Das HGM zwischen „braunen Eiern” und neurotisierendem linken „Mainstream”

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Es gibt, seit­dem das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um (HGM) ab dem Herbst 2019 von meh­re­ren Sei­ten unter die Lupe genom­men wur­de, eigent­lich nur Rück­mel­dun­gen über Ver­säum­nis­se und Fehl­leis­tun­gen. Die Kri­tik ist mas­siv, nur noch ein paar Unent­weg­te und Unbe­darf­te ste­hen dem der­zei­ti­gen Lei­ter Chris­ti­an Ort­ner zur Seite.

Die soge­nann­te Muchitsch-Kom­mis­si­on war der­zeit die letz­te Grup­pe, die einen Bericht zum Zustand des HGM gelie­fert hat. Ihre Auf­ga­be war es, den gesam­ten Aus­stel­lungs­be­reich unter die Lupe zu neh­men. Die Bewer­tung fiel ähn­lich schlecht aus wie schon jene zum zeit­ge­schicht­li­chen Saal. Ste­fan Weiss fasst im Stan­dard die zahl­lo­sen Kri­tik­punk­te so zusammen:

Kurz gefasst, dass „die Ansprü­che der Dar­stel­lung einer moder­nen Mili­tär­ge­schich­te über wei­te Stre­cken nicht gege­ben sind”. Kon­kret sei kei­ne durch­gän­gi­ge Erzäh­lung, kein roter Faden, kein Gesamt­kon­zept erkenn­bar, neue wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se sei­en „kaum berück­sich­tigt”, in vie­len Berei­chen stün­den „Ruhm und Ehre” des Hau­ses Habs­burg im Vor­der­grund, der Inhalt von Bil­dern und Objek­ten wer­de unge­nü­gend erklärt und in Kon­text gestellt, Bezü­ge zur Gegen­wart und Zukunft fehl­ten, es fin­de Hee­res­ge­schich­te „aus der Per­spek­ti­ve des Feld­her­ren­hü­gels” statt.”

Gene­rell wird eine Ver­en­gung auf Mili­tär- und Waf­fen­ge­schich­te kri­ti­siert. So fehl­ten Bezü­ge zur poli­ti­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Geschich­te, auch die Kriegs­fol­gen sei­en nicht sichtbar.

„Das HGM prä­sen­tiert sich im Wesent­li­chen als Muse­um für Fach­leu­te, die bereits über ent­spre­chen­de Kennt­nis der his­to­ri­schen Zusam­men­hän­ge ver­fü­gen und die­se für sich mit den gezeig­ten Objek­ten ver­knüp­fen kön­nen”, schrei­ben die His­to­ri­ker. Salopp gesagt heißt das, dass sich in dem Haus jeder Besu­cher sei­ne Auf­fas­sung der Geschich­te selbst zusam­men­rei­men kann. Und genau dar­an knüpf­te sich ein Teil der Kri­tik, hat­ten sich doch zuletzt ver­stärkt Rechts­extre­mis­ten zu dem Muse­um hin­ge­zo­gen gefühlt.

Der Mili­tär­his­to­ri­ker Micha­el Hoch­ed­lin­ger, der beruf­lich im Staats­ar­chiv resi­diert, ist – wie schon frü­her auch – mit einem wil­den Ver­tei­di­gungs­ritt für den seit über 15 Jah­ren amtie­ren­den Direk­tor Ort­ner vor­stel­lig gewor­den. Er beklagt „das Feh­len einer kon­ser­va­ti­ven Kul­tur- und Geschichts­po­li­tik“, wodurch „sich der dis­kurs­be­herr­schen­de links­li­be­ra­le Main­stream unge­hin­dert durch unse­re ein­tö­ni­ge Kul­tur- und Geis­tes­land­schaft“ bewe­ge und „in sei­nen geschichts­po­li­ti­schen Aus­läu­fern die erns­te Gefahr gesell­schaft­li­cher Neu­ro­ti­sie­rung“ ber­ge. Die­ser befürch­te­ten Neu­ro­ti­sie­rung scheint Hoch­ed­lin­ger selbst anheim gefal­len zu sein, denn sei­ne Befun­de wer­den noch küh­ner: „In die Ver­gan­gen­heit ver­län­gert, führt rand­grup­pen- und opfer­zen­trier­te Iden­ti­täts­po­li­tik näm­lich zu einer beson­ders rabia­ten Form des Selbst- und Geschichts­has­ses. Die retro­spek­ti­ve Auto­ag­gres­si­on ver­beißt sich mitt­ler­wei­le an so gut wie allen Relik­ten ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te.“ (derstandard.at, 12.2.21)

Hoch­ed­lin­ger, der (fast) ein­sa­me kom­pe­ten­te Rufer in der Wüs­te der Inkom­pe­ten­ten – so bezeich­net er die „Muchitsch-Kom­mis­si­on“ als „pro­vin­zi­ell“ und ohne „ech­ten Mili­tär­his­to­ri­ker“ auf­ge­stellt – erklärt in einem Auf­wa­schen das „Haus der Geschich­te“ zur „Gerüm­pel­samm­lung auf dem Hel­den­platz“ und das Tiro­ler Lan­des­mu­se­um zum „Muse­ums­floh­markt“. Fol­ge­rich­tig dräut an Hoch­ed­lin­gers Hori­zont Furcht­ba­res, näm­lich ein Umbaue des HGM in ein „Anti­kriegs­me­mo­ri­al, dras­ti­sche Kriegs­gräu­el-Insze­nie­rung inklu­si­ve“.

Der His­to­ri­ker Peter Pir­ker, einer aus jener Gar­de des „lin­ken Main­streams“, des­sen hege­mo­nia­les Wir­ken Hoch­ed­lin­ger so fürch­tet, wirft in einer Replik auf den „letzte[n] Mili­tär­his­to­ri­ker Micha­el Hoch­ed­lin­ger“ einen Blick zurück in die Zeit nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus, in der im HGM „brau­ne Eier“ gelegt wor­den sei­en. Eines davon war der 1957 ernann­te HGM-Direk­tor Heinz Zatschek.

Zat­schek, in Wien resi­die­ren­der Sude­ten­deut­scher, war ein über­zeug­ter Natio­nal­so­zia­list, der, vom Chef des Reichs­si­cher­heits­haupt­amts, Rein­hard Heyd­rich, pro­te­giert, 1941 an der ger­ma­ni­sier­ten Uni­ver­si­tät Prag eine Pro­fes­sur für Mit­tel­al­ter­li­che Geschich­te erhal­ten hat­te und nach Heyd­richs Ermor­dung durch tsche­chi­sche Wider­stands­kämp­fer in der „Rein­hard-Heyd­rich-Stif­tung” mit der Fra­ge der Ein­deut­schung der Tsche­chen befasst war. (…) 

Auch Zat­scheks Nach­fol­ger, der ehe­ma­li­ge Wehr­machts­of­fi­zier Johann Chris­toph All­may­er-Beck, war nicht imstan­de, sich von der Wehr­macht zu lösen. Klar, Vete­ra­nen such­ten Sinn im offen­sicht­lich Kata­stro­pha­len und fan­den ihn im Muse­um bei der stil­len Betrach­tung von sau­be­ren Uni­for­men und polier­ten Waf­fen. Sie woll­ten kei­ne Kom­men­ta­re lesen. Der Katho­lik All­may­er-Beck rea­li­sier­te das Prin­zip der Iden­ti­fi­zie­rung auch in der Geschichts­schrei­bung, indem er die Wehr­macht austrifizierte.

Er stell­te die Waf­fen­ta­ten der Ost­mär­ker umstands­los in eine Kon­ti­nui­tät von 300 Jah­ren edlen öster­rei­chi­schen Sol­da­ten­tums und ließ weg, was nicht dazu­pass­te. (…) Als das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um sich in den 1960er-Jah­ren mit der Neu­be­nen­nung von Kaser­nen beschäf­tig­te, schlug All­may­er-Beck vor, den Flie­ger­horst Lan­gen­le­barn nach Alex­an­der Löhr zu benen­nen – jenem Löhr, der als Befehls­ha­ber der deut­schen Luft­waf­fe 1941 Bel­grad in Grund und Boden bom­bar­die­ren ließ.

Pir­kers Kri­tik an Zat­schek und All­may­er-Beck rief schließ­lich Man­fried Rau­chen­stei­ner, Vor­gän­ger von Chris­ti­an Ort­ner als Direk­tor des HGM, auf den Plan. Rau­chen­stei­ner hat­te sich zuvor – im Gegen­satz zu Ort­ner – der Kri­tik am HGM gestellt und durch­aus Ver­säum­nis­se und Fehl­ent­wick­lun­gen eingeräumt.

Rau­chen­stei­ner meint in sei­nem Stan­dard-Kom­men­tar, weder der Bei­trag von Hoch­ed­lin­ger noch jener von Pir­ker sei geeignet,

zur Ver­sach­li­chung bei­zu­tra­gen (…). Noch viel weni­ger wei­ter­füh­rend ist es, wenn frü­he­re Direk­to­ren ange­patzt wer­den, wie Johann Chris­toph All­may­er-Beck, des­sen Bedeu­tung als Wis­sen­schaf­ter, Muse­ums­ge­stal­ter und Mensch wegen sei­ner Offi­ziers­lauf­bahn in der deut­schen Wehr­macht in Zwei­fel gezo­gen wird.

Nun wäre zu erwar­ten, dass Rau­chen­stei­ner sei­ne All­may­er-Beck-Ver­tei­di­gung auch argu­men­tie­ren wür­de, tut er jedoch nicht – er belässt es beim Dik­tum, frü­he­re Direk­to­ren dürf­ten nicht ange­patzt wer­den. Statt­des­sen brau­che es für eine Neu­aus­rich­tung des HGM „aus­schließ­lich den Wil­len, etwas Neu­es zu schaf­fen und damit einem ein­zig­ar­ti­gen Gedächt­nis­ort sei­nen Fort­be­stand zu sichern“. Eine bemer­kens­wert ahis­to­ri­sche Sicht eines Historikers!

Rich­tig­ge­hend skur­ril ist die Pres­se­aus­sendung mit dem Titel „Hän­de weg vom Hee­res­ge­schicht­li­chen Muse­um!“ aus einer Ecke, von der vie­les zu erwar­ten ist, aber kei­ne Stel­lung­nah­me zum HGM. Franz Hörl (ÖVP), der Tiro­ler Schutz­pa­tron aller Seil­bahn­be­trei­ber, hat am 10. März, als der fürs HGM desas­trö­se Rech­nungs­hof­be­richt im zustän­di­gen par­la­men­ta­ri­schen Aus­schuss dis­ku­tiert wur­de, beschlos­sen, sei­ne schüt­zen­de Hand nun auch von den Seil­bahn­pfos­ten in Rich­tung HGM zu verlängern.

Die Ver­öf­fent­li­chung des Rech­nungs­hof­be­richts zum Hee­res­ge­schicht­li­chen Muse­um (HGM) hat­te im Herbst letz­ten Jah­res hys­te­risch skan­da­li­sie­ren­de Medi­en­be­rich­te zur Fol­ge, die aus Sicht des ÖVP-Abge­ord­ne­ten Franz Hörl nicht den Tat­sa­chen ent­spre­chen. „Gra­vie­ren­de Män­gel oder Miss­stän­de im HGM sind im Bericht nicht zu fin­den“, so Hörl. (…) „Das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um ist eines der inter­na­tio­nal bedeu­tends­ten Mili­tär­mu­se­en, die Direk­ti­on Chris­ti­an Ort­ners ist eine Erfolgs­ge­schich­te. Lau­fend stei­gen­de Besu­cher­zah­len trotz gerin­gen Per­so­nal­stan­des, sehr schlech­ter Ver­kehrs­an­bin­dung und fort­wäh­ren­der bös­wil­li­ger poli­ti­scher und media­ler Angrif­fe sind Beleg für den erfolg­rei­chen Kurs des Hau­ses“, betont Hörl.

Zur „Erfolgs­ge­schich­te” mit den „lau­fend stei­gen­den Besu­cher­zah­len” ist anzu­mer­ken, dass die­se, wie bereits erör­tert wur­de, auch dadurch erreicht wer­den, indem Per­so­nen, die an Außen­ver­an­stal­tun­gen wie dem jähr­lich statt­fin­den­dem Advents­markt teil­neh­men, bei ihren WC-Gän­gen durchs Dreh­kreuz des Muse­ums geschleust wer­den. Jeder WC-Besuch trägt also zur „Erfolgs­ge­schich­te” bei.  Für das Jahr 2019 wur­den laut Eigen­an­ga­ben des HGM 265 036 Per­so­nen im Haupt­haus gezählt, davon sei­en nur 85.184 zah­len­de Besucher*innen gewe­sen. Auf eine par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge der SPÖ nach der Zusam­men­set­zung der nicht zah­len­den Besucher*innen (Zusam­men­hang des kos­ten­lo­sen Besuchs und Datum) ant­wor­tet Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Clau­dia Tan­ner: „Der­ar­ti­ge Detail­in­for­ma­tio­nen, wann und in wel­chem Zusam­men­hang die unbe­zahl­ten Besu­che statt­fan­den, lie­gen nicht auf.” Was für eine Erfolgsgeschichte!