Viele Demokratien stehen vor derselben Frage: Soll man Rechtsaußenparteien von der Regierung fernhalten oder sie in Verantwortung bringen, in der Hoffnung, dass sie sich abnützen und mäßigen? Eine neue vergleichende Studie der Politikwissenschafterinnen Annina Hermes und Heike Klüver gibt auf diese Frage eine für Anhänger*innen des Mitregierenlassens eine ernüchternde Antwort.
Die beiden analysieren 1.237 Regierungsbildungen in 57 Demokratien zwischen 1976 und 2023. Im Gastkommentar in der „Süddeutschen Zeitung“ (18.11.25) fasst Klüver das so zusammen: Die verbreitete Hoffnung, man könne Rechtsaußenparteien durch Regierungsbeteiligung schwächen, erweise sich als Irrglaube. Statt Entzauberung kommt es zur Normalisierung: Die Parteien gewinnen an Legitimität, und zugleich verschiebt sich die Politik insgesamt nach rechts – etwa in der Migrationspolitik.
Damit ist die Studie auch ein Beitrag zur Debatte um die „Brandmauer“ gegenüber der AfD in Deutschland: Wer die Partei in Regierungen holt, riskiert, sie dauerhaft zu verankern und normalisiert gleichzeitig ihre Themen und Rhetorik.
Jugend in Deutschlands Osten: Die AfD als feste Größe
Während Hermes und Klüver auf die Ebene von Regierungen und Wahlresultaten blicken, zoomt eine zweite Studie auf eine besonders wichtige Gruppe: junge Wähler*innen. Anna-Sophie Heinze und Timon Scheuer untersuchen in „Growing Up Far Right? Youth Support for the AfD in Eastern Germany“ die Landtagswahlen 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.
Die Autor*innen werteten zwei Online-Befragungen vor und nach den Wahlen aus (jeweils ca. 500 Personen, mit Extrasample für 16- bis 29-Jährige). Ihr Ergebnis: Die AfD ist in dieser Altersgruppe die mit Abstand beliebteste Partei. In der ersten Welle gaben 21,6 % der 16- bis 29-Jährigen an, AfD wählen zu wollen. In der zweiten Welle lag die tatsächliche AfD-Stimme bei 29,4 %. Die meisten dieser jungen AfD-Wähler*innen hatten die Partei schon bei der Bundestagswahl 2021 gewählt. Die Unterstützung ist also nicht bloß Laune des Augenblicks, sondern stabil.
Heinze und Scheuer arbeiten mit dem klassischen sozialwissenschaftlichen Konzept der Parteiidentifikation, womit eine längerfristige Bindung an eine Partei gemeint ist: eher „das ist unsere Partei“ als spontane Sympathie für ein Thema. Für junge AfD-Wähler*innen zeigt sich, dass diese Parteibindung der stärkste Einzelfaktor für ihre Wahlentscheidung ist. Kandidatenpräferenzen und konkrete Sachfragen (z.B. welches Thema gerade das wichtigste Problem ist) spielen zwar auch eine Rolle, sind aber weniger entscheidend als bei älteren Wählergruppen.
Nativismus statt bloßem „Protest”
Im zweiten Schritt fragen die Autor*innen, welche Einstellungen diese Parteibindung an die AfD bei jungen Menschen erklären. Sie schauen auf vier Größen: Populismus, Nativismus, Autoritarismus und rechtsextreme Einstellungen.
- Populismus verstehen sie in Anlehnung an Cas Mudde als Sichtweise, die Gesellschaft in „das reine Volk“ und „die korrupte Elite“ spaltet und Politik als Willen dieses „Volkes“ begreift.
- Nativismus bezeichnet die Überzeugung, dass ein Staat im Kern „den Einheimischen“ gehöre und „Nicht-Einheimische“ als Bedrohung des „Volkskörpers“ gesehen werden.
Das zentrale Ergebnis: Für junge AfD-Anhänger*innen ist Nativismus der einzige stabil und deutlich bedeutsame Prädiktor für Parteibindung. Das heißt wenig überraschend: Wer stark nativistisch eingestellt ist, identifiziert sich eher mit der AfD. Populistische Einstellungen dagegen sind unter Anhänger*innen vieler Parteien verbreitet und erklären für sich genommen die AfD-Bindung junger Menschen kaum. Sie sind so etwas wie „Grundrauschen“ im Osten. Autoritäre Einstellungen fallen bei jungen Leuten insgesamt schwächer aus und spielen – anders als oft vermutet – keine eigenständige Rolle für ihre AfD-Bindung.
Heinze und Scheuer sprechen daher von einer „normalisation of far-right positions among younger generations“: Rechtsaußen-Positionen – vor allem anti-migrantische – sind bei einem Teil der jungen Generation nicht mehr Tabubruch, sondern politischer Alltag. Unterstützung für die AfD unter jungen Wähler*innen ist, so die Autorinnen, „nicht nur auffallend stabil, sondern eng an starke Parteiidentifikation und ausgeprägte nativistische Einstellungen gekoppelt“(Heinze/Scheuer, S. 2).
Praktisch leiten sie daraus eine klare Warnung ab: Wer AfD-Wähler*innen als bloße Protestwähler*innen behandelt, unterschätzt die Tiefe ihrer Bindung. Und wer glaubt, man könne sie durch das Kopieren harter Rechtsaußen-Positionen zurückholen, irrt. Wenn andere Parteien dieselben Frames übernehmen, normalisieren sie vor allem diese Ideologie, ohne die AfD-Basis zu brechen.
Was heißt das für Österreich und die FPÖ?
Für Österreich sind diese Befunde hochrelevant. Die FPÖ wird in der Forschung seit Jahren als rechtsextrem eingeordnet, deren Programm stark von nativistischen, anti-migrantischen Positionen geprägt ist. Gleichzeitig ist Österreich eines der klassischen Laborländer für die Regierungsbeteiligung der äußersten Rechten – von der schwarz-blauen/orangen Regierung unter Schüssel über Türkis-Blau bis zu den gescheiterten Koalitionsversuchen nach der Wahl 2024. Zerbrochen ist die FPÖ auf Bundesebene jeweils an sich selbst, aber keineswegs durch „Entzauberung“ ihrer praktischen Positionen. Das zeigt auch, dass die FPÖ sich nach Abstürzen durch Skandale und Selbstdestruktion sehr schnell wieder erholen konnte und nur fünf Jahre nach Ibiza klar den ersten Rang bei der Nationalratswahl 2024 erringen konnte.
Auf Landesebene sticht Oberösterreich mit der mittlerweile zweiten Legislaturperiode der FPÖ als Juniorpartner der ÖVP hervor. Die jüngste Umfrage, die von den „Oberösterreichischen Nachrichten“ (22.11.25) in Auftrag gegeben wurde, weist für die FPÖ 35 % auf (19,8 % bei der Landtagswahl 2021), und die ÖVP stürzt von 37,6 % (2021) auf 25 % ab. Gewählt wird in Oberösterreich wieder 2027.

Hermes und Klüver zeigen eindeutig: Die Idee, man könne eine Rechtsaußenpartei durch Regierungsverantwortung dauerhaft schwächen, wird empirisch nicht gestützt. Wenn die FPÖ mitregiert, ist aus dieser Perspektive eher zu erwarten, dass sie strukturell gestärkt und weiter normalisiert wird. Und im Windschatten von rechtsextremen Parteien die Demontage demokratischer Strukturen zugunsten autoritärer Modelle und nicht zuletzt das Ansteigen von gewalttätigem Neonazismus.
Hinter die Ohren
Die Jugendstudie zu Ostdeutschland ist zwar kein 1:1‑Modell für Österreich, aber sie zeigt, wie gefährlich diese Normalisierung langfristig wirken kann: Eine Rechtsaußenpartei, die bei jungen Menschen mit stabilen, nativistischen Einstellungen verankert ist, verschwindet nicht wieder von allein. Sie prägt politische Sozialisation und Diskurs über Jahrzehnte. Österreich ist diesbezüglich im Ganzen wie der Osten Deutschlands: schon (zu) weit fortgeschritten.
Für den Umgang mit der FPÖ bedeutet das: Eine „Brandmauer“ ist kein moralischer Luxus, sondern strategische Selbstverteidigung der Demokratie. Wer die Partei in die Regierung holt oder ihre nativistischen Positionen kopiert, spielt mit genau jener Dynamik, die beide Studien beschreiben: Regierungsbeteiligung stärkt Rechtsaußen, und eine normalisierte Rechtsaußenpartei bindet sich tief in die nächste Wähler*innengeneration ein. Das sollten sich nicht nur die ÖVP, sondern auch die SPÖ, insbesondere deren Landeschefs, hinter die Ohren schreiben!
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