Rechtsextremer Terror aus dem virtuellen Keller

In Deutsch­land herrscht Zerknirschung bei den Sicher­heits­be­hör­den nach dem Ter­ro­rat­ten­tat von Halle. Jet­zt, aber jet­zt wirk­lich, würde man den recht­sex­tremen Ter­ror nicht länger unter­schätzen, son­dern ener­gisch dage­gen vorge­hen wollen. Die Plat­te wurde schon oft abge­spielt in den let­zten Jahren: nach der Ent­deck­ung des NSU (2011), nach dem Ter­ro­ran­schlag im Olympia-Einkauf­szen­trum München (2016), nach dem Mord an Wal­ter Lübcke (2019) usw. Aktuell hat das Bun­deskrim­i­nalamt (BKA) eine neue Lage­be­w­er­tung vorgenom­men: 43 Recht­sex­treme wur­den als „Gefährder“ gelis­tet. Da sind aber die „virtuellen“ Ter­ror­is­ten und viele andere Recht­sex­treme noch nicht dabei.

Als „Gefährder“ gilt für die deutschen Sicher­heits­be­hör­den eine extrem­istis­che Per­son, der man zutraut, jed­erzeit einen Anschlag zu bege­hen oder zu pla­nen. Unter den geschätzten 12.700 Recht­sex­trem­is­ten in Deutsch­land soll es nur eine Zahl von 43 „Gefährdern“ geben, während die Zahl der islamistis­chen Gefährder im jihadis­tisch-salafistis­chen Spek­trum (rund 12.000 Per­so­n­en) auf 700 geschätzt wird. Dass das Gewalt­poten­zial bei den Recht­sex­trem­is­ten so gravierend niedriger ist als bei den Jihadis­ten, das glaubt selb­st das BKA nicht wirk­lich und will sich deshalb jet­zt mit einem „Radar rechts“ auf die Suche nach den recht­en Ter­ror­is­ten bzw. Gefährdern machen.

Den öster­re­ichis­chen Sicher­heits­be­hör­den ist der (recht­sex­treme) Gefährder bis­lang über­haupt unbekan­nt. Im BVT-Ver­fas­sungsss­chutzbericht für 2018 wird der Begriff ein einziges Mal ohne nähere Erk­lärung und Bedeu­tung in einem Fach­beitrag über die Gülen-Bewe­gung in der Türkei erwäh­nt (S. 52), und das aus der Per­spek­tive der türkischen Behör­den. Ter­ror­is­mus wird expliz­it nur im islamistis­chen Spek­trum verortet, dem „Cyber Secu­ri­ty Cen­ter“ im BVT wer­den Auf­gaben wie die Abwehr von Bedro­hun­gen bzw. Angrif­f­en auf öffentliche Ein­rich­tun­gen und Infra­struk­tur zugeschrieben.

Dabei, das zeigen die jüng­sten recht­sex­tremen Ter­ro­ran­schläge (München, Christchurch, Poway, El Paso, Halle) deut­lich, wäre es wichtig, sich inten­siv mit dem virtuell ver­net­zten Recht­ster­ror­is­mus auseinan­derzuset­zen, der sich nicht primär in den großen sozialen Net­zw­erken, son­dern in Mes­sen­ger-Dien­sten wie Telegram, Gamer­plat­tfor­men wie Steam und Dis­cord, Image­boards wie 4chan, Kohlchan, End­Chan, iFun­ny und 8chan (mit­tler­weile vom Netz genom­men) oder auf Ency­clo­pe­dia Dra­mat­i­ca abspielt.

Bekennerschreiben des Halle-Attentäters mit Präsentation seiner Waffen mit technischen Angaben (Screenshot Video Frontal 21)

Beken­ner­schreiben des Halle-Atten­täters mit Präsen­ta­tion sein­er Waf­fen mit tech­nis­chen Angaben (Screen­shot Video Frontal 21)

Dort gibt es Foren, in denen sich eine bru­tal­isierte Amok-Fan­szene über Atten­tate, deren Pla­nung und Mit­tel und auch über deren „Erfolg“ oder „Mis­ser­folg“ aus­tauscht. Wie die „taz“ und auch das Mag­a­zin Frontal 21 im ZDF bericht­en, wurde der Atten­täter von Halle ziem­lich unmit­tel­bar nach der Tat in diesen braunen Keller-Foren vor­wiegend kri­tisiert: „Seine Tat sei zu dil­letan­tisch gewe­sen“ (taz) oder „Juden zu erschießen, ist eine großar­tige Idee, nur die Aus­führung war etwas arm­selig“.

Rechtsextreme Kommentare zur Terrorattacke von Stephan B. (Screenshot Video Frontal 21)

Recht­sex­treme Kom­mentare zur Ter­ro­rat­tacke von Stephan B. (Screen­shot Video Frontal 21)

Das „Antifaschis­tis­che Info-Blatt“ (AIB Nr. 124) beschäftigt sich in einem aus­geze­ich­neten und ken­nt­nis­re­ichen Beitrag, der wenige Tage vor Halle pub­liziert wurde, mit dem virtuell ver­net­zten Recht­ster­ror­is­mus und schreibt dazu:

Auf ‚Ency­clo­pe­dia Dra­mat­i­ca’ (ED) gibt es High­score-Tabellen für Amok­täter, Atten­täter und Ter­ror­is­ten. Die Tabelle ‚First Per­son Shooter(FPS)/Single Play­er’ wird von Breivik mit Platz 1 ange­führt. Bren­ton Tar­rant belegt Platz 4. Bei­de Recht­ster­ror­is­ten haben aus­führliche Ein­träge, in denen deren Pro­pa­gan­da­ma­te­r­i­al wie Man­i­feste, Fotos und Videos weit­er ver­bre­it­et werden.“

Im deutschsprachi­gen wikipedia-Ein­trag wird ED als „wer­be­fi­nanziertes englis­chsprachiges Satirewi­ki“ ver­harm­lost. Das liest sich dann so: „Solche poten­tiell belei­di­gen­den, ver­let­zen­den oder schock­ieren­den Inhalte sind dabei ein zen­traler Aspekt, da ihre humoris­tis­che Wirkung mitunter aus der Schaden­freude über wüten­dende (sic!) Reak­tio­nen erboster Leser resultiert.“

antisemitische Einträge auf ED

anti­semi­tis­che Ein­träge auf ED

Fakt ist, dass die Beiträge auf ED nur so strotzen von homo­phoben, ras­sis­tis­chen, anti­semi­tis­chen und sex­is­tis­chen Belei­di­gun­gen und dieser Dreck dann als „Satire“ verkauft wird. Das „AIB“ dazu:

Nach dem Anschlag von München ver­fasste William Atchi­son als Admin in dem Wikipedia nachemp­fun­de­nen Szenen-Wiki ‚Ency­clo­pe­dia Dra­mat­i­ca’ einen loben­den Ein­trag über Son­boly. Im Jahr darauf, am 7. Dezem­ber 2017, ermordete der 21-jährige Atchi­son bei einem Schu­lat­ten­tat an der High School in Aztec (New Mexico/USA) zwei Schüler his­pano-amerikanis­ch­er Herkun­ft. Sein Plan, ein größeres Blut­bad anzuricht­en, scheit­erte. Nach Ankun­ft der Polizei erschoss er sich selbst.“

Stephan B., der Atten­täter von Halle, hat seine poli­tis­che Radikalisierung offen­sichtlich weit­ge­hend in diesen Inter­net-Foren vol­l­zo­gen. Die „taz“:

Auch in Sicher­heit­skreisen wird beteuert, dass Stephan B. poli­tisch bish­er nicht auf­fäl­lig gewe­sen und in kein­er Datei gelis­tet wor­den sei. Es bleibt: ein Abi­turi­ent, abge­broch­enes Chemies­tudi­um, ein Einzel­gänger. Sein Vater sagt der Bild, sein Sohn habe immer gehadert und anderen die Schuld gegeben. ‚Der Junge war nur online.’“

Widerlicher Antisemitismus auf 4chan

Wider­lich­er Anti­semitismus auf 4chan

Das ZDF-Mag­a­zin Frontal 21 vom 15.10. hat zwar eine Spur von Stephan B. zu einem von der NPD organ­isierten Recht­srock-Konz­ert in Leipzig ent­deckt, aber das ist nur ein Indiz dafür, dass er nicht auss­chließlich in den virtuellen Räu­men anti­semi­tisch und recht­sex­trem unter­wegs war, son­dern auch im real life. Eine andere Spur von „Frontal 21“ wäre ver­mut­lich ergiebiger. Dem­nach hat Stephan B. seine Ter­ro­rat­tacke zwar über die Gamer-Plat­tform Twitch live gestreamt, aber wesentliche Vor­bere­itungsar­beit­en sowie seine Schuss­waf­fen-Bau­pläne in ein Sub­fo­rum der Plat­tform meguca.org gestellt und ver­mut­lich dort auch disku­tiert. Der Betreiber von meguca.org hat mit­tler­weile seine Web­site vom Netz genom­men. Ob die deutschen Sicher­heits­be­hör­den Ken­nt­nis von diesem Forum hat­ten oder zumin­d­est nach dem Atten­tat die Dat­en gesichert haben, wurde dem Mag­a­zin nicht beantwortet.

Die bish­erige Igno­ranz gegenüber den braunen Keller­foren hat­te tödliche Fol­gen. Es wäre daher höch­ste Zeit, diese Foren zu schließen, ihnen die Infra­struk­tur zu entziehen, den Saft abzu­drehen. Hal­lo EU, wo bist Du?

52.802 User nennen sich auf Steam "Hitler" (Tweet 16.10.19)

52.802 User nen­nen sich auf Steam „Hitler” (Tweet 16.10.19)