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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Mitregieren von Rechtsaußen stärkt Rechtsaußen und bindet die Jugend

Neue Stu­di­en zei­gen: Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen schwä­chen Rechts­au­ßen­par­tei­en nicht, sie machen sie stär­ker. Gleich­zei­tig ver­an­kert sich die AfD bei jun­gen Wähler*innen im Osten. Für den Umgang mit der FPÖ ist das eine deut­li­che Warnung.

24. Nov. 2025
Wahlen (Wilhelmine Wulff; pixelio.de)
Wahlen (Wilhelmine Wulff; pixelio.de)

Vie­le Demo­kra­tien ste­hen vor der­sel­ben Fra­ge: Soll man Rechts­au­ßen­par­tei­en von der Regie­rung fern­hal­ten oder sie in Ver­ant­wor­tung brin­gen, in der Hoff­nung, dass sie sich abnüt­zen und mäßi­gen? Eine neue ver­glei­chen­de Stu­die der Poli­tik­wis­sen­schaf­te­rin­nen Anni­na Her­mes und Hei­ke Klü­ver gibt auf die­se Fra­ge eine für Anhänger*innen des Mit­re­gie­ren­las­sens eine ernüch­tern­de Antwort.

Die bei­den ana­ly­sie­ren 1.237 Regie­rungs­bil­dun­gen in 57 Demo­kra­tien zwi­schen 1976 und 2023. Im Gast­kom­men­tar in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ (18.11.25) fasst Klü­ver das so zusam­men: Die ver­brei­te­te Hoff­nung, man kön­ne Rechts­au­ßen­par­tei­en durch Regie­rungs­be­tei­li­gung schwä­chen, erwei­se sich als Irr­glau­be. Statt Ent­zau­be­rung kommt es zur Nor­ma­li­sie­rung: Die Par­tei­en gewin­nen an Legi­ti­mi­tät, und zugleich ver­schiebt sich die Poli­tik ins­ge­samt nach rechts – etwa in der Migrationspolitik.

Damit ist die Stu­die auch ein Bei­trag zur Debat­te um die „Brand­mau­er“ gegen­über der AfD in Deutsch­land: Wer die Par­tei in Regie­run­gen holt, ris­kiert, sie dau­er­haft zu ver­an­kern und nor­ma­li­siert gleich­zei­tig ihre The­men und Rhetorik.

Jugend in Deutschlands Osten: Die AfD als feste Größe

Wäh­rend Her­mes und Klü­ver auf die Ebe­ne von Regie­run­gen und Wahl­re­sul­ta­ten bli­cken, zoomt eine zwei­te Stu­die auf eine beson­ders wich­ti­ge Grup­pe: jun­ge Wähler*innen. Anna-Sophie Hein­ze und Timon Scheu­er unter­su­chen in „Gro­wing Up Far Right? Youth Sup­port for the AfD in Eas­tern Ger­ma­ny“ die Land­tags­wah­len 2024 in Sach­sen, Thü­rin­gen und Brandenburg.

Die Autor*innen wer­te­ten zwei Online-Befra­gun­gen vor und nach den Wah­len aus (jeweils ca. 500 Per­so­nen, mit Extra­s­am­ple für 16- bis 29-Jäh­ri­ge). Ihr Ergeb­nis: Die AfD ist in die­ser Alters­grup­pe die mit Abstand belieb­tes­te Par­tei. In der ers­ten Wel­le gaben 21,6 % der 16- bis 29-Jäh­ri­gen an, AfD wäh­len zu wol­len. In der zwei­ten Wel­le lag die tat­säch­li­che AfD-Stim­me bei 29,4 %. Die meis­ten die­ser jun­gen AfD-Wähler*innen hat­ten die Par­tei schon bei der Bun­des­tags­wahl 2021 gewählt. Die Unter­stüt­zung ist also nicht bloß Lau­ne des Augen­blicks, son­dern stabil.

Hein­ze und Scheu­er arbei­ten mit dem klas­si­schen sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Kon­zept der Par­tei­iden­ti­fi­ka­ti­on, womit eine län­ger­fris­ti­ge Bin­dung an eine Par­tei gemeint ist: eher „das ist unse­re Par­tei“ als spon­ta­ne Sym­pa­thie für ein The­ma. Für jun­ge AfD-Wähler*innen zeigt sich, dass die­se Par­tei­b­in­dung der stärks­te Ein­zel­fak­tor für ihre Wahl­ent­schei­dung ist. Kan­di­da­ten­prä­fe­ren­zen und kon­kre­te Sach­fra­gen (z.B. wel­ches The­ma gera­de das wich­tigs­te Pro­blem ist) spie­len zwar auch eine Rol­le, sind aber weni­ger ent­schei­dend als bei älte­ren Wählergruppen.

Nativismus statt bloßem „Protest”

Im zwei­ten Schritt fra­gen die Autor*innen, wel­che Ein­stel­lun­gen die­se Par­tei­b­in­dung an die AfD bei jun­gen Men­schen erklä­ren. Sie schau­en auf vier Grö­ßen: Popu­lis­mus, Nati­vis­mus, Auto­ri­ta­ris­mus und rechts­extre­me Einstellungen.

  • Popu­lis­mus ver­ste­hen sie in Anleh­nung an Cas Mud­de als Sicht­wei­se, die Gesell­schaft in „das rei­ne Volk“ und „die kor­rup­te Eli­te“ spal­tet und Poli­tik als Wil­len die­ses „Vol­kes“ begreift.
  • Nati­vis­mus bezeich­net die Über­zeu­gung, dass ein Staat im Kern „den Ein­hei­mi­schen“ gehö­re und „Nicht-Ein­hei­mi­sche“ als Bedro­hung des „Volks­kör­pers“ gese­hen werden.

Das zen­tra­le Ergeb­nis: Für jun­ge AfD-Anhänger*innen ist Nati­vis­mus der ein­zi­ge sta­bil und deut­lich bedeut­sa­me Prä­dik­tor für Par­tei­b­in­dung. Das heißt wenig über­ra­schend: Wer stark nati­vis­tisch ein­ge­stellt ist, iden­ti­fi­ziert sich eher mit der AfD. Popu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen dage­gen sind unter Anhänger*innen vie­ler Par­tei­en ver­brei­tet und erklä­ren für sich genom­men die AfD-Bin­dung jun­ger Men­schen kaum. Sie sind so etwas wie „Grund­rau­schen“ im Osten. Auto­ri­tä­re Ein­stel­lun­gen fal­len bei jun­gen Leu­ten ins­ge­samt schwä­cher aus und spie­len – anders als oft ver­mu­tet – kei­ne eigen­stän­di­ge Rol­le für ihre AfD-Bindung.

Hein­ze und Scheu­er spre­chen daher von einer „nor­ma­li­sa­ti­on of far-right posi­ti­ons among youn­ger gene­ra­ti­ons“: Rechts­au­ßen-Posi­tio­nen – vor allem anti-migran­ti­sche – sind bei einem Teil der jun­gen Gene­ra­ti­on nicht mehr Tabu­bruch, son­dern poli­ti­scher All­tag. Unter­stüt­zung für die AfD unter jun­gen Wähler*innen ist, so die Autorin­nen, „nicht nur auf­fal­lend sta­bil, son­dern eng an star­ke Par­tei­iden­ti­fi­ka­ti­on und aus­ge­präg­te nati­vis­ti­sche Ein­stel­lun­gen gekop­pelt“(Heinze/Scheuer, S. 2).

Prak­tisch lei­ten sie dar­aus eine kla­re War­nung ab: Wer AfD-Wähler*innen als blo­ße Protestwähler*innen behan­delt, unter­schätzt die Tie­fe ihrer Bin­dung. Und wer glaubt, man kön­ne sie durch das Kopie­ren har­ter Rechts­au­ßen-Posi­tio­nen zurück­ho­len, irrt. Wenn ande­re Par­tei­en die­sel­ben Frames über­neh­men, nor­ma­li­sie­ren sie vor allem die­se Ideo­lo­gie, ohne die AfD-Basis zu brechen.

Was heißt das für Österreich und die FPÖ?

Für Öster­reich sind die­se Befun­de hoch­re­le­vant. Die FPÖ wird in der For­schung seit Jah­ren als rechts­extrem ein­ge­ord­net, deren Pro­gramm stark von nati­vis­ti­schen, anti-migran­ti­schen Posi­tio­nen geprägt ist. Gleich­zei­tig ist Öster­reich eines der klas­si­schen Labor­län­der für die Regie­rungs­be­tei­li­gung der äußers­ten Rech­ten – von der schwarz-blau­en/oran­gen Regie­rung unter Schüs­sel über Tür­kis-Blau bis zu den geschei­ter­ten Koali­ti­ons­ver­su­chen nach der Wahl 2024. Zer­bro­chen ist die FPÖ auf Bun­des­ebe­ne jeweils an sich selbst, aber kei­nes­wegs durch „Ent­zau­be­rung“ ihrer prak­ti­schen Posi­tio­nen. Das zeigt auch, dass die FPÖ sich nach Abstür­zen durch Skan­da­le und Selbst­de­struk­ti­on sehr schnell wie­der erho­len konn­te und nur fünf Jah­re nach Ibi­za klar den ers­ten Rang bei der Natio­nal­rats­wahl 2024 errin­gen konnte.

Auf Lan­des­ebe­ne sticht Ober­ös­ter­reich mit der mitt­ler­wei­le zwei­ten Legis­la­tur­pe­ri­ode der FPÖ als Juni­or­part­ner der ÖVP her­vor. Die jüngs­te Umfra­ge, die von den „Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten“ (22.11.25) in Auf­trag gege­ben wur­de, weist für die FPÖ 35 % auf (19,8 % bei der Land­tags­wahl 2021), und die ÖVP stürzt von 37,6 % (2021) auf 25 % ab. Gewählt wird in Ober­ös­ter­reich wie­der 2027.

OBERÖSTERREICH | Sonntagsfrage Landtagswahl Spectra/OÖN FPÖ: 35% (+4) OÖVP: 25% (+3) SPÖ: 19% (-3) GRÜNE: 14% (+2) NEOS: 6% (-2) MFG: 1% Sonstige: 0% (-4) Änderungen zur letzten Umfrage vom 30. November 2024
Ober­ös­ter­reich, Sonn­tags­fra­ge Land­tags­wahl. (Aller­dings nur Online-Befra­gung, ein nied­ri­ger Sam­ple und damit eine hohe Schwan­kungs­brei­te!) (Gra­fik @de.whln.eu – Blues­ky)

Her­mes und Klü­ver zei­gen ein­deu­tig: Die Idee, man kön­ne eine Rechts­au­ßen­par­tei durch Regie­rungs­ver­ant­wor­tung dau­er­haft schwä­chen, wird empi­risch nicht gestützt. Wenn die FPÖ mit­re­giert, ist aus die­ser Per­spek­ti­ve eher zu erwar­ten, dass sie struk­tu­rell gestärkt und wei­ter nor­ma­li­siert wird. Und im Wind­schat­ten von rechts­extre­men Par­tei­en die Demon­ta­ge demo­kra­ti­scher Struk­tu­ren zuguns­ten auto­ri­tä­rer Model­le und nicht zuletzt das Anstei­gen von gewalt­tä­ti­gem Neonazismus.

Hinter die Ohren

Die Jugend­stu­die zu Ost­deutsch­land ist zwar kein 1:1‑Modell für Öster­reich, aber sie zeigt, wie gefähr­lich die­se Nor­ma­li­sie­rung lang­fris­tig wir­ken kann: Eine Rechts­au­ßen­par­tei, die bei jun­gen Men­schen mit sta­bi­len, nati­vis­ti­schen Ein­stel­lun­gen ver­an­kert ist, ver­schwin­det nicht wie­der von allein. Sie prägt poli­ti­sche Sozia­li­sa­ti­on und Dis­kurs über Jahr­zehn­te. Öster­reich ist dies­be­züg­lich im Gan­zen wie der Osten Deutsch­lands: schon (zu) weit fortgeschritten.

Für den Umgang mit der FPÖ bedeu­tet das: Eine „Brand­mau­er“ ist kein mora­li­scher Luxus, son­dern stra­te­gi­sche Selbst­ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie. Wer die Par­tei in die Regie­rung holt oder ihre nati­vis­ti­schen Posi­tio­nen kopiert, spielt mit genau jener Dyna­mik, die bei­de Stu­di­en beschrei­ben: Regie­rungs­be­tei­li­gung stärkt Rechts­au­ßen, und eine nor­ma­li­sier­te Rechts­au­ßen­par­tei bin­det sich tief in die nächs­te Wähler*innengeneration ein. Das soll­ten sich nicht nur die ÖVP, son­dern auch die SPÖ, ins­be­son­de­re deren Lan­des­chefs, hin­ter die Ohren schreiben!

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