Vandaleninserat für NS-belasteten Mediziner

Die Tirol­er Tageszeitung veröf­fentlicht heute ein Inser­at. Das ist nicht ungewöhn­lich. Die Art der bezahlten Anzeige jedoch schon: Sie stammt vom Akademis­chen Corps Van­dalia Graz und soll sein 1956 ver­stor­benes Mit­glied Burghard Bre­it­ner ehren und Protest darüber aus­drück­en, dass nun, wie es die Van­dalen for­mulieren, „seine Uni­ver­sität und die Stadt Inns­bruck auf Dis­tanz zu ihm“ gehen. Wenn Kor­pori­erte einen der­ar­ti­gen Akt set­zen, wis­sen wir aus Erfahrung, dass der Nation­al­sozial­is­mus nicht weit ist.

Vorneweg: Der Medi­zin­er Bre­it­ner spielte im Nation­al­sozial­is­mus eine „unrühm­liche“ Rolle – und das ist angesichts dessen, was neuere zei­this­torische Forschun­gen an der Uni­ver­sität Inns­bruck ergeben haben, ohne­hin vornehm ausgedrückt.

Bre­it­ners Biogra­phie ist mit aller­lei fre­undlich klin­gen­den Kar­ri­ere­punk­ten aus­ges­tat­tet, worauf im burschen­schaftlichen Inser­at ref­eren­ziert wird; dass er als Stu­dent der Medi­zin dem Corps Van­dalia beige­treten ist, mag für die Graz­er Verbindung einen Plus­punkt darstellen, ein beson­deres Ver­di­enst ist dahin­ter allerd­ings nicht festzustellen. Weil Bre­it­ner vor 70 Jahren, am 6. Mai 1951, Kan­di­dat bei der Bun­de­spräsi­dentschaftswahl gewe­sen sei, schal­teten die Van­dalen am 7. Mai ihre Annonce. Logisch? Oder sollte die Bre­it­ner-Huldigung gar auf den 8. Mai, den Tag der Befreiung vom Nazi-Regime, ver­weisen, der Tag, an dem rechte Burschen­schafter tra­di­tionell in Schw­er­mut und Trauer versinken?

Inserat in der TT von Vandalen für Breitner

Inser­at in der TT von Van­dalen für Breitner

Bre­it­ner, Jahrgang 1884, war Teil­nehmer des Ersten Weltkriegs, geri­et in Kriegs­ge­fan­gen­schaft und nahm von dort den Titel „Engel von Sibirien“ mit. Den hat­te er sich wohl selb­st gegeben:

Der wohl von ihm selb­st wesentlich propagierte Beiname „Engel von Sibirien“ bezieht sich auf diese Tätigkeit. Auch die zugrun­geliegende Beto­nung, Bre­it­ner habe das Kriegs­ge­fan­genen­lager erst ver­lassen, als auch der let­zte öster­re­ichis­che Sol­dat in die Heimat zurück­kehren kon­nte, stellt bei genauer Betra­ch­tung eine Übertrei­bung dar: Wen­ngle­ich es Freilas­sun­gen im Sinn eines Kriegs­ge­fan­gene­naus­tauschs gab, so erschien Bre­it­ner auf kein­er bekan­nten Liste – was die Aus­sage, er habe die Rück­kehr ver­weigert, gestützt hätte. Das bedeutet, er hat­te keine Möglichkeit gehabt, eher nach Öster­re­ich zurück­zukehren, auch wenn er es gewollt hätte. (uibk.ac.at)

Ehrentafel für Breitner an seinem Geburtshaus in Mattsee/Sbg. (Von Anton-kurt - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23526624)

Ehrentafel für Bre­it­ner an seinem Geburtshaus in Mattsee/Sbg. (Foto: Anton-kurt — Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Aus dem Krieg retour, klet­terte der deutschna­tion­al gesin­nte Bre­it­ner rel­a­tiv schnell die akademis­che Kar­ri­ereleit­er in die Höhe. 1932 erhielt er schließlich eine Pro­fes­sur an der medi­zinis­chen Fakultät in Inns­bruck. Bre­it­ner wurde spätestens 1939 Mit­glied der NSDAP (eine frühere Mit­glied­schaft ab 1932 ist umstrit­ten) und leugnete diese dann in einem Ent­naz­i­fizierungsver­fahren mit der Behaup­tung, nicht er hätte die Mit­glied­serk­lärung aus­ge­füllt, son­dern sein Assis­tent, und seine Haushäl­terin hätte die Mit­glieds­beiträge bezahlt – bei­des ohne sein Wis­sen. Bre­it­ner kam damit durch: Er wurde „schließlich 1946 aus der Liste der Nation­al­sozial­is­ten gestrichen“ (uibk.ac.at).

Bre­it­ner wurde nach der Imple­men­tierung des Geset­zes zur Ver­hü­tung erbkranken Nach­wuch­ses (…) ab März 1940 zur Durch­führung von Zwangsster­il­i­sa­tio­nen und ‚frei­willi­gen Ent­man­nun­gen’ von männlichen Zivilper­so­n­en sowie ab Mai 1940 auch von Strafge­fan­genen der Jus­tizver­wal­tung ‚ermächtigt‘.“ (uibk.ac.at) Dass er von den Zwangsster­il­i­sa­tio­nen von Homo­sex­uellen und Behin­derten gewusst hat, scheint klar zu sein, wahrschein­lich ist, dass er auch selb­st Zwangsster­il­i­sa­tio­nen durchge­führt hat. Neben­bei war Bre­it­ner auch als „bera­ten­der Chri­urg“ für die Wehrma­cht tätig.

Das hat sein­er Kar­riere nach 1945 nicht geschadet – im Gegen­teil: 1950 wurde Bre­it­ner Präsi­dent des Roten Kreuzes, 1951 von der Partei der „Ehe­ma­li­gen“, dem Ver­band der Unab­hängi­gen (VdU), zum Bun­de­spräsi­dentschaft­skan­di­dat­en gekürt (er belegte mit 15% Platz drei) und schließlich 1952/53 zum Rek­tor der Uni­ver­sität Inns­bruck gewählt. 1966, zehn Jahre nach Bre­it­ners Tod, beschloss die Stadt Inns­bruck, eine Straße nach ihm zu benen­nen. Die wurde im let­zten Jahr, nach­dem seine Beteili­gung im Nation­al­sozial­is­mus bekan­nt gewor­den war, mit ein­er Zusatztafel verse­hen. Im Okto­ber 2020 beschloss der Inns­bruck­er Sen­at, das städtis­che Ehren­grab für Bre­it­ner aufzu­lassen.

Nun, nach­dem die Stadt Inns­bruck ihre Lehren gezo­gen und gehan­delt hat­te, veröf­fentlicht die Tirol­er Tageszeitung, die über die Diskus­sio­nen zu Bre­it­ner berichtet hat­te, das geschicht­sklit­ternde Inser­at der Graz­er Van­dalen, in dem die sich beschw­eren dür­fen, dass „seine [Bre­it­ners] Uni­ver­sität und die Stadt Inns­bruck auf Dis­tanz zu ihm“ gehen. „Wir bewahren ihm ein ehren­des Ange­denken“, ver­sich­ern die Van­dalen daher. Daran hätte aber auch ohne Anzeige kaum jemand gezweifelt!

P.S.: Mit­glied des Corps Van­dalia Graz sind der FPÖ-Nation­al­ratsab­ge­ord­nete Wolf­gang Zanger, der blaue EU-Abge­ord­nete Georg May­er und der Ex-EU-Abge­ord­nete Andreas Mölz­er. Der Chefhis­torik­er der Blauen, Lothar Höbelt, ist Her­aus­ge­ber ein­er Festschrift für Bre­it­ner, die 1994 vom Frei­heitlichen Bil­dungswerk ver­legt wurde. Dass wir dort über Bre­it­ners Rolle im Nation­al­sozial­is­mus nichts lesen kön­nen, ist nicht überraschend.