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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 5 Minuten

Filip Turek: Ein Nazi-Freund als tschechischer Außenminister?

Ein Mann, der Hit­ler lobt, Nazi-Atten­ta­te abfei­ert, Frau­en das Wahl­recht abspre­chen will und sei­ne Part­ne­rin geschla­gen haben soll, bean­sprucht in Prag das Außen­mi­nis­te­ri­um: Filip Turek. Die rech­te Koali­ti­on ringt nun dar­um, ob ein beken­nen­der Rechts­extre­mist Tsche­chi­ens Gesicht nach außen wer­den darf.

28. Okt. 2025
"Deník N" enthüllt Screenshots von Turek-Postings: "'Einen Zigeuner zu verbrennen, ist ein mildernder Umstand, Obama ist ein Nigger.' Wir enthüllen die gelöschte Welt von Filip Turek"
"Deník N" enthüllt Screenshots von Turek-Postings: "'Einen Zigeuner zu verbrennen, ist ein mildernder Umstand, Obama ist ein Nigger.' Wir enthüllen die gelöschte Welt von Filip Turek"

Bei den Wah­len zum tsche­chi­schen Abge­ord­ne­ten­haus, die am 3. und 4.10. statt­fan­den, erziel­te die erst­mals kan­di­die­ren­de Par­tei „Moto­ris­té sobě“ (Auto­fah­rer unter sich) 6,8 Pro­zent der Stim­men und ist damit neben der offen rechts­extre­men Par­tei „Svo­bo­da a pří­má demo­kra­cie“ (Frei­heit und direk­te Demo­kra­tie), die auf 7,8 Pro­zent kam, die zwei­te offen rechts­extre­me Kraft im Par­la­ment. Die Wahl­sie­ge­rin „Ano 2011“ mit 34,5 Pro­zent wird all­ge­mein als rechts­po­pu­lis­tisch bezeich­net. Im Euro­päi­schen Par­la­ment (EP) ist sie mit der FPÖ in der Frak­ti­on „Patrio­ten für Euro­pa“. Die drei deut­lich rech­ten Par­tei­en stre­ben eine Koali­ti­on an. Größ­ter Stol­per­stein dafür scheint der­zeit der Spit­zen­kan­di­dat der Moto­ris­ten, Filip Turek, zu sein.

Turek, der 2024 mit über 150.000 Vor­zugs­stim­men in das Euro­päi­sche Par­la­ment gewählt wur­de, sein Man­dat dort aber wie­der zurück­leg­te, um nun ins tsche­chi­sche Par­la­ment ein­zu­zie­hen, will in der zukünf­ti­gen Koali­ti­on Außen­mi­nis­ter wer­den, wofür er sich nach eige­ner Ansicht wegen sei­ner Tätig­keit als EP-Abge­ord­ne­ter qua­li­fi­ziert sieht.

Chats voller Hass

Der tsche­chi­schen Wähler*innenschaft waren zwar vie­le sei­ner rechts­extre­men und ras­sis­ti­schen Posi­tio­nen schon län­ger bekannt, aber in den letz­ten Wochen sind zusätz­lich immer mehr Anschul­di­gun­gen gegen ihn auf­ge­taucht, die ihn eigent­lich für jedes öffent­li­che Amt dis­qua­li­fi­zie­ren müssten.

Das Medi­en­por­tal „Deník N“ hat am 10. Okto­ber eine umfang­rei­che Samm­lung von Turek-Screen­shots ver­öf­fent­licht, die ein frü­he­rer Weg­ge­fähr­te, der Auto­jour­na­list Voj­těch Dobeš, zur Ver­fü­gung gestellt hat. Eini­ge der Screen­shots kur­sier­ten schon vor­her anonym im Netz, konn­ten jedoch nicht auf ihre Echt­heit über­prüft wer­den. Das hat sich durch das Outing von Dobeš geän­dert. Die an die Poli­zei wei­ter­ge­lei­te­ten Screen­shots ent­hül­len eine Geis­tes­hal­tung, die von Miso­gy­nie, Homo­pho­bie, Ras­sis­mus und faschis­ti­scher bzw. natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Sym­pa­thie geprägt ist.

Gewaltfantasien und NS-Verherrlichung

Über einen Brand­an­schlag, den Neo­na­zis in Vít­kov im Jahr 2009 ver­übt hat­ten und bei dem ein zwei­jäh­ri­ges Roma-Mäd­chen schwer ver­letzt wor­den war, schrieb er, dass die Ver­let­zun­gen als „mil­dern­de Umstän­de“ vom Gericht gewer­tet wer­den soll­ten, weil sie ein Roma-Mäd­chen betref­fen. Wört­lich: „Das Zeug von jeman­dem in Brand zu set­zen, ist Dumm­heit, aber die Tat­sa­che, dass ein Zigeu­ner ver­brannt wur­de, soll­te, wenn über­haupt, als mil­dern­der Umstand ange­se­hen wer­den, es ist genau das Gegen­teil [von Dumm­heit].” (romea.cz, 10.10.25)

Die „Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung“ (13.10.25) schreibt in ihrer Online-Aus­ga­be über die Screenshots:

In einem Kom­men­tar wird etwa das Mas­sa­ker von Christ­church, bei dem 2019 in einer Moschee 51 Men­schen erschos­sen wur­den, als „Sau­ber­ma­chen in Neu­see­land“ titu­liert. Unter einer Dis­kus­si­on über das Kli­ma­be­wusst­sein jün­ge­rer Gene­ra­tio­nen fin­det sich der Kom­men­tar: „In den Ofen mit die­sen Stu­den­ten“

Das Wahl­recht für Frau­en bezeich­ne­te er als den „größ­ten Feh­ler des 20. Jahr­hun­derts“, wäh­rend er Hit­ler und Mus­so­li­ni lobt und den Holo­caust verspottet.

Für Turek selbst sind die Recher­chen Resul­tat einer geziel­ten Kam­pa­gne und das, was er von sich gege­ben hat, ver­harm­lost er als schwar­zer Humor.

Offene Nazi-Symbolik

Die NZZ (18.10.25) berich­tet von wei­te­ren Vorwürfen:

Sogar offe­ne NS-Anlei­hen scha­de­ten Turek bis­her wenig. So fuhr er einst Ren­nen mit einem Helm, auf dem das Abzei­chen eines Jagd­ge­schwa­ders der Wehr­macht zu sehen war. Er besit­ze meh­re­re sol­che Samm­ler­stü­cke, erklär­te Turek. Viral ging aber auch ein Foto, wie er die Hand zum Gruss aus dem Auto reckt. Sei­nen Tank füll­te er laut eige­nen Social-Media-Ein­trä­gen manch­mal just mit 88 Litern – in der Neo­na­zi­sze­ne steht der Zah­len­code für «Heil Hit­ler».

Gewalt, Raserei, Galgen-Zettel

Es kur­sie­ren aber noch eine Rei­he wei­te­rer Vor­wür­fe und Anschul­di­gun­gen, die von einer Anzei­ge wegen Miss­hand­lung sei­ner Ex-Part­ne­rin über Unter­su­chun­gen wegen Rase­rei auf tsche­chi­schen Auto­bah­nen bis hin zu einem Vor­fall aus dem Jahr 2017 rei­chen, bei dem Turek einen Mit­ar­bei­ter der sau­di-ara­bi­schen Bot­schaft bedroht hat:

Wie der öffent­lich-recht­li­che Tsche­chi­sche Rund­funk am Mitt­woch berich­te­te, habe Turek einen Zet­tel mit einem selbst gezeich­ne­ten Gal­gen hin­ter den Schei­ben­wi­scher von des­sen Auto gesteckt. Auf dem Dach des Wagens soll der Bot­schafts­mit­ar­bei­ter außer­dem die Patro­ne eines Jagd­ge­wehrs ent­deckt haben. (derstandard.at, 15.10.25)

Die poli­zei­li­chen Ermitt­lun­gen damals ende­ten mit einer Ver­wal­tungs­stra­fe für Turek und Erklä­run­gen sei­ner­seits, die den Vor­fall gänz­lich anders dar­stel­len sollten.

Filip Turek (damals noch EU-Abgeordneter) mit Santiago Abascal (VOX) und Harald Vilimsky: "Productive Enlarged Bureau Meeting of @PatriotsEU in Madrid today. Grateful for the opportunity to work alongside dedicated colleagues like @Santi_ABASCAL, President of http://Patriots.eu, and @vilimsky, Leader of the FPÖ Delegation in the European Parliament, as we shape Europe's future together." (Screenshot Turek X 8.2.25)
Filip Turek (damals noch EU-Abge­ord­ne­ter) mit Sant­ia­go Abas­cal (VOX) und Harald Vilims­ky (Screen­shot Turek X 8.2.25)

Koalitionspoker um das Außenministerium

Für die Regie­rungs­bil­dung sind die Ent­hül­lun­gen über Turek aller­dings ein Pro­blem. Andrej Babiš, der Wahl­sie­ger von Ano, ver­kün­de­te gleich nach der Wahl die Auf­tei­lung der Minis­ter­äm­ter auf die drei Rechts­au­ßen-Par­tei­en. Den Moto­ris­ten wur­de neben dem Minis­te­ri­um für Kul­tur und – absur­der­wei­se – dem Umwelt­mi­nis­te­ri­um auch das Außen­mi­nis­te­ri­um ver­spro­chen, das Turek sogleich für sich beanspruchte.

Babiš ruder­te nach den Vor­wür­fen etwas zurück und for­der­te sei­ne Regie­rungs­part­ner auf, ihre Minis­te­ri­en mit exter­nen Fach­leu­ten zu beset­zen. Die Moto­ris­ten haben bis­her abge­lehnt. Ähn­lich wie in Öster­reich hat bei der Bestel­lung auch der Staats­prä­si­dent etwas mit­zu­re­den, der eine genaue Prü­fung der Vor­wür­fe ankündigte.

Die Jugend der Motoristen

Unab­hän­gig davon, was die rech­ten Koali­ti­ons­part­ner noch aus­han­deln, ist Turek nach allem, was bis­her bekannt und belegt ist, in kei­ner öffent­li­chen Funk­ti­on trag­bar. Aber abseits von den Vor­wür­fen an sei­ne Per­son wird immer deut­li­cher, dass die Par­tei der Moto­ris­ten, die bis­her zumeist als rechts­li­ber­tär beschrie­ben wur­de, ein grund­sätz­li­ches Pro­blem mit offe­nem Rechts­extre­mis­mus hat – und zwar nicht nur wegen Turek.

Beim Grün­dungs­kon­gress ihrer Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, „Motor Gene­ra­ti­on“, im Novem­ber 2024, prä­sen­tier­ten die Jung­mo­to­ris­ten Schil­der mit Sprü­chen wie „Ich habe einen SS-Dolch zuhau­se“, „Zer­ti­fi­zier­ter Ras­sist“ und „Kon­gress 9.11“ mit Foto der Twin Towers und einem Flugzeug.

Die Vor­wür­fe gegen Filip Turek wur­den von den Jung­mo­to­ris­ten als „schwar­zer Humor“ ver­harm­lost. Ihr Obmann Matěj Gre­gor, der den Ver­band auf „Ord­nung und Dis­zi­plin“ trim­men will, ist übri­gens von der ein­deu­tig rechts­extre­men Svo­bo­da-Par­tei (SPD) zu den Moto­ris­ten gewech­selt – nicht, weil er inhalt­li­che Pro­ble­me mit der rechts­extre­men Ideo­lo­gie der SPD gehabt hät­te, son­dern weil er für eine Ver­ei­ni­gung von SPD und Moto­ris­ten war.

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Schlagwörter: Hetze | Neonazismus/Neofaschismus | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | Weite Welt

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