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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 7 Minuten

Milchmädchen Kickl

ORF-Som­mer­ge­spräch mit Kickl – das war mit der Mischung aus Halb­wahr­hei­ten und Ver­dre­hun­gen schon im Vor­jahr schwer erträg­lich. Heu­er kam es noch schlim­mer. Das Selbst­ge­spräch von Kickl, das nur durch weni­ge Ein­wür­fe und Nach­fra­gen des Mode­ra­tors unter­bro­chen wur­de, war teil­wei­se eine Wie­der­ho­lung oder Varia­ti­on von 2023, stel­len­wei­se Selbst­be­weih­räu­che­rung, wenn nicht Dro­hun­gen, Unter­stel­lun­gen oder Spu­ren von Ver­fol­gungs­wahn sicht­bar wur­den. Und dann noch eine neo­li­be­ra­le Milch­mäd­chen­rech­nung vom Feinsten!

22. Aug. 2024
Herbert Kickl am Traunsee mit Boot im Hintergrund (Screenshot ORF-Sommergespräch 2024, 19.8.24)
Herbert Kickl am Traunsee mit Boot im Hintergrund (Screenshot ORF-Sommergespräch 2024, 19.8.24)

Der gute Mann und die alte Frau

Eine Fra­ge, die ihm nicht gestellt wur­de, beant­wor­tet sich Kickl gleich im ers­ten Drit­tel sei­ner Mono­lo­ge. Also: War­um tut sich Kickl das alles an, war­um will er unbe­dingt Kanz­ler werden?

„… nicht weil ich sel­ber unbe­dingt Bun­des­kanz­ler wer­den will, son­dern weil einem das das Instru­ment in die Hand gibt, für die Bevöl­ke­rung Gutes zu tun …“

Trä­nen der Rüh­rung stei­gen auf – so ein guter, selbst­lo­ser Mann! Klar, dass das die Men­schen spü­ren, oder? Und daher ver­spürt er spä­ter auch den völ­lig selbst­lo­sen Drang, eine Frau in Inns­bruck, die ihn schon län­ger beob­ach­tet hat, in ihren Wor­ten und ohne jede Schmei­che­lei bestä­ti­gen zu las­sen, wie wich­tig einer wie er ist:

Sie hat irgend­wie das Gefühl, dass es mich, ja, dass ich ein Fremd­kör­per bin in die­ser Poli­tik, dass es mich nicht zu jedem Mikro­fon hin­zieht, dass ich nicht bei jedem, sagen wir, wie man so schön sagt, Kuh­aus­trei­ben dabei bin, dass mir die­se, die­se gan­ze Welt der, der Schmei­che­lei­en und der Wich­tig­tue­rei, die vie­les in der Poli­tik prägt, dass mir das alles fremd ist.

Und als sich Kickl fragt, wor­auf ihre Ana­ly­se hin­aus­läuft, soll sie ihm geant­wor­tet haben: „Sehen Sie, des­halb sind Sie so wich­tig!“ – Taschen­tuch, bitte!

Der unsaubere Journalismus als alte Unterstellung

Auf’s Framing kommt es an, das weiß der FPÖ-Chef. Und so insze­niert er sich selbst als den guten Men­schen und den Inter­view­er als Teil eines angeb­lich lügen­haf­ten Sys­tems. 2023 kam Kickl damit noch etwas pat­schert rüber, indem er der Inter­viewe­rin Susan­ne Schnabl bzw. dem ORF unter­stell­te, etwas von sei­nen Ant­wor­ten her­aus­schnei­den, also Zen­sur üben zu wol­len. 2024 war der FPÖ-Obmann schon deut­lich aggres­si­ver, unter­stell­te Mar­tin Thür mehr­fach unsau­be­ren Jour­na­lis­mus. und droh­te dem ORF-Mann unver­hoh­len: „Jetzt müs­sen Sie ein biss­chen vor­sich­tig sein! (…) Viel­leicht wer­den Sie da jetzt bald ein­mal auch ein juris­ti­sches Pro­blem bekom­men, dann schau­en wir einmal.“

Der Naturbursch und die Vogelperspektive

Wer wür­de Kickl wider­spre­chen, wenn er für sich in Anspruch nimmt:  „Ich glau­be, es ist gut, sich in der Natur zu bewe­gen.“ Aber das hat­ten wir auch 2023 schon, als er fest­hielt: „Na ja, schau­en Sie, ich bin ger­ne in der Natur unterwegs.“

Gut, soll nichts Schlim­me­res pas­sie­ren, als dass sich Kickl viel in der Natur bewegt. Ein ernst­haf­te­res Pro­blem wirft es aller­dings auf, wenn er die Per­spek­ti­ve ins Spiel bringt: „Wenn man dann von oben hin­un­ter­schaut, schaut dann man­ches, was unten ganz groß ist und fast über­mäch­tig, dann ein biss­chen klei­ner aus, das ist dann auch oft eine inter­es­san­te Erfah­rung.“ Wir erin­nern uns an die kind­li­che Freu­de, als der eher klei­ne Innen­mi­nis­ter ein Poli­zei­pferd berei­ten durf­te und wür­den an die­ser Stel­le ger­ne an Psycholog*innen über­ge­ben. Für den „klei­nen Mann“, dem die FPÖ doch immer bei­zu­ste­hen ver­spricht, bedeu­tet die neue Kickl-Per­spek­ti­ve nichts Gutes.

+++ Doch kei­ne Stör­ak­ti­on: Kickl reis­te im Putin-Boot zu Som­mer­ge­spräch an +++ pic.twitter.com/1D0FoY0TJV

— Die Tages­pres­se (@DieTagespresse) August 20, 2024

Die alte Erzählung im neuen Kleid

Schon 2023 stell­te er sich und dem Publi­kum die rhe­to­ri­sche Fra­ge: „Ja, war­um kom­men denn die Leu­te nicht nach Öster­reich, aus den ande­ren euro­päi­schen Län­dern?“ Damals hat­te er die fal­sche Ahnung, dass der 25-jäh­ri­ge ledi­ge Schwe­de, den er ger­ne in der Tou­ris­mus-Bran­che arbei­ten las­sen woll­te, hier deut­lich weni­ger ver­die­nen wür­de als zuhau­se. Ein Irr­tum, den wir ger­ne auf­ge­klärt haben.

2024 kommt er wie­der mit dem alten Ser­mon daher: „Und jetzt muss man sich doch als öster­rei­chi­scher Poli­ti­ker die Fra­ge stel­len, was machen wir falsch, dass die­se Leu­te nicht zu uns kom­men? War­um kom­men die nicht zu uns?“ War es 2023 noch die fal­sche Ahnung von den angeb­lich so hohen Steu­ern, so hat Kickl heu­er die Lohn­ne­ben­kos­ten als den Grund iden­ti­fi­ziert, war­um „die zwölf, drei­zehn Mil­lio­nen Arbeits­lo­se, die sich jeder­zeit frei bewe­gen dür­fen inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on“, nicht zu uns kommen.

Die Lohn­ne­ben­kos­ten, das sind – von unbe­deu­ten­den Aus­nah­men abge­se­hen – die Bei­trä­ge, die für die Sozi­al­ver­si­che­rung (Krank­heit, Pen­si­on, Unfall), die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung und Sozi­al­leis­tun­gen (Fami­li­en­leis­tun­gen wie Fami­li­en­bei­hil­fe, Insol­venz­ent­gelt­fonds usw.) vom Brut­to­lohn abge­zo­gen wer­den bzw. als Dienst­ge­ber­bei­trä­ge zu ent­rich­ten sind. Im Vor­jahr schloss Kickl die Lohn­ne­ben­kos­ten als Grund für den Unwil­len des ledi­gen 25-jäh­ri­gen Schwe­den, in Öster­reich arbei­ten zu wol­len, noch aus: Es „kann also nicht an der Finan­zie­rung des Sozi­al­sys­tems lie­gen, das gibt es dort auch, ja?“

2024 hat Kickl sei­ne Mei­nung total revi­diert: „Und wis­sen Sie, was der Grund ist? Jetzt sind wir wie­der bei dem, wor­über wir am Anfang dis­ku­tiert haben, bei den Lohn­ne­ben­kos­ten, bei den Din­gen, die man in Öster­reich bezahlt und anders­wo nicht.“

Aber weil auch ein Kickl nicht ger­ne sagen will, wo bei den Lohn­ne­ben­kos­ten (bei den Pen­sio­nen, im Gesund­heits­sys­tem, bei der Pfle­ge, bei den Fami­li­en­leis­tun­gen?) er so kräf­tig rein­schnei­den will, dass sich die 12,13 Mil­lio­nen Arbeits­lo­se begeis­tert Rich­tung Öster­reich in Bewe­gung set­zen, fällt ihm nur der dümm­li­che und hin­ter­häl­ti­ge Spruch ein, dass „die­se Leu­te (…) kein Inter­es­se dar­an [haben], mit ihrer Arbeits­leis­tung irgend­wel­che Leu­te, irgend­wel­che Isla­mis­ten zum Bei­spiel quer zu finan­zie­ren, wo dann die­se Fäl­le her­aus­kom­men mit 4.600 Euro in Wien.“ Ein Pracht­bei­spiel für rech­te Hetze!

Ers­tens fal­len die Auf­wen­dun­gen für die von ÖVP und FPÖ rui­nier­te Min­dest­si­che­rung („Sozi­al­hil­fe neu“) nicht unter die Lohn­ne­ben­kos­ten, son­dern wer­den aus Län­der­mit­teln finan­ziert, zwei­tens ist die Ver­knüp­fung, wonach die­se Sozi­al­leis­tung Isla­mis­ten wie die syri­sche Fami­lie mit den sie­ben Kin­dern pro­du­zie­re, eine atem­be­rau­ben­de het­ze­ri­sche Unterstellung.

Kickls neoliberale Milchmädchenrechnung

Kick­ls Ent­de­ckung der Vogel­per­spek­ti­ve, sei­ne Ver­är­ge­rung, wenn er oder die FPÖ aus ver­gan­ge­nen Jah­ren zitiert wer­den, sogar, wenn er als Sozi­al­po­li­ti­ker im Jahr 2005 ange­spro­chen wird: „Also 2005 ist schon ziem­lich weit zurück. Zum Urknall könn­ten Sie viel­leicht noch.“

Da tut sich etwas! Auch wenn Kickl es natür­lich nicht so benennt, sei­ne wirt­schafts- und finanz­po­li­ti­schen Vor­schlä­ge ent­stam­men der neo­li­be­ra­len Hexen­kü­che. Die Steu­er- und Abga­ben­quo­te auf unter 40 Pro­zent zu sen­ken, kos­tet „so in etwa“ 17 Mil­li­ar­den Euro. Wie will Kickl die­se Ein­nah­men­min­de­rung gegen­fi­nan­zie­ren? Alles, was ihm dazu ein­fällt, ist, die Min­dest­si­che­rung zu einem „Pri­vi­leg der öster­rei­chi­schen Staats­bür­ger“ zu machen und das Rüs­tungs­pro­jekt „Sky Shield“ zu streichen.

Die Strei­chung der Min­dest­si­che­rung für alle Ausländer*innen (auch die EU-Bürger*innen?) wäre nicht nur ver­fas­sungs- und EU-rechts­wid­rig, son­dern fällt auch nicht in die Kom­pe­tenz der Bun­des­re­gie­rung. Selbst wenn, wür­de sie nur 500–600 Mil­lio­nen Euro brin­gen, abge­se­hen davon, dass 100.000 Men­schen, dar­un­ter mehr­heit­lich Kin­der, nichts zum Über­le­ben hätten.

Aus dem Rüs­tungs­pro­jekt „Sky Shield“, das ver­trag­lich bereits pak­tiert ist, aus­zu­stei­gen, ist noch weni­ger rea­lis­tisch als der Euro­figh­ter-Aus­stieg war. Der wür­de sechs Mil­li­ar­den Euro brin­gen – ein­ma­lig und nicht jedes Jahr! Da feh­len also eini­ge Mil­li­ar­den in der Gegen­fi­nan­zie­rung – eigent­lich fast alle! Und, sie­he da: Aus der Milch­mäd­chen­rech­nung wird ein gro­ßes neo­li­be­ra­les Schwätzchen:

Wenn Sie hier mit Steu­er­sen­kun­gen arbei­ten, bei den Unter­neh­mens­steu­ern und dabei, wenn Sie mit steu­er­li­chen Anrei­zen arbei­ten für die Leis­tungs­trä­ger in die­sem Land, dann kommt ein Teil davon natür­lich auch wie­der sozu­sa­gen indi­rekt in Steu­er­sys­tem zurück. Da kön­nen Sie davon aus­ge­hen, dass Sie damit etwa 30 bis 50 Pro­zent abde­cken kön­nen.

Wir über­set­zen: Steu­er­sen­kun­gen bei Unter­neh­mens­steu­ern = höhe­re Unter­neh­mens­ge­win­ne ohne Steu­ern. Steu­er­li­che Anrei­ze für die Leis­tungs­trä­ger = Ent­las­tung der Spit­zen­steu­er­sät­ze bei den Ein­kom­men. Kom­men dann wirk­lich 30–50 Pro­zent zurück? Nein! Was Kickl hier ohne Zitat nach­be­tet, sind die Rezep­te aus der neo­li­be­ra­len Hexen­kü­che von Ronald Rea­gan („Rea­gano­mics“) und „Trick­le Down“-Voodoo-Ökonomie. Was ist mit dem Rest von 50–70 Pro­zent? Schwei­gen? Oder doch eher mas­si­ver Sozi­al­ab­bau? Anzu­mer­ken ist, dass die nicht bzw. kaum gegen­fi­nan­zier­ten 17 Mil­li­ar­den das Bud­get­de­fi­zit von der­zeit rund 13 Mil­li­ar­den auf 30 Mil­li­ar­den hoch­trei­ben würde.

Literatur

Zwei Fak­ten­checks des „Stan­dard“ zum Som­mer­ge­spräch 2024 mit Kickl:
20.8.24: Mas­sen­über­wa­chung und erfun­de­ne Berich­te? Ein­ord­nen­de Fak­ten zu eini­gen Kickl-Aussagen
20.8.24: Eck­punk­te des FPÖ-Wirt­schafts­plans: Wie viel Voo­doo-Öko­no­mie steckt hin­ter Kick­ls Ideen?

Wei­te­re Leseempfehlungen:
Der Stan­dard (20.8.24): Eck­punk­te des FPÖ-Wirtschaftsprogramms
kontrast.at (20.8.24): FPÖ-Wirt­schafts­pro­gramm – Steu­er­sen­kun­gen für Rei­che und Ein­spa­run­gen bei Arbeitnehmern
wirtschaftsdienst.eu (2020): Rea­gano­mics – Weg­be­rei­ter des Trumpismus
Wiki­pe­dia zum Begriff „Trick­le-Down“

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