Es wäre literarischer Stoff vom Feinsten: Der abgehalfterte Ex-Chef eines Geheimdienstes beauftragt einen Neonazi damit, für sich und seine Mini-Partei Werbevideos zu drehen. Weil der Neonazi bekannt ist wie ein bunter Hund, muss er zu den Drehterminen getarnt mit Sonnenbrille und Mütze erscheinen. Der Neonazi diktiert dem Ex-Geheimdienstchef das Skript für die Videos. Die Kooperation fliegt auf, in der Mini-Partei spielt’s Rambazamba. Das ist aber nicht Fiktion, sondern Realität in Deutschland.
Die meisten deutschen Medien berichten nicht über die in mehrfacher Hinsicht peinlichen und verstörenden Ereignisse rund um die Mini-Partei „Werteunion“ und deren Vorsitzenden, den Ex-Verfassungsdienstchef Hans-Georg Maaßen. Maaßen, der schon in der Zeit als Präsident des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz deutlich rechte Positionen vertrat, ist nach seiner Versetzung in den vorläufigen Ruhestand, immer weiter nach rechts gewandert, bis ihn schließlich sein früherer Arbeitgeber 2024 als Beobachtungsobjekt im Bereich Rechtsextremismus aufnahm.
Die Antwort auf die Frage, wie es zu seiner Kooperation mit dem damals bereits in den offenen Neonazismus abgerutschten Erik Ahrens kam, liefert Maaßen jetzt selbst nach den Enthüllungen durch Ahrens. Weil Maaßen für sich und seine in die Bedeutungslosigkeit schlitternde „Werteunion“ Reichweite auf TikTok gesucht habe, engagierte er Erik Ahrens. Ahrens, der mittlerweile behauptet, aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen zu sein, ist durch seine Videos für den AfD-Abgeordneten Maximilian Krah und seine Teilnahme am Potsdamer Treffen in der Villa Adlon bekanntgeworden. Politisch hat er einige Häutungen hinter sich, darunter auch eine als bekennender Neonazi. Ausgerechnet in dieser Phase, im Mai/Juni 2024, hat ihn Maaßen für seine TikTok-Videos engagiert.
Maaßen behauptet zwar, von der Einstellung Ahrens‘ nichts geahnt zu haben (was Ahrens bestreitet), hat ihn aber zu konspirativen Treffen verpflichtet.
[G]esehen werden wollte der Vorsitzende der Partei „Werteunion” und frühere Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz offenbar nicht mit Ahrens. „Ich musste mit Sonnenbrille und Mütze zu den Treffen kommen, und vor oder nach ihm, damit man uns nicht miteinander sieht”, sagt Ahrens t‑online. (t‑online.de, 26.9.25)
Der ausführliche Bericht auf t‑online und die Enthüllungen über die Kooperation, die Ahrens in einem seiner Videos schon vorher veröffentlicht hat, haben die bereits vorher bestehenden Differenzen in der deutlich rechten “Werteunion“ und dem ihr vorgelagerten „Werteunion Förderverein“ weiter angeheizt.
In seiner Mini-Partei stand Maaßen nach den Enthüllungen zunächst ohne Mehrheit da und vor der Abwahl als Vorsitzender. Der als Vorsitzender der AfD gescheiterte Jörg Meuthen, heute Vize-Chef der „Werteunion“, forderte Maaßen auf, die Vertrauensfrage zu stellen: „[E]r sei nicht aus der AfD ausgetreten, um nun ‚die offene Tolerierung von Rechtsextremismus zu erleben‘ und das ausgerechnet durch den Vorsitzenden“, zitiert ihn die NZZ (27.9.25).
Die offene Meuterei in seiner Truppe beantwortete Maaßen so, wie es zu einer autoritären Struktur gehört: „Mit dem Rauswurf von zwei Vorstandsmitgliedern hat er plötzlich wieder eine Mehrheit – und zieht durch.“ (t‑online)
Meuthen gehört zwar noch nicht zu den Ausgeschlossenen, ihm wurde aber per Beschluss des neu ausgerichteten Vorstandes „parteischädigendes Verhalten“ attestiert. Damit ist der schon lange gärende Streit in der „Werteunion“ natürlich noch keineswegs beendet. Maaßens Gegner*innen bereiten schon eine neue Runde vor; heute, am 4.10., will der „Werteunion Förderverein“, der ebenfalls von der Spaltung erfasst ist, einen neuen Vorsitzenden wählen. Derzeit ist Maaßen auch dort noch Vorsitzender.
Übrigens: 2023 war Maaßen auf Einladung der „Freiheitlichen Akademie Wien“, des „Freiheitlichen Bildungsinstituts“ und des FPÖ-Parlamentsklubs Hauptredner bei der Enquete „Wie gefährdet ist die freiheitliche Demokratie in Deutschland?“ Ein Titel, der angesichts der politischen Verortung von Veranstaltern und Gast wie Hohn wirkt.
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