Großer Hack und kleinere Drohliste

Der Daten­hack, der in Deutsch­land seit let­zter Woche Furore macht, zeigt vor allem zwei Defizite: ein­er­seits den sor­glosen Umgang mit dem Schutz der eige­nen Dat­en, ander­er­seits die man­gel­nde Daten­sicher­heit der Anbi­eter, die Dat­en spe­ich­ern. Disku­tiert wird er nur deshalb, weil die Opfer mehr oder weniger promi­nent sind. Welche poli­tis­chen Absicht­en dahin­ter­ste­hen, ist unklar, der mut­maßliche Hack­er meinte, sich über die geouteten Per­so­n­en geärg­ert zu haben. Wenig beachtet ist, dass seit Sam­stag mehrfach eine aus wohl recht­sex­tremen Kreisen stam­mende Drohliste online gestellt wurde, die etwa 200 Namen samt Adressen und Tele­fon­num­mern enthält – auch aus Öster­re­ich. „Stoppt die Recht­en“ liegt die Liste vor und hat alle öster­re­ichis­chen Betrof­fe­nen kon­tak­tiert – hier eine Einordnung.

Ob der Daten­hack, den ein 20-jähriger Schüler ange­blich alleine zu ver­ant­wortet hat, gar so unpoli­tisch war, wie es der Hack­er behauptet, wis­sen wir nicht: Ins Visi­er genom­men hat er Poli­tik­erIn­nen aller Parteien mit Aus­nahme der AfD. Von dem umfan­gre­ichen Daten­hack sind keine öster­re­ichis­chen Adressen betroffen.

Die ab Sam­stag auf dem linken Por­tal Indy­media Deutsch­land (wo Per­so­n­en auch von außen Files hochladen kön­nen) mehrfach hineingestellte und immer wieder gelöschte Liste mit dem Titel „#WirKriegeneuchallee“ (ja, „Allee“) scheint dage­gen klar poli­tisch ori­en­tiert zu sein. Zusät­zlich zu den etwa 200 Namen und Adressen wur­den Files aus dem Daten­hack des Schülers hochge­laden – betitelt mit „Jan Böh­mer­mann die Fresse polieren“.

Einträge auf Indymedia

Ein­träge auf Indymedia

Die 200 aus­gewählten Per­so­n­en sind teil­weise Poli­tik­erIn­nen von der Linken, den Grü­nen, der SPD und der Piraten­partei, Jour­nal­istIn­nen, poli­tis­che AktivistIn­nen aus der antifaschis­tis­chen Szene, Per­so­n­en, die sich für Geflüchtete oder gegen Ras­sis­mus ein­set­zen. Es scheint eine lose zusam­mengestellte Liste mit zum Teil alten Dat­en zu sein, die aus dem Netz kopiert wur­den: aus Web­sites, aus Whois-Abfra­gen (Domain­in­hab­er­abfra­gen), aber auch aus Foren, in denen einzelne Per­so­n­en geoutet wur­den. Neben Namen aus Deutsch­land sind auch vere­inzelt einige aus der Schweiz, den Nieder­lan­den und eben auch aus Öster­re­ich zu find­en. Es han­delt sich hier um keinen Daten­hack, son­dern um eine schlampig und ohne erkennbares Sys­tem zusam­mengestellte Samm­lung von Namen, die – so der Ein­druck – im Netz platziert wur­den, um im Fahrtwind des großen Hacks Aufmerk­samkeit zu generieren.

Datensammlung aus dem Hack zum Journalisten Rayk Anders

Daten­samm­lung aus dem Hack zum Jour­nal­is­ten Rayk Anders

Datensammlung aus dem Hack zu Jan Böhmermann

Daten­samm­lung aus dem Hack zu Jan Böhmermann

Einige der genan­nten Per­so­n­en hat­ten die beson­dere „Ehre“, mit Zusatzqual­i­fizierun­gen bedacht zu wer­den – wüste Beschimp­fun­gen wie „Scheiss negeran­wält­ing mit drang zur zer­stöhrung deutsch­land“, „Weißer gut­men­sch lebend in afri­ka sorgt für viele neger in deutsch­land“, „Demon­stran­ten­fotze“, „strip­pen­zieherin link­er jour­nal­is­ten“, „Jour­nal­ist und medi­en­an­bi­eter mit stark aus­geprägter liebe zu juden und deutsch­er schuld­kul­tur“ (alle Fehler im Orig­i­nal, Anmk. SdR).

Öster­re­ichis­che Namen

Es sind weniger als zehn Namen und Adressen aus Öster­re­ich, die auf der Drohliste „#WirKriegeneuchallee“ zu find­en sind. Die meis­ten Kon­tak­t­dat­en sind alt oder auch ver­al­tet, fol­gen kein­er Sys­tem­atik, wur­den aus dem Netz zusam­mengeklaubt und sind bunt zusam­mengewür­felt. Was ihnen allen gemein­sam ist: Auch die aus Öster­re­ich genan­nten Per­so­n­en haben entwed­er mit Flüchtlin­gen und/oder im weit­eren oder engeren Sinn mit Antifaschis­mus zu tun.

Wir haben vor­sicht­shal­ber alle Betrof­fe­nen ver­ständigt und befragt, ob sie von Polizei, Ver­fas­sungss­chutz oder son­st ein­er Stelle kon­tak­tiert und informiert wur­den. Das Ergeb­nis ist nicht über­raschend: Es gab kein­er­lei Infor­ma­tion durch öffentliche Stellen – eine einzige genan­nte Per­son wurde von ein­er Fre­undin auf ihre Nen­nung in der Drohliste aufmerk­sam gemacht.

Über das Desin­ter­esse der öster­re­ichis­chen Behör­den kön­nen wir nur spekulieren. Fakt ist, dass auch die deutschen Behör­den die vom umfan­gre­ichen Daten­hack Betrof­fe­nen nicht informiert haben. Über die „kleine“ Drohliste mit den rund 200 Adressen hat – soweit erkennbar – nur die Tageszeitung „Neues Deutsch­land“ berichtet. Über Ermit­tlun­gen dazu ist daher auch nichts bekan­nt. Eine Kon­tak­t­nahme und Infor­ma­tion von Betrof­fe­nen, auch Hin­weise, wie Betrof­fene reagieren kön­nen, sind offen­sichtlich amtlich­er­seits nicht vorgesehen.

Zu befürcht­en ist, dass der große Hack dazu führt, weit­ere staatliche Überwachungs­maß­nah­men – verkauft als Sicher­heitsvorkehrung – zu imple­men­tieren. Der öster­re­ichis­che Innen­min­is­ter hat jedoch keinen Anlass notwendig und will Überwachungs­maß­nah­men schon ohne konkrete Ver­dacht­slage und unter Aushe­belung des Rechtss­chutzbeauf­tragten möglich machen, wie aus einem geleak­ten Papi­er aus dem Innen­min­is­teri­um hervorgeht.