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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Der FPÖ-Kandidat, die Identitären und die offenen Fragen

Phil­ipp Sam­ha­ber ist der Obmann einer FPÖ-Sek­ti­on in Linz, schreibt für den rechts­extre­men „Wochen­blick“ eine Kolum­ne und fin­det sich auf einem hin­te­ren Platz der Kan­di­da­tIn­nen­lis­te der FPÖ für die Natio­nal­rats­wahl. Auf einer Lis­te des Ver­fas­sungs­schut­zes scheint der FPÖ-Kan­di­dat und ‑Funk­tio­när auch angeb­lich als Mit­glied der Iden­ti­tä­ren auf – mit einer Mit­glieds­num­mer? Davon will der Kan­di­dat nichts wis­sen, räumt aber Spen­den per Dau­er­auf­trag an einen iden­ti­tä­ren Ver­ein ein.

12. Sep. 2019

Sam­ha­ber, der von der Tages­zei­tung „Öster­reich“ als Iden­ti­tä­rer geoutet wur­de, bestrei­tet jede Mit­glied­schaft bei den Iden­ti­tä­ren, gibt aber zu, „in der Zeit von 20.07.2018 bis 28.03.2019 in Form eines Dau­er­auf­trags monat­lich 20,00 Euro an den Ver­ein ‚HEIMAT UND KULTUR‘“ (wört­li­che Aus­sa­ge von Sam­ha­ber in der Pres­se­mit­tei­lung der FPÖ) gespen­det zu haben. Als er im März 2019 durch die Medi­en auf ein Nahe­ver­hält­nis die­ses Ver­eins zu den Iden­ti­tä­ren auf­merk­sam wur­de, habe er die Zah­lun­gen an den Ver­ein eingestellt.

FPÖ Linz Spallerhof: Ortsparteiobmann Samhaber Philipp
FPÖ Linz Spal­ler­hof: Orts­par­tei­ob­mann Sam­ha­ber Philipp

Sam­ha­ber erklärt in der Pres­se­mit­tei­lung der FPÖ Linz weiters:

„Ich war zu kei­nem Zeit­punkt Mit­glied der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung oder einer ihrer Teil­or­ga­ni­sa­tio­nen und habe auch nie­mals – weder münd­lich noch schrift­lich – einen Mit­glieds­an­trag gestellt. Die Zuord­nung einer Mit­glieds­num­mer zu mei­ner Per­son, so es eine sol­che tat­säch­lich gege­ben haben soll­te, kann daher nur ohne mein Wis­sen, ohne mein Ein­ver­ständ­nis und ohne jeg­li­che ver­eins­recht­li­che oder ander­wei­ti­ge sach­li­che Grund­la­ge erfolgt sein.“

Dazu muss man Fol­gen­des wis­sen: Einen Ver­ein „Hei­mat und Kul­tur“ gibt es nicht. Auch zu der Zeit, in der Phil­ipp Sam­ha­ber monat­lich gespen­det hat, hieß der Ver­ein „Ver­ein für leben­di­ge Kul­tur und Brauch­tums­pfle­ge“ und hat­te die Funk­ti­on, Spen­den­gel­der für die Iden­ti­tä­ren einzusammeln.

Verein "Heimat und Kultur" ist nicht existent
Ver­ein „Hei­mat und Kul­tur” ist nicht existent

Eine öffent­li­che Debat­te über den „Ver­ein für leben­di­ge Kul­tur und Brauch­tums­pfle­ge“ gab es ein­schließ­lich März 2019 eben­so wenig wie über den nicht exis­ten­ten Ver­ein „Hei­mat und Kul­tur“. Bis dahin war in Ober­ös­ter­reich nur der FPÖ-nahe Ver­ein Stu­den­ten­heim Urfahr in der öffent­li­chen Debat­te, weil der in sei­ner Vil­la Hagen in Linz Urfahr das „Khe­ven­hül­ler-Zen­trum“ der Iden­ti­tä­ren beher­berg­te, was den Ver­eins­spit­zen angeb­lich völ­lig ent­gan­gen ist. Der Ver­ein, dem Sam­ha­ber gespen­det hat, war nur einem ein­ge­weih­ten Publi­kum bekannt!

Philipp Samhaber im "Wochenblick"
Phil­ipp Sam­ha­ber im „Wochen­blick”

Nach dem Atten­tat des Christ­church-Ter­ro­ris­ten und des­sen Spen­den an die und Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den öster­rei­chi­schen Iden­ti­tä­ren reagier­te der Ver­fas­sungs­schutz mit einer Raz­zia bei Iden­ti­tä­ren Anfang April. Als Ergeb­nis die­ser Raz­zi­en wur­den drei Ver­ei­ne als Spen­den­sam­mel­ver­ei­ne für die Iden­ti­tä­ren genannt – zwei in Graz (der „Ver­ein zur Erhal­tung und För­de­rung der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät“ und der „Ver­ein für nach­hal­ti­ge Völ­ker­ver­stän­di­gung und Jugend­ar­beit“) und der „Ver­ein für leben­di­ge Kul­tur und Brauch­tums­pfle­ge“ (wir kür­zen ihn mit VLKB ab) in Linz.

Der Lan­des­po­li­zei­di­rek­tor für OÖ, Andre­as Pilsl, erklär­te beim ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­si­cher­heits­rat am 10.4.19 dazu, dass es neben die­sem (letz­te­ren) Ver­ein in Ober­ös­ter­reich „kei­ne wei­te­ren der­ar­ti­gen Ver­ei­ne“ geben wür­de, wobei er vor­sichts­hal­ber hin­zu­füg­te,„nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand“.

Pilsl erläu­ter­te aber dann auch noch etwas, was nicht nur für die Erklä­rung von Phil­ipp Sam­ha­ber, wonach er „zu kei­nem Zeit­punkt Mit­glied der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung“gewe­sen sei, inter­es­sant ist, son­dern auch für die For­de­rung der ÖVP nach einem Ver­bot der Identitären:

„Da die IB kei­ne Mit­glie­der habe, son­dern eine Bewe­gung sei, tue man sich schwer, die Zuge­hö­rig­keit fest­zu­stel­len. Es gehe über Sym­pa­thie und Likes auf sozia­len Netz­wer­ken, die Teil­nah­me an Ver­an­stal­tun­gen und finan­zi­el­le Unter­stüt­zung.“ (APA, 10.4.19)

IBÖ: kein Verein
IBÖ: kein Verein

Sam­ha­ber konn­te eben­so wenig for­mel­les Mit­glied der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung Öster­reich (IBÖ) oder einer ihrer Län­der­or­ga­ni­sa­tio­nen sein, weil es die gar nicht gibt. Die IBÖ gibt es weder als Ver­ein noch als Par­tei – von daher erüb­rigt sich auch die von der ÖVP ange­zet­tel­te For­de­rung nach einem Ver­bot des Ver­eins Iden­ti­tä­re Bewegung.

Anders sieht die Sache bei den vor­ge­la­ger­ten drei Unter­stüt­zer- oder Spen­den­ver­ei­nen aus: Nach dem Atten­tat von Christ­church und der Raz­zia gegen die Iden­ti­tä­ren nahm die Debat­te über Maß­nah­men gegen die Iden­ti­tä­ren in Ober­ös­ter­reich etwas Fahrt auf. Rund um den Lan­des­si­cher­heits­rat am 10.4. wur­de der Lin­zer Spen­den­ver­ein VLKB kon­kret in den Medi­en genannt und in der Fol­ge dann auch über die Auf­lö­sung die­ses Ver­eins gesprochen.

BVT-Liste zu SpenderInnen an die Identitären (Auszug)
BVT-Lis­te zu Spen­de­rIn­nen an die Iden­ti­tä­ren (Aus­zug)

Sam­ha­ber hat nach eige­nen Anga­ben sei­ne letz­te Spen­de an den Ver­ein per monat­li­chen Dau­er­auf­trag noch am 28.3.2019, also nach den Erkennt­nis­sen über Christ­church und die Iden­ti­tä­ren, getä­tigt. Die nächs­te Zah­lung wäre Ende April fäl­lig gewe­sen. Zu die­sem Zeit­punkt wäre eine Ein­zah­lung zumin­dest ein high-risk-Vor­ha­ben gewe­sen, denn die Poli­zei betrieb damals schon Ermitt­lun­gen zur Auf­lö­sung des VLKB, wie Anfang Mai dann auch öffent­lich bestä­tigt wur­de. Anfang Juli wur­de die Auf­lö­sung des Ver­eins durch das Lan­des­ver­wal­tungs­ge­richt bestä­tigt. Nach Anga­ben der Iden­ti­tä­ren hat sich der Ver­ein aber schon zuvor selbst auf­ge­löst und war seit 2018 fak­tisch inaktiv:

„Viel­mehr hat­te der Ver­ein ab Beginn des Mons­ter­pro­zes­ses gegen die IB 2018 ein­fach so gut wie kei­ne Ver­eins­tä­tig­keit durch­ge­führt – bedingt durch die staat­li­che Repres­si­on, die eine nor­ma­le Ver­eins­tä­tig­keit nicht zuließ. Letzt­end­lich stell­te der Ver­ein sei­ne Tätig­kei­ten nahe­zu ein, wes­halb er schließ­lich die Auf­lö­sung bekannt gab.“ (IBÖ)

Dem­nach hat Phil­ipp Sam­ha­ber das Kunst­stück geschafft, bis so ziem­lich zum letzt­mög­li­chen Zeit­punkt an einen unbe­kann­ten und inak­ti­ven Ver­ein, der ganz klar den Iden­ti­tä­ren zuzu­schrei­ben war und als deren Schein­ver­ein auf­ge­löst wur­de, monat­lich Bei­trä­ge zu über­wei­sen. Nicht schlecht!

„Soll­te sich her­aus­stel­len, dass die Stel­lung­nah­me des Betrof­fe­nen nicht stim­me, wer­de das Fol­gen haben“, ver­kün­de­ten FPÖ und Nor­bert Hofer. Na dann!

P.S.: Nach den Anstren­gun­gen zur Auf­lö­sung des VLKB sind die Bemü­hun­gen, die ande­ren vor­ge­la­ger­ten Unter­stüt­zungs- oder Spen­den­ver­ei­ne der IBÖ auf­zu­lö­sen, offen­sicht­lich wie­der erlahmt oder gar nicht betrie­ben wor­den. Den „Ver­ein zur Erhal­tung und För­de­rung der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät“ in Graz gibt es seit 2012 – bis heu­te. Sein Vor­sit­zen­der und allein nach außen Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ter ist Mar­tin Sell­ner. Auch der zwei­te Gra­zer Ver­ein, der den Iden­ti­tä­ren zuge­schrie­ben wird, exis­tiert nach wie vor. Mit dem „Ver­ein für unab­hän­gi­ge Medi­en- und Infor­ma­ti­ons­ar­beit“, der unter ande­rem das iden­ti­tä­re Online-Maga­zin „Die Tages­stim­me“ betreibt, gibt es mitt­ler­wei­le noch einen Ver­ein im Vor­feld der Idis.

Nor­bert Hofer dürf­te schon im April bes­ser als die ÖVP gewusst haben, wie man für die IBÖ aktiv wer­den kann: „Es ist unvor­stell­bar, dass jemand, der bei uns aktiv ist, sagt, ‚Ich spen­de etwas oder ich gehe zu einer Ver­an­stal­tung oder Demo der Iden­ti­tä­ren‘.“

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