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Lesezeit: 3 Minuten

Neunkirchen: Wie die FPÖ Niederösterreich ihre eigene Ortspartei zerlegt

Revol­te statt Rou­ti­ne­krach in Neun­kir­chen: Die FPÖ Nie­der­ös­ter­reich schließt Vize­bür­ger­meis­ter Ber­los­nig kurz vor einer Sit­zung aus, tags dar­auf fast die gesam­te Frak­ti­on. Von unten regt sich offe­ner Pro­test – im Fokus: die Par­tei­eli­te, allen vor­an der Lan­des­ge­schäfts­füh­rer Fiedler.

18. Okt. 2025
Kritik von der Basis der FPÖ Niederösterreich "Fiedler muss gehen"
Kritik von der Basis der FPÖ Niederösterreich "Fiedler muss gehen"

In Neun­kir­chen hat die FPÖ eine Revol­te, kei­nen Rou­ti­ne­krach. Aus­lö­ser war der radi­ka­le Schritt der Lan­des­par­tei, Vize­bür­ger­meis­ter Mar­cus Ber­los­nig unmit­tel­bar vor der Gemein­de­rats­sit­zung am 6. Okto­ber aus­zu­schlie­ßen und tags dar­auf fast die gesam­te Orts­frak­ti­on (sie­ben von neun Mandatar*innen). Die Betrof­fe­nen stimm­ten für ein Spar­pa­ket, das lokal mit­ver­han­delt wor­den war, und arbei­ten nun als „Wil­de“ wei­ter. Nur zwei haben sich der Lan­des­par­tei­li­nie gefügt: Bernd Trenk, der zugleich als par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter des Bun­des­par­tei­ge­ne­ral­se­kre­tärs Micha­el Schned­litz werkt, und Wil­helm Haber­bich­ler, der nun sei­tens sei­ner aus der FPÖ gefeu­er­ten Ex-Parteikolleg*innen als Stadt­rat gefeu­ert wer­den soll.

Protest von der Basis

Bemer­kens­wert ist nicht nur die Här­te von oben, son­dern auch der offe­ne Wider­spruch von unten. Der kam selbst von der Ehe­frau des FPÖ-Bezirks­chefs und Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Jür­gen Hand­ler, die der Par­tei öffent­lich ein „Leb Wohl“ aus­ge­rich­tet hat – inklu­si­ve schar­fer Kri­tik: „Die­se Unwahr­hei­ten und auch wie mit loya­len Par­tei­freun­den umge­gan­gen wird, sind für mich nicht mehr ver­tret­bar.“ (zit. nach meinbezirk.at, 7.10.25) Eben­falls öffent­lich abge­rech­net hat die Pit­te­ner FPÖ-Gemein­de­rä­tin Sava­na Gün­ther-Habib: „…es geht nur noch um Macht, Intri­gen und Selbst­be­die­nung …“ Sol­che Sät­ze hört man sel­ten aus Rei­hen, die sonst als dis­zi­pli­niert gel­ten. Die Parteikritiker*innen erhiel­ten bei ihren Pos­tings Zustim­mung – auch von kom­mu­na­len FPÖ-Funktionär*innen.

Die Parteibasis rebelliert: Likes für den von der FPÖ ausgeschlossenen Berlosnig vom Lichtenwörther FPÖ-Vizebgm. Andreas Feichtinger und von Oliver Giefing, FPÖ-Gemeinerat in Breitenau (Screenshots FB 11.10.25)
Die Par­tei­ba­sis rebel­liert: Likes für den von der FPÖ aus­ge­schlos­se­nen Ber­los­nig vom Lich­ten­wör­ther FPÖ-Vizebgm. Andre­as Feicht­in­ger und von Oli­ver Gie­fing, FPÖ-Gemei­ne­rat in Brei­ten­au (Screen­shots FB 11.10.25)

Die Neunkirchner schlagen zurück: „Nicht einmal lesen können sie“

Ber­los­nig selbst geht zum Gegen­an­griff über und bean­tragt die Prü­fung bzw. den Par­tei­aus­schluss meh­re­rer FPÖ-Gran­den – dar­un­ter Gene­ral­se­kre­tär Micha­el Schned­litz, Lan­des­ge­schäfts­füh­rer Hel­mut Fied­ler und Lan­des­par­tei­se­kre­tär Alex­an­der Murla­sits. Wört­lich wirft er der Spit­ze kon­spi­ra­ti­ves Han­deln vor. Funk­tio­nä­re hät­ten ver­sucht, Gemein­de­rä­te an ihren Wohn­adres­sen abzu­fan­gen. Ber­los­nig nennt die Vor­gangs­wei­se „par­tei­schä­di­gend“ (krone.at, 15.10.25) und adres­siert sein Schrei­ben an Udo Land­bau­er und Her­bert Kickl.

Aus der Lan­des­zen­tra­le heißt es: „Es geht in Neun­kir­chen nur um Posi­tio­nen und Macht und nicht um die Bür­ger.“ (kurier.at, 10.10.25) Und Murla­sits erklärt die Cau­sa zur „Par­al­lel­ver­schie­bung zu den Regie­rungs­ver­hand­lun­gen“ – sinn­ge­mäß: Kickl hal­te Kurs, egal „mit wel­chem Pos­ten gewun­ken wird“. Die „Kro­nen Zei­tung“ (6.10.25) bedien­te gleich nach Ber­los­nigs Aus­schluss die Erzäh­lung der Lan­des­par­tei: „Kein Fake-Bud­get und kein Wäh­ler-Ver­rat mit der FPÖ.“ Das ist Front­thea­ter und ver­schlei­ert, dass die Lan­des­par­tei eine lokal ver­han­del­te Mate­rie poli­tisch spren­gen woll­te. Auf den Vor­wurf der Lan­des­par­tei, die Stadt Neun­kir­chen wür­de anstatt zu spa­ren, 39 neue Mitarbeiter*innen ein­stel­len, repli­ziert Ber­los­nig: „Nicht ein­mal lesen kön­nen sie in St. Pöl­ten. Das waren 39 Bewer­ber und einer davon wird für zwei Mona­te auf­ge­nom­men.“ (zit. nach noen.at, 6.10.25)

Der ausgeschlossene Neunkirchner Vizebgm. Berlosnig sammelt Material gegen die Landespartei: "ZEUGENAUFRUF & AUFKLÄRUNG GEFORDERT In einer Pressekonferenz am 6. Oktober wurden schwere Anschuldigungen gegen öffentliche Vertreter erhoben. Dabei wurde der Verdacht geäußert, einzelne Personen seien „gekauft" worden - ein möglicher Korruptionsvorwurf. Diese Aussagen sind außerordentlich schwerwiegend und müssen objektiv überprüft werden. Personen, die Wahrnehmungen oder Informationen zu diesem Thema haben, werden ersucht, sich an die zuständigen Stellen zu wenden." (Screenshot FB 14.10.25)
Der aus­ge­schlos­se­ne Neun­kirch­ner Vizebgm. Ber­los­nig sam­melt Mate­ri­al gegen die Lan­des­par­tei: „ZEUGENAUFRUF & AUFKLÄRUNG GEFORDERT” (Screen­shot FB 14.10.25)

Fiedler im Fokus: Offizier und Disziplinierer

Im Zen­trum der Kri­tik steht der neue nie­der­ös­ter­rei­chi­sche FPÖ-Lan­des­ge­schäfts­füh­rer Hel­mut Fied­ler. Er ist Berufs­of­fi­zier des Bun­des­heers, erst im Som­mer in den Land­tag nach­ge­rückt und im August zum Lan­des­ge­schäfts­füh­rer bestellt. Er kommt selbst aus Neun­kir­chen. Offi­zi­ell wür­dig­te die Par­tei ihn via Pres­se­aus­sendung (4.8.25) als „schlag­kräf­ti­ge Ver­stär­kung“ – der mili­tä­ri­sche Habi­tus passt zwei­fel­los zur geleb­ten blau­en Par­tei­lo­gik von Befehl und Gehor­sam. Zudem waren Fied­ler, Murla­sits und wei­te­re Spit­zen vor Ort und führ­ten Gesprä­che mit den Mandatar*innen, was ein Bild von direk­ter Dis­zi­pli­nie­rung hin­ter­lässt. Aber die Gegen­re­ak­ti­on – von „Leb Wohl“ bis zu Ber­los­nigs Aus­schluss­for­de­run­gen – zeigt, dass die Par­tei nicht her­me­tisch ist. Übrig bleibt der­wei­len in Neun­kir­chen eine völ­lig zer­leg­te Ortspartei.

Savana Günther-Habib (FPÖ-Gemeinderätin Pitten): "ES REICHT - ICH HALTE NICHT MEHR DEN MUND! Nach allem, was in Neunkirchen rund um Berlosnig und Co passiert ist, platzt mir endgültig der Kragen. Ich werde nicht länger schweigen, auch wenn das meinen Ausschluss aus der Partei bedeutet. Denn was sich die Landesebene unter Helmut Fiedler derzeit leistet, hat mit der FPÖ, für die ich einmal voller Überzeugung angetreten bin, NICHTS mehr zu tun! Es geht nicht mehr um die Menschen, nicht um Politik mit Hausverstand, nicht um ehrliche Arbeit für die Bürger - es geht nur noch um Macht, Intrigen und Selbstbedienung! Und wer glaubt, er kann Gemeinderate, Mandatare einschüchtern oder mit Druck gefügig machen, hat sich geschnitten. Ich sage es klar und deutlich: Helmut Fiedler ist nicht „meine" FPÖ. Er ist nicht die FPO, für die ich kämpfe. Und er ist schon gar nicht der, der unsere Bewegung führen sollte! Unzählige Mitglieder und Mandatare treten aus - und es werden noch mehr folgen, wenn sich nichts ändert. Und warum? Weil viele von uns genug haben von dieser Machtgier, Arroganz und Verachtung gegenüber der Basis! ICH FORDERE DEN SOFORTIGEN RÜCKTRITT VON HELMUT FIEDLER - ohne Wenn und Aber. Wir brauchen endlich wieder jemanden, der für die Mitglieder da ist, der uns unterstützt statt für seine Bedürfnisse benutzt und der unser blaues Herz mit Stolz tragt, statt es zu verraten. Denn eins ist klar: Ohne UNS an der Basis gibt es keine Partei. Ohne UNS gibt es keinen Erfolg. Und ganz sicher keinen Platz mehr für jene, die uns verraten haben. #GenuglstGenug #FPÖ #WirSindDieBasis #HausverstandStattMachtgier #FiedlerMussGehen #EhrlichkeitStattIntrigen" (Screenshot FB 10.10.25)
Sava­na Gün­ther-Habib (FPÖ-Gemein­de­rä­tin Pit­ten): „ES REICHT — ICH HALTE NICHT MEHR DEN MUND!” (Screen­shot FB 10.10.25)

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