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Lesezeit: 4 Minuten

Menschen-Safaris in Sarajevo: 30 Jahre Schweigen, jetzt erste Ermittlungen

Die Taten sind mons­trös: Wohl­ha­ben­de „Sni­per-Tou­ris­ten“ sol­len in Sara­je­vo gezielt Zivilist:innen erschos­sen haben – Men­schen-Safa­ris gegen Bezah­lung. Erst jetzt ermit­telt die Mai­län­der Staats­an­walt­schaft. Hin­wei­se füh­ren auch nach Öster­reich und Deutsch­land, wo aller­dings nicht ermit­telt wird.

13. Feb. 2026
Sniper (Symbolfoto, KI-generiert)
Sniper (Symbolfoto, KI-generiert)

Belagerung Sarajevos und erste Hinweise auf „Menschen-Safaris“

Fast vier Jah­re, zwi­schen April 1992 und Febru­ar 1996, ist Sara­je­vo bela­gert wor­den und kos­te­te etwa 11.000 Men­schen das Leben. Von ser­bi­scher Sei­te wur­den dabei Hecken­schüt­zen ein­ge­setzt, die nicht nur bos­ni­sche Mili­tärs, son­dern gezielt Zivi­lis­ten töte­ten bzw. ver­wun­de­ten. 1995 hat­te der „Cor­rie­re del­la Ser­ra“ zum ers­ten Mal über den Ver­dacht berich­tet, dass rei­che Tou­ris­ten in Sara­je­vo gegen Bezah­lung als Sni­per Zivi­lis­ten erschie­ßen. Angeb­lich hat der ita­lie­ni­sche Geheim­dienst Sis­mi die­se Sni­per-Safa­ris, die über Tri­est orga­ni­siert wur­den, abge­stellt, aber nicht wei­ter ermittelt.

Im Haa­ger Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal des inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­ho­fes über das ehe­ma­li­ge Jugo­sla­wi­en kamen 2007 die Sni­per-Ein­sät­ze wie­der zur Spra­che. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Feu­er­wehr­mann John Jor­dan, der in Sara­je­vo im Ein­satz war, schil­der­te sei­ne Beob­ach­tun­gen von Tou­ris­ten, die bewaff­net waren, als ob sie auf Wild­schwein­jagd im Schwarz­wald unter­wegs wären.

Töten nach Preisliste

Wei­te­re Jah­re spä­ter, 2022, erscheint dann ein Doku­men­tar­film: „Sara­je­vo Safa­ri“ von dem slo­we­ni­schen Regis­seur Miran Zupa­nič. Die „Salz­bur­ger Nach­rich­ten“ (5.2.26) dazu:

Dar­in kommt auch der ehe­ma­li­ge bos­ni­sche Geheim­dienstagent Edin Sub­ašić zu Wort. Er sag­te: „Was mich am meis­ten scho­ckier­te, war, dass die Scharf­schüt­zen wähl­ten, ob sie einen erwach­se­nen Zivi­lis­ten, eine Frau, ein Kind, eine schwan­ge­re Frau, einen Sol­da­ten töten woll­ten. Und alles hat­te sei­nen Preis.“

Auf Kin­der zu schie­ßen, war eine der teu­ers­ten Vari­an­ten für die per­ver­sen Sni­per-Tou­ris­ten. Wie hoch die „Prei­se“ für die ver­schie­de­nen Men­schen­grup­pen waren, dif­fe­riert in den bis­her vor­lie­gen­den Berich­ten aller­dings beträcht­lich. John Jor­dan, der Feu­er­wehr­mann, berich­te­te davon, dass die Sni­per, wenn etwa eine Mut­ter mit ihrem Kind auf der berüch­tig­ten Sni­per-Alley in Sara­je­vo unter­wegs war, zuerst das Kind und dann die Mut­ter erschossen.

2025 über­gibt der ita­lie­ni­sche Jour­na­list Ezio Gavazze­ni, der inten­siv zu dem The­ma recher­chiert hat, der Mai­län­der Staats­an­walt­schaft eine Anzei­ge und jede Men­ge Materialien.

Nach Gavazze­nis Dar­stel­lun­gen han­del­te es sich bei den mut­maß­li­chen Tätern um min­des­tens 100 wohl­ha­ben­de Män­ner aus Ita­li­en, aber auch aus ande­ren west­li­chen Staa­ten, die für die „Men­schen­sa­fa­ris“ 80.000 bis 100.000 Euro bezahl­ten. Einer von ihnen sei Besit­zer einer Mai­län­der Pri­vat­kli­nik gewe­sen. (sn.at, 5.2.26)

Spur ins Friaul: Verdacht gegen Rechtsextremen

Wäh­rend Gavazze­ni zunächst kei­nen rechts­extre­men Hin­ter­grund als Motiv für die Sni­per-Mor­de bestä­ti­gen will, fin­det die ita­lie­ni­sche Jour­na­lis­tin Maria­na Mai­o­ri­no in den Fol­ge­mo­na­ten Hin­wei­se und Aus­sa­gen zu einem mög­li­chen Täter aus dem Fri­aul, die sie an die Staats­an­walt­schaft in Mai­land wei­ter­gibt. Dem­nach hat sich der mitt­ler­wei­le 80-jäh­ri­ge Giu­sep­pe V. aus San Vito al Taglia­men­to vor Jah­ren gegen­über sei­ner Umge­bung mit sei­ner Betei­li­gung an den Sni­per-Mor­den gebrüs­tet. Die „SN“:

Der Ver­däch­ti­ge sei dem rechts­extre­men Spek­trum zuzu­ord­nen und mache aus sei­ner Ver­eh­rung für den Faschis­mus kei­nen Hehl. Die von ihr inter­view­te Zeu­gin habe den Mann als „ver­ab­scheu­ungs­wür­dig“, „extrem böse“ und „waf­fen­be­geis­tert“ bezeichnet.

Die ita­lie­ni­schen Medi­en, die aus der klei­nen Ort­schaft im Fri­aul berich­ten, fin­den die Anga­ben über die poli­ti­sche Ori­en­tie­rung von den Nach­barn bestä­tigt: „Er hat sei­ne rechts­ge­rich­te­ten, faschis­ti­schen Ideen nie ver­steckt“ , zitiert „La Repubbli­ca“ (6.2.26) sei­nen Arbeit­ge­ber. Was nicht zu den Berich­ten von den wohl­ha­ben­den Sni­per-Tou­ris­ten passt, ist der Umstand, dass V. LKW-Fah­rer war. Im Zuge einer Haus­durch­su­chung bei ihm wur­den sie­ben Waf­fen gefun­den, für die er aller­dings die ent­spre­chen­den Doku­men­te vor­wei­sen konnte.

Am 9. Febru­ar hat­te V. einen ers­ten Ein­ver­nah­me­ter­min bei der Mai­län­der Staats­an­walt­schaft – zunächst ein­mal als Zeu­ge. Wie nicht anders zu erwar­ten, bestritt er jede Betei­li­gung an den Sni­per-Ein­sät­zen und eben­so, dass er gegen­über ande­ren Per­so­nen mit sei­nem Ein­satz als Sni­per-Tou­rist in Sara­je­vo geprahlt habe. Die­se Ermitt­lun­gen ste­hen also noch am Anfang.

Weitere Hinweise auf Täternetzwerke mit rechtsextremen Motiven

Mitt­ler­wei­le wer­den die Hin­wei­se auf ande­re Täter kon­kre­ter, aber auch noch umfang­rei­cher. Sie bele­gen eben­falls neben der puren Mord­lust rechts­extre­me Moti­ve. Die bos­ni­sche Jour­na­lis­tin Men­su­ra Bur­ridge, Autorin eines Buches über die Kin­der von Sara­je­vo, berich­tet von einer Chro­no­lo­gie der unfass­ba­ren Morde:

Als ers­tes sol­len Ein­hei­mi­sche für die Tötung von Kin­dern und Erwach­se­nen bezahlt haben. Das berich­tet die bos­ni­sche Jour­na­lis­tin Men­su­ra Bur­ridge. „Dann tra­fen natio­na­lis­ti­sche Grup­pen aus Grie­chen­land, Bul­ga­ri­en, der Ukrai­ne, Russ­land und Weiß­russ­land ein. Erst spä­ter kamen Scharf­schüt­zen aus west­li­chen Län­dern, dar­un­ter Bri­ten, Deut­sche und Ita­lie­ner.“ (augsburger-allgemeine.de, 10.2.26)

Spur nach Österreich: Warum ermittelt nur Italien?

Die eigent­li­che Fra­ge ist aber ohne­hin, war­um es 30 Jah­re bis zur Auf­nah­me von Ermitt­lun­gen gedau­ert hat und – dar­auf weist nicht nur der Jour­na­list Gavazze­ni hin – war­um nur in Ita­li­en ermit­telt wird.

Laut Gavazze­ni betei­lig­ten sich auch Bür­ger aus Öster­reich und Deutsch­land an den „Men­schen-Safa­ris” in Sara­je­vo. „Jedes Land, auch Öster­reich, soll­te Ermitt­lun­gen ein­lei­ten, wie wir es in Ita­li­en getan haben. Jedes Land soll­te sei­ne Haus­auf­ga­ben machen”, sag­te der 66-jäh­ri­ge Gavazze­ni im Gespräch mit der APA in Rom. (derstandard.at, 6.2.26)

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