Bei den Wahlen zum tschechischen Abgeordnetenhaus, die am 3. und 4.10. stattfanden, erzielte die erstmals kandidierende Partei „Motoristé sobě“ (Autofahrer unter sich) 6,8 Prozent der Stimmen und ist damit neben der offen rechtsextremen Partei „Svoboda a přímá demokracie“ (Freiheit und direkte Demokratie), die auf 7,8 Prozent kam, die zweite offen rechtsextreme Kraft im Parlament. Die Wahlsiegerin „Ano 2011“ mit 34,5 Prozent wird allgemein als rechtspopulistisch bezeichnet. Im Europäischen Parlament (EP) ist sie mit der FPÖ in der Fraktion „Patrioten für Europa“. Die drei deutlich rechten Parteien streben eine Koalition an. Größter Stolperstein dafür scheint derzeit der Spitzenkandidat der Motoristen, Filip Turek, zu sein.
Turek, der 2024 mit über 150.000 Vorzugsstimmen in das Europäische Parlament gewählt wurde, sein Mandat dort aber wieder zurücklegte, um nun ins tschechische Parlament einzuziehen, will in der zukünftigen Koalition Außenminister werden, wofür er sich nach eigener Ansicht wegen seiner Tätigkeit als EP-Abgeordneter qualifiziert sieht.
Chats voller Hass
Der tschechischen Wähler*innenschaft waren zwar viele seiner rechtsextremen und rassistischen Positionen schon länger bekannt, aber in den letzten Wochen sind zusätzlich immer mehr Anschuldigungen gegen ihn aufgetaucht, die ihn eigentlich für jedes öffentliche Amt disqualifizieren müssten.
Das Medienportal „Deník N“ hat am 10. Oktober eine umfangreiche Sammlung von Turek-Screenshots veröffentlicht, die ein früherer Weggefährte, der Autojournalist Vojtěch Dobeš, zur Verfügung gestellt hat. Einige der Screenshots kursierten schon vorher anonym im Netz, konnten jedoch nicht auf ihre Echtheit überprüft werden. Das hat sich durch das Outing von Dobeš geändert. Die an die Polizei weitergeleiteten Screenshots enthüllen eine Geisteshaltung, die von Misogynie, Homophobie, Rassismus und faschistischer bzw. nationalsozialistischer Sympathie geprägt ist.
Gewaltfantasien und NS-Verherrlichung
Über einen Brandanschlag, den Neonazis in Vítkov im Jahr 2009 verübt hatten und bei dem ein zweijähriges Roma-Mädchen schwer verletzt worden war, schrieb er, dass die Verletzungen als „mildernde Umstände“ vom Gericht gewertet werden sollten, weil sie ein Roma-Mädchen betreffen. Wörtlich: „Das Zeug von jemandem in Brand zu setzen, ist Dummheit, aber die Tatsache, dass ein Zigeuner verbrannt wurde, sollte, wenn überhaupt, als mildernder Umstand angesehen werden, es ist genau das Gegenteil [von Dummheit].” (romea.cz, 10.10.25)
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (13.10.25) schreibt in ihrer Online-Ausgabe über die Screenshots:
In einem Kommentar wird etwa das Massaker von Christchurch, bei dem 2019 in einer Moschee 51 Menschen erschossen wurden, als „Saubermachen in Neuseeland“ tituliert. Unter einer Diskussion über das Klimabewusstsein jüngerer Generationen findet sich der Kommentar: „In den Ofen mit diesen Studenten“
Das Wahlrecht für Frauen bezeichnete er als den „größten Fehler des 20. Jahrhunderts“, während er Hitler und Mussolini lobt und den Holocaust verspottet.
Für Turek selbst sind die Recherchen Resultat einer gezielten Kampagne und das, was er von sich gegeben hat, verharmlost er als schwarzer Humor.
Offene Nazi-Symbolik
Die NZZ (18.10.25) berichtet von weiteren Vorwürfen:
Sogar offene NS-Anleihen schadeten Turek bisher wenig. So fuhr er einst Rennen mit einem Helm, auf dem das Abzeichen eines Jagdgeschwaders der Wehrmacht zu sehen war. Er besitze mehrere solche Sammlerstücke, erklärte Turek. Viral ging aber auch ein Foto, wie er die Hand zum Gruss aus dem Auto reckt. Seinen Tank füllte er laut eigenen Social-Media-Einträgen manchmal just mit 88 Litern – in der Neonaziszene steht der Zahlencode für «Heil Hitler».
Gewalt, Raserei, Galgen-Zettel
Es kursieren aber noch eine Reihe weiterer Vorwürfe und Anschuldigungen, die von einer Anzeige wegen Misshandlung seiner Ex-Partnerin über Untersuchungen wegen Raserei auf tschechischen Autobahnen bis hin zu einem Vorfall aus dem Jahr 2017 reichen, bei dem Turek einen Mitarbeiter der saudi-arabischen Botschaft bedroht hat:
Wie der öffentlich-rechtliche Tschechische Rundfunk am Mittwoch berichtete, habe Turek einen Zettel mit einem selbst gezeichneten Galgen hinter den Scheibenwischer von dessen Auto gesteckt. Auf dem Dach des Wagens soll der Botschaftsmitarbeiter außerdem die Patrone eines Jagdgewehrs entdeckt haben. (derstandard.at, 15.10.25)
Die polizeilichen Ermittlungen damals endeten mit einer Verwaltungsstrafe für Turek und Erklärungen seinerseits, die den Vorfall gänzlich anders darstellen sollten.

Koalitionspoker um das Außenministerium
Für die Regierungsbildung sind die Enthüllungen über Turek allerdings ein Problem. Andrej Babiš, der Wahlsieger von Ano, verkündete gleich nach der Wahl die Aufteilung der Ministerämter auf die drei Rechtsaußen-Parteien. Den Motoristen wurde neben dem Ministerium für Kultur und – absurderweise – dem Umweltministerium auch das Außenministerium versprochen, das Turek sogleich für sich beanspruchte.
Babiš ruderte nach den Vorwürfen etwas zurück und forderte seine Regierungspartner auf, ihre Ministerien mit externen Fachleuten zu besetzen. Die Motoristen haben bisher abgelehnt. Ähnlich wie in Österreich hat bei der Bestellung auch der Staatspräsident etwas mitzureden, der eine genaue Prüfung der Vorwürfe ankündigte.
Die Jugend der Motoristen
Unabhängig davon, was die rechten Koalitionspartner noch aushandeln, ist Turek nach allem, was bisher bekannt und belegt ist, in keiner öffentlichen Funktion tragbar. Aber abseits von den Vorwürfen an seine Person wird immer deutlicher, dass die Partei der Motoristen, die bisher zumeist als rechtslibertär beschrieben wurde, ein grundsätzliches Problem mit offenem Rechtsextremismus hat – und zwar nicht nur wegen Turek.
Beim Gründungskongress ihrer Jugendorganisation, „Motor Generation“, im November 2024, präsentierten die Jungmotoristen Schilder mit Sprüchen wie „Ich habe einen SS-Dolch zuhause“, „Zertifizierter Rassist“ und „Kongress 9.11“ mit Foto der Twin Towers und einem Flugzeug.
Die Vorwürfe gegen Filip Turek wurden von den Jungmotoristen als „schwarzer Humor“ verharmlost. Ihr Obmann Matěj Gregor, der den Verband auf „Ordnung und Disziplin“ trimmen will, ist übrigens von der eindeutig rechtsextremen Svoboda-Partei (SPD) zu den Motoristen gewechselt – nicht, weil er inhaltliche Probleme mit der rechtsextremen Ideologie der SPD gehabt hätte, sondern weil er für eine Vereinigung von SPD und Motoristen war.
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