Diskriminierung im Bildungswesen

Nach den Jahresberichten von ZARA und Stopline wurde in diesen Tagen der Bericht der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB) für das Jahr 2019 präsentiert. Es ist eine Initiative, deren Arbeit sich eine breite Öffentlichkeit verdient hat.

Harald Walser, bis 2017 Bildungssprecher der Grünen und im Vorstand von „Stoppt die Rechten“, und Jürgen Czernohorsky (SPÖ), damals Präsident des Wiener Stadtschulrates, haben die Arbeit der Initiative seit Beginn an unterstützt. 2016 war der erste Bericht der Initiative, die seither jährlich dokumentiert, wie wichtig ihre Arbeit im Bildungsbereich ist.

Das lässt sich zum einen am rasanten Anstieg der an die Initiative gemeldeten Fälle darstellen. 2017 waren das 173 Meldungen, 2018 260, und 2019 bereits 403. Eine beunruhigende Zahl, weil die Initiative bislang hauptsächlich in Wien aktiv war und aus diesem Bundesland daher – noch – die meisten Meldungen (über 50%) stammen. Man kann sich daher ohne jede Übertreibung vorstellen, dass sich der Anstieg selbst dann noch für einige Jahre fortsetzen würde, wenn die Diskriminierung eingebremst würde.

IDB gemeldete Fälle 2016 bis 2019

IDB gemeldete Fälle 2016 bis 2019

Nicht jeder an die IDB eingemeldete Fall wird die gleiche erschreckende Qualität haben wie der auf Seite 23 geschilderte Fall, bei dem ein Lehrer offen rechtsextrem agierte:

Ich hatte am Freitag Werkstätte. Der Lehrer hat schon oft sehr respektlos gewirkt, ganz besonders gegenüber Türken. Egal, wie gut jemand im Unterricht war, nannte er ihn auf einer sehr abwertenden Art und Weise „Kanake“. Letzten Freitag wurde es aber zu viel als er – ich zitiere – sagte: „Das mit Adolf Hitler wurde total übertrieben nur weil es was mit Österreich zu tun hatte und das mit Erdogan wird sehr klein gemacht“, ich zitiere weiter, „Ich arbeite und 50% meines Gehalts gehen an deinen Freund,“ – dabei zeigte er auf einen syrischen Mitschüler – „der da drüben in der Sonne liegt und mir beim hakeln zu schaut und nur sagt: Schön, dass du arbeitest aber ich bekomm ja eh mein Arbeitslosengeld!“ Darauf fragte ihn einer meiner Mitschüler: „Haben sie das gesehen, was die FPÖ neulich veröffentlicht hat?“ Ein anderer Mitschüler fiel ihm ins Wort und sagte, dass Politik im Unterricht nichts verloren hätte. Der Fachlehrer ignorierte diese Aussage völlig und sagte: „Ach meinst du das mit dem Kickl? Den Kickl den find ich toll! Der hat super Ansätze und steht auch dahinter, dass die Ausländer, die nichts für Österreich getan haben und nur unser Geld verschwenden, abhauen und da zurückgehen sollen, wo sie hergekommen sind.“ Ich habe hier nur Aussagen verschriftlicht, an die ich mich wortgenau erinnern konnte.

Auf LehrerInnen sind übrigens 41% der Fälle rückführbar. Sie stellen damit die weitaus größte Tätergruppe, während unter den von Diskriminierung Betroffenen die SchülerInnen mit 71 Prozent weit voran liegen. An dem geschilderten Fall ist noch ein anderes Indiz bemerkenswert: der Hinweis auf die Werkstätte, in der der Lehrer tätig ist. Es könnte sich um eine berufsbildende Höhere Schule handeln. In der Aufstellung über die Herkunft nach Bildungseinrichtungen fehlen nämlich die Berufsschulen sowie die berufsbildenden mittleren Schulen (Fachschulen) noch völlig. Ohne jedes Risiko prophezeien wir einen gewaltigen Anstieg der Fälle, wenn diese Schulen in die Arbeit der Initiative einbezogen werden können.

Diskriminierungsfälle IDB 2019

Diskriminierungsfälle IDB 2019

Erschreckend der Anstieg der Fälle mit antisemitischem Hintergrund, die 2019 schon ein Viertel der Meldungen stellen. Abgeschlagen an der Spitze mit 74% allerdings jene Fälle, die hier unter dem Begriff Islamophobie zusammengefasst wurden.

Diskriminierung nach Weltanschauung und Religion

Diskriminierung nach Weltanschauung und Religion

Wie in den vergangenen Jahren geht dabei ein Gutteil auf die Diskriminierung von kopftuchtragenden Mädchen zurück, die sogar das Denkvermögen von sozialdemokratischen LehrerInnen (SLÖ) bis zur Unkenntlichkeit trüben kann, wie der Beitrag eines Mag. Franz Pöschl in der Zeitschrift des SLÖ-Salzburg, „LehrerIn und Gesellschaft“ (Nr. 179/2019) über „Muslima und das Kopftuch“ belegt. In wenigen Zeilen schafft es der Pädagoge, seine erschütternde Ahnungslosigkeit von Geschichte mit Diskriminierung zu mischen und im Kopftuch auch noch die Terrorismusgefahr durch Ganzkörperverhüllung zu entdecken:

Auch die Europäer gingen nicht gerade zimperlich mit den eroberten Völkern um (Jean Ziegler). Vielleicht ist das mit ein Grund, warum Gewalt bei manchen Muslimen einen so hohen Stellenwert hat. (…) Außerdem sind voll verhüllte Personen ein Sicherheitsrisiko. Zu leicht könnten sich Attentäter als Frauen getarnt Anschläge verüben ohne erkannt zu werden.

Sehr zu empfehlen ist daher nicht nur das Vorwort von Andreas Peham (DÖW), der den „Kulturkampf im Klassenzimmer“, wie ihn etwa die Lehrerin Susanne Wiesinger führt, auf wenigen Seiten fein säuberlich zerlegt. Auch was da ab Seite 42 unter der Überschrift „Das Kopftuchverbot – eine scheinheilige Debatte“ abgehandelt wird, ist schon deshalb lesenswert, weil es mit Fakten argumentiert. Etwa mit einer Langzeit-Studie der Universität von Stanford, die zeigt, dass sich in Frankreich, wo das Kopftuch an öffentlichen Schulen seit 2004 verboten ist, kein Zugewinn an Integration zu verzeichnen ist, sondern sich der bildungs- und Erwerbserfolg muslimischer Mädchen verschlechtert hat. Das wird weder die rechten Hetzer noch die konservativen Ideologen stören, aber für uns Grund genug, um den Jahresbericht der IDB zu empfehlen.

➡️ IDB-Jahresbericht 2019