Die „Wutoma“ mit der braunen Vergangenheit

Spät sei sie erwacht, die „Wutoma“ aus Vorarl­berg, die seit einiger Zeit öffentlich und laut­stark für Verbesserun­gen im Pen­sion­ssys­tem für vor 1955 geborene Frauen mit Kindern ein­tritt – so die medi­ale Erzäh­lung über Ger­traud Burtsch­er (74) aus Vorarl­berg. Jet­zt stellt sich her­aus, dass Ger­traud Burtsch­er schon Jahrzehnte zuvor ein erstes und dur­chaus lang­wirk­endes Erweck­ungser­leb­nis hat­te: als eine der wichtig­sten Frauen in der öster­re­ichis­chen Neonazi-Szene.

Die „Wiener Zeitung“ berichtet in ihrer heuti­gen Aus­gabe über die „Oma von rechts“, die früher nicht Burtsch­er, son­dern Orlich bzw. Köl­bl hieß. Als Ger­traud Orlich war sie eine der wichtig­sten Frauen in der öster­re­ichis­chen Neon­azi-Szene in den 80er und begin­nen­den 90er Jahren. Orlich fungierte zunächst als zweite Lan­dessprecherin der NDP Vorarl­berg und war auch in der Bun­desleitung der NDP des Nor­bert Burg­er vertreten. 1983 wech­selte sie zu ein­er Abspal­tung der NDP, der „Öster­re­ichis­chen Bürg­er­partei“ (ÖBP), wo sie die Lei­t­erin des Lan­desver­ban­des Vorarl­berg und die Stel­lvertreterin des Obmannes Wal­ter Nepras wurde.

Nor­bert Burg­er und die NDP

Ihren Wech­sel und ihre Kan­di­datur für die ÖBP erk­lärte Ger­traud Orlich alias Burtsch­er so:

„Ich kan­di­diere für die ÖBP, weil ich nicht mehr mitanse­hen kann, wie in Öster­re­ich der eigene unge­borene Nach­wuchs getötet wird und die fehlen­den Arbeit­skräfte dann ganz ein­fach durch Aus­län­der erset­zt wer­den. Dies kommt zweifel­los einem Selb­st­mord unsere Heimat gle­ich“.

Dieses Zitat von Orlich stammt aus der Arbeit von Franz Valan­dro über den „Recht­sex­trem­is­mus in Vorarl­berg nach 1945“, die als Print und kosten­los­er Down­load bei der Johann-August-Malin-Gesellschaft erhältlich bzw. abruf­bar ist.
Gegenüber der NDP-Pub­lika­tion „Klar­text“ begrün­dete Ger­traud Orlich ihre Kinderzahl (Orlich hat­te damals schon 6 Kinder) ideologisch:

„Die NDP ist die einzige Partei, die ohne Wenn und Aber die Fris­ten­lö­sung ablehnt. Für mich war das mit ein Grund, mich dieser Bewe­gung anzuschließen. [ … } Poli­tik­er, die heute noch glauben, Zukun­ft­sprob­leme durch Reduzierung der Kinderzahl lösen zu kön­nen, han­deln wie gewis­senlose Ver­brech­er. Ihnen gehört das Handw­erk gelegt. Die Zukun­ft darf nicht ver­hütet wer­den, son­dern wir müssen sie meis­tern. Grund­lage dafür war und ist eine genü­gend große Zahl gesun­der Kinder“.

Jen­seits ihrer Aktiv­itäten für die NDP des Südtirol-Ter­ror­is­ten Nor­bert Burg­er und die weit­ge­hend bedeu­tungslose ÖBP fungierte Orlich aber als „zeitweiliges Bindeglied zwis­chen Recht­sex­trem­is­ten in Vorarl­berg und den anderen Bun­deslän­dern“ (Valan­dro, Recht­sex­trem­is­mus in Vorarl­berg, p. 48). Wolf­gang Purtscheller, ein­er der besten Ken­ner der öster­re­ichis­chen Neon­azi-Szene der 90er Jahre, ortete in einem Inter­view mit den „Vorarl­berg­er Nachricht­en“ im Dezem­ber 1994 in „ein­er sehr kinder­re­ichen Frau in Nüziders“ diese Scharnier­funk­tion und out­ete gle­ichzeit­ig einen ihrer Söhne als Aktivist von Küs­sels Volk­streuer Außer­par­la­men­tarisch­er Oppo­si­tion (VAPO).

Mit ihren vie­len Kindern und der fehlen­den Anerken­nung von Kinder­erziehungszeit­en im Pen­sion­ssys­tem bei Frauen, die vor 1955 geboren wur­den, begrün­dete Burtsch­er alias Orlich auch ihre Erzäh­lung von der „spät Erwacht­en“, die jet­zt die „Oma-Revolte“ (Vorarl­berg­er Nachricht­en) und die „Müt­ter­pen­sion“ auf die Straße trägt.

Seit März dieses Jahres ist Ger­traud Burtsch­er, früher Orlich, für dieses Anliegen öffentlich und mit großer medi­aler Sym­pa­thie unter­wegs. Die selb­st­gestrick­te, aber ziem­lich unvoll­ständi­ge Erzäh­lung von der alten Frau mit dem späten Erweck­ungser­leb­nis hat über­all ver­fan­gen. Nie­mand fragte genauer nach, auch nicht wegen der ziem­lich ‚eige­nar­ti­gen‘ Parolen. Im Mai dieses Jahres organ­isierte die „Wutoma“ eine Demo in Bre­genz, an der 200 Per­so­n­en teil­nah­men. Burtsch­er marschierte mit dem Trans­par­ent „Herd­prämie = Müt­terge­halt . Wertschätzung Fam­i­lien­ar­beit . Was brauchen Kinder wirk­lich?“ (Vorarl­berg­er Nachricht­en, 10.8.2017).

Von der „Wiener Zeitung“ wurde Ger­traud Burtsch­er befragt, wie sie es heute mit dem Holo­caust hält. Im Jahr 1990 hat­te sie näm­lich als Ger­traud Orlich dem Doku­men­ta­tion­sarchiv (DÖW) einen Text über „Davir, der Weise, ein ori­en­tal­is­ches Märchen, frei erfun­den von Ger­traud Orlich, gewid­met Her­rn Prof. Fau­ris­son und Her­rn Major Lachout“ geschickt. Fau­ris­son und Lachout sind als Holo­caustleugn­er bzw. „Revi­sion­is­ten“ bekan­nt. „Das Märchen strotzt von neon­azis­tis­chen Codes“, urteilt die Wiener Zeitung und bringt dazu ein län­geres Zitat, in dem Ger­traud Burtsch­er Orlich den Holo­caust als „Bade­häuser­morde“ tarnt, über die es keinen einzi­gen Sach­be­weis gebe.

Von der „Wiener Zeitung“ auf den Text ange­sprochen, will sich Burtsch­er nicht mehr daran erin­nern. Die Frage der Redak­teurin, wie sie heute den Holo­caust sieht, beant­wortet die Juristin so: „Selb­stver­ständlich. Das wird schon alles so sein. Ich beschäftige mich nicht damit“.

Heute find­et in Wien eine Demo der „Wutoma“ und ihrer Unter­stützerIn­nen statt.

Lesetipp: Franz Valan­dro, Recht­sex­trem­is­mus in Vorarl­berg nach 1945