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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Die Freiheitlichen, ihre Wandlungen und Spaltungen (II): „Ich gehe – bin schon wieder da!“

„Ich gehe – bin schon wie­der da!“: Wie oft Jörg Hai­der die­sen Satz im Lauf sei­ner Kar­rie­re voll­zo­gen hat, ist unbe­kannt. Jeden­falls sehr häu­fig. Der Satz galt aber nicht nur für Hai­der, son­dern auch für den Salz­bur­ger FPÖ-Obmann Schnell.

4. Feb. 2011

1998 war das Jahr einer veri­ta­blen Kri­se inner­halb der FPÖ: Die Cau­sa Rosen­stingl erschüt­ter­te die Par­tei und in etli­chen Lan­des­or­ga­ni­sa­tio­nen gab es mas­si­ve Kon­flik­te. Die FPÖ Nie­der­ös­ter­reich war durch die Cau­sa Rosen­stingl schwer ange­schla­gen. Ihr Par­tei­ob­mann Bern­hard Grat­zer wur­de bei sei­ner Rück­kehr aus einem Urlaub ver­haf­tet, ver­zich­te­te auf sein Land­tags­man­dat und trat dann von sei­nem Ver­zicht wie­der zurück.

In Wien rumor­te der Streit zwi­schen der Par­tei­rech­ten und den nor­ma­len Frei­heit­li­chen, in Inns­bruck lös­te sich die Gemein­de­rats­frak­ti­on der FPÖ auf, der Stadt­par­tei­ob­mann Rudi Feder­spiel war in Ungna­de gefal­len, und in Kärn­ten leg­te der Herz­bu­be Hai­ders, der dama­li­ge Lan­des­haupt­mann­stell­ver­tre­ter Karl Heinz Gras­ser sein Amt zurück, um zu Magna zu wech­seln und schick­te sei­nem poli­ti­schen Zieh­va­ter noch ein paar böse Wor­te hinterher.

Die FPÖ war in kei­nem guten Zustand. Rechts­extre­me gegen „Nor­ma­le“, der Wirt­schafts­flü­gel gegen die frei­heit­li­chen Arbeit­neh­mer, FPÖ-Fun­dis gegen die Auf­stei­ger und Tech­no­kra­ten, die sich in den bereits erober­ten Macht­po­si­tio­nen mit den ande­ren Par­tei­en und dem neu­en Sta­tus arran­giert hat­ten. Der mas­sivs­te Kon­flikt spiel­te sich in Salz­burg ab.

Der Salz­bur­ger FPÖ-Obmann Karl Schnell hat­te das Kunst­stück zuwe­ge gebracht, als Lan­des­rat in der Salz­bur­ger Pro­porz­re­gie­rung Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on gegen die ande­ren Regie­rungs­par­tei­en zu betrei­ben. In den Wahl­pro­gno­sen 1997 stan­den die Chan­cen für die Salz­bur­ger FPÖ aus­ge­zeich­net: die FPÖ bei 28 Pro­zent, die ÖVP bei 37 und die SPÖ abge­schla­gen bei 21 (Grü­ne 6, LIF 8).


Karl Schnell — Bild­quel­le: flickr.com

Da pas­sier­te ein ent­schei­den­der Feh­ler: Aus dem Büro des SPÖ Lan­des­haupt­mann­stell­ver­tre­ters Buch­leit­ner wur­den 1997 elek­tro­ni­sche Doku­men­te geklaut. Doku­men­te, in denen die SPÖ akri­bisch die Pos­ten­be­set­zun­gen im Lan­des­dienst nach Par­tei­en auf­ge­schlüs­selt hat­te und mit denen sie Pos­ten­ver­hand­lun­gen mit der ÖVP füh­ren woll­te. Die FPÖ ver­öf­fent­lich­te die Doku­men­te, die Spu­ren im Inter­net wur­den ver­folgt und – sie­he da! – die PCs im Büro des Lan­des­ra­tes Schnell wur­den als jener Ort aus­ge­macht, von dem die Doku­men­te abge­ru­fen wor­den waren: Die Salz­bur­ger FPÖ hat­te ihren Datenklau-Skandal.

SPÖ und ÖVP reagier­ten unge­wohnt ent­schie­den: Dem FPÖ-Lan­des­rat Schnell wur­de das Ver­trau­en ent­zo­gen (dem zwei­ten FPÖ –Lan­des­rat Thal­ler nicht). Die FPÖ reagier­te mit einem Trom­mel­feu­er an Angrif­fen: „Ost­block­me­tho­den“ war noch das Harm­lo­ses­te. Sogar eine Demo mit FPÖ-Funk­tio­nä­ren und Schnell-Anhän­gern wur­de zusam­men­ge­trom­melt. Es half alles nichts: Mar­got Hofer (FPÖ) wur­de letzt­end­lich als Nach­fol­ge­rin in der Lan­des­rats­funk­ti­on gewählt, Schnell per­sön­lich und die FPÖ hat­ten ein emp­find­li­che Nie­der­la­ge erlit­ten. Aber der ver­bit­ter­te Schnell woll­te sich mit den neu­en Ver­hält­nis­sen nicht arran­gie­ren: In den Par­tei­gre­mi­en kri­ti­sier­te er immer deut­li­cher sei­ne Kon­kur­ren­tIn­nen Hofer, Thal­ler und den neu gewähl­ten Drit­ten Land­tags­prä­si­den­ten Wolf­gang Hai­der, dem er vor­warf, der „Judas“ unter sei­nen zwölf Apos­teln zu sein. Ergeb­nis: Schnell ließ den Pinz­gau­er Bezirks­par­tei­ob­mann Hai­der abset­zen und instal­lier­te sei­ne Ver­trau­te Rose­ma­rie Blattl als neue Parteiobfrau.

Im Jän­ner 1998 revol­tier­te der Land­tags­klub der Frei­heit­li­chen gegen den Klub­chef Schnell: Ein Abwahl­an­trag wur­de gegen ihn gestellt und zunächst ver­tagt. Schnell hat­te in sei­ner Funk­ti­on als Par­tei­chef von den bei­den FPÖ-Regie­rungs­mit­glie­dern ver­langt, sie müss­ten ihm alle Regie­rungs­ak­te zur Ent­schei­dung vor­le­gen. Der Kon­flikt wur­de in die Par­tei­gre­mi­en ver­la­gert, wo unter kräf­ti­ger Mit­hil­fe der Bun­des­par­tei-Abge­sand­ten Wes­ten­tha­ler und Rum­pold („der Mann fürs Gro­be“) ein Burg­frie­den her­ge­stellt wur­de: Schnell erhielt die Rücken­de­ckung des Ober-Hai­der, der Auf­stand (Abwahl­an­trag) wur­de abge­bla­sen, ein „Frie­den der Ver­nunft“ ausgerufen.

Das reich­te aber Schnell noch nicht. Er bas­tel­te wei­ter an der Ent­mach­tung sei­ner Kon­kur­ren­ten und über­leg­te öffent­lich, wie­der Lan­des­rat bzw. Spit­zen­kan­di­dat für die Land­tags­wah­len im nächs­ten Jahr wer­den zu wol­len. Der Kon­ter der Gegen­sei­te: Schnell soll­te ein geschäfts­füh­ren­der Klub­ob­mann zur Sei­te gestellt wer­den, aus­ge­rech­net jener Peter Lechen­au­er, der den Abwahl­an­trag gegen ihn gestellt hatte.

Schnell zog sei­ne Schlüs­se: sofor­ti­ger Rück­tritt von allen öffent­li­chen und Par­tei­funk­tio­nen. An Jörg Hai­der, der an der ent­schei­den­den Sit­zung teil­ge­nom­men hat­te, kri­ti­sier­te er „Füh­rungs­schwä­che“ und zeig­te sich „mensch­lich zutiefst ent­täuscht“. Der Kon­flikt steu­er­te sei­nem Höhe­punkt zu: Ver­trau­te Schnells wie Hel­mut Nade­rer began­nen Unter­schrif­ten für sei­ne Rück­kehr und einen außer­or­dent­li­chen Par­tei­tag zu sam­meln und for­der­ten außer­dem die Par­tei­aus­schlüs­se von Robert Thal­ler, Wolf­gang Hai­der und Peter Lechenauer.


Susan­ne Riess-Pas­ser — Bild­quel­le: parlament.gv.at

Hai­der ent­sand­te sei­ne Nah­kampf­trup­pe: Susan­ne Riess-Pas­ser („Königs­ko­bra“), Ger­not Rum­pold und Peter Wes­ten­tha­ler (die „Rit­ter der sei­de­nen Schnur“). In einer eilends ein­be­ru­fe­nen Sit­zung erklär­ten die drei, dass alle 700 gewähl­ten Funk­tio­nä­re der Salz­bur­ger FPÖ ab sofort aller Par­tei­funk­tio­nen ent­ho­ben sei­en und die Lan­des­par­tei kom­mis­sa­risch von Wien ver­wal­tet wer­de. De fac­to bedeu­te­te die­ser Schritt die Auf­lö­sung der Salz­bur­ger Lan­des­or­ga­ni­sa­ti­on und ihre Neu­grün­dung inner­halb von zwei Mona­ten. Die „SN“ schrei­ben über die­se Pha­se: „Nach der Abhalf­te­rung sämt­li­cher Par­tei­funk­tio­nä­re durch Jörg Hai­der gibt es zwar nie­man­den mehr, der Par­tei­ver­samm­lun­gen ein­be­ru­fen könn­te, den­noch tref­fen sich in Gast­häu­sern lau­fend Ex-Funk­tio­nä­re und Par­tei­mit­glie­der“.

Wil­de Spe­ku­la­tio­nen schie­ßen ins Kraut, neben mas­sen­haf­ten Par­tei­aus­trit­ten wird die Grün­dung eines „Bun­des der unab­hän­gi­gen frei­heit­li­chen Man­da­ta­re“ über­legt, Jörg Hai­der wird von Wolf­gang Rau­ter (Bur­gen­land), Hil­mar Kabas (Wien) und Karl Heinz kri­ti­siert. Dar­auf folgt die nächs­te Unter­wer­fung: Alle füh­ren­den Lan­des­po­li­ti­ker der FPÖ unter­schrei­ben eine Erklä­rung, die ihnen Peter Wes­ten­tha­ler vor­ge­legt hat­te und in der sie die Vor­gangs­wei­se der Bun­des­par­tei befürworten.

Schnell bemerkt schnell, dass die Stim­mung in der Bun­des­par­tei gegen ihn umge­schla­gen hat­te und sucht plötz­lich ein klä­ren­des Gespräch mit sei­nem Jörg. Der gewährt ihm die­se Bit­te und kün­digt an, wenn der Kon­flikt nicht bin­nen einer Woche been­det sei, dann gehe er und tue sich das nicht mehr an. Der Kon­flikt wird in einer Sit­zung des Bun­des­par­tei­vor­stan­des „berei­nigt“: Schnell tritt von sei­nem Rück­tritt zurück, wird wie­der Par­tei- und Klub­ob­mann, die Abset­zung der 700 Funk­tio­nä­re wird rück­gän­gig gemacht, und Jörg Hai­der erhält alle Voll­mach­ten in Per­so­nal­fra­gen: Er kann ab sofort jeden Funk­tio­när des Amtes ent­he­ben und im Wie­der­ho­lungs­fall aus der Par­tei aus­schlie­ßen. Das 11-Punk­te-Pro­gramm für die Salz­bur­ger FPÖ beginnt mit fol­gen­dem Punkt 1: „Auf Dau­er und ab sofort gibt es kei­ne nega­ti­ven Äuße­run­gen in der Öffentlichkeit.“ 

Punkt 1 hielt eben­so wenig wie der Frie­de in der Salz­bur­ger FPÖ. 2002 (nach dem Knit­tel­fel­der Par­tei­tag) schließt Schnell sei­nen Mit­strei­ter und stram­men rech­ten Recken Hel­mut Hai­ger­mo­ser trotz Hai­der & Haupt-Erklä­rung, dass es kei­ne Aus­schlüs­se geben sol­le, aus der FPÖ aus, 2003 sei­nen Mit­strei­ter Hel­mut Nade­rer (See­kir­chen), der für Schnell 1998 Unter­schrif­ten orga­ni­siert hatte.

➡️ Teil I: Königs­ko­bras, Vater­mör­der, Blitz­dräh­te und ehe­ma­li­ge Naziführer
➡️ Teil III: FPÖ NÖ – Geeint wie nie!
➡️ Teil IV: Der „blaue“ Brief­trä­ger und sein Stadler
➡️ Teil V: Die Not­ge­set­ze des RFW

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