In Neunkirchen hat die FPÖ eine Revolte, keinen Routinekrach. Auslöser war der radikale Schritt der Landespartei, Vizebürgermeister Marcus Berlosnig unmittelbar vor der Gemeinderatssitzung am 6. Oktober auszuschließen und tags darauf fast die gesamte Ortsfraktion (sieben von neun Mandatar*innen). Die Betroffenen stimmten für ein Sparpaket, das lokal mitverhandelt worden war, und arbeiten nun als „Wilde“ weiter. Nur zwei haben sich der Landesparteilinie gefügt: Bernd Trenk, der zugleich als parlamentarischer Mitarbeiter des Bundesparteigeneralsekretärs Michael Schnedlitz werkt, und Wilhelm Haberbichler, der nun seitens seiner aus der FPÖ gefeuerten Ex-Parteikolleg*innen als Stadtrat gefeuert werden soll.
Protest von der Basis
Bemerkenswert ist nicht nur die Härte von oben, sondern auch der offene Widerspruch von unten. Der kam selbst von der Ehefrau des FPÖ-Bezirkschefs und Landtagsabgeordneten Jürgen Handler, die der Partei öffentlich ein „Leb Wohl“ ausgerichtet hat – inklusive scharfer Kritik: „Diese Unwahrheiten und auch wie mit loyalen Parteifreunden umgegangen wird, sind für mich nicht mehr vertretbar.“ (zit. nach meinbezirk.at, 7.10.25) Ebenfalls öffentlich abgerechnet hat die Pittener FPÖ-Gemeinderätin Savana Günther-Habib: „…es geht nur noch um Macht, Intrigen und Selbstbedienung …“ Solche Sätze hört man selten aus Reihen, die sonst als diszipliniert gelten. Die Parteikritiker*innen erhielten bei ihren Postings Zustimmung – auch von kommunalen FPÖ-Funktionär*innen.

Die Neunkirchner schlagen zurück: „Nicht einmal lesen können sie“
Berlosnig selbst geht zum Gegenangriff über und beantragt die Prüfung bzw. den Parteiausschluss mehrerer FPÖ-Granden – darunter Generalsekretär Michael Schnedlitz, Landesgeschäftsführer Helmut Fiedler und Landesparteisekretär Alexander Murlasits. Wörtlich wirft er der Spitze konspiratives Handeln vor. Funktionäre hätten versucht, Gemeinderäte an ihren Wohnadressen abzufangen. Berlosnig nennt die Vorgangsweise „parteischädigend“ (krone.at, 15.10.25) und adressiert sein Schreiben an Udo Landbauer und Herbert Kickl.
Aus der Landeszentrale heißt es: „Es geht in Neunkirchen nur um Positionen und Macht und nicht um die Bürger.“ (kurier.at, 10.10.25) Und Murlasits erklärt die Causa zur „Parallelverschiebung zu den Regierungsverhandlungen“ – sinngemäß: Kickl halte Kurs, egal „mit welchem Posten gewunken wird“. Die „Kronen Zeitung“ (6.10.25) bediente gleich nach Berlosnigs Ausschluss die Erzählung der Landespartei: „Kein Fake-Budget und kein Wähler-Verrat mit der FPÖ.“ Das ist Fronttheater und verschleiert, dass die Landespartei eine lokal verhandelte Materie politisch sprengen wollte. Auf den Vorwurf der Landespartei, die Stadt Neunkirchen würde anstatt zu sparen, 39 neue Mitarbeiter*innen einstellen, repliziert Berlosnig: „Nicht einmal lesen können sie in St. Pölten. Das waren 39 Bewerber und einer davon wird für zwei Monate aufgenommen.“ (zit. nach noen.at, 6.10.25)

Fiedler im Fokus: Offizier und Disziplinierer
Im Zentrum der Kritik steht der neue niederösterreichische FPÖ-Landesgeschäftsführer Helmut Fiedler. Er ist Berufsoffizier des Bundesheers, erst im Sommer in den Landtag nachgerückt und im August zum Landesgeschäftsführer bestellt. Er kommt selbst aus Neunkirchen. Offiziell würdigte die Partei ihn via Presseaussendung (4.8.25) als „schlagkräftige Verstärkung“ – der militärische Habitus passt zweifellos zur gelebten blauen Parteilogik von Befehl und Gehorsam. Zudem waren Fiedler, Murlasits und weitere Spitzen vor Ort und führten Gespräche mit den Mandatar*innen, was ein Bild von direkter Disziplinierung hinterlässt. Aber die Gegenreaktion – von „Leb Wohl“ bis zu Berlosnigs Ausschlussforderungen – zeigt, dass die Partei nicht hermetisch ist. Übrig bleibt derweilen in Neunkirchen eine völlig zerlegte Ortspartei.

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