„Impliziter“ Rechtsextremismus in Ortners HGM?

Jed­er Betrieb, dem beschieden wird, Pro­duk­te auf den Markt zu wer­fen, die über­holt sind und im Übri­gen auch noch das Gegen­teil von dem bewirken kön­nen, was sie eigentlich ver­sprechen, würde Pleite gehen oder zumin­d­est umge­hend seine Führungscrew aus­tauschen. Im Heeres­geschichtlichen Muse­um läuft es anders, ganz anders. Und das zuständi­ge Vertei­di­gungsmin­is­teri­um spielt „mes­sage control“.

Das Pos­i­tivste, das der unter der „mes­sage con­trol“ des Vertei­di­gungsmin­is­teri­um ste­hende Bericht (1) jen­er Kom­mis­sion, die den Auf­trag hat­te, den zeit­geschichtlichen Saal („Repub­lik und Dik­tatur“) des HGM zu prüfen, ist im Grunde einem Neben­strang, näm­lich der Ver­mit­tlung gewid­met, über die zu lesen ist: 

Die Kom­mis­sion anerken­nt das zeit­gemäße Leit­bild, das sich das Team der Geschichtsver­mit­tlung gegeben hat, und sieht die große The­men­vielfalt und die Ein­bindung viel­er Ziel­grup­pen sowie von Zeitzeug­in­nen und Zeitzeu­gen sehr pos­i­tiv. Die Aktionswoche „Kinder in bewaffneten Kon­flik­ten“ ist sicher­lich ein Best-Practice-Beispiel.

Eine zweite anerken­nende Bemerkung ist auf den neun Seit­en der Kom­mis­sion auch noch zu find­en: 

Pos­i­tiv anzumerken ist, dass die Ausstel­lung durch Kunst­werke inter­diszi­plinär erweit­ert wurde“, aber selb­st hier fol­gt bere­its eine Rel­a­tivierung, näm­lich „… jedoch sind die zwis­chen den The­men eingeschoben wirk­enden Kunst­werke nicht immer ohne Weit­eres ein- oder zuor­den­bar, vielfach text­los und damit teil­weise unverständlich.

Das war es auch schon an anerken­nen­den Bemerkun­gen, der Rest ist zwis­chen heftiger Kri­tik, die auch die Führung des Muse­ums in die Ver­ant­wor­tung nimmt und der Nen­nung von struk­turell bed­ingten Defiziten ange­siedelt. Die Ausstel­lung sei „nicht mehr zeit­gemäß“ lautet ein gewichtiges Faz­it und entspreche nicht dem aktuellen wis­senschaftlichen Stand. Das würde jedoch voraus­set­zen, dass diese Ausstel­lung jemals „zeit­gemäß“ war – Zweifel daran, ob eine vielfach willkür­lich wirk­ende Aneinan­der­rei­hung von Objek­ten, die noch dazu durch die teil­weise sehr unter­schiedliche Gewich­tung der Ausstel­lung­sob­jek­te in einzel­nen Kapiteln dem tat­säch­lichen his­torischen Geschehen nicht ein­mal ansatzweise entsprechen, sind ange­bracht. Eine der­ar­tige Darstel­lung von Zeit­geschichte war auch bei Eröff­nung der Schau vor 20 Jahren nicht mehr „state of the art“. Der Bericht hält beispiel­sweise fest: 

Räum­lich wie inhaltlich wird beispiel­sweise der Ära Doll­fuß ver­gle­ich­sweise viel Platz eingeräumt, was auf die über­pro­por­tion­al vorhan­dene Zahl an dies­bezüglichen Samm­lung­sob­jek­ten zurück­zuführen sein dürfte. Dies kön­nte jedoch missver­ständlich rezip­iert wer­den, da viele andere The­men­bere­iche wesentlich klein­er dimen­sion­iert sind. So ist die Anzahl der Objek­te, die sich dem The­ma Ver­fol­gung wid­men, ver­schwindend klein. Die numerische Verteilung der Objek­te inner­halb der The­men ist daher sehr unaus­ge­wogen. 

In dieser Tonart ist auch der Rest des Berichts abge­fasst, er stellt das Gesamtkonzept des HGM infrage (die Kom­mis­sion emp­fiehlt „einen Leit­bild­prozess des HGM, um das Bild eines Mil­itär­mu­se­ums im 21. Jahrhun­derts zu schär­fen und eine zeit­gemäße Ori­en­tierung zu ermöglichen“) und sieht auch beim Muse­ums­di­rek­tor selb­st eine Ver­ant­wor­tung: 

Die Aktu­al­isierung der Saalzettel, die Adap­tion bzw. Erweiterung des Audio­gu­ides, ergänzende und erweit­erte Beschrif­tun­gen waren den­noch hil­fre­ich und in den let­zten zwei Jahrzehn­ten sicher­lich mach­bar gewesen. (…)

Eine zeit­gemäße Adap­tierung der Ver­mit­tlungse­le­mente ohne großen Ein­griff in die Ausstel­lung selb­st wäre in Anbe­tra­cht der seit Ausstel­lungseröff­nung ver­gan­genen Jahre sicher­lich möglich und auch erforder­lich gewesen.

Ort­ner deutet in einem Inter­view mit der APA, die den Bericht über das Vertei­di­gungsmin­is­teri­um erhal­ten hat, die Aus­sagen der Kom­mis­sion jedoch völ­lig anders.

Er sei froh, kom­men­tiert er,

dass die Kom­mis­sion ein­deutig bestätigt hat, dass es in der Ausstel­lung ‚Repub­lik und Dik­taturkein­er­lei Ver­her­rlichung recht­en Gedankengutes und keine Ver­harm­lo­sung der Dik­tatur 1933–38 und des NS-Regimes gibt. (…) Auch wenn wir als Muse­um dies natür­lich wussten, ist es schw­er, gegen solche Vor­würfe vorzuge­hen.“ (APA via tt.com, 3.6.20)

Kann ein Muse­ums­di­rek­tor darüber wirk­lich froh sein, wenn die Kom­mis­sion schreibt:

Explizite Hin­weise auf anti­semi­tis­che, ras­sis­tis­che oder recht­sex­treme Inhalte find­en sich in der Ausstel­lung nicht. Nicht zulet­zt auf­grund man­gel­nder zeit­gemäßer Ver­mit­tlungse­le­mente (Beschrif­tun­gen, zeit­gemäße Saalzettel, erweit­ert­er Audio­gu­ide, …) entste­hen jedoch dies­bezügliche prob­lema­tis­che Interpretationsspielräume.

Über­set­zt: Es gibt keine expliziten, aber wohl implizite Hin­weise! Und die sehen etwa so aus: Aus Sicht der Kom­mis­sion wer­den zu viele bildliche Darstel­lun­gen von Adolf Hitler sowie Hak­enkreuze und andere NS-Insignien gezeigt, was muse­um­sethisch nicht mehr zeit­gemäß ist.“ (Bericht)

Ort­ners sehr orig­inelle Inter­pre­ta­tion des Berichts: 

Zugegeben­er Maßen waren wir über die sein­erzeit­ige Berichter­stat­tung etwas über­rascht, welche das Muse­um und seine Mitar­beit­er in ein poli­tis­ches Eck gestellt hat, auch Vor­würfe des Recht­sex­trem­is­mus kamen damals auf. Es war zu befürcht­en, dass damit unsere jahre­lan­gen Anstren­gun­gen das Muse­um zu mod­ernisieren und für den Besuch attrak­tiv zu machen zunichtegemacht wür­den. Daher bin ich sehr froh, dass uns die Kom­mis­sion von diesen unbe­grün­de­ten Vor­wür­fen sozusagen frei gesprochen hat.

Die Kom­mis­sion schreibt jedoch nichts zu den Vor­wür­fen (2), weil deren Prü­fung nicht in ihr Auf­gabenge­bi­et gefall­en ist bzw. eine Über­prü­fung der kri­tisierten Panz­er­schau nicht möglich war (3). Daher kann von ein­er „Freis­prechung“ nicht die Rede sein. Wenn Ort­ner etwa den nachgewiese­nen Verkauf von recht­sex­tremer Lit­er­atur im Muse­umsshop und von NS-Devo­tion­alien bei der Panz­er­schau als „unbe­grün­dete Vor­würfe“ inter­pretieren will, sagt das viel über ihn, aber nichts über den Kommissionsbericht.

Worin aber Ort­ners „Bemühun­gen“ beste­hen, sehen wir ganz aktuell bezüglich des het­zerischen Aula-Plakats in seinem Muse­um: Während der wis­senschaftliche Leit­er des DÖW, Ger­hard Baum­gart­ner, auf Anfrage des Stan­dard „die Zeich­nung als ‚Het­ze der übel­sten Sorte“ beze­ich­net, und anfügt „Dass in einem Bun­desmu­se­um, ein­er Insti­tu­tion der Repub­lik, der Zivil­dienst verunglimpft werde, sei eine Unge­heuer­lichkeit. ‚Zivil­diener wer­den als Ter­ror-Sym­pa­thisan­ten ver­leumdet‘, so Baum­gart­ner.“, meint Ort­ner dazu lap­i­dar: „Es ist wichtig, Blick­winkel unter­schiedlich­er Parteien auf das Bun­desheer abzu­bilden, auch extreme Positionen.”

Die Kom­mis­sion emp­fiehlt nicht nur eine Neuauf­stel­lung in Zusam­me­nar­beit mit exter­nen Exper­tin­nen und Experten, son­dern auch, dauer­haft einen wis­senschaftlichen Beirat zu instal­lieren. Ob der „Vere­in der Fre­unde des HGM“ etwas zu ein­er echt­en Neuaus­rich­tung beitra­gen kann, darf bezweifelt wer­den, denn dessen Obmann ist der Ex-FPÖ-Abge­ord­nete Peter Ficht­en­bauer, der auch im Huldigungsvere­in für den Nazi-Fliegerhelden Wal­ter Nowot­ny war (oder noch immer ist). Und das fügt sich ins Gesamt­bild des HGM.

Fußnoten

1 Der Bericht wurde „Stoppt die Recht­en“ zuge­spielt und ist öffentlich nicht ein­se­hbar. Der Leit­er der Kom­mis­sion Wolf­gang Muchitsch dazu: „Ich war selb­st über­rascht, dass der Bericht dann in Teilen über die APA bekan­nt­gemacht wurde. Viele Fachkol­legIn­nen haben mich gefragt, ob man den Bericht jet­zt haben kön­nte, und ich kann auf­grund der Ver­schwiegen­heit lei­der nur ans Bun­desmin­is­teri­um ver­weisen.“ (derstandard.at, 5.6.20)
2 Die Vor­würfe beziehen sich auf einzelne Bere­iche des Muse­ums und auf einige Mitar­beit­er (hier und hier) und richt­en sich keineswegs pauschal an das „das Muse­um und seine Mitarbeiter“.
3 „Die Fra­gen zur Ver­anstal­tung ‚Auf Rädern und Ket­ten‘ kön­nen von den Mit­gliedern der Kom­mis­sion grund­sät­zlich nicht beant­wortet wer­den, da kein Mit­glied der Kom­mis­sion bei dieser Ver­anstal­tung anwe­send war.“ (Bericht, S. 2) Der Muse­umsshop wird von ein­er anderen Kom­mis­sion geprüft.