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„Da hilft keine Wehleidigkeit“ – FPÖ Eisenstadt sägt ihre frisch gewählte Parteispitze wieder ab

Die FPÖ Eisen­stadt zer­legt sich weni­ge Mona­te vor dem Lan­des­par­tei­tag in zwei Lager. Eine Mehr­heit der Stadt­lei­tung hat der erst im April gewähl­ten Obfrau Julia Reich das Miss­trau­en aus­ge­spro­chen, Reich hält an ihrem Amt fest. Ein wei­te­rer Kon­flikt reicht bis zur Spit­ze der FPÖ Burgenland.

24. Juli 2026
Offener Brief an die Mitglieder der FPÖ Eisenstadt
Offener Brief an die Mitglieder der FPÖ Eisenstadt

Vertrauensentzug in der Stadtparteileitung der FPÖ Eisenstadt

Der größ­te Feind der FPÖ Bur­gen­land ist sie selbst. Das bele­gen ein­mal mehr die jüngs­ten Vor­gän­ge in Eisen­stadt. Ein Stoppt die Rech­ten vor­lie­gen­der, auf den 20. Juli datier­ter offe­ner Brief an die Par­tei­mit­glie­der doku­men­tiert den Bruch in der Eisen­städ­ter Stadt­par­tei. Dem­nach kam es bereits am 9. Juli in einer Sit­zung der Stadt­lei­tung zur offe­nen Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen der erst im April gewähl­ten Stadt­par­tei­ob­frau Julia Reich, ihrem Ehe­mann und Schrift­füh­rer Patrick Reich sowie der Mehr­heit des Gre­mi­ums. Elf von 13 Mit­glie­dern sei­en anwe­send gewe­sen. Nach Ent­hal­tung der bei­den Betrof­fe­nen hät­ten sie­ben Mit­glie­der für den Ver­trau­ens­ent­zug gestimmt, zwei dage­gen, zwei hät­ten sich enthalten.

Die Stadt­par­tei­lei­tung for­der­te Julia und Patrick Reich zum „frei­wil­li­gen und geord­ne­ten Rück­tritt“ auf. Bei­de lehn­ten ab. Zugleich beschloss das Gre­mi­um eine Über­gangs­re­gel für die Finan­zen, eine Kon­trol­le öffent­li­cher Mit­tei­lun­gen und die Vor­be­rei­tung eines außer­or­dent­li­chen Stadt­par­tei­tags. Dort soll die per­so­nel­le Situa­ti­on geklärt werden.

Der Brief nennt als Haupt­grün­de feh­len­de oder unvoll­stän­di­ge Infor­ma­tio­nen, Ent­schei­dun­gen ohne aus­rei­chen­de Ein­bin­dung der Stadt­lei­tung und schwe­re Unstim­mig­kei­ten bei Sit­zungs­pro­to­kol­len. Julia Reich errich­te zudem eine „Par­al­lel­struk­tur auf den sozia­len Netz­wer­ken“, hand­le eigen­mäch­tig und schot­te sich von der Stadt­grup­pe ab. Das sind Vor­wür­fe der acht Unterzeichner:innen.

Protokolle, Metadaten und Ausschlussvorwürfe

Beson­ders scharf wird im Brief Patrick Reichs Pro­to­koll­füh­rung ange­grif­fen. Ein Pro­to­koll habe ein­zel­ne Mit­glie­der „der­ma­ßen dif­fa­miert, bloß­ge­stellt und poli­tisch dar­ge­stellt“, dass dies aus Sicht der Ver­fas­ser „einen Aus­schluss (…) aus der frei­heit­li­chen Fami­lie hät­te ermög­li­chen kön­nen“. Die Unterzeichner:innen deu­ten das als Ver­such, inter­ne Akten gegen miss­lie­bi­ge Mit­glie­der zu verwenden.

Wei­te­re Vor­wür­fe betref­fen feh­len­de Wort­mel­dun­gen, falsch zuge­ord­ne­te Anwe­sen­de und unge­klär­te Ände­run­gen. In den PDF-Meta­da­ten eines Pro­to­kolls sei Harald Kuchel­ba­cher als Autor ein­ge­tra­gen, obwohl er der Stadt­lei­tung nicht ange­hört habe. „Die Meta­da­ten allein bewei­sen noch nicht, wer wel­chen Satz geschrie­ben hat. Sie machen aber eine kla­re Ant­wort not­wen­dig: Wer hat das Pro­to­koll erstellt oder bear­bei­tet, und wie gelang­ten inter­ne Sit­zungs­in­for­ma­tio­nen an eine außen­ste­hen­de Person?“

Obfrau ohne Parteiadresse

Stoppt die Rech­ten eben­falls zuge­spiel­te Mails zei­gen: Am 21. Juli infor­mier­te Julia Reich, vom Brot­be­ruf Ober­leut­nant im Bun­des­heer, einen grö­ße­ren Ver­tei­ler, dass ihr auch die bis­he­ri­ge E‑Mail-Adres­se der FPÖ Eisen­stadt ent­zo­gen wor­den sei. Sie rich­te­te eine neue Adres­se ein – pikan­ter­wei­se mit „fpoe­ei­sen­stadt“ im Namen – und kün­dig­te an, ihre Auf­ga­be als „demo­kra­tisch gewähl­te Stadt­par­tei­ob­frau wei­ter­hin mit vol­lem Ein­satz, Offen­heit und Ver­läss­lich­keit“ aus­zu­üben.

Der frü­he­re Eisen­städ­ter Stadt­par­tei­ob­mann Mat­thi­as Hah­ne­kamp, der den offe­nen Brief mit­trägt, ant­wor­te­te im sel­ben Mail­ver­tei­ler. Reich sei „zwar demo­kra­tisch als Stadt­par­tei­ob­frau gewählt wor­den“, aber eben­so sei ihr „demo­kra­tisch das Miss­trau­en aus­ge­spro­chen und die Zusam­men­ar­beit auf­ge­kün­digt“ wor­den. „Jede gewähl­te Funk­ti­on, so gern man sie auch aus­üben möch­te, hat ein Ablauf­da­tum. Bei dir war sie sehr kurz und nicht lebens­lang“, schrieb Hah­ne­kamp. Sein Schluss­punkt: „Da hilft kei­ne Weh­lei­dig­keit oder Jammern.“

Bezirksparteitag als Brandbeschleuniger

Der Kon­flikt fällt in eine heik­le Pha­se. Am 13. Juli setz­te sich die Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Michel­le Whit­field bei der Wahl zur Eisen­städ­ter Bezirks­par­tei­ob­frau mit 36 zu 11 Stim­men gegen Andre­as Friedl durch. Friedl ist geschäfts­füh­ren­der Obmann der Stadt­par­tei­grup­pe und Ver­fas­ser des offe­nen Briefs. Die Lan­des­par­tei bezeich­ne­te ihn nach der Abstim­mung demons­tra­tiv als Kan­di­da­ten „eines Tei­les der Stadt­grup­pe“ und ver­lang­te Geschlos­sen­heit. Berich­te über inter­ne Macht­kämp­fe erklär­te Chris­ti­an Ries, Klub­ob­mann im Land­tag, auf der Par­tei­web­site zu „Ammen­mär­chen und halt­lo­sen Gerüch­ten in einer bestimm­ten Tages­zei­tung“.

Der offe­ne Brief lie­fert nun den Gegen­be­fund. Sei­ne Ver­fas­ser behaup­ten, Julia Reich habe nach einem Tele­fo­nat mit Whit­field einer drit­ten Per­son geschrie­ben, sie wer­de einen Platz im Bezirks­vor­stand erhal­ten. Auch Patrick Reich und Harald Kuchel­ba­cher soll­ten eine Mög­lich­keit bekom­men. Die Stadt­lei­tung sei dar­über nicht infor­miert wor­den. Die Unterzeichner:innen des Briefs ver­lan­gen wegen Whit­fields Ehe mit Lan­des­par­tei­ob­mann Alex­an­der Pet­sch­nig eine Erklärung.

Schon vor dem Bezirks­par­tei­tag beschrieb die „Kro­ne“ (11.7.26) die Abstim­mung als Teil des Rin­gens um die Lan­des­par­tei. Man­che Par­tei­mit­glie­der hät­ten Whit­fields Kan­di­da­tur als Ver­such Pet­sch­nigs ver­stan­den, sei­ne Posi­ti­on vor dem Lan­des­par­tei­tag im Okto­ber abzu­si­chern. Hin­ter Friedl ver­mu­te­ten ande­re Klub­ob­mann Chris­ti­an Ries als „Strip­pen­zie­her“.

Petschnig selbst unter Beschuss

Ex-Lan­des­chef Johann Tschürtz atta­ckier­te Alex­an­der Pet­sch­nig im Juni öffent­lich. Der Lan­des­par­tei­ob­mann arbei­te zwar gut im Natio­nal­rat, habe aller­dings Orga­ni­sa­ti­ons­auf­bau, Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen und Jugend ver­nach­läs­sigt. Lan­des­weit brei­te sich erheb­li­cher Unmut aus. Nor­bert Hofer, Nach­fol­ger von Tschürtz als Par­tei­chef, erklär­te gegen­über dem ORF Bur­gen­land (15.6.26), vie­le FPÖ-Wähler:innen wür­den die Ent­wick­lung miss­bil­li­gen und die Bun­des­par­tei wer­de sich den Fall anse­hen. Einen Monat spä­ter gewann Pet­sch­nigs Ehe­frau die Bezirks­grup­pe Eisen­stadt. Weni­ge Tage danach eska­lier­te der Streit in deren Stadtgruppe.

Eine Partei mit Zerlegungstradition

Inter­ne Feh­den gehö­ren in der FPÖ Bur­gen­land seit Jah­ren zum poli­ti­schen All­tag. Bereits 2017 doku­men­tier­te Stoppt die Rech­ten Aus­schlüs­se, Rück­trit­te und „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwie­rig­kei­ten“ in der Lan­des- und Bezirks­or­ga­ni­sa­ti­on. Manue­la Til­ler flog wegen „par­tei­schä­di­gen­den Ver­hal­tens“ aus der Par­tei, Maria Nako­vits leg­te ihre Funk­ti­on zurück, Petra Wag­ner ver­ließ die Landesgeschäftsführung.

Anfang 2020 trat in Tad­ten die gesam­te Orts­grup­pe aus. Die dama­li­ge Orts­par­tei­ob­frau Sil­via Buri­an klag­te über Funk­tio­nä­re, denen es um „Plät­ze und Pfrün­de“ gehe. Ende 2020 eska­lier­te der Kampf um die Lan­des­par­tei: Pet­sch­nig setz­te sich mit 52 Pro­zent gegen Géza Molnár durch, Man­fred Hai­din­ger wur­de aus­ge­schlos­sen, und zehn Spit­zen von Teil­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­lie­ßen aus Pro­test eine Vor­stands­sit­zung, nach­dem ihnen beim Miss­trau­ens­an­trag gegen Pet­sch­nig das Stimm­recht ver­wei­gert wor­den war. Stoppt die Rech­ten berich­te­te damals über „High Noon“ in der Lan­des­par­tei.

2021 zer­fie­len die Orts­grup­pen Mat­ters­burg und Forch­ten­stein. In Horit­schon-Unter­pe­ters­dorf leg­ten neun Mit­glie­der wegen Aus­schlüs­sen und Ver­un­glimp­fun­gen ihre Funk­tio­nen zurück. Auch die FPÖ Eisen­stadt erleb­te bereits eine Aus­schluss­se­rie: Nach Géza Molnár und Tho­mas Schnöl­ler wur­de Mat­thi­as Hah­ne­kamp zum Stadt­par­tei­ob­mann gewählt. Die Par­tei ver­kün­de­te damals „gro­ße Einig­keit“. Bei der Gemein­de­rats­wahl 2022 ver­lor die FPÖ die Hälf­te ihrer Stim­men und erhielt im Gemein­de­rat bloß ein Mandat.

Treueschwüre zwischen den Trümmern

Der aktu­el­le Brief endet mit einer Loya­li­täts­er­klä­rung: „Wir ste­hen zur FPÖ, zur Bun­des­par­tei und zu Her­bert Kickl.“ Im Satz davor zie­hen die Ver­fas­ser ihre inner­par­tei­li­che Front­li­nie: „Eine Stadt­grup­pe ist kei­ne Kaser­ne. Eine Obfrau ist kein Gene­ral, und die Mit­glie­der der Stadt­lei­tung sind kei­ne Befehlsempfänger.“

Alle Lager beru­fen sich auf Demo­kra­tie, Basis­ar­beit und Par­tei­wohl. Gleich­zei­tig ent­zie­hen sie ein­an­der Ver­trau­en, Zugän­ge, Funk­tio­nen und Legi­ti­mi­tät. Bei der Wahl von Reich zur Stadt­par­tei­ob­frau hat­te es noch geheis­sen: „Wir sind eine star­ke Ein­heit und hal­ten zusam­men. Unstim­mig­kei­ten muss man direkt aus­re­den.“ Hat – wie­der ein­mal – nicht geklappt. Die neu­en Tur­bu­len­zen zei­gen: Die FPÖ Bur­gen­land fin­det ihre größ­te Geg­ner­schaft seit Jah­ren ver­läss­lich in den eige­nen Reihen.

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