Der ungläubige Thomas und das Gelaber vom Sellner

Der Thomas war eigentlich ein Zufalls­fund – sozusagen Kol­lat­er­alschaden bei den Ermit­tlun­gen gegen organ­isierte Neon­azis. Ver­mut­lich gegen die, die sich unsterblich gehal­ten haben, jeden­falls unwider­stehlich. Bei so ein­er Ver­hand­lung wie gegen den Thomas erfährst Du ja nicht viel, wer die anderen waren. Das liegt am schnellen Vor­trag der son­st so sou­verä­nen Rich­terin, in erster Lin­ie aber an der grot­ten­schlecht­en Akustik im Großen Schwurg­erichtssaal des Wiener Lan­des­gerichts. Zum Wotan noch einmal!

Jeden­falls waren wir vor Ort und macht­en diesen Zufalls­fund. Jes­sas, dieses Mal hat’s doch tat­säch­lich den Thomas erwis­cht! Thomas ist näm­lich ein­er, der eigentlich ziem­lich auf­passt, dass ihm bei öffentlichen Kom­mentaren in den Neuen Medi­en nichts anbren­nt. Das geht auch aus den im Rah­men ein­er Haus­durch­suchung sichergestell­ten Unter­la­gen her­vor. Auf einem sein­er Handys fand sich auch der Ein­trag, dass die von ihm via What­sApp ver­ständigte Per­son auf­passen solle. Nichts öffentlich stellen auf Face­book, auch wenn’s so irrsin­nig lustig ist.

Was war denn für den Thomas so lustig? „Schwarz­er Humor“ seien die Bild­chen und Post­ings gewe­sen, die er weit­ergeschickt hat­te, ver­suchte er sich in Schadens­be­gren­zung. Außer­dem seien die „lusti­gen“ Hitler-Bild­chen oder Oster­wün­sche mit Hak­enkreuz-Eiern nur an jew­eils einzelne Per­so­n­en weit­ergeschickt wor­den. Vom wem er die vie­len braunen Fotos und Bild­chen mit Kom­mentaren erhal­ten hat, wurde in dem Geschwore­nen­prozess wegen NS-Wieder­betä­ti­gung, der da aus­gerech­net am 20.4. stat­tfand, nicht erörtert.

Wir haben da aber so eine starke Ver­mu­tung. Zwei Namen wur­den näm­lich genan­nt: der Andreas, der früher auch als Wotan aufge­treten ist, und der Paul. Wobei der Thomas vor Gericht mehrmals ver­sicherte, dass er den Paul eigentlich gar nicht namentlich ken­nen würde. Trotz­dem hat sich Thomas vom weit­ge­hend unbekan­nten Paul 2015 zu Tre­f­fen in ein Lokal im vierten Bezirk ein­laden lassen. Worum’s denn dort gegan­gen sei, will die Rich­terin wis­sen. Thomas fängt an, von den Schnitzeln und dem Gulasch zu erzählen, die dort verzehrt wor­den sind, bevor ihn die Rich­terin abbremst. „Inter­es­sant“ war’s für ihn noch beim ersten Tre­f­fen, aber schon beim drit­ten Mal nicht mehr. Zu viert seien sie da im Hin­terz­im­mer gesessen, um „Tage­spoli­tik“ sei es gegan­gen – mehr lässt sich Thomas jen­seits von Schnitzel und Gulasch nicht entlocken.

Andreas "Wotan" postet Propagandafoto aus dem NS (Ballgymnastik 1933), Wolfgang L. antwortet mit Hitler-Foto. (Screenshot FB 2016)

Andreas „Wotan” postet Pro­pa­gandafo­to aus dem NS (Ball­gym­nas­tik), Wolf­gang L. antwortet mit Hitler-Foto. (Screen­shot FB 2016)

Über­haupt: An der Veror­tung sein­er poli­tis­chen Ein­stel­lung muss Thomas K. (48) noch arbeit­en. Das Fine­tun­ing stimmt nicht ganz: Lib­er­al sei er, Mitte, ja auch christlich-sozial, erk­lärt er auf die Frage der Rich­terin treuherzig. In seinen ganz weit zurück­liegen­den Jahren, also in sein­er Selb­stfind­ungsphase in den 1990er-Jahren, da sei er schon mal skin­head­mäßig unter­wegs gewe­sen. Aber eben mäßig. Später dann nur mehr mäßig Mitte und eben „hal­blustig“.

Das geste­ht der Thomas denn doch: dass der braune Dreck, der für ihn so lustig war, für andere vielle­icht doch nicht, ja sog­ar ziem­lich straf­bar sein kön­nte. „Tat­sachengeständig“ heißt das. Er leugnet also nicht, dass die T‑Shirts, Aufk­le­ber, Recht­srock-Kas­set­ten, „Kriegserin­nerun­gen“ und die braunen Chats, die bei ihm gefun­den wur­den, existieren, aber den (bed­ingten) Vor­satz der NS-Wieder­betä­ti­gung, den bestre­it­et er entschieden.

Die Rich­terin fragt bei jedem ihm vorge­hal­te­nen Anklagevor­wurf, warum er das gemacht, gedacht bzw. geschrieben habe. Da fällt dem Thomas nicht viel ein. Uns fällt eines auf: sein poli­tis­ches Inter­esse für die Iden­titären möchte Thomas gerne zur eige­nen Weißwaschung ver­wen­den. So nach dem Mot­to: Ich Recht­sex­tremer oder gar Nazi? Ich inter­essiere mich doch für die Iden­titären – qua­si Mitte!

Etwas schäbig gegenüber dem Mar­tin war da beson­ders die so beiläu­fig hingeschmis­sene Bemerkung, dass er, wenn er am Tablet irgendwelche Games gespielt hat, so neben­bei „immer irgen­dein Gelaber vom Sell­ner“ ange­hört habe. Ver­rat? Nun ja! Die Kam­er­aden von „Unwider­stehlich“, in deren braunem Dun­stkreis sich Thomas aufge­hal­ten hat, mögen ja den Sell­ner uns seine Idis offiziell auch nicht wirk­lich. Da gibt es sog­ar Pam­phlete, in denen sie über die Idis und den Mar­tin herziehen – aus streng nation­al­sozial­is­tis­ch­er Sicht ist das auch klar. Aber bei den Demos machen sie dann doch den Ord­ner­di­enst für die Idis. Und außer­dem ken­nt man sich ja gut, von früher und so.

Beim Thomas sind diese schein­bar wider­sprüch­lichen Verbindun­gen auch gut erkennbar. Nicht in der Ver­hand­lung, wo er mit seinem braunen Dreck kein Wässerchen getrübt haben will, aber bei dem weni­gen, was von ihm in den neuen Medi­en sicht­bar ist. 2016 lobt er die Idis, die ger­ade am Haupt­bahn­hof Köln ein riesiges Ban­ner ange­bracht haben: „Klasse Burschen sind das! Respekt.“

Thomas K. kommentiert zu Identitaeren: "Klasse Burschen sind das! Respekt." (Screenshot FB 2016)

Thomas K. kom­men­tiert zu Iden­ti­taeren: „Klasse Burschen sind das! Respekt.” (Screen­shot FB 2016)

Ander­er­seits: Die Kam­er­aden, die via Likes oder in der Fre­und­schaft­sliste bei ihm in den sozialen Medi­en ihre Duft­marke hin­ter­lassen haben, stam­men über­wiegend aus dem braunen Milieu: „Unwider­stehlich“ und so ähn­lich. Aber diese Wider­sprüche muss der Thomas jet­zt zunächst ein­mal für drei Jahre mit sich allein aus­machen. Denn das Geschwore­nen­gericht, das den Thomas in zwei von zehn den Geschwore­nen vorgelegten Fra­gen ein­stim­mig für schuldig befand, verurteilte ihn zu 16 Monat­en Haft – eben bed­ingt auf drei Jahre. Thomas nimmt das Urteil an – somit recht­skräftig! Da heißt’s auf­passen, Thomas! Am besten: Nur mehr Games spie­len und kein Gelaber neben­bei. Wed­er vom Sell­ner noch von Wotan oder anderen braunen Gesellen!