2017 wird er nach einem Front­ur­laub in Polen auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls, den Öster­reichs Jus­tiz ver­an­lasst hat­te, ver­haf­tet. Er soll gemein­sam mit ande­ren einen zivi­len Ukrai­ner, den sie für einen rus­si­schen Spi­on hiel­ten, tage­lang in einer Dusch­ka­bi­ne ein­ge­sperrt und gefol­tert haben:

Ein „Kame­rad“ des Ange­klag­ten schlägt mit einem, mit Stei­nen gefüll­ten Socken auf das Opfer ein. Die spä­te­ren MRT-Unter­su­chun­gen erge­ben: Die Wir­bel­säu­le ist an drei Stel­len gebro­chen, zwei Zäh­ne wur­den aus­ge­schla­gen und Bein und Knie­schei­be sind ver­letzt. Die Augen des Opfers waren stark ver­schwol­len, nach ins­ge­samt acht Tagen ließ die para­mi­li­tä­ri­sche Ein­heit den Fest­ge­hal­te­nen frei.“ (vol.at, 26.1.22)

Ange­klagt wur­de „Ben Laden“ aber erst 2021. Nach sei­ner Ver­haf­tung und der Rück­kehr nach Öster­reich befand die Jus­tiz zunächst, dass an dem Vor­wurf, Kriegs­ver­bre­chen began­gen zu haben, nichts dran sei und ließ ihn wie­der lau­fen. Das war doch mehr als kühn. Schließ­lich war Ben­ja­min F. ab 2016 bei einer regu­lä­ren Ein­heit der ukrai­ni­schen Armee – ihm hät­te also nach § 32 (bzw. § 33) Staats­bür­ger­schafts­ge­setz die Staats­bür­ger­schaft aberkannt wer­den müssen.

Erst im Jän­ner 2022 wur­de Ben­ja­min F. wegen Kriegs­ver­bre­chen nach § 321b StGB zu einer äußerst mil­den Stra­fe von zwei­ein­halb Jah­ren bedingt ver­ur­teilt. Das OLG Inns­bruck kas­sier­te das mil­de Urteil und ver­füg­te, dass ein Jahr davon unbe­ding­te Haft sein muss. Wie bei Ben­ja­min F. folg­ten auch bei den ins­ge­samt drei wei­te­ren Ex-Sol­da­ten des Jäger­ba­tail­lons, die mit ihm in der Ukrai­ne als Söld­ner aktiv waren, kei­ne Kon­se­quen­zen bezüg­lich der Staats­bür­ger­schaft. (vgl. Kurier, 7.5.17)

Wäh­rend sich Ben­ja­min F. nicht als Nazi defi­nier­te, aber kein Pro­blem mit der natio­na­lis­ti­schen Ideo­lo­gie des „Rech­ten Sek­tor“ hat­te, wird der Richard S. von den öster­rei­chi­schen Neo­na­zis ein­deu­tig als einer der ihren rekla­miert. Auf einem neo­na­zis­ti­schen Tele­gram­ka­nal wird über ihn schwuls­tig geschwur­belt, dass sich „am Mor­gen des 20. Janu­ar in Abwehr­kämp­fen gegen die Neo-Bol­sche­wis­ten der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on sein Schick­sal [erfüll­te]“. In ande­ren Foren wird noch wesent­lich degou­tan­ter für, aber auch gegen ihn Stel­lung genom­men. Einer­seits wird sein Kampf gegen die „mon­go­li­schen Hor­den“ – gemeint ist die rus­si­sche Armee – beju­belt, ande­rer­seits fei­ern pro­rus­si­sche Kanä­le sei­ne Tötung als erfolg­rei­che „Ent­na­zi­fi­zie­rung“.

Österreichischer Neonazi-Kanal zum Tod von Schermann (Screenshot TG 24.1.25)
Öster­rei­chi­scher Neo­na­zi-Kanal zum Tod von Richard S. (Screen­shot TG 24.1.25)

„Austria“ und „Die Österreicherin“

Richard S. war über eini­ge Jah­re hin­weg einer der mili­tan­tes­ten Kader der öster­rei­chi­schen Iden­ti­tä­ren und fast bei jeder Akti­on dabei. Noch im April 2019 iden­ti­fi­zier­te ihn die „Auto­no­me Anti­fa Wien“ in einer Ein­spie­lung von ORF 2 (ZIB vom 26.4.19), als er gemein­sam mit einem wei­te­ren Iden­ti­tä­ren bei der Wahl­kampf­auf­takt­ver­an­stal­tung der FPÖ über einem Trans­pa­rent der FPÖ thron­te. Inso­fern ist die Aus­sa­ge sei­nes Bru­ders in der „Pres­se“ vom 25.1.25, wonach S. vor sechs Jah­ren aus der IBÖ und dem Rechts­extre­mis­mus aus­ge­stie­gen sei, mit Vor­sicht zu genie­ßen. Am 24. Febru­ar 2022 ließ Putin die Ukrai­ne über­fal­len. Schon weni­ge Wochen spä­ter mel­de­te sich S. zu den Waf­fen. Die Ukrai­ne hat­te als regu­lä­re Ein­heit der Armee eine „Inter­na­tio­na­le Legi­on“ auf­ge­stellt. Bei wei­tem nicht alle Mit­glie­der die­ser Legi­on waren und sind Neo­na­zis, im Fall von S., der von sei­nen Kame­ra­den den Nick­na­me „Aus­tria“ bekam, war die Zuschrei­bung jedoch kein Zufall.

Hahn und Schermann bei FPÖ-Veranstaltung Lugner-City 26.4.19
Hahn und S. bei FPÖ-Ver­an­stal­tung Lug­ner-City 26.4.19

Über die Zahl der Kom­bat­tan­ten aus Öster­reich in die­sem Krieg gibt es von kei­ner Sei­te ver­läss­li­che Anga­ben – weder von ukrai­ni­scher noch von rus­si­scher und schon gar nicht von öster­rei­chi­scher Sei­te. Daher lässt sich auch nicht ver­läss­lich beur­tei­len, ob und wie vie­le öster­rei­chi­sche Neo­na­zis auf ukrai­ni­scher Sei­te kämp­fen. Öster­rei­chi­sche Neo­na­zis las­sen sich zwar ger­ne auf ukrai­ni­schen gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen ablich­ten oder besu­chen in Mili­tär­ge­wand gele­gent­lich auch rechts­extre­me Kon­fe­ren­zen wie den von „Nati­on Euro­pa“ in der Ukrai­ne, aber das besagt über tat­säch­li­che Kampf­ein­sät­ze nichts.

Neonazi-Kongress "Nation Europa" in Lviv (Ukraine) mit österr. Beteiligung im August 2024
Neo­na­zi-Kon­gress „Nati­on Euro­pa” in Lviv (Ukrai­ne) mit österr. Betei­li­gung im August 2024
Neonazi-Kongress "Nation Europa" in Lviv (Ukraine) mit österr. Beteiligung im August 2024
Neo­na­zi-Kon­gress „Nati­on Euro­pa” in Lviv (Ukrai­ne) mit österr. Betei­li­gung im August 2024

Gesi­chert ist, dass aus Öster­reich auch ande­re – etwa mit tsche­tsche­ni­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund – auf ukrai­ni­scher Sei­te gegen die rus­si­sche Inva­si­on kämp­fen und gefal­len sind. 2022 starb eine Öster­rei­che­rin aus Tirol an den Fol­gen einer Kfz-Kol­li­si­on in Kyjiw. Sie hat­te als Kran­ken­schwes­ter (ohne rechts­extre­men Hin­ter­grund) an und hin­ter der Front gear­bei­tet, um Leben zu ret­ten. Mit der Benen­nung „Die Öster­rei­che­rin“ wur­de ihrer Arbeit ein ehren­des Andenken gesetzt.

Über rechts­extre­me Söld­ner aus Öster­reich, die auf rus­si­scher Sei­te kämp­fen, ist nichts Gesi­cher­tes bekannt. Dass es in Russ­land aber mehr Rechts­extre­me und Neo­na­zis gibt als in der Ukrai­ne, ist ein Fak­tum.

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