Selbstbestrafung statt Selbstvergewisserung

Was hil­ft wirk­lich gegen Extrem­is­mus? Und warum find­en viele Nor­bert Hofer so anziehend?
Ein Kom­men­tar von Ker­stin Keller­mann, Repor­terin beim „Augustin”.

Selb­stvergewis­serung sei das Einzige, was gegen Nei­gun­gen Rich­tung Recht­sex­trem­is­mus helfe, sagte der Recht­sex­trem­is­mus-Forsch­er Herib­ert Schiedel neulich. Denn zum Beispiel Anti­semitismus habe allein mit dem Sub­jekt zu tun, das ihn ausübt und nicht mit dem gehaßten Objekt. Selb­st-Vergewis­serung? Doch wie soll man jemand zu Reflex­ion über sich sel­ber brin­gen, der seine Iden­tität und eventuell Grandiosität auf ein­er Vor­liebe für „Sün­den­böcke“ aufge­baut hat? Halte inne und schaue in die Ver­gan­gen­heit dein­er eige­nen Fam­i­lie: Was hat dein Opa oder Uropa im Ersten Weltkrieg getan? Was dein Vater oder Opa im Zweit­en? Genau? Gibt es irgendwelche ver­schwun­de­nen Tan­ten, Onkel, Kinder? Woher kom­men ambiva­lente Gefüh­le? Große Emo­tio­nen, die nicht zum Anlass passen? Selb­stvergewis­serung bedeutet, den schw­eren Weg zu wählen, während es ein­fach ist, große Grup­pen, die seit Gen­er­a­tio­nen bzw. Jahrhun­derten oder gar Jahrtausenden ver­fol­gt wer­den, als „Opfer per se“ zu eige­nen Zweck­en zu miss­brauchen. Als Blitz­ableit­er für starke Gefüh­le: Juden, Roma, „die Migranten“, „den Islam“ oder die Flüchtlinge, die an allem schuld sein sollen. Tod, Mord, Miss­brauch – die Erin­nerung an Krieg, Zer­störung und Leid. Gibt es eine automa­tis­che Iden­ti­fika­tion mit Tätern, weil ja kein­er gerne Opfer sein will? Eine „Schutz-Imp­fung“ vor Recht­sex­trem­is­mus für Jugendliche durch den Besuch von KZ-Gedenkstät­ten funk­tion­iere jeden­falls nicht, meinte Schiedel. Jugendliche sollen also ihren Opa fra­gen, ob er z. B. im Kore­akrieg gekämpft hat? Oder den Vater: Was genau hast du im Bosnienkrieg getan? Bist du ein Täter?

Kultur oder Neurose

Der frei­heitliche Bun­de­spräsi­den­ten-Kan­di­dat Nor­bert Hofer ver­fügt über die Anziehung eines vom Leben geze­ich­neten Mannes, eines Opfers, das sich aufger­ap­pelt hat, und nun müh­sam wieder geht. In seinem Gesicht spiegeln sich die Emo­tio­nen. Hofer möchte nun allen zeigen, dass ein ehe­ma­liges Opfer (Anm. Jugendlichen-Schimpf­wort: „Du Opfer“) auch ganz anders sein kann: hart und eiskalt, die Regierung „herum kom­mandieren“ – als ein­sam mächtiger Herrsch­er in der Hof­burg. Er „kann auch anders“, wie lei­der viele andere, vom Leben geze­ich­nete, Men­schen, die lieber ihre „inter­nal­isierten Täter­fig­uren“ (Anm. Über­nahme von einem realen Täter, macht aber laut Trau­math­e­o­rie nur zwanzig Prozent der Per­sön­lichkeit aus) ausleben möcht­en, als noch weit­er „draufzuzahlen“. Wollen wir also ern­sthaft einen Bun­de­spräsi­den­ten haben, der laut Inter­views ständig eine Pis­tole mit sich herumträgt? Um was damit zu tun?
Selb­stvergewis­serung und Selb­sti­den­ti­fika­tion: „Wir müssen uns mit dem Men­schen iden­ti­fizieren, dem das alles geschah – uns selb­st“, schrieb der Auschwitz-Über­lebende Imre Kertesz. „Der Über­lebende musste begreifen, um zu über­leben, das heißt, er musste begreifen, was er ‚über­lebte’.“ Das Magis­che, das Dämonis­che, das Ver­führerische an den Nazis, die Macht­ge­füh­le der „Her­ren­men­schen“. Die anderen Men­schen wichen mehr oder weniger dem Begreifen aus und wie sich die Ide­olo­gien in ihre Herzen und Hirne gefressen haben – über Gen­er­a­tio­nen. Erk­lären den Holo­caust für „unerk­lär­lich“. Er suchte „in der Erschüt­terung die Befreiung“, schrieb Kertesz. Und heute ganz wichtig: „Ich bin nach wie vor der Mei­n­ung, der Holo­caust ist ein Trau­ma der europäis­chen Zivil­i­sa­tion, und er wird zur Exis­ten­zfrage für diese Zivil­i­sa­tion wer­den, ob dieses Trau­ma in Form von Kul­tur oder Neu­rose, in kon­struk­tiv­er oder destruk­tiv­er Form in den Gesellschaften Europas weiterlebt.“

Wir haben die Wahl.

Braucht Öster­re­ich wirk­lich einen Bun­de­spräsi­den­ten, der meint, der achte Mai 1945 sei kein Tag der Befreiung gewe­sen und ständig die Täter-Wunde offen hält? Momen­tan sieht es so aus.