Parlamentsrede Ruth Klüger (2011)

Vor zehn Jahren hielt Ruth Klüger (1931–2020), Lit­er­atur­wiss­chen­schaf­terin, Schrift­stel­lerin und Über­lebende der Shoa, anlässlich des Gedenk­tags an die Befreiung vom Nation­al­sozial­is­mus eine Rede im öster­re­ichis­chen Par­la­ment. Der Recht­sex­trem­ist Fred Duswald reagierte mit ein­er Ver­höh­nung und Dif­famierung in der „Aula“. Eine Anzeige war damals noch erfol­g­los. Erst im Jän­ner 2017 wur­den Duswald und die „Aula“ nach ein­er Klage zivil­rechtlich für die Fort­set­zung der Dif­famierung von KZ-Über­leben­den verurteilt. Mit der Wieder­gabe von Ruth Klügers Rede set­zen wir heute, am Inter­na­tionalen Holo­caust-Gedenk­tag, einen bewussten Kon­tra­punkt zu Duswald, zum Neonazismus.

Rede Ruth Klüger, 5.5.2011 im öster­re­ichis­chen Parlament

Wir Über­lebende der großen jüdis­chen Katas­tro­phe des zwanzig­sten Jahrhun­derts, die heutzu­tage die Shoah oder der Holo­caust genan­nt wird, sind sozusagen ein Aus­lauf­mod­ell. Nur ganz wenige von uns gibt es noch, und diese weni­gen, zu denen ich gehöre, waren damals Kinder. Von Kindern möchte ich daher sprechen.

Im Mai 1945, also vor 66 Jahren, gle­ich nach Kriegsende, schick­te ich zwei Gedichte, die ich im KZ ver­fasst hat­te und die von der Ver­fol­gung und Ver­nich­tung han­del­ten, an die Hes­sis­che Post. Dazu einen Brief, in dem ich stolz verkün­dete, ich sei erst dreizehn ein­halb Jahre alt, hätte jedoch schon mehr erlebt als andere mit fün­fzig. (Die Gedichte hat­te ich nicht geschrieben, denn ich hat­te kein Schreib­ma­te­r­i­al, son­dern sie ein­fach ver­faßt und im Kopfe behal­ten und manch­mal anderen Häftlin­gen aufge­sagt.) Sie waren schön gereimt und in Stro­phen eingeteilt, wie ich es von der klas­sis­chen deutschen Lyrik gel­ernt hat­te. Denn in Wien, vor der Ver­schick­ung im Jahre 1941, als wir von ein­er Woh­nung in die andere mußten, alle mit verängstigten Erwach­se­nen vollgestopft, und ich gezwun­gener­maßen schul­frei hat­te, ver­trieb ich mir die Zeit mit dem Auswendigler­nen von Versen. Ich wußte also, wie man das macht. Und meinte, mit der sprach­lichen Kon­trolle, die in solchen Kom­po­si­tio­nen steckt, zu beweisen, dass ich kein ver­schreck­tes, bewußt­los­es Opfer gewe­sen war son­dern eine, die sich über Wass­er hal­ten und aufmerk­sam beobacht­en kon­nte. Also eine, die man ernst nehmen sollte und die in Zukun­ft mitre­den wollte. Ich lesen Ihnen eines der bei­den vor:

DER KAMIN

Täglich hin­ter den Baracken
Seh ich Rauch und Feuer stehn. Jude, beuge deinen Nack­en, Kein­er hier kann dem ent­gehn. Siehst du in dem Rauche nicht Ein verz­er­rtes Angesicht?
Ruft es nicht voll Spott und Hohn: Fünf Mil­lio­nen berg’ ich schon! Auschwitz liegt in mein­er Hand, Alles, alles wird verbrannt.

Täglich hin­term Stacheldraht
Steigt die Sonne pur­purn auf,
Doch ihr Licht wirkt öd und fad, Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht. Blick zur roten Flamme hin:

Einzig wahr ist der Kamin. Auschwitz liegt in sein­er Hand, Alles, alles wird verbrannt.

Manch­er lebte einst voll Grauen Vor der dro­hen­den Gefahr. Heut’ kann er gelassen schauen, Bietet ruh’g sein Leben dar. Jed­er ist zer­mürbt von Lei­den, Keine Schön­heit, keine Freuden, Leben, Sonne, sie sind hin,

Und es lodert der Kamin. Auschwitz liegt in sein­er Hand, Alles, alles wird verbrannt.

Hört ihr Ächzen nicht und Stöh­nen, Wie von einem, der ver­schied? Und dazwis­chen bit­tres Höh­nen, Des Kamines schau­rig Lied: Kein­er ist mir noch entron­nen, Keinen, keine werd ich scho­nen. Und die mich gebaut als Grab Schling ich selb­st zulet­zt hinab. Auschwitz liegt in mein­er Hand, Alles, alles wird verbrannt.

1944

Ich lese diese Verse hier zum ersten Mal laut vor, weil ich sie bis jet­zt vor dem sal­bungsvollen Mitleid bewahren wollte, das dem gesproch­enen Wort zuteil wird, mehr als dem gedruck­ten. Doch nun sind sie schon so ver­jährt, dass ich meine, die zwölf- bis dreizehn­jährige Autorin, die ich damals war, mit einem kurzen Kom­men­tar schützen zu kön­nen. Das The­ma war natür­lich zu groß und schw­er für ein Kind, aber es war kein The­ma, das ich mir aus­ge­sucht hat­te, son­dern eines, das ich aufgetis­cht bekam und ich ver­suchte es zu bewälti­gen, indem ich darüber Reime machte. Ich möchte damit sagen, dass mir und den anderen Kindern die Unge­heuer­lichkeit dessen, was in den Lagern vorg­ing, klar war. Wir haben nicht som­nam­bu­lis­tisch vor uns hingedöst, wir waren hellwach, wir Kinder, vielle­icht nie wieder so hellwach wie damals.

Wenn man von „ver­loren­er Kind­heit“ spricht oder davon, dass man den Kindern ihre Spielplätze und Spiel­sachen ger­aubt hat­te und ähn­lichen Lap­palien, so lenkt man ab von dieser Unge­heuer­lichkeit und ver­ringert den Respekt vor denen, ein­schließlich der Kinder, die damals klar­sichtig gelebt haben und den Ver­stand nicht ver­loren, den man ja zum Bespiel beim Gedichtemachen braucht. Es gibt auch gele­gentlich die Unter­stel­lung, dass wir gar nicht wußten, was los war. (Ich schnappte ja sog­ar über­triebene Zahlen auf, wie sie eben hörten: In Auschwitz wur­den ins­ge­samt einein­halb Mil­lio­nen Juden ver­gast, nicht fünf, wie in meinem Gedicht.) Oder dass man ja die Mut­ter dabei hat­te, es kann also gar nicht so arg gewe­sen sein. Solche Reak­tio­nen reichen nicht an das Gefühl her­an, an das ich mich so leb­haft erin­nere, dieses Gefühl der Zwölfjähri­gen in Auschwitz-Birke­nau und der Dreizehn­jähri­gen in Groß-Rosen, das sich so zusam­men­fassen läßt: Ich hab ein Leben, es ist meins, es hat erst ange­fan­gen, nehmt es mir nicht, es gehört mir; was ihr alles son­st genom­men habt, die Woh­nung, aus der wir raus­geschmis­sen wur­den, das Geld der Eltern in der Bank und alle unsere Sachen, der schöne Garten der Großel­tern, kön­nt ihr alles haben, wer will das schon, kön­nt ihr behal­ten, is wurscht, aber dieses Leben, ich geb’s nicht auf, ich hab Angst, ich will noch was ler­nen — und auch eine große Wut hab ich. Das war das Grundge­fühl. Und wenn ich heute von Respekt rede, so meine ich nicht etwa, einen Respekt, den Sie vor mir, der Erwach­se­nen, Alt­ge­wor­de­nen, haben soll­ten – den müßte ich mir schon durch eigene Leis­tung ver­di­enen –, son­dern den ich vor dem Kind bewahre, das ich damals war und das ganz gut denken kon­nte und sich trotzig bewährte und bestand.

Ein paar Verse aus den erwäh­n­ten Gedicht­en erschienen dann auch in der Zeitung, zusam­men mit einem kun­stvoll zer­ris­se­nen Stück meines Briefs. Mein Gedicht war verkürzt, meine Aus­sage ver­stüm­melt und vor allem mit einem lar­moy­an­ten Kom­men­tar verse­hen wor­den, das mich beschämte. „Einzelne Stro­phen“, so hieß es, „eignen sich nicht zur Veröf­fentlichung, denn sie eröff­nen das ganze unbeschreib­liche Elend, in das die Seele eines Kindes gestoßen wurde.“ Diese Logik war mir unklar. Warum, so fragte ich mich, haben sie nicht das ganze Gedicht gedruckt, oder sog­ar alle bei­de? Ich war unter anderem belei­digt, weil ich keine Antwort und kein Belegex­em­plar bekom­men hat­te. Ich hat­te auf ein Wort der Anerken­nung gehofft, zumin­d­est der Erken­nung, ich wollte ein Gesicht haben. Und ein Gesicht war auch da, aber nicht meines, eine Zeich­nung, die nicht ich war, son­dern der Sam­mel­be­griff, wie so ein Kind auszuse­hen hat­te, mit weitaufgeris­se­nen Augen, ver­mut­lich schreiend. Eigentlich wollte ich, dass sich jemand nach mir erkundigt, fragt, wie’s war, wie’s mir geht und was ich son­st noch geschrieben hat­te. Denn so wie’s das­tand, genierte ich mich ein­fach. Ich kam mir vere­in­nahmt, sog­ar an den Pranger gestellt vor.

Wenn man die Zeu­gen nicht befragt, oder, wenn man sie befragt, ihnen dann nicht zuhört, sobald sie aus­führlich wer­den wollen, son­dern den eige­nen Gefühlen den Vor­rang gibt, wie das auch heute noch oft bei der Auswer­tung von „oral his­to­ry“ geschieht, so stellt sich leicht eine Ver­drehung des Geschehens ein. Diejeni­gen, die nicht dabei gewe­sen waren, hiel­ten noch lange nach dem Krieg selb­st die erwach­se­nen Über­leben­den für unzu­ver­läs­sig, weil ange­blich zu sehr geschädigt durch das Erlebte. Wie viel mehr die Kinder. Mit meinem Ärg­er und mein­er Beschä­mung über diese erste Veröf­fentlichung, so kindisch sie gewe­sen sein mögen, hat­te ich etwas erfasst, was richtig war. Denn das Desin­ter­esse für die Autorin, die nur eine Quelle war für die Erschüt­terungs­fähigkeit der Her­aus­ge­ber, war nicht zufäl­lig, son­dern eher typ­isch. Kinder hat­ten keine rechte Iden­tität, deshalb musste man sich auch nicht für ihre Beiträge bedanken, schon in dieser frühen Phase der Erin­nerung war mehr Gerede als Sprache und nicht so sehr Trauer als rührseliges Gewäsch.

Freilich war das während und nach dem Krieg oft so: Man hat die Ermor­dung von ein­er ganzen nicht­poli­tis­chen Zivil­bevölkerung wenn nicht bei­seite geschoben, so doch irgend­wie kom­prim­iert, vielle­icht weil der Gedanke unerträglich war, aber vielle­icht auch, weil man mit Trauer über die Gefal­l­enen und mit Stolz über die Poli­tis­chen, die Wider­stand­skämpfer im KZ, reden kon­nte, aber was ließ sich schon über jüdis­che Haus­frauen und Kinder sagen, als dass sie Pech gehabt hatten?

In den 50er Jahren trat dann ein ermordetes Kind leb­haft vors Auge der Öffentlichkeit: Anne Frank. Anne Frank war jedoch eben keine Über­lebende, nie­mand, mit dem man sich auseinan­der­set­zen mußte und – ein sprin­gen­der Punkt – man mußte sich nicht ein­mal mit ihren KZ Erfahrun­gen auseinan­der­set­zen, denn das Buch han­delt ja nicht davon, es han­delt vom Ver­steck vor der Ver­schlep­pung. Zwar hing sein enormer Erfolg vom Wis­sen ab, dass Anne Frank ein Opfer des Massen­mords war, aber ger­ade das machte es möglich, ihre über­aus scharf­sin­ni­gen Aufze­ich­nun­gen zu sen­ti­men­tal­isieren. Sie war ein Opfer, vor dem man nicht zurückschreck­en mußte. Das, was ihr nach dem Ver­steck im Ams­ter­damer Hin­ter­haus zustieß, wurde erst Jahre nach der Veröf­fentlichung des Tage­buchs recher­chiert und die Details, die zu ihrem Tod führten wur­den nie so bekan­nt und hat­ten nie dieselbe Ausstrahlung wie ihre eige­nen Worte über das enge Zusam­men­leben vor dem Ent­deck­twer­den. Man kon­nte sie beweinen und man kon­nte bereuen. Die Vorstel­lung ihrer Ver­schick­ung und ihres frühen Todes kon­nte man dazu­denken oder aus­lassen, mit so vie­len oder so weni­gen Einzel­heit­en, wie man wollte. Von ihr kam keine Gegenrede mehr. Und doch hat sie es mit ihrem schrift­stel­lerischen Tal­ent und ihrer akuten Beobach­tungs­gabe allen Kindern von damals leichter gemacht zu sprechen und gehört zu werden.

Die Wörter, die uns immer ein­fall­en, wenn wir die über das Gedenken an die Shoah sprechen, sind „vergessen“, „erin­nern“, „verzei­hen“. Ich möchte ver­such­sweise auf ein anderes Wort hin­s­teuern, näm­lich das Wort, das Sig­mund Freud hier in Wien auf jenen psy­chol­o­gis­chen Prozess angewen­det hat, wenn der Men­sch nicht zurecht kommt mit dem, was ihm oder ihr zugestoßen ist (oder was er getan hat) und es auf eine Weise bei­seite schiebt, die es nicht etwa zer­stört – denn das geht nicht – aber es so auf­be­wahrt, dass es sich nicht dem Bewußt­sein und der Ver­nun­ft zur Ver­fü­gung stellt. Und das mit Recht – denn die Ver­nun­ft ist in solchen Fällen hil­f­los gewor­den. Ich spreche natür­lich vom Verdrängungsprozess.
Freud hat den Begriff „ver­drän­gen“ auf den Einzel­nen, das Indi­vidu­um, angewen­det. Doch auch eine Gesellschaft kann Teile ihrer Ver­gan­gen­heit ver­drän­gen. Da gibt es ver­schiedene Möglichkeit­en. Wir denken zuerst an den Ver­such das Geschehene zu vergessen – ich sage „Ver­such“, weil es ja nicht gelingt: das was geschehen ist ver­schwindet nicht, es geis­tert nur. Man leugnet also ein­fach, dass das, wom­it man nicht fer­tig wird, stattge­fun­den hat. Im Englis­chen ver­wen­det man das Wort „sup­press“ für diesen Freud’schen Begriff, denn das Englis­che hat kein richtiges Wort für „ver­drän­gen“. Aber das Deutsche ist bess­er, denn es meint ja, Bei­seiteschieben, nicht Unter­drück­en; das Bei­seit­egeschobene ist nach­bar­lich anwe­send. Wenn man es pauschal abstre­it­et, wird man schnell ent­larvt, und darum waren die Holo­caustleugn­er von Anfang an unglaub­würdig, das Beweis­ma­te­r­i­al war über­wälti­gend. Der Massen­mord war keine ver­bor­gene Leiche im Keller. Er war schlicht nicht zu übersehen.

Ver­drän­gen kann aber auch andere For­men annehmen. Wenn wir nicht umhin kön­nen, die Fak­tiz­ität des Geschehenen anzuerken­nen, dann ver­suchen wir es so zu deuten, dass es erträglich, wenn auch ver­fälscht wird, zum Beispiel durch Sen­ti­men­tal­isieren, eine Form von Entschärfung.

Dazu eignen sich beson­ders die Kinder, die toten wie die über­leben­den. Da nimmt dann ein wein­er­lich­es, rück­ge­wandtes Mit­ge­fühl dem Entset­zen über das Vorge­fal­l­ene den Stachel und ver­wan­delt es in eine Stärkung der eige­nen moralis­chen Über­legen­heit. Oder man ver­fremdet die Zeu­gen und fein­det sie an. Wenn wir Kinder die Geschichte unser­er Jahre unter den Nazis anders erzählten als es sich die Erwach­se­nen zurecht gelegt hat­ten oder uner­wün­schte Fra­gen über das Ver­hal­ten eben dieser Erwach­se­nen stell­ten, dann wurde man, wenn man Glück hat­te, nicht ernst genom­men und bei­seite geschoben (also „ver­drängt“, in eine Ecke gedrängt) – irgend­wie mund­tot gemacht, weil man annahm, dass wir nicht genug wis­sen kon­nten und sowieso keine Mei­n­ung zu haben hat­ten; oder wir wur­den sog­ar beschimpft: „Du hast’s faust­dick hin­ter den Ohren“, sagte mir eine Deutsche verächtlich noch in den frühen 50er Jahren. Man hat die Opfer sei­ther zu Mär­tyr­ern stil­isiert. Daran dachte man anfangs noch nicht. Doch auch das ist eine Form der Ver­drän­gung, indem man der äußer­sten Sinnlosigkeit einen Sinn abgewinnt.

Noch eine Art der Bewäl­ti­gung, die der Ver­drän­gung Vorschub leis­tet, ist die Rel­a­tivierung. Wir rei­hen das Ver­brechen ein, find­en ihm einen Platz in der Geschichte der Untat­en. Doch das Aus­maß des Holo­caust sprengt alle Rah­men und Raster.

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Das soge­nan­nte Euthanasiepro­gramm, das am Anfang des großen Blut­bads stat­tfand, verdeut­licht einen Aspekt, der ihn von anderen Mas­sak­ern unter­schei­det, näm­lich ein Ele­ment der nationalen oder völkischen Selbstzerfleischung.

Ich rede jet­zt ein­mal aus­drück­lich nicht von Juden oder Zige­unern, son­dern von Opfern, die in die uner­hörte Kat­e­gorie „unnütze Ess­er“ eingestuft wurden.
Die ersten exper­i­mentellen Gaskam­mern kann man in Öster­re­ich bequem besichti­gen, an ein­er Gedächt­nis­stätte unweit von hier, Hartheim bei Linz, — Linz, eine europäis­che Kul­turhaupt­stadt. Sie waren nicht beson­ders geheim gehal­ten, in keinen dumpfen Kellern ver­steckt, sie hat­ten Fen­ster und lagen zu eben­er Erde. Da wur­den Behin­derte aus dem eige­nen Volk, Deutsche und Öster­re­ich­er, von ihren Land­sleuten beseit­igt. Darunter auch viele Kinder. Das waren kör­per­lich und geistig behin­derte Kinder, oder autis­tis­che Kinder, es waren auch ein­fach asoziale, soge­nan­nte „schw­er erziehbare Kinder“ darunter, Kinder, die Krach in der Schule gemacht haben.

Man muss sich vorstellen, was das heißt: Unnütze Ess­er. Es heißt, dass man den eige­nen Kindern nicht den Bis­sen im Mund gegön­nt hat. Der nor­male Instinkt, meinen wir, ist ja, Kinder zu beschützen und ihnen zu helfen. Sie sind herzig und hil­f­los. Es ist ein Naturge­setz, dass jede Tier­art sich zu ver­mehren sucht, oft mit dem Opfer von erwach­se­nen Indi­viduen der Spezies. Nicht nur die Eltern, auch die Herde oder das Rudel, ver­bürgt ihr Weit­er­leben. Doch in Großdeutsch­land, ein­schließlich Öster­re­ich, wur­den während der Naz­i­herrschaft nicht nur soge­nan­nte „ander­sras­sige“ Kinder getötet, son­dern auch die eige­nen deutschen, wenn sie „unnütze Ess­er“ waren. Nicht nur vere­inzelte, son­dern sehr viele, von bezahlten Tätern. Und hier set­zt mein Ver­ständ­nis aus. Nur eine Verbindung wird immer deut­lich­er: Auch mit der Ver­nich­tung der Juden wurde ja ein Teil der eige­nen Zivil­bevölkerung aus der deutsch-öster­re­ichis­chen Gesellschaft beseitigt.

Schoßhunde sind auch unnütze Ess­er und wur­den nicht massen­ver­nichtet im Nazi-Europa. Über­haupt waren Haustiere unter den Nazis nicht ver­boten – obwohl man ihnen zu essen geben muß.– (Im Gegen­teil, sie waren sozusagen höhere Wesen als Juden, denn Juden mußten die ihren abgeben, Juden waren nicht würdig, Hunde zu hal­ten.) Was sich hier als Sparsamkeit und notwendi­ge Maß­nahme zur Erhal­tung der Rassen­zucht tarnte und in dem Massen­mord an Zivilis­ten mün­dete, war in Wahrheit ein Men­schen­haß und eine Men­schen­ver­ach­tung, die man mit Schlag­wörtern wie „nie wieder“ oder mit Mah­n­malen oder mit Süh­neze­ichen oder – ja, auch mit Gedenk­ta­gen, wie wir hier einen feiern — nicht in den Griff bekommt.

Ein berühmtes jüdis­ches Sprich­wort lautet: „Wer ein Leben ret­tet, ret­tet die ganze Welt.“ Es ist ein schön­er Satz, ein poet­is­ch­er Satz, er läßt sich genießen, doch mit dem Massen­mord ist er unvere­in­bar. Sich­er hat es unzäh­lige tapfere Men­schen gegeben, die gefährdete Kinder gerettet haben, und sie ver­di­enen es, dass wir sie ehren und feiern, aber eine Welt, in der ein Kind leben bleibt und neun­hun­dert neu­nund­ne­un­zig Kinder mit voller Absicht ermordet wer­den, eine solche Welt ist nicht „gerettet“, im Sinne unseres Spruchs. Ich bin eine dieser Einzelfälle und habe nie die Erle­ichterung gekan­nt, dass durch mein Über­leben das Grausen am Mord mein­er Altersgenossen aufge­wogen und wider­legt ist. Solche Wider­sprüche bleiben für meines­gle­ichen im Gedächt­nis eintätowiert.

Der Kern der Sache bleibt unbe­grei­flich, trotz der vie­len nüchtern wis­senschaftlichen und pas­sion­iert dich­ter­ischen Analy­sen, die sei­ther erschienen sind. Wir brauchen sie alle, aber sie genü­gen nicht. Wie kam es zum Völk­er­mord? Wirtschaftliche Gründe? Es gab ärmere Län­der, wo sowas nicht passierte. Unwis­senheit? Die Täter hat­ten ein rel­a­tiv hohes Bil­dungsniveau. Sie waren keine Anal­pha­beten und hat­ten entwed­er eine religiöse oder eine human­is­tis­che Erziehung gehabt, die lei­der nicht stand­hielt. Aber wieso und warum nicht? Die frühen Jahre üben ja ange­blich einen bleiben­den Ein­fluß auf uns aus. Auf die Täter traf das nicht zu. Sie hat­ten nichts erlebt, was mit ihrem späteren Tun in Ein­klang zu brin­gen wäre. Sie kamen aus ein­er Gesellschaft, die zwar fün­fzehn oder zwanzig Jahre vorher einen Krieg ver­loren hat­te, aber einen Ver­lier­er gibt es in jedem Krieg. Das erk­lärt nicht, wie es zu dieser Umkehrung aller Werte mit­ten in Europa kam. Wed­er andächtiges Schweigen noch Reue, Andacht oder auch Hass und Ver­ach­tung geben uns Antwort auf die Fra­gen, die die Geschichte des ver­gan­genen Jahrhun­derts uns stellt.

Und so belassen wir es bei der fes­ten Überzeu­gung, dass jet­zt alles anders ist. Das stimmt sog­ar, ich muss mich nur umschauen und an das Wien mein­er Kind­heit denken, eine düstere, feind­selige Stadt, wo man als Jude wie in einem Belagerungszu­s­tand veg­etierte, wo ich alles ver­lor, auch den Vater und den Brud­er und schließlich in den Tod abtrans­portiert wurde, dem ich dann merk­würdi­ger- und aus­nahm­sweise ent­ging. Heute bin ich hier willkom­men, ich darf sog­ar im Par­la­ment darüber sprechen. Aber wieso? Wo und was sind die Quellen, die vom Damals und die vom Jet­zt? Was hat sich im Denken geän­dert und auf welche Weise? Was war der Ursprung des Genozids?

Wie der Holo­caust möglich war, bleibt ein ungelöstes Rät­sel. Es ist im Grunde das Rät­sel der men­schlichen Frei­heit. Wir sind nicht vor­pro­gram­miert, wie sich her­ausstellte, ein Rechtsstaat bleibt nicht unbe­d­ingt ein Rechtsstaat, und seine Bewohn­er kön­nen ihre Vorstel­lun­gen und Absicht­en jed­erzeit über den Haufen wer­fen und es sich anders über­legen. Meis­tens sind wir stolz auf dieses Selb­st­bes­tim­mungsver­mö­gen und meinen, es führt zum Fortschritt und zum Guten. Manch­mal führt es ins abgrundtief Böse. Der Holo­caust gäh­nt wie ein schwarzes Loch in der Mitte des ver­gan­genen Jahrhun­derts. Ich habe im Laufe eines lan­gen Lebens einiges darüber gele­sen, auch ein biss­chen darüber geschrieben, bin aber zu keinen Schluß­fol­gerun­gen gekom­men und fand gewiss keinen Trost. Trotz­dem bleibt die Hoff­nung, dass weit­eres Forschen, Dicht­en, Nach­denken und Disku­tieren zu ein­er Erhel­lung führen möge über unser Tun und Lassen, das heißt, über die Möglichkeit­en und Gren­zen dieser unser­er zwielichti­gen, zwei­deuti­gen, zwiespälti­gen men­schlichen Frei­heit. (Öster­re­ichis­ches Par­la­ment, Gedenk­tag gegen Gewalt und Ras­sis­mus im Gedenken an die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus 2011)

➡️ Wir Über­lebende sind nicht zuständig für Verzei­hung. Zum Tod von Ruth Klüger.