Was darf man denn überhaupt noch sagen?

Als der Antifaschist Ger­hard Bur­da dem Antifaschis­ten und Kabaret­tis­ten Lukas Rese­tar­its in einem sehr kurzen Face­book-Kom­men­tar vorhielt, dass in den Nazi Bren­nöfen Men­schen „durch den Rost gefall­en“ sind und – das hat er gar nicht einge­fordert – die Redewen­dung daher unter­lassen wer­den sollte, fasste er einen Shit­storm aus. Als wir erläutert haben, dass die Redewen­dung bei den Opfern des Holo­caust bzw. ihren Nachkom­men ein­deutige Assozi­a­tio­nen aus­löst und deshalb ver­mieden wer­den sollte, erhiel­ten wir eben­falls die selb­st­mitlei­di­ge Antwort: Was darf man denn dann noch über­haupt sagen?

Fak­tisch alles, sofern es nicht strafrechtlich ver­boten ist. Anti­semi­tis­ch­er Dreck allerd­ings geht – man will es kaum glauben – fast immer noch. Das erste Werk, das der Sprach- und Lit­er­atur­wis­senschafter Vic­tor Klem­per­er nach der Nieder­lage des NS-Regimes 1947 ver­fasste, war „LTI. Notizbuch eines Philolo­gen“. LTI ste­ht für Lin­gua Ter­tii Imperii (Sprache des Drit­ten Reich­es). Klem­per­ers Beobach­tun­gen sind keine sys­tem­a­tis­che Studie der Sprache des Nation­al­sozial­is­mus, wie auch schon der Unter­ti­tel ver­rät, aber sie waren bahnbrechend.

Victor Klemperer LTI

Vic­tor Klem­per­er LTI

Das Buch ist auch kein Kom­pendi­um belasteter Begriffe, aber wer immer sich mit der Sprache des Nation­al­sozial­is­mus, über­haupt mit Sprachkri­tik befassen will, wird an diesem Werk nicht vor­beikom­men. Dafür ste­hen schon Sätze wie diese:

Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seel­is­ches Wesen, je selb­stver­ständlich­er, je unbe­wußter ich mich ihr über­lasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus gifti­gen Ele­menten gebildet oder zur Trägerin von Gift­stoffen gemacht wor­den ist ? Worte kön­nen sein wie winzige Arsendosen : sie wer­den unbe­merkt ver­schluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn ein­er lange genug für held­isch und tugend­haft : fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirk­lich, ein Fanatik­er sei ein tugend­hafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein. Die Worte fanatisch und Fanatismus sind nicht vom Drit­ten Reich erfun­den, es hat sie nur in ihrem Wert verän­dert und hat sie an einem Tage häufiger gebraucht als andere Zeit­en in Jahren. Das Dritte Reich hat die wenig­sten Worte sein­er Sprache selb­stschöpferisch geprägt, vielle­icht, wahrschein­lich sog­ar, über­haupt keines. (Klem­per­er, LTI, Auf­bau-Ver­lag Berlin 1947, S. 30)

Bei Let­zterem irrt Klem­per­er: Die Nazis haben tat­säch­lich einige Sprach­schöp­fun­gen zuwege gebracht. Viele ihrer Neol­o­gis­men haben den Nation­al­sozial­is­mus aber nicht oder nur bei eini­gen Neon­azis im alltäglichen Sprachge­brauch über­lebt. Dazu gehören klar­erweise die Rang­beze­ich­nun­gen, die sich NSDAP, SS und andere Nazi-For­ma­tio­nen gegeben hat (Block­wart“, Sturm­ban­n­führer“ usw.), ander­er­seits auch ein bürokratis­ches Wor­tungetüm wie „Ver­dunkelungsver­brechen“, das im Para­graph 2 der Verord­nung gegen „Volkss­chädlinge“ beze­ich­net und mit schw­eren Kerk­er­strafen, aber auch der Todesstrafe geah­n­det wurde. Das „Ver­dunkelungsver­brechen“ hat die Nazi-Ära nicht über­lebt, auch der „Zucht­wart“ nicht. Mit ein­er „Voll­fam­i­lie“ beze­ich­neten die Nazis eine „erbge­sunde Fam­i­lie“ mit min­destens vier Kindern. Der Begriff geht ver­mut­lich auf die Nazis zurück, wie Cor­nelia Schmitz-Bern­ing in ihrem akribisch recher­chierten Stan­dard­w­erk „Vok­ab­u­lar des Nation­al­sozial­is­mus“ dazu fes­thält. Die „Voll­fam­i­lie“ geis­tert – sel­ten, aber doch – auch heute noch herum, hat aber seine Nazi-Def­i­n­i­tion verloren.

Die "Vollfamile" als verbale Nazi-Reliquie auf Pinterest

Die „Voll­famile” als ver­bale Nazi-Reliquie auf Pinterest

Das trifft wohl auch für einen anderen Nazi-Neol­o­gis­mus zu: der „Kul­turschaf­fende“, der – wie einige andere Neol­o­gis­men aus dem Kun­st- und Kul­turbere­ich – aus Goebbels‘ Reich­spro­pa­gan­damin­is­teri­um stam­men dürfte. Im Unter­schied zu Schmitz-Bern­ing, die die Gen­e­sis des Begriffs dort verortet, weist ihn Wikipedia den 1920er-Jahren zu. Any­way. heute ist die bei den Nazis ide­ol­o­gisch aufge­ladene Def­i­n­i­tion dieses Begriffs verblasst und weit­ge­hend nur mehr sprach­his­torisch interessant.

Schmnitz-Berning: Vokabular des NNationalsozialismus

Schm­nitz-Bern­ing: Vok­ab­u­lar des NNationalsozialismus

Matthias Heine, der das 2019 erschienene Buch „Ver­bran­nte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“ ver­fasst hat, schreibt dazu: „Der Aus­druck ist wohl nicht mehr aus der Welt zu schaf­fen. Da es sich um eine rel­a­tiv neu­trale Beze­ich­nung han­delt, ist das aber auch keine Katas­tro­phe. Den­noch schadet es nichts, seinen NS-Ursprung zu ken­nen und abzuwä­gen, ob er über­all ange­bracht ist.

Heine: Verbrannte Wörter

Heine: Ver­bran­nte Wörter

Heines Buch ist flott zu lesen, mit seinen etwas über 200 Seit­en nicht eine Schwarte wie das Stan­dard-Werk von Schmitz-Bern­ing (700 Seit­en). Es gibt sich aber auch einen anderen, sehr prak­tis­chen Anspruch, indem es zu den Aus­führun­gen über „ver­bran­nte“, durch die Nazi-Geschichte und Ide­olo­gie aufge­ladene Wörter oder Redewen­dun­gen auch prak­tis­che Empfehlun­gen für den Umgang mit solchen Wörtern wagt.

Wenn Heine vorschlägt, das Wort betreuen beson­ders im Zusam­men­hang mit Grup­pen, die von den Nazis ver­fol­gt und ermordet wur­den“ zu mei­den, mag einem das zunächst über­trieben vorkom­men. Schon Klem­per­er wies in sein­er LTI aber darauf hin, dass – aus­gerech­net – die Nazis das unschuldige Verb ger­adezu maß­los und überspan­nt ver­wen­det haben. Wer dann noch die aus­führliche Recherche von Schmitz-Bern­ing zur Ver­wen­dung des Wortes durch die Nazis liest, wird nicht nur sprach­lich und his­torisch sen­si­bil­isiert, son­dern die Empfehlung von Heine nachvol­lziehen können.

Der bere­its erwäh­nte „Volkss­chädling“ wird von Schmitz-Bern­ing klar der Nazi-Ide­olo­gie zuge­ord­net, wobei sich der Bedeu­tungsin­halt immer mehr ver­schärft hat: vom „Schieber und Wucher­er“ zum mit der Todesstrafe bedro­ht­en „Volksver­räter“ oder „Volkss­chädling“. Klem­per­er berichtet von ein­er in den let­zten Tagen des Nazi-Regimes aufgestell­ten Mil­itär­polizeiein­heit mit der Arm­binde „Volkss­chädlings­bekämpfer“ (gegen Deser­teure). Das „Amt für Schädlings­bekämp­fung“ war übri­gens zuständig für die Beliefer­ung des KZ Auschwitz mit dem Gift­gas Zyk­lon B, das zum Massen­mord an Juden ver­wen­det wurde – ein zynis­ch­er und sehr bewusster Ein­satz von Sprache durch die Nazis. Den „Volkss­chädling“ hat zulet­zt Lutz Bach­mann von der Pegi­da im Okto­ber 2019 benutzt, um gegen Klima-Aktivist*innen zu het­zen, die in einen Graben gewor­fen und zugeschüt­tet wer­den soll­ten. In der­sel­ben Rede benutzte er auch die Begriffe „Müll“, „Par­a­siten“ und „miese Maden“.

Heine, der sich mit dem Begriff „Volksver­räter“ beschäftigt, der eben­falls heute in der recht­sex­tremen Ter­mi­nolo­gie gebräuch­lich ist, schreibt dazu: „Wer Volksver­räter sagt, kön­nte auch gle­ich mit erhoben­em recht­en Arm herum­marschieren. Er muss damit rech­nen, für einen Nazi gehal­ten zu werden.“

Eigentlich sollte das auch für die anderen, von Bach­mann in sein­er Rede ver­wen­de­ten Begriffe gel­ten. „Par­a­siten“ und „par­a­sitär“ war bei den Nazis ein weit­ge­hend exk­lu­siv den Juden und Jüdin­nen gel­tendes Schimpf­wort – mit hoher ide­ol­o­gis­ch­er Aufladung. Die ver­bale Ent­men­schlichung durch Beze­ich­nun­gen wie Par­a­siten, Rat­ten, Zeck­en, Schädlinge – übri­gens kein Priv­i­leg der Nazis – ist eine Vorstufe der tat­säch­lichen Ent­men­schung durch Tötung und ver­bi­etet sich auch ohne Gebrauch durch die Nazis.

Die „Volks­ge­mein­schaft“ war übri­gens eines der Hochw­er­twörter der Nazis, zen­tral für ihre men­schen­ver­ach­t­ende Ide­olo­gie. Der Begriff existierte schon lange vor der NS-Ära, erlangte in der poli­tis­chen Debat­te als anti­demokratis­ch­er Slo­gan aber erst mit Ende des 19. Jahrhun­derts Bedeu­tung – nicht nur im recht­sex­tremen Eck, auch für kon­ser­v­a­tive, aber auch lib­erale, nation­al­bolschewis­tis­che und christliche Bewe­gun­gen“ (Wikipedia).

Schmitz-Bern­ing geht dessen Ver­wen­dung durch die Nazis akribisch nach. Nach der NS-Ära war der Begriff bei den demokratis­chen Parteien kom­plett diskred­i­tiert; nur neon­azis­tis­che Parteien wie die Deutsche Reichspartei und später die NPD ver­wen­de­ten den Begriff weit­er. Und die FPÖ, die sich immer darauf berief, dass es den Begriff ja auch schon vor dem Nation­al­sozial­is­mus gegeben habe – so, wie die „Korn­blume“, das Erken­nungsze­ichen der ille­galen Nazis. Ja, die Korn­blume ist sog­ar viel älter – eine unschuldige und schöne Blume, die nichts für die Ver­brechen der Nazis kann, die man sich aber trotz­dem nicht ans Revers steck­en sollte, weil sie in dieser Ver­wen­dung durch die Nazis belastet wurde.

FPÖ-Abg. Amesbauer mit Kornblume

FPÖ-Abg. Ames­bauer mit Kornblume

Da wären wir dann noch ein­mal bei „durch den Rost fall­en“ und bei „bis zur Ver­ga­sung“. Bei Schmitz-Bern­ing und Klem­per­er kom­men bei­de Redewen­dun­gen nicht vor. Das ist kein Zufall, weil ger­ade sie keine Nazi-Redewen­dun­gen waren, son­dern schon früher gebraucht wur­den. Heine bespricht die Phrase „bis zur Ver­ga­sung“ und stellt dazu in seinem Tipp dann fest:

Auch wenn bis zur Ver­ga­sung kein NS-Jar­gon ist und noch nicht ein­mal etwas mit dem Grauen des Ersten Weltkriegs zu tun hat, sollte man die Reden­sart wegen des für viele Men­schen schock­ieren­den Tons nur vor­sichtig nutzen. Ohne­hin ist sie eine arg umgangssprach­liche For­mulierung und ist in schriftlichen Tex­ten fast immer fehl am Platz.

Dem haben wir nichts mehr hinzuzufü­gen, außer den Hin­weis, dass wir allen, die sich mit NS-Vok­ab­u­lar und „ver­bran­nten Wörtern“ befassen wollen, diese Büch­er drin­gend empfehlen:

Vic­tor Klem­per­er, LTI. Notizbuch eines Philolo­gen. Reclam, Stuttgart.
Cor­nelia Schmitz-Bern­ing , Vok­ab­u­lar des Nation­al­sozial­is­mus. Wal­ter de Gruyter, Berlin. Reprint (teuer, aber gut!)
Matthias Heine, Ver­bran­nte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht. Duden­ver­lag, Berlin

Wer sich dann immer noch beschw­eren will, weil man ja gar nichts mehr sagen darf, dem und der kön­nen wir lei­der auch nicht mehr helfen.