Bei der FPÖ ist Trump längst mehr als ein politischer Sympathieträger – er ist eine Gebrauchsanweisung für Machtpolitik gegen „das System“. Nach Trumps Wahlsieg 2024 jubelte Herbert Kickl über eine „Schlappe für das System inklusive Experten und vereinigte Medien“ (1) – also genau jene antiinstitutionelle Erzählung, mit der Trump Justiz, Medien und demokratische Kontrolle seit Jahren delegitimiert.
2025 wurde daraus offene Strategie: Die FPÖ kündigte an, ihre Kontakte zu US-Republikanern und zur MAGA-Szene gezielt zu intensivieren. Christian Hafenecker sprach von „wirklich etwas am Entstehen“ (2), nannte Fidesz als Vermittler und betonte die inhaltliche Nähe bei Migration und Russlandpolitik. Der Kontakt in Richtung MAGA innerhalb der FPÖ wurde vor allem von Harald Vilimsky über dessen regelmäßige Gespräche mit Vertretern der libertären Lobbyorganisation „Heartland Institute“ aufgebaut und gepflogen.

Minneapolis: Schüsse, Vertuschung, Staatslügen
In Minneapolis, im Winterlicht, wirkt vieles normal: ein Schulweg, ein SUV am Straßenrand, Atemwolken in der Kälte. Und dann dieser Satz, ruhig gesagt, ohne Pathos, fast wie eine Entschuldigung: “That’s fine, dude, I’m not mad at you.” – „Schon okay, Mann, ich bin nicht wütend auf dich.“ Sekunden später feuert ein ICE-Agent drei Schüsse ab. Renée Good, 37, Mutter von drei Kindern, stirbt im Auto. (3)
Dass ein Mensch so stirbt, ist schon unerträglich. Aber was daraus gemacht wurde, ist das zweite Verbrechen: die Lüge als Staatskommunikation. Die Heimatschutzministerin erklärte, Good habe ihr Auto „weaponized“, also „als Waffe eingesetzt“, sie habe versucht, ICE-Agenten zu überfahren. Trump machte daraus öffentlich „domestic terrorism“ (4). Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey sah das Video und nannte die Darstellung der Regierung „bullshit“ (5). Eingesetzt wird tatsächlich das Handys als „best weapon“ (6) im Kampf gegen ICE – um Bilder der staatlich abgesegneten Gewalttaten anzufertigen, die den Lügen des Trump-Regimes trotzen.

Nur wenige Tage später liegt wieder ein US-Bürger, wieder in Minneapolis, tot auf dem Asphalt: Alex Pretti, im selben Alter wie Renée Good, Intensivpfleger, von ICE-Agenten einer Hinrichtung gleich mit zehn Schüssen in den Rücken ermordet. Wieder läuft zuerst die Erzählmaschine an. Das „Heimatschutzministerium“ (DHS) und Trumps Leute deuteten an, Pretti habe mit einer Waffe gedroht. Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses und Trumps „Migrationsberater“, nannte Pretti „Inlandsterrorist“ und „Beinahe-Attentäter“ (7). Doch eine erste interne Überprüfung erwähnte nicht einmal, dass er eine Waffe gezogen hätte, ein Video zeigte ihn mit einem Handy – und nicht mehr. Sechs Fälle, beschreibt Reuters (4), in denen das DHS nach Gewalt von Beginn an eine Erzählung kontrollieren wollte, die mit Beweisen später widerlegt wurden.
Wenn Kinder zu Ködern werden und Ältere im Visier stehen
Und während Menschen auf offener Straße erschossen werden, entführt ICE andere „nur“. Da ist der erst fünfjährige Liam: blaue Mütze, Spider-Man-Rucksack, gerade aus dem Kindergarten-Alltag zurück. Maskierte Beamte nehmen den Vater an der Einfahrt fest und versuchen danach, den Jungen „as bait“ – „als Köder“ zu benutzen, um die Mutter aus dem Haus zu locken. Eine Zeugin beschreibt Liams Gesicht: „frozen and paralyzed“ – „wie erstarrt und gelähmt“ (8). Dann wird der Bub in einen schwarzen SUV gesetzt, und das Auto fährt ab.
In Minnesota klagen Behörden und Lehrergewerkschaft, weil ICE-Einsätze bis an Schulen und Schulbusse heranreichen und minderjährige Schüler:innen festgenommen wurden – die Angst frisst sich in Klassenzimmer und Pausenhöfe. Online-Unterricht wird organisiert, weil Kinder nicht mehr wagen, in die Schule zu kommen. (9)

Auch Alte, Kranke, Unbeteiligte geraten in dieses brutale Räderwerk: Aus St. Paul (Minnesota) berichten Angehörige des unbescholtenen 56-jährigen US-Bürgers ChongLy Scott Thao, ICE-Leute hätten die Tür aufgebrochen, ihn mit vorgehaltener Waffe abgeführt – halb nackt, in Unterwäsche und Decke in der Kälte. Bilder von der Verhaftung gehen um die Welt. Sein Enkel habe alles gesehen und geweint. Thao sagt: „They didn’t say anything. no sorry, anything.“ – „Sie haben nichts gesagt. Keine Entschuldigung. Nichts.“ (10)
St. Paul Mayor Kaohly Her, who is a family friend of ChongLy “Scott” Thao, called the aggressive actions of federal immigration enforcement agents unjustifiable and said she’s livid about what happened.
— Minnesota Star Tribune (@startribune.com) 21. Januar 2026 um 03:55
Die faschistische Ästhetik der Einschüchterung
Die Botschaft der Brutalität verkörpert Gregory Bovino. Er ist die Figur eines militarisierten Kampfes gegen Migration, eingesetzt als „commander-at-large“, direkt der Ministerin unterstellt, an der Hierarchie vorbei. Er präsentiert sich in SS-ähnlicher Aufmachung. Der US-Historiker Timothy Snyder sagte dazu, Bovino stilisiere sich „als Himmler oder Heydrich“ (11).
In Minneapolis wurde daraus eine Ästhetik der Einschüchterung: maskierte, schwer bewaffnete Agenten in Konvois – eine Inszenierung, die bei vielen nicht mehr „Law & Order“ auslöst, sondern das Gefühl: Der Staat tritt dir nicht mehr als Institution gegenüber, sondern als Truppe.
Wenn es in den letzten Wochen einen Soundtrack zum Leben in Minneapolis gegeben hat, dann sind es die schrillen Pfeifen und Hupen von Tausenden von Menschen, die Einwanderungsbeamten durch die Stadt folgen. (…) Sie sind Lehrer, Wissenschaftler und Eltern, die zu Hause bleiben. Sie besitzen kleine Unternehmen und Wirtshaustische. Ihr Netzwerk ist weitläufig, oft anonym und mit wenigen allgemeinen Zielen, außer Einwanderern zu helfen, vor herannahenden Beamten zu warnen oder Videos zu drehen, um der Welt zu zeigen, was gerade passiert. (12)
Die Logistik der Entmenschlichung
Und irgendwo darüber – oder genauer: dahinter, dort wo man nicht hinschaut – laufen die „Geisterflüge“. Eine Reportage von t‑online (13) zeigt den Mann, der versucht, das Unsichtbarmachen zu stoppen: Nick Benson steht am Parkdeck des Flughafens Minneapolis-St. Paul und dokumentiert mit seiner Fotokamera Abschiebeflüge, weil die Regierung keine verlässlichen Daten herausgibt. Er beschreibt, was unten am Rollfeld passiert, sachlich, fast flüsternd und gerade deshalb so verstörend:
Benson löst seine Kamera aus. Klick. Klick. Klick. „Sie sind gefesselt”, sagt er leise, ohne den Blick vom Sucher zu nehmen. „Ketten um die Hände, Füße, Hüfte. Alles miteinander verbunden.” Wer sie sind, was sie getan haben, ob sie wirklich Vergewaltiger und Schwerkriminelle sind, wie die Trump-Regierung regelmäßig behauptet, kann keiner außer den Anwälten wirklich überprüfen. Bensons Stimme stockt. Er nimmt die Hände von der Kamera, blinzelt, in seinen Augen sammelt sich ein wässriger Film. „Sorry, aber das treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, wie man das sehen und normal finden kann”, sagt er. (13)

Was in den USA vorangetrieben wird, ist ein humanitärer Zustand, in dem Gewalt nicht nur passiert, sondern gerechtfertigt, verdreht und nachträglich zu Propaganda verarbeitet wird: Tote werden zu „Terroristen“, Kinder zu „Ködern“, Fehler zu „Kollateralschaden“. Und jedes Mal soll die Öffentlichkeit lernen, wegzusehen oder zu glauben, dass es „schon stimmen wird“, wenn die Regierung es sagt. Darin liegt die Gefahr: Nicht nur in den Schüssen. Sondern in der Normalisierung der Lüge, die sie begleitet.
Oder, um es mit Herbert Kickl zu sagen: „Das ist doch wunderbar!” Zu den Erschießungen von Renée Good und Alex Pretti schweigen die FPÖ-Spitzen. Anders war es bei Charlie Kirk: Da kullerten die verbalen Tränen noch reichlich. Aber der war ja auch ein rechtsextremer Hetzer und wurde nicht von den Trump-Schergen ermordet.

Quellen:
1 orf.at, 6.11.24: Gratulationen an Trump von vielen Seiten
2 orf.at, 16.3.26: FPÖ will Kontakte zu US-Republikanern intensivieren
3 reuters.com, 9.1.26: New video emerges of Minnesota shooting, further inflaming tensions
4 reuters.com, 27.1.26: In six violent encounters, evidence contradicts Trump immigration officials’ narratives
5 reuters.com, 7.1.26: US immigration agent fatally shoots woman in Minneapolis, mayor disputes government claim of self-defense
6 nytimes.com, 26.1.26: The Best Weapon You Have in the Fight Against ICE
7 reuters.com, 28.1.26: US review of Alex Pretti killing does not mention him brandishing firearm
8 reuters.com, 22.1.26: ICE detains four Minnesota children including five-year-old, school officials say
9 nytimes.com,15.1.26: Minneapolis Schools Allow Students to Learn Online Amid ICE Fears
10 cbsnews.com, 27.1.26: ICE arrests underdressed Hmong-American man inside his St. Paul home over mistaken identity, family says
11 fuldainfo.de, 31.1.26: Snyder: Parallelen zwischen Trumps Regierungsstil und Nazi-Methoden
12 pbs.org, 29.1.26: Minneapolis community defies ICE to warn immigrants of approaching agents
13 t‑online.de, 14.1.26: Trumps Logistik der Angst
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