Bundesheer und Gedenkpolitik am Beispiel der „Kreta-Gedenkfeier”

Die Grü­nen the­ma­tisieren regelmäßig die prob­lema­tis­che Tra­di­tion­spflege des Bun­desheeres. So auch Albert Stein­hauser, Jus­tizsprech­er des Par­la­mentsklubs der Grü­nen, in einem Artikel auf der Web­site albertsteinhauser.at. Unter dem Titel „Tra­di­tion­spflege im Bun­desheer” ver­weist er darauf, dass im öster­re­ichis­chen Bun­desheer „Bezüge auf die k.u.k. Armee, das Bun­desheer der Ersten Repub­lik und die B‑Gendarmerie erlaubt” sind, dage­gen sei aber „jeglich­er Bezug auf Ver­bände des Drit­ten Reich­es” nicht vorgesehen.

Die Real­ität sieht lei­der anders aus, denn „Bun­desheerver­bände und Mil­itärtkom­man­den nehmen auf vielfältige Weise auf Oper­a­tio­nen und Schlacht­en der Wehrma­cht und der (Waffen-)SS Bezug”, so Stein­hauser. Ein Beispiel ist die Kre­ta-Gedenk­feier in Feld­bach-Gniebing, in der Steier­mark, „für mehrere Oper­a­tio­nen der deutschen Wehrma­cht, darunter der Über­fall auf Kre­ta durch deutsche Fallschir­mjäger. An der Feier nah­men zahlre­iche Rit­terkreuzträger teil, daneben auch Ehren­abor­d­nun­gen des Bun­desheeres”. Ein Bun­desheer-Kom­man­dant hielt 2011 eine Festrede.


Kre­ta-Gedenk­feier in Feld­bach-Gniebing, Steier­mark, „Fak­sim­i­le wwwkam­er­ad­schaft­edel­weis­sat”, Bildquelle: albertsteinhauser.at
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Die Schlacht um Kre­ta, von den Nazis Unternehmen Merkur genan­nt, war eine, nur unter mas­siv­en Eigen­ver­lus­ten, auf­grund von Führungs­fehlern und vorhan­de­nen Män­geln in der Bode­nor­gan­i­sa­tion, erfol­gre­iche Luft­lande­op­er­a­tion der deutsche Wehrma­cht (vgl. Win­ston Churchill, The Sec­ond World War).


Win­ston Churchill, The Sec­ond World War
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Die Beset­zung Kre­tas durch deutsche und ital­ienis­che Trup­pen hat­te, ent­ge­gen der Mythen­bil­dung durch „Tra­di­tionsver­bände”, kein­er­lei strate­gis­che Auswirkun­gen auf die weit­ere Kriegs­führung. Der starke Wider­stand der kretis­chen Bevölkerung gegen die deutsche Beset­zung kam für die deutsche Führung völ­lig über­raschend. So kam es schon Anfangs zu spon­ta­nen Vergel­tungs­maß­nah­men von Seit­en der einge­set­zten deutschen Trup­pen. Später wur­den diese Vergel­tungs­maß­nah­men „offiziell” durch den Kriegsver­brech­er und Wehrma­chts-Gen­er­al Kurt Stu­dent am 31. Mai 1941 angeordnet:

„Jet­zt ist die Zeit gekom­men, allen der­ar­ti­gen Fällen plan­mäßig nachzuge­hen, Vergel­tung zu üben und Strafgerichte abzuhal­ten, die auch als Abschreck­ungsmit­tel für die Zukun­ft dienen sollen. Ich beab­sichtige, in dieser Rich­tung mit äusser­ster Härte vorzuge­hen. […] Als Vergel­tungs­maß­nah­men kom­men in Frage: 1.) Erschies­sun­gen 2.) Kon­tri­bu­tio­nen 3.) Nieder­bren­nen von Ortschaften (vorher Sich­er­stel­lung aller Bar­mit­tel, die rest­los den Ange­höri­gen zugute kom­men sollen) 4.) Aus­rot­tung der männlichen Bevölkerung ganz­er Gebi­ete. Die Genehmi­gung zu 3.) u. 4.) behalte ich mir vor. Sie ist auf dem kürzesten Wege einzu­holen (mit stich­wor­tar­tiger Begrün­dung). Es kommt nun darauf an, alle Maß­nah­men mit größter Beschle­u­ni­gung durchzuführen, unter Bei­seit­e­las­sung aller For­malien und unter bewusster Auss­chal­tung von beson­deren Gericht­en. Bei der ganzen Sach­lage ist dies Sache der Truppe und nicht von ordentlichen Gericht­en. Sie kom­men für Bestien und Mörder nicht in Frage.”


Deutsche Wehrma­chts-Sol­dat­en kurz vor der Ermor­dung von ZivilistIn­nen in Kon­do­mari; Bun­de­sarchiv, Bild 101I-166‑0525-39 / Weixler, Franz Peter / CC-BY-SA
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Ermor­dung von ZivilistIn­nen in Kon­do­mari; Bun­de­sarchiv, Bild 101I-166‑0525-30 / Weixler, Franz Peter / CC-BY-SA
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Nur drei Tage nach Beginn der Kämpfe auf Kre­ta (die vom 20. Mai 1941 bis zum 1. Juni 1941 andauerten) erfol­gte der Vergel­tungs-Befehl von Gen­er­al Ringel vom 23.5.1941 (der so genan­nte Ringel-Befehl), dem­nach sei in Ortschaften „sofort Geiseln festzunehmen (Män­ner von 18 – 55 Jahren) und ihnen und der Ein­wohn­er­schaft bekan­ntzugeben, daß im Falle feindl. Hand­lun­gen jed­er Art gegen die deutsche Wehrma­cht sofor­tige Erschies­sung erfol­gt. Für jeden Deutschen 10 Griechen, dazu wer­den die in der Nähe befind­lichen Ortschaften angezündet.”


Der „Ringel-Befehl”
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All diese befohle­nen Maß­nah­men während der Inva­sion, wie auch die anschließen­den Kriegsver­brechen unter dem Deck­na­men „Son­derun­ternehmen Völker­bund”, bei denen vom Beginn der Inva­sion, im Mai 1941 bis Sep­tem­ber 1941 2.000 ZivilistIn­nen ermordet wur­den, waren im Sinne des Kriegsvölk­er­rechts Kriegsver­brechen. Und entwed­er Teil der Luft­landeschlacht um Kre­ta oder sie standen in direk­tem Zusam­men­hang mit der Inva­sion Kre­tas. Bei der Kre­ta-Gedenk­feier in Feld­bach-Gniebing wird aber genau dieser „Schlacht um Kre­ta” gedacht. In ein­er Anfrage der Abge­ord­neten Albert Stein­hauser und Har­ald Walser zur „Tra­di­tion­spflege des Öster­re­ichis­chen Bun­desheeres” ist zu lesen: „2007 nah­men rund 15 Sol­dat­en des Bun­desheeres teil. […] An Ange­höri­gen des Bun­desheeres, die die Aus­gang­suni­form tru­gen, kon­nte nur ein­er erkan­nt wer­den: Es han­delt sich um (den späteren Ver­anstal­ter der Feier) Bgdr. i.R. J.-P.P. Er trug Aus­gang­suni­form zusam­men mit dem oliv­en Barett des Bun­desheeres mit dem Jagd­kom­man­do-Abze­ichen des Bundesheeres.”

Der ange­sproch­ene Brigadier in Rente ist Josef-Paul Puntigam, der auch Lan­desver­band­sob­mann der Kam­er­ad­schaft vom Edel­weiß (KvE) ist.


Puntigam kündigte sein Kom­men zum Ulrichs­berg-Gedenken 2011 an
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So ver­wun­dert es auch nicht, wenn auf der Web­site der KvE mehrere Beiträge zu der Schlacht um Kre­ta zu find­en sind. So heißt es in einem Erleb­nis­bericht: „Im Zuge unseres heuri­gen Fam­i­lienurlaubes auf der Urlaub­sin­sel Kre­ta war es eine Ehrenpflicht, dass wir am 22.05.11 anlässlich des 70. Jahrestages der Schlacht um Kre­ta an der Gedenkver­anstal­tung am Deutschen Sol­daten­fried­hof Maleme teil­nah­men. Mein Urgroß­vater kämpfte als Gebirgsjäger im Gebirgsjäger Reg­i­ment 141 auf Kre­ta und so galt mein Inter­esse, neben der schö­nen Insel und dem Meer sowie dem kul­turellen Ange­bot, natür­lich der Mil­itärgeschichte und den Ereignis­sen vor 70 Jahren.” Dieser Auf­satz schließt mit einem ange­blichen Zitat eines deutsch­er Offizier der Wehrma­cht: „In Kre­ta erhoben sich nur die Steine nicht zum Kampf gegen uns. Jedes Lebe­we­sen kämpfte gegen uns bis zum let­zten Augen­blick und machte diesen Kampf zu ein­er der denkwürdig­sten und ruhm­re­ich­sten Schlacht­en der Geschichte”.


„Fam­i­lienurlaub” auf Kre­ta, Fak­sim­i­le der Web­site kameradschaftedelweiss.at
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Angesichts der (noch während der Inva­sion befohle­nen) Kriegsver­brechen, wie das Kon­do­mari-Mas­sak­er am 2. Juni 1941, zeigen Zitate wie „ein­er der denkwürdig­sten und ruhm­re­ich­sten Schlacht­en” und die Ver­mis­chung von Krieg, Fam­i­lienurlaub­s­freuden, „kul­turellen Ange­bot”, bei gle­ichzeit­igem Aus­lassen der Ver­brechen der Wehrma­cht, das prob­lema­tis­che Geschichts­be­wusst­sein des pri­vat­en Vere­ins Kam­er­ad­schaft vom Edel­weiß. Autor ist ein Ober­stab­swacht­meis­ter des Bun­desheeres und der 2. Obmann-Stel­lvertreter des Ortsver­band Leoben, der Kam­er­ad­schaft vom Edel­weiß.

Weit­ere Beispiele prob­lema­tis­ch­er Tra­di­tions­feiern find­en sich auf albertsteinhauser.at — Tra­di­tion­spflege im Bundesheer

[youtube hFrqWZg8J84] Das Bun­desheer & die Recht­en, Albert Stein­hauser im Par­la­ment zum „Kre­ta-Gedenken”
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Das Prob­lem an dem bish­eri­gen Bun­desheer-inter­nen „Tra­di­tion­spflegeer­lass” ist nun, dass dieser Erlass „nicht für alle Sol­dat­en gilt und darüber hin­aus keine Strafen enthält. Verge­hen ziehen keine Bun­desheer-inter­nen diszi­plinäre Ver­fahren nach sich, Teil­nahme an „ver­bote­nen“ Ver­anstal­tun­gen sind nur mit min­i­malen Strafen sank­tion­ier­bar”, so Stein­hauser. Auch reagiert Vertei­di­gungsmin­is­ter Nor­bert Dara­bos auf von den Grü­nen kri­tisierte Vet­er­a­nen­tr­e­f­fen, „die Umset­zung geschah jedoch immer über Einzel­er­lässe. Es fehlt im Öster­re­ichis­chen Bun­desheer an ein­er klaren, sank­tion­ier­baren Abgren­zung zu Ver­bän­den des Drit­ten Reich­es”. Die Forderun­gen der Grü­nen sind daher fol­gende: „Die Bes­tim­mungen des Tra­di­tion­spflegeer­lass­es über die Abgren­zung zum Drit­ten Reich muss im Wehrge­setz fest­geschrieben wer­den. Nur das garantiert, dass es für alle Sol­dat­en bindend gilt und diese durchge­set­zt wer­den kön­nen.” Und: „Statt die Tat­en von Wehrma­chts-Offizieren zu würdi­gen sollen jene gewürdigt wer­den, die sich dem Ver­nich­tungskrieg der Wehrma­cht ent­zo­gen haben”. Dazu wurde im Par­la­ment fol­gen­den Antrag einge­bracht: „Verord­nung für den Miliz‑, Reserve- und Präsen­z­s­tand über die Teil­nahme an Tre­f­fen mit Bezug zum Drit­ten Reich”.