Belagerung Sarajevos und erste Hinweise auf „Menschen-Safaris“
Fast vier Jahre, zwischen April 1992 und Februar 1996, ist Sarajevo belagert worden und kostete etwa 11.000 Menschen das Leben. Von serbischer Seite wurden dabei Heckenschützen eingesetzt, die nicht nur bosnische Militärs, sondern gezielt Zivilisten töteten bzw. verwundeten. 1995 hatte der „Corriere della Serra“ zum ersten Mal über den Verdacht berichtet, dass reiche Touristen in Sarajevo gegen Bezahlung als Sniper Zivilisten erschießen. Angeblich hat der italienische Geheimdienst Sismi diese Sniper-Safaris, die über Triest organisiert wurden, abgestellt, aber nicht weiter ermittelt.
Im Haager Kriegsverbrechertribunal des internationalen Strafgerichtshofes über das ehemalige Jugoslawien kamen 2007 die Sniper-Einsätze wieder zur Sprache. Der US-amerikanische Feuerwehrmann John Jordan, der in Sarajevo im Einsatz war, schilderte seine Beobachtungen von Touristen, die bewaffnet waren, als ob sie auf Wildschweinjagd im Schwarzwald unterwegs wären.
Töten nach Preisliste
Weitere Jahre später, 2022, erscheint dann ein Dokumentarfilm: „Sarajevo Safari“ von dem slowenischen Regisseur Miran Zupanič. Die „Salzburger Nachrichten“ (5.2.26) dazu:
Darin kommt auch der ehemalige bosnische Geheimdienstagent Edin Subašić zu Wort. Er sagte: „Was mich am meisten schockierte, war, dass die Scharfschützen wählten, ob sie einen erwachsenen Zivilisten, eine Frau, ein Kind, eine schwangere Frau, einen Soldaten töten wollten. Und alles hatte seinen Preis.“
Auf Kinder zu schießen, war eine der teuersten Varianten für die perversen Sniper-Touristen. Wie hoch die „Preise“ für die verschiedenen Menschengruppen waren, differiert in den bisher vorliegenden Berichten allerdings beträchtlich. John Jordan, der Feuerwehrmann, berichtete davon, dass die Sniper, wenn etwa eine Mutter mit ihrem Kind auf der berüchtigten Sniper-Alley in Sarajevo unterwegs war, zuerst das Kind und dann die Mutter erschossen.
2025 übergibt der italienische Journalist Ezio Gavazzeni, der intensiv zu dem Thema recherchiert hat, der Mailänder Staatsanwaltschaft eine Anzeige und jede Menge Materialien.
Nach Gavazzenis Darstellungen handelte es sich bei den mutmaßlichen Tätern um mindestens 100 wohlhabende Männer aus Italien, aber auch aus anderen westlichen Staaten, die für die „Menschensafaris“ 80.000 bis 100.000 Euro bezahlten. Einer von ihnen sei Besitzer einer Mailänder Privatklinik gewesen. (sn.at, 5.2.26)
Spur ins Friaul: Verdacht gegen Rechtsextremen
Während Gavazzeni zunächst keinen rechtsextremen Hintergrund als Motiv für die Sniper-Morde bestätigen will, findet die italienische Journalistin Mariana Maiorino in den Folgemonaten Hinweise und Aussagen zu einem möglichen Täter aus dem Friaul, die sie an die Staatsanwaltschaft in Mailand weitergibt. Demnach hat sich der mittlerweile 80-jährige Giuseppe V. aus San Vito al Tagliamento vor Jahren gegenüber seiner Umgebung mit seiner Beteiligung an den Sniper-Morden gebrüstet. Die „SN“:
Der Verdächtige sei dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen und mache aus seiner Verehrung für den Faschismus keinen Hehl. Die von ihr interviewte Zeugin habe den Mann als „verabscheuungswürdig“, „extrem böse“ und „waffenbegeistert“ bezeichnet.
Die italienischen Medien, die aus der kleinen Ortschaft im Friaul berichten, finden die Angaben über die politische Orientierung von den Nachbarn bestätigt: „Er hat seine rechtsgerichteten, faschistischen Ideen nie versteckt“ , zitiert „La Repubblica“ (6.2.26) seinen Arbeitgeber. Was nicht zu den Berichten von den wohlhabenden Sniper-Touristen passt, ist der Umstand, dass V. LKW-Fahrer war. Im Zuge einer Hausdurchsuchung bei ihm wurden sieben Waffen gefunden, für die er allerdings die entsprechenden Dokumente vorweisen konnte.
Am 9. Februar hatte V. einen ersten Einvernahmetermin bei der Mailänder Staatsanwaltschaft – zunächst einmal als Zeuge. Wie nicht anders zu erwarten, bestritt er jede Beteiligung an den Sniper-Einsätzen und ebenso, dass er gegenüber anderen Personen mit seinem Einsatz als Sniper-Tourist in Sarajevo geprahlt habe. Diese Ermittlungen stehen also noch am Anfang.
Weitere Hinweise auf Täternetzwerke mit rechtsextremen Motiven
Mittlerweile werden die Hinweise auf andere Täter konkreter, aber auch noch umfangreicher. Sie belegen ebenfalls neben der puren Mordlust rechtsextreme Motive. Die bosnische Journalistin Mensura Burridge, Autorin eines Buches über die Kinder von Sarajevo, berichtet von einer Chronologie der unfassbaren Morde:
Als erstes sollen Einheimische für die Tötung von Kindern und Erwachsenen bezahlt haben. Das berichtet die bosnische Journalistin Mensura Burridge. „Dann trafen nationalistische Gruppen aus Griechenland, Bulgarien, der Ukraine, Russland und Weißrussland ein. Erst später kamen Scharfschützen aus westlichen Ländern, darunter Briten, Deutsche und Italiener.“ (augsburger-allgemeine.de, 10.2.26)
Spur nach Österreich: Warum ermittelt nur Italien?
Die eigentliche Frage ist aber ohnehin, warum es 30 Jahre bis zur Aufnahme von Ermittlungen gedauert hat und – darauf weist nicht nur der Journalist Gavazzeni hin – warum nur in Italien ermittelt wird.
Laut Gavazzeni beteiligten sich auch Bürger aus Österreich und Deutschland an den „Menschen-Safaris” in Sarajevo. „Jedes Land, auch Österreich, sollte Ermittlungen einleiten, wie wir es in Italien getan haben. Jedes Land sollte seine Hausaufgaben machen”, sagte der 66-jährige Gavazzeni im Gespräch mit der APA in Rom. (derstandard.at, 6.2.26)
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